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Von der Exklusion zur Inklusion: Ein Roman – politische Diskussionen – und die Hoffnung auf Veränderung

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Cover des Romans Ich will raus: Von der Exklusion zur Inklusion
Cover des Romans Ich will raus: Von der Exklusion zur Inklusion"
Foto: Olivia Vieweg

Kassel (kobinet) Nach der Veröffentlichung seines ersten Romans "Zündeln an den Strukturen" über die Situation in Werkstätten für behinderte Menschen und Alternativen dazu mit vielen Lesungen und Diskussionen hat Ottmar Miles-Paul mit seinem im Januar 2026 veröffentlichten zweiten Roman mit dem Titel "Ich will raus: von der Exklusion zur Inklusion" nachgelegt. Dabei hat geht es u.a. um die Frage, wie man behinderte Menschen, die klar sagen, dass sie selbstbestimmter und inklusiver leben und aus Wohneinrichtungen, der Werkstatt oder dem Elternhaus raus wollen, unterstützen kann. Es geht aber auch darum, mit welchen politischen Rahmenbedingungen wir derzeit kämpfen müssen. Über seinen Roman und die damit verbundenen Fragen wird verstärkt bei Lesungen und im politischen Raum diskutiert. kobinet-Redakteur Hartmut Smikac sprach mit Ottmar Miles-Paul im Vorfeld einer Online-Veranstaltung mit Kurzlesung aus dem Roman der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel "Wie geht es weiter mit dem Teilhabegesetz?" am 11. Juni 2026 um 18:00 Uhr mit dem Behindertenrechtler und Roman-Autor über bisherige und zukünftige Diskussionen zu seinem neuen Roman. Die Anmeldung für die kostenfreie Online-Veranstaltung mit Britta Haßelmann und Corinna Rüffer ist noch bis zum 10. Juni möglich.

kobinet-nachrichten: Sie haben sich vor drei Jahren entschieden, einen Roman über die Situation in Werkstätten für behinderte Menschen und Alternativen dazu mit dem provokanten Titel „Zündeln an den Strukturen“ zu schreiben. Warum haben Sie sich bei diesem schwierigen Thema für die Romanform entschieden?

Ottmar Miles-Paul: Ich war in vielen Diskussionsrunden und Beiräten aktiv, in denen über die Situation behinderter Menschen in Werkstätten gesprochen und gestritten wurde. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die meisten Diskussionen sehr abgehoben geführt werden und schnell über das hinweggegangen wird, was es für behinderte Menschen ganz konkret bedeutet. Was es bedeutet, weit unter dem Mindestlohn zu arbeiten, ergänzende Leistungen aus der Grundsicherung in Anspruch nehmen zu müssen und kaum Vermittlungschancen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt mit einem richtigen Lohn zu haben. Und dass sich viele nicht vorstellen können, welche Möglichkeiten der Inklusion es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für diejenigen gibt, die nicht in einer Werkstatt arbeiten wollen, wie zum Beispiel durch das Budbet für Arbeit. So habe ich in die Tasten gehauen und einen Roman geschrieben, in dem eine Werkstatt in Brand gesteckt wurde und vor Ort ganz praktisch geschaut werden musste, welche Alternativen es zu dem sonst oft üblichen Herangehen „dann gehen Sie doch in die Werkstatt“ gibt. Das hat viele spannende Diskussionen ausgelöst und zum Nachdenken angeregt.

kobinet-nachrichten: Das fiel zusammen mit der Vorlage einer vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Auftrag gegebenen Studie über das Entgelt in Werkstätten für behinderte Menschen und Alternativen dazu. Hat sich hier mittlerweile etwas verändert?

Ottmar Miles-Paul: Nicht wirklich. Leider! Viele hatten gehofft, dass nach der Vorlage der Studie konkrete Gesetzesänderungen mit einer Reform des Werkstättensystems folgen würde. Dann wurde der anfangs engagiert beschrittene Dialogprozess durch Nichtstun verzögert, die Ampelregierung zerbrach und auch unter der neuen Regierung geht es nicht voran. Die Beharrungskräfte der bestehenden Aussonderungssysteme haben also ihre volle Wirkung entfacht und viele behinderte Menschen schauen weiterhin in die Röhre. Mit ca. 230 Euro durchschnittlichem Werkstattentgelt und einer Vermittlungschance von 0,35 Prozent im Jahr. Trotz dieser politischen Großwetterlage haben sich einige behinderte Menschen auf den Weg ins Budget für Arbeit und raus aus der Werkstatt gemacht und dies auch mit zum Teil guter Unterstützung geschafft. Solche Geschichten berühren mich dann immer ganz besonders, wenn ich davon höre.

kobinet-nachrichten: Geschichte und Geschichten sind ein zentraler Bestandteil Ihres zweiten Romans. Was verbirgt sich hinter dem Titel „Ich will raus: von der Exklusion zur Inklusion“ genau?

