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„Bitte sehr, Herr Höcke!“ – Soll man Rechten zuhören?

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Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
erkundet, was es mit den vielen Höcke-Klicks auf sich hat
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Wenn er das auch noch sagen dürfe … "Bitte sehr, Herr Höcke", ermuntert der Gastgeber seinen Gast. Der sich daraufhin keinen Zwang antut und frisch von der Leber loslegt, erst seinen Familienroman erzählt und im Anschluss daran die politische Agenda vorstellt. In epischer Breite und unbehelligt von kritischen Zwischenfragen, "ungeskripted" nennt dies Podcaster Ben. Und die inzwischen über vier Millionen Klicks bestätigen – dies mag vielen noch  so sehr missfallen – dass eine Art basisdemokratische Nachfrage nach diesem Social Media Format besteht. Und wahrscheinlich auch Peers aus der Behindertencommunity Teil dieser Nachfrage sind. Sodass sich für "Behinderte gegen Rechts" (zu denen auch ich mich zähle) bloß noch die Frage stellt, wie wollen wir nun mit diesem Nachfragephänomen umgehen.

Unklug, ja das Dümmste sind Rufe nach Zensur und Verbot

Schließlich haben die Berichterstattungs- und Debattendefizite der Mainstream-Medien und die Bürger bevormundende „Erziehungsdemokratie“ der schwarz-rot-grünen Hegemonialpolitik im Umgang mit der AfD jene basisdemokratische Nachfrage nach unreglementierter Berichterstattung und zensurfreier Kommentierung mit erzeugt. Tabuisierung weckt erst recht die Neugier. Und nachdem dieser jovial plaudernde nette Herr Höcke nunmehr derart sichtbar im alternativen Medienkosmos von You Tube und Co Platz genommen hat, halte ich es für klüger, das, was er erzählt und wie er argumentiert, kritisch zu hinterfragen. Statt Medienschelte der Alarmstufe Eins zu betreiben, den verantwortlichen Medienmacher in Acht und Bann zu tun und seine zahlreiche Followerschaft, diese „bösen User“, gleich mit.

Einem Rechten wie Höcke also zuhören? In diesem Fall sollte die Antwort meines Erachtens lauten, ja, zuhören. Und zwar möglichst aufmerksam zuhören, hinhören. Nach der entgegengesetzten Manier des Weghörens und der Verhängung eines Diskurstabus funktioniert das politisch Plakative „Gegen Rechts“ (inklusive „Krüppel gegen rechts“) nicht mehr. Mit puren Parolen überzeugt man nicht, selbst innerhalb einer in vielem gleichgesinnten Community offenbar immer weniger. So wie die Dinge inzwischen liegen, müssen wir es politisch mit der Anstrengung des Argumentierens versuchen, begründen können, weshalb wir uns „gegen Rechts“ positionieren. Konkretisieren können, worin insbesondere für gesellschaftlich Benachteiligte und politisch weitgehend Ohnmächtige die Konsequenzen rechter und rechtsextremer Politik bestehen. Verkürzt gesagt, was uns blüht oder blühen könnte, sollte „rechtes Saatgut“ erst einmal genügend aufnahmebereiten Boden finden. – Damit es dazu nicht kommt, reicht ein pauschales Giftlabel zu Abschreckungszwecken zumindest beim AfD-Frontmann Höcke nicht länger aus. Nachdem er seine Programmatik so medial prominent hat ausbreiten können, wird man sich, um zu verhindern, dass sein politisch-ideologischer Same mental auf fruchtbaren Boden fällt, die Mühe machen müssen, wenigstens einen Teil seiner Ausführungen, die „rechte Saat“ argumentativ nachzuweisen. Umso mehr, als der von ihm zur Schau gestellte biedermännische Habitus geeignet sein dürfte, auf Teile seiner Zuhörerschaft durchaus Eindruck zu machen.

