Menu Close

„Männer und unsere patriarchale Gesellschaft“ moralisieren! Erfolgversprechend?

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
auf den Selbstwiderspruch im progressiven Neoliberalismus
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Wie aussichtsreich ist das Vorhaben einer Moralisierung der Männer und unserer patriarchalen Gesellschaft, zu dem Raul Krauthausen und andere Stimmen aufrufen? Aktuell veranlasst durch den "Schock", den die "Vorwürfe" der Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes, Opfer digitaler sexualisierter Gewalt von Seiten ihres Ex-Mannes zu sein, bei ihnen ausgelöst haben. "Männer und unsere patriarchale Gesellschaft sind ein elementarer Teil der Strukturen, die solche Missstände möglich machen oder eben Veränderungen verhindern", konstatiert Krauthausen und "eben deshalb", wegen dieser ursächlichen patriarchalen Strukturen also "reicht es nicht aus, einfach nur schockiert zu sein". Sind jedoch die von ihm geforderten "echten Taten" – Kontaktabbrüche, Canceln, Anprangern und Anzeigen sexistischer Äußerungen und Handlungen, moralische und rechtliche Sanktionierung – etwa schon diese strukturverändernden Taten? Nein, denn die Strukturen des Patriarchats sind primär sozioökonomische Strukturen, keine moralischen. Sie werden nicht allein von Cis-Männern aufrechterhalten.

Patriarchat heute bedeutet neoliberales Dominanzstreben

Dominanz gleich Herrschaft. Bedeutungsmäßig dasselbe wie das lateinisch-griechische Kompositum Patriarchat (Vaterordnung). Herrschaftliche Ordnung ist stets eine von Unter- und Überordnung, Macht und Ohnmacht (bzw. Machtgefälle). Herrschaftspositionen können bzw. werden nicht erst heute von Männern und Frauen eingenommen. Heutige patriarchale Strukturen sind mithin keine streng männlichen (im Sinne des biologischen Geschlechts), sie sind tendenziell genderindifferent. Ein Merkmal, das im besonderen Maße für das neoliberal strukturierte Patriarchat gilt.

Die zwei Hauptcharakteristika der neoliberalen Herrschaftsordnung: Neben die klassische Industrie- und Dienstleistungsökonomie ist eine Prestige- und Aufmerksamkeitsökonomie getreten. Das zweite neoliberale Charakteristikum ist ein ideologisches: Statt gesellschaftlicher Klassen gebe es nur einzelne Individuen, die als „Humankapitale“ um Gewinnmaximierung konkurrieren. Dieses Konkurrieren um entweder klassischen Kapitalprofit oder um Aufmerksamkeitsgewinn entscheidet über Gewinner und Verlierer des neoliberalen Dominanzstrebens. – Rein strukturell präferiert dieses neoliberale Dominanzstreben kein bestimmtes Geschlecht. Nicht Sex oder Gender ist letztlich ausschlaggebend für Gewinn und Erfolg und mithin das Erringen von Herrschaft, Macht und Einfluss, vielmehr ein egoistischer Durchsetzungswille und der typisch neoliberale Selbstoptimierungsdrang (die habituell nur noch kulturtraditionalistisch als mit cis-männlicher Maskulinität unlöslich verbunden vorgestellt werden). Kein industriekapitalistischer Patriarch, cis-männlicher „Dominus“, sondern eine cis-weibliche „Domina“, nämlich Maggie Thatcher, wurde zur Ikone des Neoliberalismus.

Mit neoliberaler Herrschaft erhält und erneuert sich cis-männliche sexistische Gewalt

An sich funktioniert die formal geschlechterneutrale neoliberale Herrschaftsordnung (Dominanzstreben über Leistungswettbewerb) ohne den Einsatz kruder sexistischer Gewalt, wie sie traditionell Teil des Rollenmodells cis-männlicher Genderidentität gewesen ist. Ein männliches Machtmittel, das heutzutage juristisch und moralisch zwar sanktioniert ist, von dem Cis-Männer realiter dennoch erschreckend oft Gebrauch machen. Cis-männliche Verlierer im neoliberalen Dominanzwettbewerb äußern und verhalten sich frauenfeindlich sexistisch aus Ressentiment und Rachegelüsten. Cis-männliche Gewinner- und Siegertypen (insbesondere prominente Angehörige der Elite) praktizieren sexistische Tabubrüche und Grenzüberschreitungen als Akt demonstrativer selbstherrlicher Frivolität, die Beispiele reichen von Epstein bis Ulmen. Beiden Erscheinungsformen sexistischer Gewalt ist, weil von der neoliberalen Herrschaftsordnung strukturell begünstigt und gefördert, durch Moralisierung offenbar schwer oder gar nicht beizukommen. Es müsste stattdessen schon die neoliberal modernisierte patriarchale Grundmatrix, der Neoliberalismus selbst als die basale Struktur aufgehoben und sozioökonomisch überwunden werden.

