Staufen (kobinet)
Es gibt ein bekanntes Buch von Gisele Pelicot.
Gisele Pelicot wurde viele Male vergewaltigt.
Bei einer Vergewaltigung zwingt jemand einen Menschen.
Die Person muss Sex machen.
Ihr Buch heißt: Die Scham muss die Seite wechseln.
Das bedeutet: Nicht die Opfer sollen sich schämen.
Ein Opfer ist ein Mensch, dem etwas Schlimmes angetan wurde.
Die Täter sollen sich schämen.
Ein Täter ist ein Mensch, der anderen Menschen Schaden zufügt.
Dieser Gedanke gilt auch für andere Themen.
Ein Thema ist: Krieg und Kriegs-Vorbereitung.
Krieg bedeutet: Sehr viele Menschen sterben.
Menschen werden verletzt oder getötet.
Wer Krieg vorbereitet, trägt dafür Verantwortung.
Verantwortung bedeutet: Du machst deine Aufgabe gut.
Du kümmerst dich selbst um Probleme.
Aber diese Menschen schämen sich nicht.
Stattdessen beschämen sie andere.
Manche Menschen wollen keinen Krieg machen.
Sie wollen nicht Soldat werden.
Das nennt man Kriegs-Dienst-Verweigerung.
Das bedeutet: Ein Mensch lehnt den Dienst mit Waffen ab.
Diese Menschen werden öffentlich beschämt.
Man nennt sie Feiglinge oder Verräter.
Feigling ist ein Schimpf-Wort.
Es bedeutet: Jemand weicht Gefahren aus.
Es gibt eine Gruppe namens Schul-Streik gegen Wehr-Pflicht.
Wehr-Pflicht bedeutet: Der Staat zwingt Menschen, Soldat zu werden.
Diese Gruppe ist gegen die Wehr-Pflicht.
Ein Radio-Redakteur beim Deutsch-Land-Funk beleidigte diese Gruppe.
Er nannte sie schamlose Trittbrettfahrer.
Trittbrettfahrer bedeutet hier: Jemand nutzt etwas aus, was andere aufgebaut haben.
Er selbst tut nichts dafür.
Das ist eine Beschimpfung.
Eine Beschimpfung ist ein böses Wort gegen einen Menschen.
Es soll den Menschen verletzen.
Ole Nymoen ist ein Autor.
Er hat ein Buch geschrieben.
Das Buch heißt: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde.
In Fernseh-Gesprächen wird er oft als Landes-Verräter bezeichnet.
Landes-Verräter ist ein Schimpf-Wort.
Es bedeutet: Jemand schadet seinem eigenen Land.
Das ist ebenfalls eine Beschimpfung.
Kriegs-Vorbereitungs-Propaganda in den Medien
Propaganda bedeutet: Jemand will andere Menschen beeinflussen.
Die Menschen sollen etwas Bestimmtes denken.
Nur eine Seite kommt zu Wort.
In vielen Medien wird Kriegs-Vorbereitung positiv dargestellt.
Medien sind Orte, wo Nachrichten verbreitet werden.
Zum Beispiel Radio, Fernsehen und Zeitungen.
Kritische Stimmen sind kaum zu hören.
Fast alle Berichte unterstützen die Kriegs-Vorbereitung.
Das gilt auch für öffentlich-rechtliche Medien.
Öffentlich-rechtliche Medien sind Sender wie ARD oder ZDF.
Alle Bürger bezahlen diese Sender mit einem festen Beitrag.
Öffentlich-rechtliche Medien sollen ausgewogen berichten.
Ausgewogen bedeutet: Alle Seiten kommen zu Wort.
Kein Standpunkt wird bevorzugt.
Aber sie berichten kaum kritisch über Kriegs-Vorbereitung.
Stattdessen unterstützen sie die Politik der Kriegs-Vorbereitung.
Im Deutsch-Land-Funk gibt es Berichte aus dem Baltikum und Polen.
Das Baltikum sind die Länder Estland, Lettland und Litauen.
Diese 3 Länder liegen im Norden Europas.
Dort üben Familien gemeinsam für den Krieg.
Kinder, Erwachsene und Groß-Eltern machen mit.
Diese Berichte stellen das als gutes Vorbild dar.
Auch für Deutschland soll das die neue Normalität werden.
