Staufen (kobinet)
Ich schreibe weiter über Ralph Milewskis Ideen.
Er denkt nach über Able-ismus.
Able-ismus bedeutet: Menschen werden nach ihrer Leistung bewertet.
Leistung bedeutet: Was ein Mensch tun und schaffen kann.
Menschen mit Behinderung gelten dann als weniger wert.
Diese Denkweise gibt es seit sehr langer Zeit.
Diese Denkweise überlebt viele gesellschaftliche Systeme.
Gesellschaftliche Systeme sind Regeln für das Leben zusammen.
Diese Regeln gelten für alle Menschen.
Sie ändern sich, aber der Able-ismus bleibt.
Früher gab es eine andere Idee vom Menschen.
Der Philosoph Kant sagte: Alle Menschen sind gleich viel wert.
Philosoph bedeutet: Ein Mensch, der über das Leben nachdenkt.
Diese Idee heißt universal-istische Moral.
Universal-istische Moral bedeutet: Alle Menschen haben die gleiche Würde.
Das soll für alle Menschen gelten.
Zum Beispiel: Alle sollen fair behandelt werden.
Aber diese Idee hat den Able-ismus nicht besiegt.
Der Able-ismus ist immer noch sehr stark.
Heute leben wir im Neo-Liberalismus.
Neo-Liberalismus ist eine politische Idee.
Der Staat soll wenig regeln.
Wirtschaft und Leistung stehen an erster Stelle.
In diesem System zählt: Was kann jemand leisten?
Das macht den Able-ismus noch stärker.
Was können wir dagegen tun?
Am Menschen-Bild ansetzen statt am System
Milewski macht einen Vorschlag.
Wir sollen das Menschen-Bild verändern.
Menschen-Bild bedeutet: Was denken wir über Menschen?
Das alte Menschen-Bild bewertet Menschen nach Nützlichkeit.
Nützlichkeit bedeutet: Wie viel kann jemand leisten?
Dieses Menschen-Bild soll durch ein neues ersetzt werden.
Im alten Menschen-Bild gilt: Abhängigkeit ist ein Fehler.
Abhängigkeit bedeutet: Man braucht Hilfe von anderen.
Milewski sagt: Das ist falsch.
Abhängigkeit gehört zum Leben dazu.
Das neue Menschen-Bild soll Abhängigkeit als normal sehen.
Unabhängigkeit soll nicht mehr das oberste Ziel sein.
Aber: Wird das wirklich funktionieren?
Ich bezweifle das.
Werte-Wandel braucht sehr viel Zeit.
Werte-Wandel bedeutet: Die wichtigen Ideen einer Gesellschaft verändern sich.
Was früher wichtig war, wird heute anders gesehen.
Das geht nicht schnell durch Reden oder Aufklärung.
Es braucht tiefgreifende Veränderungen im Alltag.
Der Philosoph Nietzsche wollte auch Werte umkehren.
Er nannte das: Umwertung der Werte.
Alte Ideen werden neu bewertet.
Was früher wichtig war, gilt vielleicht nicht mehr.
Nietzsche sagte: Mitgefühl mit Schwachen ist falsch.
Stärke und Härte seien besser.
Diese Idee konnte das christliche Menschen-Bild nicht ersetzen.
Nur der National-Sozialismus nutzte Nietzsche für seine Zwecke.
National-Sozialismus ist eine menschen-feindliche Welt-Ansicht.
Nazis glaubten an den National-Sozialismus.
Heute feiert unsere Gesellschaft Gewinner und Starke.
Das erinnert an Nietzsche.
Der Neo-Liberalismus hat Werte sehr schnell verändert.
Leistung und Verwert-barkeit stehen jetzt ganz oben.
Verwert-barkeit bedeutet: Wie viel Nutzen bringt eine Person?
Zum Beispiel: Eine Fähigkeit hilft dir bei der Arbeit.
Milewski fragt: Kann die Gesellschaft Verwert-barkeit überwinden?
Meine Antwort ist: Im Moment nicht.
Der Neo-Liberalismus verstärkt Verwert-barkeit immer mehr.
Der Druck beginnt schon bei kleinen Kindern.
Früh-Förderung soll Kinder früh fördern.
Vor-Schule soll Kinder auf die Schule vorbereiten.
So sollen Kinder besser werden.
Das nennt man auch: Humankapi-tal-Investition.
Menschen lernen neue Dinge, um besser arbeiten zu können.
Geld und Zeit werden für Bildung eingesetzt.
Ein neues Menschen-Bild allein hilft da wenig.
Auch Kants Ideen haben nichts geändert.
Die universal-istische Moral hat nichts geändert.
Die UN-Behinderten-Rechts-Konvention geht auf diese Ideen zurück.
Das ist ein Vertrag von vielen Ländern.
Der Vertrag sagt: Menschen mit Behinderung haben die gleichen Rechte.
Aber der Able-ismus im Alltag bleibt bestehen.
Das System bestätigt jeden Tag das alte Menschen-Bild.
