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Willis Nachtrag zu „Umgebracht werden“: Schockverzögerung

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Hans-Willi Weis in nachdenklicher Pose, weiß gekleidet mit weißer Baskenmütze
Hans-Willi Weis in nachdenklicher Pose, weiß gekleidet mit weißer Baskenmütze
Foto: Hans-Willi Weis

Staufen (kobinet)

Der Schock tritt häufig zeitverzögert ein nach einem schlimmen Erlebnis oder der Nachricht von einem solchen. Als ich jetzt in meiner Kolumne "Umgebracht werden" vom November 2023 noch einmal lese, was ich über meine Tante Annie geschrieben habe, an die ich mich als eine Familienangehörige während meiner Kindheit und Jugend später gern erinnert habe, sagt mir meine Schwester, dass ich ein nicht unwesentliches Detail ihres traurigen Schicksals in der Nazi-Zeit gar nicht erwähnt habe.

Berichtet habe ich, dass es ihren Angehörigen, einem Arzt und wohl auch ein paar mutigen Leuten aus der Dorfgemeinschaft damals gelang, den ihr drohenden Abtransport zur Euthanasie zu verhindern. Die ganze Wahrheit ist nun allerdings die, es musste den nationalsozialistischen Häschern dafür ein Preis entrichtet werden, Annies Sterilisierung, mithin eine körperliche Verstümmelung. Dies war gewissermaßen die "Kompromissbildung" zwischen dem spontanem Volkswiderstand und dem tödlichen Zugriff der NS-Gewalt. – Dass ich das Fehlen dieser "Einzelheit" diesmal wieder unterlassen oder vergessen habe, hat mich beim nochmaligen Lesen meines Textes in kobinet schockiert. Schockierend für mich, wie leicht es einem unterläuft, die nationalsozialistischen Schergen immer noch zu unterschätzen und man erst nachträglich diese weitere Umdrehung ihrer Brutalität bemerkt.

Erinnern tut weh und löst einen Fluchtreflex aus

Wir Deutschen lassen uns gerne loben für unsere vorbildliche Erinnerungskultur. Gleichwohl tun sich viele von uns mit dem konkreten Erinnern und dem damit einhergehenden Schmerz schwer. Eine Erfahrung, die sich nicht nur anhand der geschichtlichen Vergangenheit machen lässt, bei uns exemplarisch die Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes, sondern die ich leider auch in der Jetztzeit habe machen müssen. Weshalb ich meine Kolumne "Umgebracht werden" mit dem Link zu meiner allerersten kobinet-Kolumne "Es geschieht am helllichten Tag ..." schließe. Sie handelt von dem mir und meiner Mitbewohnerin und Blindenbegleiterin geltenden "Mordanschlag" hier an unserem Wohnort in Staufen. Eine vor mehr als zehn Jahren beginnende Attacke auf unsere soziale und psychische Existenz, die zu "morden" dem Angreifer weitgehend gelungen ist. Nicht zuletzt deswegen, weil es einen uns schützenden zivilgesellschaftlichen Widerstand nicht gegeben hat. Die Bezeichnung "ewiger Faschismus in der Provinz", die auf Umberto Eco zurückgeht, hat sich leider als nur zu wahr erwiesen, Jahre vor dem Erstarken der AfD. – Apropos schmerzhaftes Erinnern und Fluchtreflex, bis heute erleben wir überwiegend peinliches Schweigen als Reaktion, wenn sich andere mit meinem Bericht von dieser Existenzvernichtung konfrontiert sehen. Bislang warten wir vergeblich darauf, der Schock möge irgendwann ankommen und das entsetzliche Schweigen durch uns gewissermaßen erlösende Worte ein Ende finden.

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