Normalität bedeutet: Etwas ist ganz gewöhnlich und normal.
Es gibt eine Behörde namens BBK.
BBK bedeutet: Bundes-Amt für Bevölkerungs-Schutz und Katastrophen-Hilfe.
Eine Behörde ist ein Amt.
Dort arbeiten Menschen für die Bürger.
Das BBK schützt Menschen bei Unfällen und Natur-Katastrophen.
Jetzt wird das BBK auch für Kriegs-Vorbereitung genutzt.
Klima-Schutz spielt dabei keine Rolle mehr.
Die Rüstungs-Industrie macht sehr viele Gewinne.
Rüstungs-Industrie sind Firmen, die Waffen herstellen.
Sie verkaufen diese Waffen an Staaten und Armeen.
Diese Gewinne werden in Medien gefeiert.
Neue Firmen entwickeln Drohnen für den Krieg.
Drohnen sind fliegende Maschinen ohne Pilot.
Sie können Kameras oder Waffen tragen.
Auch das wird in Medien positiv dargestellt.
Die Ukraine kämpft gegen Russland.
Dieser Krieg wird in deutschen Medien oft als heldenhafter Kampf beschrieben.
Eine Kommentatorin des Deutsch-Land-Funks sagte am 14.04.2026:
Eine Kommentatorin ist eine Frau beim Radio oder Fernsehen.
Sie erklärt Nachrichten und sagt ihre Meinung.
Die Ukraine kämpft mutig, effizient und erfinderisch.
Deutschland kann von der Ukraine lernen.
Das stärke die Verteidigungs-Fähigkeit Deutschlands und Europas.
Verteidigungs-Fähigkeit bedeutet: Ein Land kann sich im Krieg schützen.
Die brutale Wirklichkeit hinter dem Kommentar
Der Kommentar verschweigt wichtige Dinge.
Im Krieg sterben sehr viele Menschen.
Viele werden verletzt oder traumatisiert.
Traumatisiert bedeutet: Jemand hat etwas sehr Schlimmes erlebt.
Dieses Erlebnis macht ihn seelisch krank.
Das ist der Preis des Durchhaltens.
Darüber spricht der Kommentar nicht.
Der Kommentar verschweigt noch etwas anderes.
In der Ukraine gibt es Zwangs-Rekrutierung.
Zwangs-Rekrutierung bedeutet: Der Staat zwingt Menschen, Soldaten zu werden.
Diese Menschen wollen das nicht.
Derzeit kämpfen 1 Million Menschen in der ukrainischen Armee.
200.000 davon haben sich dem Kriegs-Dienst entzogen.
Das ist jeder 5. Soldat.
Diese Menschen verstecken sich im Land.
Oder sie fliehen ins Ausland.
Die Militär-Polizei sucht sie.
Die Militär-Polizei ist die Polizei der Armee.
Sie sorgt für Ordnung beim Militär.
Werden sie gefunden, bringt man sie zurück an die Front.
Das geschieht mit Gewalt.
Am gleichen Tag gab es einen anderen Bericht.
Dieser Bericht handelte von der Zwangs-Rekrutierung.
Beide Berichte wurden nicht nacheinander gesendet.
So bemerkten die Hörer den Widerspruch nicht.
Widerspruch bedeutet: Zwei Aussagen passen nicht zusammen.
Auch Bundes-Kanzler Merz unterstützt diese Politik.
Der Bundes-Kanzler ist der Chef der deutschen Regierung.
Er unterstützt den ukrainischen Präsidenten Selenskyj.
Ein Präsident ist der Chef von einem Land.
Es geht darum, geflüchtete Soldaten zurückzuschicken.
Diese Soldaten sollen zurück in die Ukraine und wieder kämpfen.
Mehr Informationen dazu gibt es hier:
Deutsch-Land-Funk: Immer mehr Deserteure in ukrainischer Armee
Fahnenflucht bedeutet: Ein Soldat läuft weg ohne Erlaubnis.
Diese Soldaten nennt man Deserteure.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) "Die Scham muss die Seite wechseln", den Buchtitel von Gisele Pelicot, vielfaches Vergewaltigungsopfer, haben Raul Krauthausen und auch andere im Zusammenhang mit dem Fall Christian Ulmen aufgegriffen und zum Motto ihrer Solidaritätskampagne gemacht gegen cis-männliche sexualisierte Gewalt. Schämen müssen sich in Wahrheit die Täter und nicht ihre Opfer, die die Scham einmal mehr wehrlos macht.
