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Das Berliner Olympiastadion, die deutsche Eiche und das faschistische Bild vom gesunden Volk

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Foto: ht

Berlin (kobinet)

Viktoria Przytulla hat am 2. August 2026 an einer Stadtführung im Berliner Olympiastadium teilgenommen. An dem Ort, an dem vor 90 Jahren, am 1. August 2036, die Olympiade im NS-Deutschland eröffnet wurde, stieß sie auf Nazisymbolik, die die Ideologie des "gesunden Volkskörpers" heute immer noch verkörpert. In ihrem Bericht für die kobinet-nachrichten plädiert die Wissenschaftlerin dafür, dass die nächste Demonstration zum Protesttag für die Rechte von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai auf dem Gelände des Berliner Olympiageländes stattfinden sollte. Und dass wir dabei Zeichen hinterlassen, die diesen von Faschismus geprägten Ort nachhaltig verändern.

Das Berliner Olympiagelände, die deutsche Eiche und das faschistische Bild vom gesunden Volk

Beitrag von Viktoria Przytulla

Am Sonntag, den 2. August 2026, haben wir eine Stadtführung ins Berliner Olympiastadium mitgemacht. Vor 90 Jahren wurde am 1. August 2036 die Olympiade im NS-Deutschland eröffnet.

Eine der ersten Stationen der Führung war die so genannte "deutsche" Eiche. Sie steht gleich hinter dem Haupteingang aufs Olympiagelände. Es wurde erzählt, dass mit dem Bild der Eiche der Gedanke der Ermordung von Menschen mit Behinderungen und so genannten "asozialen" Menschen der Öffentlichkeit nah gebracht worden ist: Die NS-Propaganda hat vom Volkskörper gesprochen. Dafür sei die starke, große, viel verzweigte Eiche ein Symbol. Um die Eiche gesund, groß und stark zu erhalten, müsste man die kranken, kaputten, verdrehten Äste abhacken. Ebenso müsste der starke, gesunde Volkskörper von seinen "kranken Elementen" befreit werden. Zwei Jahre nach der Olympiade 1936 in Berlin begann die systematische Ermordung von Kindern, die nicht in die NS-Norm passten.

Welche Menschen das NS-Regime als "gesund" erachtete machen 2 monumentale Skulpturen deutlich, die noch heute das Olympiastadium auf der rechten und linken Seite flankieren. Sie zeigen jeweils zwei Männer, die nebeneinanderstehen. Sie sehen aus als ob sie seit Jahren extremes Bodybuilding betrieben hätten. Sie sind vollkommen identisch: männlich, starr, ohne jegliche Dynamik, kurz geschnittene Harre, symmetrisch-ausdruckslose, glatte Gesichter, die Blicke starr gerade aus in die Ferne gerichtet. Die beiden Männer auf der linken Seite - wenn man vom Haupteingang kommt - halten Diskusscheiben in ihren Händen. So, wie diese gehalten und gestaltet sind, wirken sie eher wie Kriegswerkzeug und nicht wie ein Sportspielzeug. Eine Teilnehmerin der Führung assoziierte mit ihnen toxische Männlichkeit.

Sowohl die Eiche als auch die Figuren sind Teile eines festungsgleich gestalteten Olympiageländes. Die Kälte und die Verachtung von menschlicher Vielfalt, die es noch heute ungehindert ausstrahlt, sind erschreckend. An diesem Ort finden Sportveranstaltungen und andere Events statt, ohne dass der faschistischen und menschen- sowie frauenverachtenden Architektur und Installation des und auf dem Olympiagelände etwas Buntes, Rundes, Lebendiges, Vielfältiges entgegengesetzt wird. Es gibt auf dem Gelände Informationstafeln zur düsteren Geschichte des Ortes, im Stadion Rollstuhlplätze und Toiletten für queere, diverse Menschen, doch der ganze Ort ist dominiert von der grauen, monströsen und militärischen Gestaltung, die sich Hitler für das Olympiastadion und sein Reich gewünscht hat. Wie kann das sein, frage ich mich und euch? Wie kann das sein, dass sich Berlin mit diesem Ort für die Ausrichtung einer weiteren Olympiade bewirbt?

Im Zentrum der Führung durch das Berliner Olympiastadion stand, wie durch die Statuen, die Architektur und die Bilder sowie Erzählungen (wie durch das Bild und die Erzählung über die deutsche Eiche und ihre kranken Äste, die abgehackt werden müssen) die Faschisten die Menschen psychologisch auf ihre menschenverachtende Ideologie, ihre systematischen Morde und ihre brutalen Kriege vorbreitet und eingeschworen haben. Sie wirken viel stärker auf uns Menschen als Zahlen und nüchterne Fakten.

Daher ist es meines Erachtens gerade in diesen Zeiten, in denen Menschlichkeit, ein freundliches und solidarisches Miteinander, ein kreativer, konstruktiver, bewusster, gemeinschaftlicher und lebensbejahender Umgang mit menschlicher Verletzlichkeit und Unvollkommenheit, wichtig dementsprechende Bilder und Erzählungen in die Gesellschaft hinein zu tragen:

Ein Volk in das Bild eines einzigen Baumes zu quetschen und damit die Gleichschaltung aller Menschen und die Ausschaltung aller Menschen, die sich nicht gleichschalten lassen, zu rechtfertigen, ist grausam und tödlich, nicht nur für uns Menschen sondern auch für den kompletten Planeten.

Der Wald als Bild für eine menschliche Gesellschaft ist schon viel freundlicher und ökologischer. Die Gesundheit des Waldes und seine Möglichkeit auf Ereignisse zu reagieren, hängt von der Verschiedenheit der Bäume und Pflanzen darin sowie ihrem gegenseitigen Austausch ihrer Zustände, ihrer Erfahrungen und ihrer unterschiedlichen Ressourcen ab. Aktuelle Beobachtungen in und über Wälder, wie sie z.B. in "Das geheime Leben der Bäume" von Peter Wohlleben beschrieben werden, zeigen, dass auch die Gemeinschaft mit kranken, befallenen, krummen Bäumen oder lebenden Baumstümpfen für den sich selbst gestaltenden Wald lebenswichtig sind.

Entsprechend diesem Bild ergibt sich die Erzählung, dass eine gleichberechtigte Inklusion aller diversen menschlichen Seinsformen und deren Fähigkeiten, Erfahrungen und Wissen entscheidend für einen sinnvollen Ausweg aus unserem alles zerstörenden gesellschaftlichen Kurs ist.

Die "deutsche" Eiche auf dem Olympiagelände in Berlin ist wahrnehmbar krank und vollkommen abgeschnitten von jeglicher Baumgemeinschaft. Es ist traurig in was für eine Situation sie von den Faschisten gebracht wurde und in welcher sie bis heute belassen wurde.

Meine Vision wäre, dass die nächste Demonstration zum Protesttag für die Rechte von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai auf dem Gelände des Berliner Olympiageländes stattfindet. Und dass wir dabei Zeichen hinterlassen, die diesen von Faschismus geprägten Ort nachhaltig verändern!

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