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Zehn Irrtümer über Landminen

Ein Wald an dessen Rand ein Hinweisschild auf die Gefahr durch Minen steht.
Achrtung Minen - ein solches Schild weist auf große Gefahr hin
Foto: Pixabay/geraldsimon00

BERLIN (kobinet) Die Zahl der Opfer von Landminen und anderen explosiven Kriegsresten steigt seit dem Jahr 2020 kontinuierlich an. Rund 90 Prozent der Opfer sind Zivilistinnen und Zivilisten. Antipersonen-Minen waren in den Jahren davor für die meisten Staaten zum Tabu geworden. Seit der internationale Vertrag über ihr Verbot vor fast 30 Jahren geschlossen wurde, waren die Opferzahlen gesunken. Doch in den letzten Jahren nahmen Einsätze wieder zu, einige Staaten haben den Vertrag verlassen – und falsche Aussagen über diese Waffen verbreiten sich immer mehr. Darauf reagiert der gemeinsame Faktencheck der beiden Organisationen Handicap International und Human Rights Watch zum Internationalen Tag zur Aufklärung über die Minengefahr am 4. April , die beide zu den Gründern der Internationalen Landminenkampagne gehören.

Landminen sind Explosivwaffen, die im Boden verborgen werden und beim Kontakt oder bei Annäherung explodieren. Militärisch wird der Einsatz von Minen meist damit begründet, die Bewegungsfreiheit gegnerischer Kräfte einzuschränken oder bestimmte Gebiete zu sichern. Dafür werden sie häufig in großer Zahl und über weite Flächen verteilt – auf diese Weise entstehen ganze Minenfelder. Grundsätzlich unterscheidet man dabei zwei Typen: 1. Antipersonen-Minen, die sich gegen Menschen und 2. Antifahrzeug-Minen, welche ein deutlich höheres Gewicht zur Detonation benötigen und sich so gegen Panzer richten, aber auch zivile Fahrzeuge treffen.

Der Vertrag von Ottawa verbietet seit dem Jahr 1997 den Einsatz, die Herstellung, die Weitergabe und die Lagerung von Antipersonen-Minen und regelt die Räumung und Vernichtung dieser Waffen sowie die Unterstützung der Opfer. Die von HI und HRW mit gegründete Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen (ICBL) erhielt 1997 für ihren Einsatz den Friedensnobelpreis.

Um die weiterhin bestehenden und gegenwärtig wachsenden Gefahren durch diese Waffen verständlich zu machen, informieren Handicap International und Human Rights Watch zu noch vorhandenen Irrtümern zu diesen Minen.

Mythos 1: „Landminen sind hauptsächlich gegen Soldatinnen und Soldaten im Krieg gerichtet“. = Die Daten des jährlich erscheinenden Landminen-Monitor der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) zeigen eindeutig, dass – unabhängig davon, gegen wen sie sich richten – 90 Prozent der durch Landminen getöteten oder verletzten Menschen aus der Zivilbevölkerung stammen.

Mythos 2: „Landminen sind nicht verboten“ = Für die große Mehrheit der Staaten trifft diese Aussage – zumindest im Hinblick auf Antipersonen-Minen – nicht zu: Über 80 Prozent der Staaten weltweit haben die Ottawa‑Konvention (1997) ratifiziert und damit Antipersonen-Minen vollständig verboten.

Mythos 3: „Der Ottawa-Vertrag wirkt nicht, weil die USA, Russland und China noch nicht beigetreten sind“ = Das Ottawa‑Abkommen hat den Umgang mit Antipersonen-Minen grundlegend verändert: Es setzte humanitäre Prinzipien über militärische Interessen. Die große Mehrheit der Staaten hält sich bis heute an das Verbot. Selbst Nicht-Vertragsstaaten passten ihren Umgang lange Zeit an: Die USA verzichteten über Jahre de facto auf Antipersonen-Minen – bis zur Lieferung an die Ukraine Ende 2024. Seit Inkrafttreten des Vertrags sank die Zahl der Getöteten oder Verletzten von rund 26.000 auf etwa 5.000 pro Jahr.

Mythos 4: „Wenn man auf eine Antipersonen-Mine tritt, hat man noch Zeit der Explosion zu entkommen“ = Antipersonen-Minen detonieren sofort beim Auslösen – ohne Vorwarnung, ohne Verzögerung, ohne Chance zu fliehen. Sie sind so konstruiert, dass bereits geringer Druck die Explosion unmittelbar auslöst.

Mythos 5: „Antifahrzeug-Minen gefährden nur Panzer und andere militärische Fahrzeuge“ = Antifahrzeug‑Minen lösen nicht nur unter Panzern aus – im Gegenteil. Die Zahl der weltweiten Opfer durch Antifahrzeug-Minen hat sich seit 2022 nahezu verdreifacht, und rund 60 Prozent dieser weltweiten Vorfälle ereignen sich in der Ukraine.

Mythos 6: „Landminen sind besonders kostengünstig in der Produktion und deshalb eine unverzichtbare Waffe für die Grenzsicherung“ = Minenräumungsexperten betonen es immer wieder: Landminen sind zwar kostengünstig in der Produktion, es sind aber vor allem die Folgekosten, die sie sehr teuer machen.

Mythos 7: „Angesichts militärischer Bedrohungen sind Landminen heute wieder notwendig“ = In Zeiten moderner Kriegsführung ist die militärische Wirksamkeit von Antipersonen-Minen durch technische Fortschritte stark reduziert. Spezielle Räumgeräte sind in der Lage, unter Beschuss innerhalb weniger Minuten „sichere“ Korridore durch Minenfelder zu schaffen. Damit verlieren Minenfelder ihren früheren Abschreckungseffekt und sind heute höchstens ein taktisches Ärgernis – keine strategische Blockade mehr.

Mythos 8: „Smarte“ Minen sind sicher, weil sie sich selbst zerstören oder neutralisieren“ = Sogenannte „smarte“ Minen bieten militärisch keine verlässliche Lösung. Ihre Mechanismen zur Selbstzerstörung oder Selbstdeaktivierung funktionieren in der Praxis nicht immer zuverlässig – etwa durch Alterungsprozesse oder Witterungseinflüsse.

Mythos 9: „Wenn Minen sorgfältig vermessen und kartiert sind, lassen sie sich problemlos räumen“ = Selbst kartografierte Minenfelder vereinfachen die Räumung in der Realität oft nicht, weil Umwelteinflüsse (Regen, Erosion, Überschwemmungen, Frost, Tieraktivität) Minen verschieben und die Koordinaten über die Zeit unzuverlässig machen.

Mythos 10: „Moderne Technik erlaubt eine schnelle und vollständige Räumung von Minenfeldern“ = Räumungsgeräte sind nicht überall einsetzbar, weil, zum Beispiel, es die Vegetation nicht zulässt, die schweren Geräte nicht in betroffene Regionen transportiert werden können oder die Instandhaltung im jeweiligen Land nicht möglich ist.

Human Rights Watch und Handicap International fordern die Staaten auf, den Landminen‑Verbotsvertrag zu stärken, Vertragsaustritte rückgängig zu machen und die internationale Finanzierung für Minenräumung sowie die Unterstützung der Überlebenden deutlich zu erhöhen.