Diese zutreffende Einsicht und die zurecht aus ihr gewonnene Schlussfolgerung und Forderung nach einem Seitenwechsel der Scham drängt sich mir unmittelbar auch hinsichtlich einer anderen aktuellen Täterschaft auf. Von der ein Gewaltpotential ungleich größerer Dimension droht, das der entfesselten Gewalt des Kriegs nämlich. Wie steht es mit dem Schamempfinden auf Seiten dieses Täterkollektivs?
Fehlanzeige, schamlos wird für Kriegstüchtigkeit getrommelt
Schämen müssen sollen sich die anderen, verlautet von Seiten des kriegsvorbereitenden Täterkollektivs. Diejenigen, die sich der kriegsdienstlichen Mobilmachung verweigern oder widersetzen, müssten sich schämen, weil sie sich ihrer gesellschaftlichen Solidaritätspflicht (zur Landesverteidigung) entzögen. Wegen Drückebergerei öffentlich bloßgestellt werden die Initiatoren von „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Ein auf dem Bedrohungsnarrativ insistierender Deutschlandfunk-Redakteur diffamiert die Initiative im Gespräch mit deren Sprecher, nennt die Streikenden schamlose Trittbrettfahrer einer Freiheit, die zu verteidigen sie anderen überließen. Der Kriegsvorbereitungsgegner und Kriegsdienstverweigerer Ole Nymoen (Autor des Buchs „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“) wird in TV-Talkrunden regelmäßig von den übrigen Teilnehmenden in die Landesverräterecke gestellt und moralisch diskreditiert. – Keine Spur von Scham auf Seiten derer, die Kriegsvorbereitung und Krieg wieder als legitimes Mittel der Politik betrachten und von jungen Menschen entsprechende Opferbereitschaft erwarten. Dagegen werden von ihnen diejenigen, die nicht bereit sind, sich an der brutalen Gewalt und dem massenhaften Töten im Kriegsfall zu beteiligen und sich selber nicht als „Kanonenfutter“ opfern lassen wollen, bedenkenlos öffentlicher Beschämung preisgegeben.
Unverschämte Kriegsvorbereitungspropaganda in den Mainstream-Medien
Wie ich es mir in Anbetracht der schwarz-rot-olivgrünen Mehrheitspolitik im Parlament bei Debatten und der Agenda im Bundestag gar nicht mehr anders vorstellen kann, als beinahe ausschließlich mit affirmativen Stimmen zu kriegsvorbereitender Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, militärischer Abschreckung, Aufrüstung, Waffenlieferungen etc. konfrontiert zu werden – so ergeht es mir auch beim Einschalten des Radios, ich muss fast ausnahmslos zustimmende Berichterstattung und kritiklose Kommentierung einer nationalen und internationalen Politik gewärtigen, die sich um bereits stattfindende Kriege und deren Vorbereitung dreht. Eine Politik, die sich damit rechtfertigt, auf eine vorgängige, nicht selbst, sondern von Kontrahenten verursachte Realität und deren teils desaströsen, verbrecherischen Bedingungen reagieren zu müssen. Kurz, eine angeblich alternativlos zum Mitspielen, gegebenenfalls also auch zum Kriegführen verdammte „Realpolitik“.
Gerade auch die öffentlich-rechtlichen Medien hierzulande – mittlerweile scheinen sie dies unausgesprochen als ihren Sendeauftrag zu verstehen – fungieren als Transmissionsriemen, um dieser „alternativlosen Realpolitik“ die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern, Massenloyalität zu garantieren. Sicherzustellen, dass genau das nicht eintritt, was zu Anfang in meinem Petitum gefordert, nämlich ein Seitenwechsel der Scham. Und mit diesem die ganze Fragwürdigkeit, das Desaströse, die Gewalttätigkeit, das Verbrecherische dieser Politik endlich offen benannt würde!