Dagegen helfen Argumente allein nicht.
Weniger Vita Activa, mehr Vita Contemplativa
Vita Activa bedeutet: Das tätige, arbeitende Leben.
Der Mensch handelt und gestaltet die Welt.
Vita Contemplativa bedeutet: Das ruhige, nachdenkliche Leben.
Der Mensch beobachtet die Welt und denkt nach.
Bei mir wurde mit 9 Jahren eine Augen-Erkrankung festgestellt.
Die Erkrankung schritt langsam voran.
Nach dem 50. Lebens-Jahr wurde ich vollständig blind.
Trotzdem hat das able-istische Menschen-Bild mein Leben nie bestimmt.
Ich war selten ein widerstandsloser Teil des Systems.
Wie kam das?
Es gab 2 wichtige Schritte in meinem Leben.
Der erste Schritt war politisches Denken.
Ich beschäftigte mich mit linker und alternativer Politik.
Ich kritisierte das Wirtschafts-System.
Ich wollte eine gerechtere Gesellschaft.
Die Idee: Jeder gibt nach seinen Fähigkeiten.
Jeder bekommt nach seinen Bedürfnissen.
Der zweite Schritt war die Meditation.
Meditation bedeutet: Regelmäßige Übung in Stille und innerer Ruhe.
Du sitzt still und atmest ruhig.
Du denkst dabei an nichts Bestimmtes.
Durch Meditation lernte ich den Unterschied zwischen Haben und Sein.
Der Psycho-Analytiker Erich Fromm schrieb darüber.
Psycho-Analytiker bedeutet: Ein Arzt für die Seele.
Haben bedeutet: Immer mehr wollen und nie genug haben.
Sein bedeutet: Im Moment ruhen und Frieden finden.
Alle Gesellschaften halten Menschen im Begehren gefangen.
Begehren bedeutet: Immer mehr wollen.
Du wünschst dir etwas sehr stark.
Ungleichheit und Kampf verstärken das Begehren.
Selbst mit viel Geld hört das Haben-Wollen nicht auf.
Es gibt kein befriedigendes Genug.
In der Meditation geschieht etwas anderes.
Man lässt Denken und Wünschen los.
Man erlebt Sein statt Haben.
Das bringt Frieden, Fülle und Sinn.
Dieses Glück ist jederzeit erfahrbar.
Es kostet nichts und braucht nichts.
Ich nenne dieses Loslassen: NICHTS.
Haben dreht sich immer um etwas.
Sein hat keinen Inhalt aus der Außen-Welt.
Es ist ein Nichts im Vergleich zum Haben-Wollen.
Aber genau dort entstehen Frieden und Fülle.
Wer diese Erfahrung macht, verändert sich von innen.
Sie oder er führt dann ein beschauliches Leben.
Das nennt man Vita Contemplativa.
Der Anteil von Arbeit und Leistung wird kleiner.
Das ist mein persönlicher Weg aus dem Able-ismus.
Hier beende ich meine persönlichen Überlegungen.
Was andere aus der Behinderten-Community schließen, ist ihre Entscheidung.
Behinderten-Community bedeutet: Menschen mit Behinderung, die sich zusammentun.
Sie sprechen über ihre Erfahrungen.
Sie setzen sich gemeinsam für ihre Rechte ein.
Das sollte gemeinsam besprochen werden.
Ralph Milewski wird dem sicher zustimmen.
Milewski ist Fotograf.
Seine Kunst soll als Kunst gesehen werden.
Nicht als Behinderten-Kunst.
Kürzlich zeigte er eine Foto-Ausstellung in Kiew.
Für mich ist seine Arbeit ein Stück Vita Contemplativa.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Ich fahre fort mit meinen Ausführungen zu Ralph Milewskis grundsätzlichem Nachdenken, über den die Zeiten und die Systeme überdauernden Ableismus und das ihn leitende Menschenbild. Ergebnis meiner vorangehenden Überlegungen war, dass die ideengeschichtlich auf Kants Aufklärungsphilosophie zurückgehende universalistische Moral es bis heute nicht vermocht hat, das ableistische Menschenbild Schachmatt oder außer Kraft zu setzen. Gerade in unserer neoliberalen Gegenwart scheinen die sozioökonomischen Strukturen und die sich aus ihnen ergebenden prägenden Orientierungen und Verhaltensmuster das ableistische Menschenbild erneut zu plausibilisieren und zu einem handlungsleitenden Schema "abzudaten". – Was also tun?
Statt am „System“ (Neoliberalismus etc.) beim „Menschenbild“ ansetzen
Dies schlägt Milewski vor oder legt es nahe, denn ausdrücklich sagt nicht, wir sollten uns an den Entwurf und die Formulierung eines anderen Menschenbildes machen, dem ableistischen ein nichtableistisches Menschenbild gegenüberstellen. Dabei käme es vor allem auf „normative Umbesetzungen“ an, mit Nietzsche zu sprechen ginge es um eine „Umwertung der Werte“.
