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Auch bezüglich Kriegsvorbereitung muss die Scham die Seite wechseln

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Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
entsetzt über schamlose Kriegsvorbereitungspropaganda
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) "Die Scham muss die Seite wechseln", den Buchtitel von Gisele Pelicot, vielfaches Vergewaltigungsopfer, haben Raul Krauthausen und auch andere im Zusammenhang mit dem Fall Christian Ulmen aufgegriffen und zum Motto ihrer Solidaritätskampagne gemacht gegen cis-männliche sexualisierte Gewalt. Schämen müssen sich in Wahrheit die Täter und nicht ihre Opfer, die die Scham einmal mehr wehrlos macht.

Diese zutreffende Einsicht und die zurecht aus ihr gewonnene Schlussfolgerung und Forderung nach einem Seitenwechsel der Scham drängt sich mir unmittelbar auch hinsichtlich einer anderen aktuellen Täterschaft auf. Von der ein Gewaltpotential ungleich größerer Dimension droht, das der entfesselten Gewalt des Kriegs nämlich. Wie steht es mit dem Schamempfinden auf Seiten dieses Täterkollektivs?

Fehlanzeige, schamlos wird für Kriegstüchtigkeit getrommelt

Schämen müssen sollen sich die anderen, verlautet von Seiten des kriegsvorbereitenden Täterkollektivs. Diejenigen, die sich der kriegsdienstlichen Mobilmachung verweigern oder widersetzen, müssten sich schämen, weil sie sich ihrer gesellschaftlichen Solidaritätspflicht (zur Landesverteidigung) entzögen. Wegen Drückebergerei öffentlich bloßgestellt werden die Initiatoren von „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Ein auf dem Bedrohungsnarrativ insistierender Deutschlandfunk-Redakteur diffamiert die Initiative im Gespräch mit deren Sprecher, nennt die Streikenden schamlose Trittbrettfahrer einer Freiheit, die zu verteidigen sie anderen überließen. Der Kriegsvorbereitungsgegner und Kriegsdienstverweigerer Ole Nymoen (Autor des Buchs „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“) wird in TV-Talkrunden regelmäßig von den übrigen Teilnehmenden in die Landesverräterecke gestellt und moralisch diskreditiert. – Keine Spur von Scham auf Seiten derer, die Kriegsvorbereitung und Krieg wieder als legitimes Mittel der Politik betrachten und von jungen Menschen entsprechende Opferbereitschaft erwarten. Dagegen werden von ihnen diejenigen, die nicht bereit sind, sich an der brutalen Gewalt und dem massenhaften Töten im Kriegsfall zu beteiligen und sich selber nicht als „Kanonenfutter“ opfern lassen wollen, bedenkenlos öffentlicher Beschämung preisgegeben.

Unverschämte Kriegsvorbereitungspropaganda in den Mainstream-Medien

Wie ich es mir in Anbetracht der schwarz-rot-olivgrünen Mehrheitspolitik im Parlament bei Debatten und der Agenda im Bundestag gar nicht mehr anders vorstellen kann, als beinahe ausschließlich mit affirmativen Stimmen zu kriegsvorbereitender Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, militärischer Abschreckung, Aufrüstung, Waffenlieferungen etc. konfrontiert zu werden – so ergeht es mir auch beim Einschalten des Radios, ich muss fast ausnahmslos zustimmende Berichterstattung und kritiklose Kommentierung einer nationalen und internationalen Politik gewärtigen, die sich um bereits stattfindende Kriege und deren Vorbereitung dreht. Eine Politik, die sich damit rechtfertigt, auf eine vorgängige, nicht selbst, sondern von Kontrahenten verursachte Realität und deren teils desaströsen, verbrecherischen Bedingungen reagieren zu müssen. Kurz, eine angeblich alternativlos zum Mitspielen, gegebenenfalls also auch zum Kriegführen verdammte „Realpolitik“.

Gerade auch die öffentlich-rechtlichen Medien hierzulande – mittlerweile scheinen sie dies unausgesprochen als ihren Sendeauftrag zu verstehen – fungieren als Transmissionsriemen, um dieser „alternativlosen Realpolitik“ die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern, Massenloyalität zu garantieren. Sicherzustellen, dass genau das nicht eintritt, was zu Anfang in meinem Petitum gefordert, nämlich ein Seitenwechsel der Scham. Und mit diesem die ganze Fragwürdigkeit, das Desaströse, die Gewalttätigkeit, das Verbrecherische dieser Politik endlich offen benannt würde!

Statt dessen wird uns weiterhin, wie etwa in der Europa-Berichterstattung des Deutschlandfunks, die forcierte kriegsdienstliche Mobilmachung der Zivilbevölkerung in den Ländern des Baltikums oder in Polen als Vorbild für die neue Normalität der Kriegsvorbereitung auch in Deutschland alltagsrealistisch vorgestellt und schmackhaft gemacht. Seht her, es macht sogar Spaß, Kinder und Erwachsene, Mütter und Großväter, ganze Familien melden sich zu Wochenend-Kursen mit Schießübungen und Überlebenstraining an. – Apropos Überlebenstraining, infam, wie der zivile Katastrophenschutz als berechtigtes Bürgeranliegen für Kriegsvorbereitungszwecke in einer aktualisierten Bevölkerungsschutz-Broschüre des BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) instrumentalisiert, um nicht zu sagen missbraucht wird. Wo doch in Wahrheit der Klimaschutz, die entscheidende Vorsorgemaße in Sachen zivilem Katastrophenschutz, keinerlei Rolle mehr spielt für eine Politik, die Hochrüstung und militärische Abschreckung und mithin Kriegsvorbereitung auf Platz eins ihrer Agenda gesetzt hat.