Statt dessen wird uns weiterhin, wie etwa in der Europa-Berichterstattung des Deutschlandfunks, die forcierte kriegsdienstliche Mobilmachung der Zivilbevölkerung in den Ländern des Baltikums oder in Polen als Vorbild für die neue Normalität der Kriegsvorbereitung auch in Deutschland alltagsrealistisch vorgestellt und schmackhaft gemacht. Seht her, es macht sogar Spaß, Kinder und Erwachsene, Mütter und Großväter, ganze Familien melden sich zu Wochenend-Kursen mit Schießübungen und Überlebenstraining an. – Apropos Überlebenstraining, infam, wie der zivile Katastrophenschutz als berechtigtes Bürgeranliegen für Kriegsvorbereitungszwecke in einer aktualisierten Bevölkerungsschutz-Broschüre des BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) instrumentalisiert, um nicht zu sagen missbraucht wird. Wo doch in Wahrheit der Klimaschutz, die entscheidende Vorsorgemaße in Sachen zivilem Katastrophenschutz, keinerlei Rolle mehr spielt für eine Politik, die Hochrüstung und militärische Abschreckung und mithin Kriegsvorbereitung auf Platz eins ihrer Agenda gesetzt hat.
Keine Zurückhaltung, moralische Hemmschwelle oder Schamgrenze beim Bekunden öffentlicher Genugtuung über den gigantischen Aufschwung und den Höhenflug der heimischen Rüstungsindustrie. Explodierende Gewinne und Auftragsbücher, die aus allen Nähten platzen. Unverhohlene Begeisterung für todbringendes Kriegsgerät. Allenthalben aus dem Boden schießende Startups werden für ihre Kreativität und Innovation auf dem Gebiet der Drohnentechnik, der kriegsentscheidenden Waffentechnologie, gefeiert. Rüstungsunternehmen führen einem staunenden Publikum Videoaufnahmen vor, in denen sich Kamikaze-Drohnen gleichermaßen auf Kombattanten und militärisches Gerät, Personen und Objekte stürzen. Im Sekundentakt Menschen und Dinge pulverisieren. Die Faszination der Experten, ob in Thinktanks oder Redaktionen, kennt keine Grenzen. Erst recht keine Schamgrenzen.
Gekrönt wird diese hemmungslose politisch-mediale Inszenierung des Kriegs und seiner perfekten Vorbereitung durch die Heroisierung der Ukraine. Der beispiellos heldenhafte Abwehr- und Überlebenskampf des geeinten ukrainischen Volks überstrahle alles, stelle alle sonstigen Anstrengungen in den Schatten. So die ungetrübte Bewunderung, die mitunter in Schwärmerei übergeht. Originalton Sabine Adler im Deutschlandfunk-Kommentar:
„Die ukrainische Zivilgesellschaft hat sich zu einer selbstbewussten aktiven Kraft entwickelt, die von ihrem Freiheitswillen nicht ablässt. Die Menschen behalten auch im Krieg ihre Regierung genau im Blick. Sobald sie vom Weg abweicht, gehen sie auf die Straße, auch im Krieg. Sie nehmen korrupte Eliten nicht mehr hin, wollen Demokratie, den Rechtssaat und in die Europäische Union. Auch deswegen verteidigen sie ihr Land so hartnäckig, mit Effizienz und Erfindergeist. Wo von Deutschland dank der jetzt vereinbarten strategischen Partnerschaft einiges lernen kann. Denn keine Armee ist so kampferprobt, keine Verteidigungsindustrie so innovativ, keine Bevölkerung so resilient wie die in der Ukraine. Die eigenen Kräfte mit den ukrainischen zu bündeln stärkt die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas. Da hat der Bundeskanzler recht.“ (Dlf am 14.04.2026)
Die brutale Wirklichkeit hinter der heroisch-idealisierten Pseudorealität des Kommentars
Worüber der den Durchhaltewillen und den Heldenmut der Ukrainer rühmende Kommentar der Deutschlandfunk-Journalistin kein Wort verliert: Dass unzählige Opfer – Tote, Verwundete, Verstümmelte, Traumatisierte – der Preis jenes Durchhaltens sind. Des von der Kommentatorin auch für uns Deutsche als beispielgebend gepriesenen ukrainischen Heldentums. Opfer, bei denen im Unklaren bleibt, wie viele davon freiwillig in den Opfertod gegangen sind.