„Rechts“, wer oder was ist das und woran erkennt man es?

Rechts, rechtsextrem, faschistisch usw. sind zunächst einmal lediglich Schlagworte im politisch-medialen Tohuwabohu. Und mit dem Kürzel „Gegen Rechts“, mittlerweile so gut wie deckungsgleich mit Anti-AfD ist politisch inhaltlich noch kaum etwas ausgesagt, nichts begrifflich Trennscharfes. Anhand dessen dann begründetermaßen die Frage beantwortbar wäre, an welcher seiner Äußerungen, an welcher Erzählung oder Sprachfigur man eindeutig den Rechten oder auch Rechtsextremen bzw. Faschisten im Biedermann Höcke dingfest machen könnte. Ein Urteil, das zudem nicht ohne Rückgriff auf Überlegungen zu Geschichte und politischer Theorie rechter Parteien und faschistischer Bewegungen auskommen wird. Eine diesbezüglich unkundige und insofern naive Zuhörerschaft, die Anzeichen rechter oder rechtsextremer Gesinnung bestenfalls an Signalwörtern wie „Remigration“ erkennt, ist, so fürchte ich, durchaus nicht dagegen gefeit, Höckes anscheinend doch so vernünftigen Darlegungen über weite Strecken auf den Leim zu gehen.

Hier ein Beispiel dafür, wie Höcke ein klassisches Axiom faschistischer Politik nicht nur in harmlose bzw. verharmlosende Sprache verpackt, sondern einer ahnungslosen Zuhörerschaft im Gewand politischer Tugendhaftigkeit unterzujubeln versucht. In die Politik gegangen sei er, weil er „seinem Land dienen“ wolle; denn schließlich sei, „etwas Größerem dienen zu wollen“ ein zutiefst menschliches Bedürfnis, dem Befriedigung nicht verweigert werden dürfe. Was Höcke seinen Zuhörenden als das wohl auch von ihnen genauso empfundene Non-Plus-Ultra des Menschlichen wie auch des Politischen einreden möchte, nämlich „in einer intakten Gemeinschaft aufzugehen und ihr dienen zu können“, ist nichts anderes als das Inkognito der faschistischen Volksgemeinschaft. Eine sprachliche Camouflage, deren schöngeistige Emphase – Aufgehen im großen Ganzen, Erfüllung im Dienen –  über die Abdankung des Individuums, den Autonomieverlust und die Entrechtung des Einzelnen, hinwegtäuschen soll.

Verschwiegen wird nicht zuletzt der ultimative Fluchtpunkt allen Aufgehens und Dienens, Bereitschaft zur Selbstopferung im Kriegsdienst, der Tod fürs Vaterland. Bereit sein auf dem „Feld der Ehre“ zu sterben, daliegen … wie das Gesetz es befohlen hat, um die Inschrift des Leonidas zu paraphrasieren, Kriegsherr der Spartaner, in der Schlacht bei den Thermopylen. Darüber lässt Geschichtslehrer Höcke, dem dies geläufig sein dürfte, einstweilen nichts verlauten, redet lieber von der „Einhegung des Krieges“, der, weil zum „agonalen Wesen“ des Menschen gehörig, aus der Welt und dem Ringen der Völker nicht verschwinden werde. – In dieser Rolle des volksfürsorglichen Politikers – Krieg ja, denn er ist Teil unserer menschlichen Natur, aber er sollte auch immer wieder eingehegt werden – bietet sich Höcke den Bürgern als die bessere Version notwendiger Kriegsertüchtigung an. Zumal die von der jetzigen Regierung, von den „Kartellparteien“, angepeilte Kriegstüchtigkeit, sich mit Russland den falschen Feind ausgesucht habe. Während mit den Migranten der wahre Feind längst im eigenen Land stünde.