Keine Zurückhaltung, moralische Hemmschwelle oder Schamgrenze beim Bekunden öffentlicher Genugtuung über den gigantischen Aufschwung und den Höhenflug der heimischen Rüstungsindustrie. Explodierende Gewinne und Auftragsbücher, die aus allen Nähten platzen. Unverhohlene Begeisterung für todbringendes Kriegsgerät. Allenthalben aus dem Boden schießende Startups werden für ihre Kreativität und Innovation auf dem Gebiet der Drohnentechnik, der kriegsentscheidenden Waffentechnologie, gefeiert. Rüstungsunternehmen führen einem staunenden Publikum Videoaufnahmen vor, in denen sich Kamikaze-Drohnen gleichermaßen auf Kombattanten und militärisches Gerät, Personen und Objekte stürzen. Im Sekundentakt Menschen und Dinge pulverisieren. Die Faszination der Experten, ob in Thinktanks oder Redaktionen, kennt keine Grenzen. Erst recht keine Schamgrenzen.

Gekrönt wird diese hemmungslose politisch-mediale Inszenierung des Kriegs und seiner perfekten Vorbereitung durch die Heroisierung der Ukraine. Der beispiellos heldenhafte Abwehr- und Überlebenskampf des geeinten ukrainischen Volks überstrahle alles, stelle alle sonstigen Anstrengungen in den Schatten. So die ungetrübte Bewunderung, die mitunter in Schwärmerei übergeht. Originalton Sabine Adler im Deutschlandfunk-Kommentar:

„Die ukrainische Zivilgesellschaft hat sich zu einer selbstbewussten aktiven Kraft entwickelt, die von ihrem Freiheitswillen nicht ablässt. Die Menschen behalten auch im Krieg ihre Regierung genau im Blick. Sobald sie vom Weg abweicht, gehen sie auf die Straße, auch im Krieg. Sie nehmen korrupte Eliten nicht mehr hin, wollen Demokratie, den Rechtssaat und in die Europäische Union. Auch deswegen verteidigen sie ihr Land so hartnäckig, mit Effizienz und Erfindergeist. Wo von Deutschland dank der jetzt vereinbarten strategischen Partnerschaft einiges lernen kann. Denn keine Armee ist so kampferprobt, keine Verteidigungsindustrie so innovativ, keine Bevölkerung so resilient wie die in der Ukraine. Die eigenen Kräfte mit den ukrainischen zu bündeln stärkt die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas. Da hat der Bundeskanzler recht.“ (Dlf am 14.04.2026)

Die brutale Wirklichkeit hinter der heroisch-idealisierten Pseudorealität des Kommentars

Worüber der den Durchhaltewillen und den Heldenmut der Ukrainer rühmende Kommentar der Deutschlandfunk-Journalistin kein Wort verliert: Dass unzählige Opfer – Tote, Verwundete, Verstümmelte, Traumatisierte – der Preis jenes Durchhaltens sind. Des von der Kommentatorin auch für uns Deutsche als beispielgebend gepriesenen ukrainischen Heldentums. Opfer, bei denen im Unklaren bleibt, wie viele davon freiwillig in den Opfertod gegangen sind.

Denn wovon die Kommentatorin ebenfalls nicht spricht, was sie verschweigt: Wie überall, wo Staaten gegeneinander Krieg führen, beruht auch der Dienst im ukrainischen Militär nicht auf Freiwilligkeit. Am gleichen Tag, da Sabine Adler ihren euphorischen Kommentar abgegeben hat, war auf ihrem Sender ein Korrespondentenbericht zu hören über Zwangsrekrutierung in der Ukraine. Die Zahl der derzeit in der ukrainischen Armee Kämpfenden belaufe sich auf eine Million. Gleichzeitig betrage die Anzahl der Armeeangehörigen, die sich ihrem Dienst entzögen bzw. unerlaubt von der Truppe entfernt hätten (im Kriegsdienst- bzw. Militärjargon Fahnenflüchtige genannt) 200 000. Das heißt, jeder fünfte oder zwanzig Prozent der in der Armee Dienenden befinden sich auf der Flucht vor dem Krieg, dem mörderischen Dienst im Schützengraben, halten sich irgendwo im Land versteckt oder fliehen ins Ausland. Wird die Militärpolizei ihrer habhaft, werden sie zwangsweise zu ihrer Einheit zurückgebracht, gewaltsam zurück an die Front geschleppt. – Stellen wir uns vor, der Kommentar von Sabine Adler und der Korrespondentenbericht über Zwangsrekrutierung wären unmittelbar aufeinanderfolgend zu hören gewesen: Wie sähe wohl die spontane Reaktion auf das Gehörte aus, einerseits bei den Zuhörenden am Radio, andererseits bei der Kommentatorin? Vermutlich liege ich nicht ganz falsch, wenn ich annehme, Empörung bei den einen, Scham auf Seiten der anderen, bei der Kommentatorin.

Dazu:
https://www.deutschlandfunk.de/immer-mehr-deserteure-in-ukrainischer-armee-100.html

https://www.nachdenkseiten.de/?p=149105
Merz unterstützt Selenskyj dabei, nach Deutschland geflüchtete Soldaten wieder in die Ukraine zurückzuschicken!