Denn wovon die Kommentatorin ebenfalls nicht spricht, was sie verschweigt: Wie überall, wo Staaten gegeneinander Krieg führen, beruht auch der Dienst im ukrainischen Militär nicht auf Freiwilligkeit. Am gleichen Tag, da Sabine Adler ihren euphorischen Kommentar abgegeben hat, war auf ihrem Sender ein Korrespondentenbericht zu hören über Zwangsrekrutierung in der Ukraine. Die Zahl der derzeit in der ukrainischen Armee Kämpfenden belaufe sich auf eine Million. Gleichzeitig betrage die Anzahl der Armeeangehörigen, die sich ihrem Dienst entzögen bzw. unerlaubt von der Truppe entfernt hätten (im Kriegsdienst- bzw. Militärjargon Fahnenflüchtige genannt) 200 000. Das heißt, jeder fünfte oder zwanzig Prozent der in der Armee Dienenden befinden sich auf der Flucht vor dem Krieg, dem mörderischen Dienst im Schützengraben, halten sich irgendwo im Land versteckt oder fliehen ins Ausland. Wird die Militärpolizei ihrer habhaft, werden sie zwangsweise zu ihrer Einheit zurückgebracht, gewaltsam zurück an die Front geschleppt. – Stellen wir uns vor, der Kommentar von Sabine Adler und der Korrespondentenbericht über Zwangsrekrutierung wären unmittelbar aufeinanderfolgend zu hören gewesen: Wie sähe wohl die spontane Reaktion auf das Gehörte aus, einerseits bei den Zuhörenden am Radio, andererseits bei der Kommentatorin? Vermutlich liege ich nicht ganz falsch, wenn ich annehme, Empörung bei den einen, Scham auf Seiten der anderen, bei der Kommentatorin.
Dazu:
https://www.deutschlandfunk.de/immer-mehr-deserteure-in-ukrainischer-armee-100.html
https://www.nachdenkseiten.de/?p=149105
Merz unterstützt Selenskyj dabei, nach Deutschland geflüchtete Soldaten wieder in die Ukraine zurückzuschicken!

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) "Die Scham muss die Seite wechseln", den Buchtitel von Gisele Pelicot, vielfaches Vergewaltigungsopfer, haben Raul Krauthausen und auch andere im Zusammenhang mit dem Fall Christian Ulmen aufgegriffen und zum Motto ihrer Solidaritätskampagne gemacht gegen cis-männliche sexualisierte Gewalt. Schämen müssen sich in Wahrheit die Täter und nicht ihre Opfer, die die Scham einmal mehr wehrlos macht.
Diese zutreffende Einsicht und die zurecht aus ihr gewonnene Schlussfolgerung und Forderung nach einem Seitenwechsel der Scham drängt sich mir unmittelbar auch hinsichtlich einer anderen aktuellen Täterschaft auf. Von der ein Gewaltpotential ungleich größerer Dimension droht, das der entfesselten Gewalt des Kriegs nämlich. Wie steht es mit dem Schamempfinden auf Seiten dieses Täterkollektivs?
Fehlanzeige, schamlos wird für Kriegstüchtigkeit getrommelt
Schämen müssen sollen sich die anderen, verlautet von Seiten des kriegsvorbereitenden Täterkollektivs. Diejenigen, die sich der kriegsdienstlichen Mobilmachung verweigern oder widersetzen, müssten sich schämen, weil sie sich ihrer gesellschaftlichen Solidaritätspflicht (zur Landesverteidigung) entzögen. Wegen Drückebergerei öffentlich bloßgestellt werden die Initiatoren von „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Ein auf dem Bedrohungsnarrativ insistierender Deutschlandfunk-Redakteur diffamiert die Initiative im Gespräch mit deren Sprecher, nennt die Streikenden schamlose Trittbrettfahrer einer Freiheit, die zu verteidigen sie anderen überließen. Der Kriegsvorbereitungsgegner und Kriegsdienstverweigerer Ole Nymoen (Autor des Buchs „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“) wird in TV-Talkrunden regelmäßig von den übrigen Teilnehmenden in die Landesverräterecke gestellt und moralisch diskreditiert. – Keine Spur von Scham auf Seiten derer, die Kriegsvorbereitung und Krieg wieder als legitimes Mittel der Politik betrachten und von jungen Menschen entsprechende Opferbereitschaft erwarten. Dagegen werden von ihnen diejenigen, die nicht bereit sind, sich an der brutalen Gewalt und dem massenhaften Töten im Kriegsfall zu beteiligen und sich selber nicht als „Kanonenfutter“ opfern lassen wollen, bedenkenlos öffentlicher Beschämung preisgegeben.
