Staufen (kobinet)
Ein schlimmes Erlebnis kann dich erschrecken.
Das ist ein großer Schreck.
Man nennt das: Schock.
Du fühlst dich dann ganz durcheinander.
Du fühlst dich schlecht.
Der Schock kommt oft erst später.
Ich habe einen Text geschrieben.
Der Text heißt: Umgebracht werden.
Der Text ist aus dem Jahr 2023.
In dem Text geht es um meine Tante Annie.
Ich erinnere mich gern an Tante Annie.
Sie war in meiner Kindheit da.
Sie war auch in meiner Jugend da.
Meine Schwester sagt:
Du hast etwas Wichtiges vergessen.
Es geht um das Schicksal von Tante Annie.
Das war in der Nazi-Zeit.
Das war sehr traurig.
In meinem Text steht:
Die Familie von Tante Annie hat geholfen.
Ein Arzt und Leute aus dem Dorf haben geholfen.
Die Leute waren mutig.
Sie haben verhindert:
Tante Annie wurde nicht weggebracht.
Das nennt man: Abtransport.
Menschen werden gegen ihren Willen weggebracht.
Das passiert oft mit Gewalt.
Das war zur Euthanasie.
Euthanasie bedeutet in der Nazi-Zeit:
Die Nazis haben kranke Menschen getötet.
Die Nazis haben behinderte Menschen getötet.
Das war Mord.
Aber es gibt noch mehr zu erzählen.
Die Nazis haben eine Bedingung gestellt.
Tante Annie musste operiert werden.
Das nennt man: Sterilisierung.
Eine Person wird am Körper verletzt.
Danach kann sie keine Kinder mehr bekommen.
Die Familie hat zugestimmt.
Sie wollten Tante Annie retten.
Aber die Nazis haben sie trotzdem verletzt.
Das war ein Kompromiss.
Beide Seiten geben etwas nach.
So finden sie eine Lösung.
Mit dieser Lösung können alle leben.
Ich habe das nicht in meinem Text geschrieben.
Jetzt lese ich den Text noch einmal.
Da merke ich:
Ich habe etwas Wichtiges vergessen.
Das macht mich schockiert.
Ich merke auch:
Man kann die Nazis unterschätzen.
Man denkt: Das ist nicht so schlimm.
Aber in Wahrheit ist es viel schlimmer.
Die Nazis waren sehr brutal.
Jemand tut anderen Menschen sehr weh.
Oder behandelt sie sehr schlecht.
Erinnern tut weh
Viele Deutsche sagen:
Wir erinnern uns an die Geschichte.
Das nennt man: Erinnerungskultur.
Menschen sprechen über die Vergangenheit.
Sie wollen daraus lernen.
Sie wollen nicht vergessen.
Aber viele Menschen haben Angst.
Sie haben Angst vor dem Erinnern.
Erinnern kann wehtun.
Manche wollen dann wegschauen.
Das nennt man: Fluchtreflex.
Man will nicht über etwas Schlimmes reden.
Man möchte wegschauen oder weglaufen.
Das gilt nicht nur für die Nazi-Zeit.
Das gilt auch heute.
Ich habe das selbst erlebt.
Ich habe einen anderen Text geschrieben.
Der Text heißt: Es geschieht am helllichten Tag.
In dem Text geht es um mich.
Es geht um meine Mitbewohnerin.
Meine Mitbewohnerin ist blind.
Ich helfe ihr.
Vor mehr als 10 Jahren hat jemand angefangen:
Er wollte uns schaden.
Der Mensch wollte uns kaputt machen.
Das nennt man: Mordanschlag.
Jemand will einen anderen Menschen töten.
Oft passiert das mit Gewalt.
Der Mensch hat es fast geschafft.
Er hat unser Leben schwer gemacht.
Niemand hat uns geholfen.
Es gab keinen Widerstand.
Menschen wehren sich gegen etwas Schlimmes.
Sie wollen nicht zulassen:
Etwas Schlechtes passiert.
Das war wie in der Nazi-Zeit.
Ein Mann hat das beschrieben.
Er heißt Umberto Eco.
Die Bezeichnung geht auf ihn zurück.
Sie heißt: ewiger Faschismus in der Provinz.
Ein kleines Dorf oder eine kleine Stadt.
Das ist weit weg von großen Städten.
Faschismus bedeutet:
Eine Gruppe regiert mit Gewalt.
Die Menschen haben keine Rechte.
Sie müssen gehorchen.
Das Problem gab es schon früher.
Ich habe es erlebt.
Das war vor dem Erstarken der AfD.
Ich habe über das Erlebte geschrieben.
Aber viele Menschen schweigen.
Sie sagen nichts.
Sie wollen nicht darüber reden.
Ich wünsche mir:
Die Menschen sollen den Schock spüren.
Sie sollen nicht mehr schweigen.
Sie sollen etwas sagen.
Das würde uns helfen.
Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet)
Der Schock tritt häufig zeitverzögert ein nach einem schlimmen Erlebnis oder der Nachricht von einem solchen. Als ich jetzt in meiner Kolumne "Umgebracht werden" vom November 2023 noch einmal lese, was ich über meine Tante Annie geschrieben habe, an die ich mich als eine Familienangehörige während meiner Kindheit und Jugend später gern erinnert habe, sagt mir meine Schwester, dass ich ein nicht unwesentliches Detail ihres traurigen Schicksals in der Nazi-Zeit gar nicht erwähnt habe.