Der Zwiespalt und die Widersprüchlichkeit im „progressiven Neoliberalismus“ der „Kulturell Kreativen“

Die neoliberale Deregulierung der Wirtschaft und der Märkte ging einher mit einer kulturellen Liberalisierung, die eine Mittelklasse oder Mittelschicht von „Kulturell Kreativen“ hat entstehen lassen, die sich kosmopolitisch, ideenfortschrittlich und menschenrechtsorientiert gibt. Zugleich aber auch Vereinzelung, Wettbewerbsstress, extreme Beschleunigung, Leistungsdruck, Erschöpfung und andere desaströse Folgen des Neoliberalismus mitverantwortet und verschärft. Leistungsstark, durchsetzungsfähig, taff, straight sein, „Eier resp. Eierstöcke haben“ – vieles von dem, was als kulturell tradierte Maskulinität gelabelt wird, kehrt wieder in der von einem hippen Zeitgeist erwünschten und verlangten „Verhaltenscoolness“ – neoliberal progressiv performender „Corporate Selfs“ (als unternehmerisches Selbst eingedeutscht). Verkörpert gleichermaßen von Cis-Männern wie von Cis-Frauen („FLINTA-Personen“ nicht ausgenommen). Nicht verwunderlich, dass mittlerweile in diesen Kreisen nicht mehr nur von „toxischer Männlichkeit“, sondern auch von einer „toxischen Weiblichkeit“ die Rede ist.

Das sich aus alledem ergebende Dilemma selbstwidersprüchlichen Verhaltens zeigt sich besonders drastisch im Elite-Segment der Kulturell Kreativen, bei ihren Promis. Zu deren Performance (z.B. in TV-Unterhaltungsshows) gehört die Übertreibung, die kalkulierte Provokation, die prickelnde Grenzüberschreitung. Wenn auch „nur“ im Symbolischen und Imaginären, Sprache und Bild also. Die augenblickliche Speerspitze performativer Transgression (Grenzüberschreitung) ist die durch KI generierte Provokation (Stichwort Deep-Fakes). – Wie, wenn nun die gleichen Promis vor diesem Hintergrund, auf dieser medialen Folie, „Celebrities-Aktivismus“ (ein Ausdruck von Naomi Klein) betreiben und die zu einem veritablen Skandal entgleiste Grenzüberschreitung einer prominenten Figur aus ihrer Mitte zum Anlass-und Ausgangspunkt einer Moralisierungskampagne machen? Wie überzeugend wirkt das beim Publikum? Welche realen Erfolgschancen darf man einer solchen Korrekturabsicht einräumen?