Solches „Freund-Feind-Denken“ (zumal in seiner zugespitzten Ausformulierung durch den NS- Kronjuristen Carl Schmitt) erscheint mir nach wie vor das zentrale Erkennungsmerkmal rechter und faschistischer Ideologien und Politiken. Und was uns dabei, ausgehend von Höckes Feindbildkonstruktion, doch ins Auge springen und beunruhigen muss: Wie sehr inzwischen das Freund-Feind-Schema Einstellung und Verhalten auch der sog. politischen Mitte (schwarz-rot-grün) bestimmt und die von ihr unablässig beschworene „liberale Demokratie“ ihrerseits nicht ohne Feindbild oder Feindbilder auszukommen scheint. – Springender Punkt bei jeglichem Freund-Feind-Denken, man macht primär Menschen und Menschengruppen, soziale, ethnische, religiöse Kollektive für gesellschaftliche Spaltung und politischen Streit verantwortlich. Statt deren Ursache im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen System und dessen Strukturen zu suchen. In einem ihnen innewohnenden Machtgefälle, einer ihnen inhärenten und also nicht in erster Linie dem bösen Willen der Individuen entspringenden Gewaltförmigkeit. „Eine Multi-Kulti-Gesellschaft“ sei, so beruft sich Höcke auf eine angebliche Äußerung von Cohn-Bendit „schnell, hart, grausam und unsolidarisch“ und sieht die Schuldigen dafür wie selbstverständlich in Migranten bzw. den sie ins Land lassenden politisch Verantwortlichen. Keine Wort verliert er über die objektiven Mechanismen, die systemischen Ursachen von Beschleunigung, Härte, Grausamkeit und Entsolidarisierung infolge eines sich globalisierenden und dabei sämtliche nationalen und regionalen Eigenheiten und Schranken schleifenden Neoliberalismus.

Breite gesellschaftliche Streuung rechter Einstellungen und Impulse

Was für andere politische und weltanschauliche Orientierungen gilt, das trifft auch auf rechte, rechtsextreme und faschistische Anschauungen zu. Man findet sie nicht organisatorisch oder parteipolitisch sozusagen feinsäuberlich in Schubladen einsortiert. Es gibt sie in rudimentärer Form und in weltanschaulich geschlossener Ausprägung und einzelnen ihrer Elemente begegnet man überall in der Gesellschaft. Trügerisch ist daher die Identifizierung des Phänomens mit einer bestimmten Partei und deren Wählerschaft, hierzulande der AfD. Damit täuscht man sich über die Anschlussfähigkeit der Parolen rechter Agitatoren in der Gesamtbevölkerung. Von „Elementen eines demokratischen Faschismus“ (nicht die beste Formulierung meines Erachtens) sprechen die Sozialwissenschaftler Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger in ihrem Buch mit dem emblematischen Titel „Zerstörungslust“.

Erkannten Adorno und Horkheimer in ihrer klassischen, auf den Nationalsozialismus bezugnehmenden „Studien über autoritären Charakter“ den psychosozialen Nährboden nationalsozialistischer oder faschistischer Einstellung und Politik in einem bestimmten „Sozialcharakter“, einem ganzen Syndrom charakterlicher Eigenschaften (zusammengefasst im Kürzel „autoritärer Charakter“), so sehen sich Nachtwey und Amlinger aufgrund ihrer empirischen Forschung veranlasst, sozialpsychologisch auf einen einzelnen Affekt abzuheben. Auf das enorme Aggressionspotential, mit dem derart viele Menschen offenbar auf die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse reagieren. Weniger eine gerichtete oder gezielte Aggression, eher eine blindwütige Entladung, „Zerstörungslust“ wörtlich genommen.