Unverschämte Kriegsvorbereitungspropaganda in den Mainstream-Medien
Wie ich es mir in Anbetracht der schwarz-rot-olivgrünen Mehrheitspolitik im Parlament bei Debatten und der Agenda im Bundestag gar nicht mehr anders vorstellen kann, als beinahe ausschließlich mit affirmativen Stimmen zu kriegsvorbereitender Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, militärischer Abschreckung, Aufrüstung, Waffenlieferungen etc. konfrontiert zu werden – so ergeht es mir auch beim Einschalten des Radios, ich muss fast ausnahmslos zustimmende Berichterstattung und kritiklose Kommentierung einer nationalen und internationalen Politik gewärtigen, die sich um bereits stattfindende Kriege und deren Vorbereitung dreht. Eine Politik, die sich damit rechtfertigt, auf eine vorgängige, nicht selbst, sondern von Kontrahenten verursachte Realität und deren teils desaströsen, verbrecherischen Bedingungen reagieren zu müssen. Kurz, eine angeblich alternativlos zum Mitspielen, gegebenenfalls also auch zum Kriegführen verdammte „Realpolitik“.
Gerade auch die öffentlich-rechtlichen Medien hierzulande – mittlerweile scheinen sie dies unausgesprochen als ihren Sendeauftrag zu verstehen – fungieren als Transmissionsriemen, um dieser „alternativlosen Realpolitik“ die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern, Massenloyalität zu garantieren. Sicherzustellen, dass genau das nicht eintritt, was zu Anfang in meinem Petitum gefordert, nämlich ein Seitenwechsel der Scham. Und mit diesem die ganze Fragwürdigkeit, das Desaströse, die Gewalttätigkeit, das Verbrecherische dieser Politik endlich offen benannt würde!
Statt dessen wird uns weiterhin, wie etwa in der Europa-Berichterstattung des Deutschlandfunks, die forcierte kriegsdienstliche Mobilmachung der Zivilbevölkerung in den Ländern des Baltikums oder in Polen als Vorbild für die neue Normalität der Kriegsvorbereitung auch in Deutschland alltagsrealistisch vorgestellt und schmackhaft gemacht. Seht her, es macht sogar Spaß, Kinder und Erwachsene, Mütter und Großväter, ganze Familien melden sich zu Wochenend-Kursen mit Schießübungen und Überlebenstraining an. – Apropos Überlebenstraining, infam, wie der zivile Katastrophenschutz als berechtigtes Bürgeranliegen für Kriegsvorbereitungszwecke in einer aktualisierten Bevölkerungsschutz-Broschüre des BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) instrumentalisiert, um nicht zu sagen missbraucht wird. Wo doch in Wahrheit der Klimaschutz, die entscheidende Vorsorgemaße in Sachen zivilem Katastrophenschutz, keinerlei Rolle mehr spielt für eine Politik, die Hochrüstung und militärische Abschreckung und mithin Kriegsvorbereitung auf Platz eins ihrer Agenda gesetzt hat.
Keine Zurückhaltung, moralische Hemmschwelle oder Schamgrenze beim Bekunden öffentlicher Genugtuung über den gigantischen Aufschwung und den Höhenflug der heimischen Rüstungsindustrie. Explodierende Gewinne und Auftragsbücher, die aus allen Nähten platzen. Unverhohlene Begeisterung für todbringendes Kriegsgerät. Allenthalben aus dem Boden schießende Startups werden für ihre Kreativität und Innovation auf dem Gebiet der Drohnentechnik, der kriegsentscheidenden Waffentechnologie, gefeiert. Rüstungsunternehmen führen einem staunenden Publikum Videoaufnahmen vor, in denen sich Kamikaze-Drohnen gleichermaßen auf Kombattanten und militärisches Gerät, Personen und Objekte stürzen. Im Sekundentakt Menschen und Dinge pulverisieren. Die Faszination der Experten, ob in Thinktanks oder Redaktionen, kennt keine Grenzen. Erst recht keine Schamgrenzen.