Wer verdient unsere Solidarität? Ein fader Beigeschmack von zweierlei Maß

Das geflügelte Wort, die Parole, wonach mit Blick auf sexualisierte Gewalt die Scham die Seite wechseln müsse, von der Opferseite auf die Täterseite, nimmt Bezug auf den Buchtitel des vielfachen Vergewaltigungsopfers Gisele Pelicot (deren eher zufällig ans Licht gekommenen Leidensgeschichte in Frankreich ein breites Medienecho fand). In ihrem Fall handelt es sich weder um ein prominentes Opfer, noch um einen prominenten Täter (wie bei Collien Fernandes und dem von ihr Beschuldigten Christian Ulmen). Jene waren (vor der Aufdeckung des Verbrechens) anonyme Individuen, keine in der Öffentlichkeit stehende Personen, keine öffentlich sichtbaren Angehörigen der Elite. Und um der Vollständigkeit halber sollte meines Erachtens im Zusammenhang der gleichzeitigen Nennung und einer kategorialen Gleichsetzung (sexistische Gewalt) beider Fälle nicht unerwähnt bleiben, dass es sich bei Gisele Pelicot nachgewiesenermaßen um serielle Vergewaltigung handelt, die von Collien Fernades geäußerten Vorwürfe sich hingegen auf gestreamte pornographische Deep-Fakes beziehen. Die Verschiedenheit der Milieus und vor allem die Unterschiede in der Schwere und im Ausmaß der französischen und der deutschen Fallgeschichte halte ich nicht für unerheblich im Zusammenhang der Frage nach Solidarisierung. Insbesondere wie Solidarität wirksam werden kann im Hinblick auf potentielle Opfer und Gefährdete, ohne dabei über die unterschiedlichen Bedingungen der Unterstützung von Betroffenen in anonymen Milieus einerseits und der Solidarität mit öffentlich bekannten Personen im Prominentenmilieu andererseits hinwegzusehen.
Begonnen habe ich die mehrteilige Fortsetzungsfolge meiner Kommentierung von Raul Krauthausens Solidaritätsaufruf im Namen eines Seitenwechsels der Scham. Mit der Bemerkung, dass er ehrlich und realistisch genug ist, einzuräumen, dass seine Schambekundung auch ein Stück „Selbstinszenierung“ ist. Am Ende bleibt bei mir hauptsächlich der Eindruck zurück, dass der primäre Beweggrund seiner sich gleichermaßen heftig selbstbezichtigenden wie andere unter Druck setzenden Stellungnahme, von ihm spürbar militant als „Positionierung“ apostrophiert, eben in jenem Selbstinszenatorischen liegt. Und sich darin sein Bemühen im Wesentlichen erschöpft. – Seinerseits ein Prominenter aus dem Elitesegment der Kulturell Kreativen will er, was verständlich und sein gutes Recht ist, unter seinesgleichen mit einem hyperwoken Statement brillieren. Und bei seiner Followerschaft mit dem moralischen Mehrwert seines Engagements für eine „außerordentlich“ gute Sache punkten. Aufmerksamkeitsgewinn erzielen, mehr Klicks und Glut generieren, wie Naomi Klein den Selbststeigerungszwang knapp umreißt, unter den sich diejenigen setzen, die als erfolgreiche Aufmerksamkeitsunternehmer auf den Digitalplattformen unterwegs sind.

Ärgerlich finde ich dies aus dem Blickwinkel von Krauthausens identitätspolitischem Herkunftsmilieu, aus Sicht der Behindertencommunity, zu der ich mich selber zähle. Ich persönlich jedenfalls möchte mich nicht unter den skizzierten Vorzeichen zu seinem ultimativ geforderten sich schuldig-bekennenenden cis-männlichen Täterkollektiv moralisch zwangskollektivieren lassen. Und auch nicht unter Solidarisierungszugzwang setzen lassen, just anlässlich eines prominenten Opfers.
Ein fader Beigeschmack, es werde hier mit zweierlei Maß gemessen, stößt mir unangenehm auf.

P.S. Innerhalb der Behindertencommunity stehe ich mit meiner Erfahrung nicht allein, mit einem vergleichsweise bescheidenen Ersuchen um Unterstützung in einer akuten Gewaltsituation kein Gehör bei Krauthausen gefunden zu haben. In meinem Fall war der Anlass einer solchen Bitte fortgesetzte Gewalterfahrung am Wohnort, unter deren existenzvernichtenden Folgen meine Blindenbegleiterin und ich bis heute leiden. – Worum es sich gehandelt hat, in kobinet nachzulesen: https://kobinet-nachrichten.org/2022/10/21/es-geschieht-am-helllichten-tag-psychoterror-gegen-einen-behinderten/

Literaturhinweise:

  1. Der schmale Reclamband von Marcus Rieger-Ladich, Identitätspolitik – zur Zukunft eines umstrittenen Projekts, Stuttgart 2025
  2. Der kurze Text von Jens Balzer, After Woke, Berlin 2024
  3. Das umfangreichere Buch von Naomi Klein, Doppelgänger – eine Analyse unserer gestörten Gegenwart, Frankfurt 2025.
    Sie beschreibt u.a., wie die auf Social Media miteinander um Aufmerksamkeitsgewinn kokurrierenden Prominenten eine Art „Authentizitäts-Wettrüsten“ veranstalten, bei dem es „darum geht, wer freimütiger und offenherziger ist als alle anderen“.