„Sozialcharaktere“ (wie der für rechtsextreme und faschistische Ideologeme anfällige autoritäre Charakter ) sind das Ergebnis schicht- oder milieusituierter Sozialisationsprozesse, die sich über Jahre oder gar Jahrzehnte erstrecken. Die zur Zeit vorherrschende Affektivität, der Zerstörungslust und des Hasses scheint sich milieu- und schichtunabhängig über atmosphärische Ansteckung zu verbreiten (wofür Social Media eine Art Treibhausklima geschaffen hat). Bedingungen für die Entstehung eines (wenn ich es so nennen darf) „kapillaren Faschismus“, der tendenziell jeden und jede in bestimmten Momenten und Situationen infiltrieren kann. So dass Initiativen „Gegen Rechts“ auf der Höhe der Zeit dringend als eine Art antifaschistische Kunst lernen sollten von den vagabundierenden Hass- und Aggressionsaffekten sich nicht anstecken zu lassen.

Eine verwirrende und beunruhigende Erfahrung, in der sich vermeintlich übersichtliche und stabile politische Lagergrenzen plötzlich relativieren und auf die persönliche antifaschistische Haltung kein wirklicher Verlass mehr ist, weil eigene uneingestandene rechte Denkmuster und Verhaltenseinsprengsel sie gewissermaßen unterlaufen. Eine Erfahrung, die ihren Niederschlag findet in der so zugespitzten wie provozierenden Feststellung der Sozialphilosophin Eva von Redecker: Die liberale demokratische Ordnung ist nicht nur das Andere des Faschismus, sondern auch sein Ausgangspunkt. Denn die „Werteordnung“  der „liberalen Demokratie“ hat jene aggressive neoliberale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zugelassen, welche die breite demographische Mitte in einen fruchtbaren Boden rechter Ressentiments und reaktionärer Besitzstandswahrungspolitik verwandelt hat.

An dieser Stelle muss eine stichwortartige Erläuterung genügen: Eva von Redeckers theoretisch und analytisch zentraler Begriff „Phantombesitz“ erschließt sich im Zusammenhang tatsächlicher Eigentumseinbußen und diesbezüglicher Deklassierungsängste in Milieus der gesellschaftlichen Mitte. Die Abstiegsgefährdeten und die bereits Deklassierten geben sich einem verschobenen  Eigentumsrausch hin, der einen quasi schadlos hält. Durch fiktive Besitztitel wie Nation, Vaterland, Ehre; eine „Maskulinität“, die Männern „phantombesitzhaft“ Verfügungsgewalt über Frauenkörper verleiht, die „white supremacy“ US-amerikanischer MAGA-Rassisten; „unsere Lebensweise“ oder „unsere Werte“ soweit wir sie per „Othering“ in einen dichotomen Gegensatz bringen zu den minderwertigen der zu bekämpfenden Anderen, „unserer Feinde“.

Die Konjunktur der Feinddefinition und „Feindbildkreation“ (von Redecker) erklärt sich also auch von daher. Und mit der Bedrohungserzählung von den tendenziell überall lauernden Feinden, gegen die man sich wehren muss, unterscheidet sich die in der gesellschaftlichen Mitte ausbreitende Wagenburgmentalität nicht mehr wesentlich von Höckes „agonalem“ Menschen- und Weltbild. Von der Behauptung, wonach „Krieg Teil der Conditio Humana“ sei.  Wenn im Inneren von Gesellschaften wie auch zwischen den Staaten, in der internationalen Politik, ein sozialdarwinistischer „Survival of th Fittest“ tobt, dann muss, wer nicht untergehen will, sich ständig zu Härte ermahnen. So ist der Titel von Eva von Redeckers Buch über die erschreckende Aktualität des Faschismus, die beinahe Allgegenwärtigkeit faschistischer Phantasmen und Reflexe zu verstehen, „Dieser Drang nach Härte“. Die Lesenden zu ermutigen, ihm nicht nachzugeben, hat sie zum Scheiben motiviert und dazu, statt generell wegzuhören, gelegentlich genau hinzuhören, was Rechte sagen.

Dazu ein Gespräch mit Eva von Redecker:  https://www.youtube.com/watch?v=5J13r4WxCDw