Berichtet habe ich, dass es ihren Angehörigen, einem Arzt und wohl auch ein paar mutigen Leuten aus der Dorfgemeinschaft damals gelang, den ihr drohenden Abtransport zur Euthanasie zu verhindern. Die ganze Wahrheit ist nun allerdings die, es musste den nationalsozialistischen Häschern dafür ein Preis entrichtet werden, Annies Sterilisierung, mithin eine körperliche Verstümmelung. Dies war gewissermaßen die "Kompromissbildung" zwischen dem spontanem Volkswiderstand und dem tödlichen Zugriff der NS-Gewalt. – Dass ich das Fehlen dieser "Einzelheit" diesmal wieder unterlassen oder vergessen habe, hat mich beim nochmaligen Lesen meines Textes in kobinet schockiert. Schockierend für mich, wie leicht es einem unterläuft, die nationalsozialistischen Schergen immer noch zu unterschätzen und man erst nachträglich diese weitere Umdrehung ihrer Brutalität bemerkt.
Erinnern tut weh und löst einen Fluchtreflex aus
Wir Deutschen lassen uns gerne loben für unsere vorbildliche Erinnerungskultur. Gleichwohl tun sich viele von uns mit dem konkreten Erinnern und dem damit einhergehenden Schmerz schwer. Eine Erfahrung, die sich nicht nur anhand der geschichtlichen Vergangenheit machen lässt, bei uns exemplarisch die Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes, sondern die ich leider auch in der Jetztzeit habe machen müssen. Weshalb ich meine Kolumne "Umgebracht werden" mit dem Link zu meiner allerersten kobinet-Kolumne "Es geschieht am helllichten Tag ..." schließe. Sie handelt von dem mir und meiner Mitbewohnerin und Blindenbegleiterin geltenden "Mordanschlag" hier an unserem Wohnort in Staufen. Eine vor mehr als zehn Jahren beginnende Attacke auf unsere soziale und psychische Existenz, die zu "morden" dem Angreifer weitgehend gelungen ist. Nicht zuletzt deswegen, weil es einen uns schützenden zivilgesellschaftlichen Widerstand nicht gegeben hat. Die Bezeichnung "ewiger Faschismus in der Provinz", die auf Umberto Eco zurückgeht, hat sich leider als nur zu wahr erwiesen, Jahre vor dem Erstarken der AfD. – Apropos schmerzhaftes Erinnern und Fluchtreflex, bis heute erleben wir überwiegend peinliches Schweigen als Reaktion, wenn sich andere mit meinem Bericht von dieser Existenzvernichtung konfrontiert sehen. Bislang warten wir vergeblich darauf, der Schock möge irgendwann ankommen und das entsetzliche Schweigen durch uns gewissermaßen erlösende Worte ein Ende finden.
Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet)
Der Schock tritt häufig zeitverzögert ein nach einem schlimmen Erlebnis oder der Nachricht von einem solchen. Als ich jetzt in meiner Kolumne "Umgebracht werden" vom November 2023 noch einmal lese, was ich über meine Tante Annie geschrieben habe, an die ich mich als eine Familienangehörige während meiner Kindheit und Jugend später gern erinnert habe, sagt mir meine Schwester, dass ich ein nicht unwesentliches Detail ihres traurigen Schicksals in der Nazi-Zeit gar nicht erwähnt habe.
Berichtet habe ich, dass es ihren Angehörigen, einem Arzt und wohl auch ein paar mutigen Leuten aus der Dorfgemeinschaft damals gelang, den ihr drohenden Abtransport zur Euthanasie zu verhindern. Die ganze Wahrheit ist nun allerdings die, es musste den nationalsozialistischen Häschern dafür ein Preis entrichtet werden, Annies Sterilisierung, mithin eine körperliche Verstümmelung. Dies war gewissermaßen die "Kompromissbildung" zwischen dem spontanem Volkswiderstand und dem tödlichen Zugriff der NS-Gewalt. – Dass ich das Fehlen dieser "Einzelheit" diesmal wieder unterlassen oder vergessen habe, hat mich beim nochmaligen Lesen meines Textes in kobinet schockiert. Schockierend für mich, wie leicht es einem unterläuft, die nationalsozialistischen Schergen immer noch zu unterschätzen und man erst nachträglich diese weitere Umdrehung ihrer Brutalität bemerkt.
Erinnern tut weh und löst einen Fluchtreflex aus
Wir Deutschen lassen uns gerne loben für unsere vorbildliche Erinnerungskultur. Gleichwohl tun sich viele von uns mit dem konkreten Erinnern und dem damit einhergehenden Schmerz schwer. Eine Erfahrung, die sich nicht nur anhand der geschichtlichen Vergangenheit machen lässt, bei uns exemplarisch die Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes, sondern die ich leider auch in der Jetztzeit habe machen müssen. Weshalb ich meine Kolumne "Umgebracht werden" mit dem Link zu meiner allerersten kobinet-Kolumne "Es geschieht am helllichten Tag ..." schließe. Sie handelt von dem mir und meiner Mitbewohnerin und Blindenbegleiterin geltenden "Mordanschlag" hier an unserem Wohnort in Staufen. Eine vor mehr als zehn Jahren beginnende Attacke auf unsere soziale und psychische Existenz, die zu "morden" dem Angreifer weitgehend gelungen ist. Nicht zuletzt deswegen, weil es einen uns schützenden zivilgesellschaftlichen Widerstand nicht gegeben hat. Die Bezeichnung "ewiger Faschismus in der Provinz", die auf Umberto Eco zurückgeht, hat sich leider als nur zu wahr erwiesen, Jahre vor dem Erstarken der AfD. – Apropos schmerzhaftes Erinnern und Fluchtreflex, bis heute erleben wir überwiegend peinliches Schweigen als Reaktion, wenn sich andere mit meinem Bericht von dieser Existenzvernichtung konfrontiert sehen. Bislang warten wir vergeblich darauf, der Schock möge irgendwann ankommen und das entsetzliche Schweigen durch uns gewissermaßen erlösende Worte ein Ende finden.





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