Ottmar Miles-Paul: Auf den Titel „Ich will raus“ und die Idee dazu einen weiteren Roman zu schreiben, bin ich gekommen, weil ich oft gefragt wurde, wie es nach dem ersten Roman mit der Geschichte weiterging, was aus den Romanfiguren und dem Bestreben außerhalb von Werkstätten mit guter Unterstützung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten geworden ist. Dabei hat mich besonders beschäftigt, wie es den behinderten Menschen ergeht, die ganz klar sagen, dass sie selbstbestimmter leben und aus Wohneinrichtungen oder Werkstätten raus in ein inklusiveres Leben wollen. Denn diese Stimmen werden viel zu oft überhört, diese Wünsche verhallen häufig, ohne dass die Betroffenen eine gute Unterstüzung für Veränderungen zu echter Inklusion bekommen. Da wird beschwichtigt, dass sie noch nicht so weit seien, dass es in der Einrichtung doch viel besser für sie wäre und dass das alles ja nicht gehe. Und ja, ein Umzug aus einer Wohneinrichtung in eine eigene Wohnung ist nicht ganz einfach, aber mit guter Unterstützung möglich. Und der Weg aus der Werkstatt ist auch mit vielen Untiefen gepflastert, aber möglich. Und so habe ich den Roman „Ich will raus: von der Exklusion zur Inklusion“ mit einigen Geschichten von Veränderungen geschrieben.

kobinet-nachrichten: Im Roman geht es aber auch um die politischen Rahmenbedingungen, die sich derzeit erheblich zu verschlechtern scheinen und den Rechtsruck in der Gesellschaft.

Ottmar Miles-Paul: Ja, beim Schreiben des Romans Anfang 2025 hätte ich mir nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde, dass die Rechte behinderter Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben, auf ihr Wunsch- und Wahlrecht und eine passgenaue personenzentrierte Unterstützung so schnell ins Wanken geraten können. Ich hätte auch nicht gedacht, dass wir 2026 ernsthaft schon Gefahr laufen, dass eine AfD-Regierung in einem Bundesland die absolute Mehrheit stellen könnte. So droht aus der Fiktion im Roman, dass sich die Situation für behinderte Menschen zwischenzeitlich erheblich verschlechtert, Realität zu werden. Und da knüpfen auch viele Diskussionen bei Lesungen zum neuen Roman an. „Was kommt da auf uns zu?“ Vor allem aber auch: „Was können wir in einer Situation wie dieser tun, um das Schlimmste zu verhindern und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention konsequent voranzutrieben?“ Zum Glück bietet der Roman am Ende Hoffnung für Veränderungen zu einer echten Inklusion.

kobinet-nachrichten: Und so sind Sie in die Veranstaltung der Bundestagsfraktion der Grünen geraten, bei der Sie am 11. Juni 2026 zusammen mit ihrer Leseassistentin Sabine Lohner einer Kurzlesung durchführen?

Ottmar Miles-Paul: Irgendwie schon. Die Berichterstatterin zur Behindertenpolitik der Bundestagsfraktion der Grünen, Corinna Rüffer, hatte angefragt, ob wir eine Lesung aus meinem neuen Roman durchführen könnten. Ich fand die Idee spannend. Draus geworden ist nun eine spannend klingende Online-Veranstaltung, die von der Fraktionsvorsitzenden Britta Haßelmann eröffnet wird, in die eine Kurzlesung eingebaut ist und von Corinna Rüffer kommentiert wird, um dann in eine allgemeine Diskussion einzusteigen, wie es mit dem Teilhaberecht weitergeht. So schließt sich für mich ein Kreis. Ich hatte die beiden Romane geschrieben, um von der oftmals leider sehr trockenen und abgehobenen behindertenpolitischen Diskussion runter zu den Erfahrungen von Menschen zu kommen. Und nun dienen diese im Roman beschriebenen Erfahrungen dazu, eine politische Diskussion zu bereichern. Und das merke ich auch bei anderen Veranstaltungen. Der Propagandist in mir, der für die Selbstbestimmung, Gleichstellung und Inklusion streitet, freut sich über diese Entwicklung natürlich sehr und die Romanfiguren freuen sich bestimmt auch darüber. Denn Änderungen tun dringend Not.

kobinet-nachrichten: Sehen Sie denn Änderungen im Positiven?

Ottmar Miles-Paul: Zum Teil muss man schon genau hinschauen, um derzeit positive Entwicklungen zu finden. Und zum Teil müssen wir derzeit all unseren Optimismus aufbieten, um uns nicht entmutigen zu lassen. Aber die Behindertenbewegung und all die, die unsere Anliegen unterstützen, haben sich immer wieder aufgerappelt und immer wieder Schritte nach vorne geschafft. Und so hoffe ich, dass wir es auch in den nächsten Monaten schaffen, uns Gehör zu verschaffen, Verschlechterungen zu verhindern und vor allem Verbesserungen im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention zu erreichen. Vielleicht entsteht aus den schlechten Entwicklungen die Erkenntnis, wie wichtig die Achtung der Menschenrechte für alle ist.

kobinet-nachrichten: Dann viel Erfolg bei den nächsten Veranstaltungen und Lesungen

Ottmar Miles-Paul: Danke für das Interview.

Link zu Infos und zur Anmeldung zur Online-Veranstaltung der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen mit einer Kurzlesung von Ottmar Miles-Paul und Sabine Lohner am 11. Juni 2026

Link zu Infos zum Roman „Ich will raus: von der Exklusion zur Inklusion“

Link zu Infos zum Roman Zündeln an den Strukturen

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