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Kultur baut Brücken

Acht junge Frauen in den bunten belorussischen Nationaltrachten auf einer geschmückten Bühne
Blick auf die Bühne während des Festivals
Foto: André Nowak

BERLIN (kobinet)

Eine vierköpfige Delegation des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland "Für Selbstbestimmung und Würde" e.V. (ABiD) und des ABiD-Instituts Behinderung & Partizipation e.V. (IB&P) besuchte im Juni 2026 auf Einladung der Belarussischen Gesellschaft für Menschen mit Behinderung (BelOI) zum Erfahrungsaustausch die Sädte Minsk und Witebsk (belarussisch: Wizebsk). Seit fast zwei Jahrzehnten besteht die Zusammenarbeit zwischen ABiD und BelOI. Im Jahr 2023 haben beide Dachverbände sowie das IB&P einen neuen Vertrag in Minsk unterzeichnet. Die Kooperationsvereinbarung sieht die Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen und Projekte in den Bereichen Kultur, Sport und Rehabilitation sowie den Austausch von Erfahrungen und Informationen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention vor.

Auf dieser Grundlage erfolgte die Einladung von BelOI nach Witebsk zum XIX. Internationalen Igor-Lutschenok-Festival für das Schaffen von Menschen mit Behinderungen, das der BelOI-Zentralvorstand jedes Jahr für seine regionalen Mitgliedsorganisationen während des großen Witebsker Kunstfestivals "Slawjanski Basar" organisiert. Das inzwischen 35. Internationale Kunstfestival erfreut sich in Belarus, Russland und angrenzenden Ländern großer Beliebtheit. Es ist ein auf dem gesamten Gebiet der Stadt stattfindendes Kultur- und Kreativitätsfest, das jeden freien Platz im städtischen Raum füllt und zu dem sich Künstlerinnen und Künstler aus 26 Ländern angemeldet hatten.

Ein farbenfroher Umzug der BelOI-Teilnehmenden, aufgebaute Stände mit Kunsthandwerk, kreative Plattformen und eine freudige Atmosphäre - genau so begann dann am 18. Juni das XIX. Internationale Igor-Lutschenok-Festival für das Schaffen von Menschen mit Behinderungen «Witebsk-2026» im Kulturpalast der Eisenbahner. Das Festival ist längst weit mehr als nur ein Wettbewerb. Für viele Teilnehmende ist es ein lang ersehntes Treffen mit Freunden, eine Gelegenheit, ihre Erfolge zu präsentieren und Gleichgesinnte kennenzulernen. Auf die obligatorischen Ansprachen folgte das ganztägige Programm des Wettbewerbs auf der großen Bühne des Hauses, an dem insgesamt 152 Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung teilnahmen. Eine deutsche Beteiligung am Wettbewerb gab es auch: Drei Bilder des Magdeburger Cartoonzeichners Phil Hubbe waren in der Kategorie "Bildende Kunst" angemeldet und wurden im Foyer ausgestellt – der Künstler selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Witebsk kommen. Phil Hubbe setzt sich in seinen Cartoons seit vielen Jahren mit dem Alltag von Menschen mit Behinderungen auseinander. Seine Zeichnungen zeigen Situationen, selbstironisch und mit einem feinen Gespür für die Widersprüche des Alltags.

Das Abschluss-Galakonzert der Preisträger fand dann auf der Freilichtbühne am kulturhistorischen Goldenen Ring in Witebsk statt.

Die Besucher aus Deutschland hatten zudem die Möglichkeit, die sich noch im Umbau befindende Geschichtswerkstatt "Leonid Lewin" des Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte "Johannes Rau" Minsk (IBB) mit einer Sonderführung zu besuchen. Die Werkstatt wird gerade 22 Jahre nach ihrer Gründung mit finanzieller öffentlicher Förderung aus Deutschland rekonstruiert und damit als modernes Bildungs- und Forschungszentrum zur Geschichte des Holocausts und anderer NS-Verbrechen in Belarus gesichert. Das Gebäude, ursprünglich in Holzbauweise errichtet, befindet sich am Rande des früheren jüdischen Friedhofs. Das Minsker Ghetto existierte vom 20. Juli 1941 bis 23. Oktober 1943, mehr als 100.000 Menschen wurden dort interniert. Nur wenige haben überlebt.

Im März 2003 gelang es, in diesem historischen Gebäude die Geschichtswerkstatt als Ort der gemeinsamen Erinnerung einzurichten. Die Geschichtswerkstatt entwickelte sich zu einem zentralen Treffpunkt für Überlebende des Holocaust und ihre Nachkommen. Seit Herbst 2024 wird nun das fast 100 Jahre alte Haus in enger Abstimmung mit der Minsker Architektin Galina Lewina (der Tochter des Ausnahme-Künstlers und Mitgründers der Geschichtswerkstatt Minsk, Leonid Lewin) und Alexander Dalhouski, stellvertretender Leiter der Geschichtswerkstatt, von Grund auf erneuert.

Für die deutsche Delegation bot die Einladung des Belarussischen Behindertenverbandes nach Witebsk die Möglichkeit, das von BelOI organisierte "Festivals der Gleichen" kennenzulernen und viele seiner Teilnehmenden zu erleben sowie die Festivalatmosphäre vor Ort in Witebsk zu erfahren. Die Delegationsteilnehmer haben erlebt und gelernt, wie Inklusions- und Bestärkungsarbeit über Kunst und Kultur als "Empowerment" für Menschen mit Behinderung im Rahmen eines Festivals unter Einbindung in eine öffentliche Großveranstaltung erfolgen kann.

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