Gekrönt wird diese hemmungslose politisch-mediale Inszenierung des Kriegs und seiner perfekten Vorbereitung durch die Heroisierung der Ukraine. Der beispiellos heldenhafte Abwehr- und Überlebenskampf des geeinten ukrainischen Volks überstrahle alles, stelle alle sonstigen Anstrengungen in den Schatten. So die ungetrübte Bewunderung, die mitunter in Schwärmerei übergeht. Originalton Sabine Adler im Deutschlandfunk-Kommentar:
„Die ukrainische Zivilgesellschaft hat sich zu einer selbstbewussten aktiven Kraft entwickelt, die von ihrem Freiheitswillen nicht ablässt. Die Menschen behalten auch im Krieg ihre Regierung genau im Blick. Sobald sie vom Weg abweicht, gehen sie auf die Straße, auch im Krieg. Sie nehmen korrupte Eliten nicht mehr hin, wollen Demokratie, den Rechtssaat und in die Europäische Union. Auch deswegen verteidigen sie ihr Land so hartnäckig, mit Effizienz und Erfindergeist. Wo von Deutschland dank der jetzt vereinbarten strategischen Partnerschaft einiges lernen kann. Denn keine Armee ist so kampferprobt, keine Verteidigungsindustrie so innovativ, keine Bevölkerung so resilient wie die in der Ukraine. Die eigenen Kräfte mit den ukrainischen zu bündeln stärkt die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas. Da hat der Bundeskanzler recht.“ (Dlf am 14.04.2026)
Die brutale Wirklichkeit hinter der heroisch-idealisierten Pseudorealität des Kommentars
Worüber der den Durchhaltewillen und den Heldenmut der Ukrainer rühmende Kommentar der Deutschlandfunk-Journalistin kein Wort verliert: Dass unzählige Opfer – Tote, Verwundete, Verstümmelte, Traumatisierte – der Preis jenes Durchhaltens sind. Des von der Kommentatorin auch für uns Deutsche als beispielgebend gepriesenen ukrainischen Heldentums. Opfer, bei denen im Unklaren bleibt, wie viele davon freiwillig in den Opfertod gegangen sind.
Denn wovon die Kommentatorin ebenfalls nicht spricht, was sie verschweigt: Wie überall, wo Staaten gegeneinander Krieg führen, beruht auch der Dienst im ukrainischen Militär nicht auf Freiwilligkeit. Am gleichen Tag, da Sabine Adler ihren euphorischen Kommentar abgegeben hat, war auf ihrem Sender ein Korrespondentenbericht zu hören über Zwangsrekrutierung in der Ukraine. Die Zahl der derzeit in der ukrainischen Armee Kämpfenden belaufe sich auf eine Million. Gleichzeitig betrage die Anzahl der Armeeangehörigen, die sich ihrem Dienst entzögen bzw. unerlaubt von der Truppe entfernt hätten (im Kriegsdienst- bzw. Militärjargon Fahnenflüchtige genannt) 200 000. Das heißt, jeder fünfte oder zwanzig Prozent der in der Armee Dienenden befinden sich auf der Flucht vor dem Krieg, dem mörderischen Dienst im Schützengraben, halten sich irgendwo im Land versteckt oder fliehen ins Ausland. Wird die Militärpolizei ihrer habhaft, werden sie zwangsweise zu ihrer Einheit zurückgebracht, gewaltsam zurück an die Front geschleppt. – Stellen wir uns vor, der Kommentar von Sabine Adler und der Korrespondentenbericht über Zwangsrekrutierung wären unmittelbar aufeinanderfolgend zu hören gewesen: Wie sähe wohl die spontane Reaktion auf das Gehörte aus, einerseits bei den Zuhörenden am Radio, andererseits bei der Kommentatorin? Vermutlich liege ich nicht ganz falsch, wenn ich annehme, Empörung bei den einen, Scham auf Seiten der anderen, bei der Kommentatorin.
Dazu:
https://www.deutschlandfunk.de/immer-mehr-deserteure-in-ukrainischer-armee-100.html
https://www.nachdenkseiten.de/?p=149105
Merz unterstützt Selenskyj dabei, nach Deutschland geflüchtete Soldaten wieder in die Ukraine zurückzuschicken!