Was hieße das konkret? In erster Linie müsste an die Stelle der favorisierten Bewertung nach „Brauchbarkeit“ bzw. „Nützlichkeit“ (von Milewski moniert) etwas anderes treten. Um den heute gängigsten Ausdruck unter den „utilitaristisch-ökonomistischen“ zu nehmen, „Leistungsfähigkeit“, müsste durch einen alternativen obersten Wert vom Spitzenreiterplatz verdrängt werden. Hätten wir einen überzeugenden Alternativwert vorzuschlagen? Falls nicht, könnte diese Stelle auch leer oder unbesetzt bleiben? Hauptsache keine Nützlichkeitsbewertung. Einen positiven Umbesetzungsvorschlag lässt Milewski durchblicken, wenn er am überkommenen ableistischen Menschenbild beanstandet „Abhängigkeit gilt als Defizit statt als Teil des Lebens“. Dagegen gälte es in einem neuen nonableistischen Menschenbild „Abhängigkeit als Teil des Lebens“ positiv bzw. hochzubewerten. Und Unabhängikeit, heute geschätzt und erstrebenswert, wenig wünschenswert bis bedenklich zu finden.
Diskurspolitisch erfolgversprechend? Ich bezweifle es. – Wertewandel, zumal einen grundlegenden, hat man sich als langwierigen, graduellen Prozess vorzustellen. Der nicht nur und wahrscheinlich nicht einmal hauptsächlich auf mentaler und diskursiver Ebene vonstatten geht. Und der sich folglich auch nicht argumentativ, mittels Aufklärungskampagnen nennenswert forcieren ließe. Der seinerzeit geistesaristokratisch-herrenmenschlich auftrumpfende Nietzsche machte es sich einfach mit seiner „Umwertung der Werte“: Christliches Barmherzigsein mit den Schwachen war für ihn „Sklavenmoral“ und via schlichter Umkehrung durch die „Herrenmoral“ der mitleidsunempfind-lichen Starken zu ersetzen. Gegen die ideelle Vorherrschaft des christlich-humanistischen Menschenbilds und im Anschluss daran der universalistischen Moral hat Nietzsches Herrenmoral nichts ausrichten können. Ideologisch menschenbildlich wurde sie lediglich vom Nationalsozialismus aufgegriffen. Dennoch erinnert die die Gewinner, Sieger und Helden (nicht nur in Sport und Showbusiness) feiernde Mentalität der Gegenwart an Nietzsches „Feier der Starken“. Insofern hat der Neoliberalismus in der Tat eine rasante nietzscheanische „Umwertung der Werte“ hingelegt.
Auf Milewskis vollkommen korrekte Kardinalfrage bezüglich Überwindung des Ableimus und ableistischer Menschenbilder, „ob die Gesellschaften es schaffen Verwertbarkeit zu überwinden“, drängt sich mir „evidenzbasiert“ nur die eine vorläufige Antwort auf: Mit dem Neoliberalismus strebt die gegenwärtige Weltgesellschaft einem Kulminationspunkt der „Verwertbarkeit“ zu. In der Regel weniger grobschlächtig als in Zeiten der Vor- und Frühmoderne (keine feudale Fronarbeit und keine fühkapitalistische Kinderarbeit in Bergwerksstollen mehr), dafür unendlich subtil, mit immensem Leistungsdruck und Optimierungszwang von Kindesbeinen an, beginnend mit streng getakteter Vorschulerziehung und Frühförderung („kindliches Humankapital“, in das Bildung frühzeitig „rentabel investiert“). Dagegen vermöchte ein nichtableistisches Menschenbild spürbar und nachhaltig ebensowenig etwas auszurichten wie die durch Kants aufklärerisches Menschenbild (der Mensch nicht nur Gebrauchsmittel, sondern würdeverleihender Zweck in sich) inspirierte universalistische Moral dies vermocht hat (von der sich auch die UN-BRK letztendlich herleitet). – Fazit: Menschenbild statt System zum Fokus machen, würde an unserer praktischen Ohnmacht den ableistischen Verhältnissen gegenüber so gut wie nichts ändern. An den „fundamental believes“ des ableistischen Menschenbilds beißt sich argumentative Gegenaufklärung die Zähne aus, solange der tagtägliche Ableismus des „Systems“ dem ableistischen „confirmation bias“ recht gibt.
Vita activa möglichst reduziert, meditativ praktizierte Vita contemplativa statt dessen
Was ist mit mir? Bei dem im Alter von neun Jahren eine allmählich fortschreitende Netzhauterkrankung diagnostiziert wurde. Wie kann es sein, wie kam es, dass für mich, einen zunächst Sehbehinderten und nach dem 50. Lebensjahr vollständig Erblindeten, das ableistische Menschenbild nie wirklich die Richtschnur meines Lebens gewesen ist und ich auch zu kaum einer Zeit ein verhaltenskonformer, widerstandsloser Teil des systemischen Ableismus gewesen bin.
Meine Entidentifizierung, meine Distanzierung von Menschenbild und System vollzog sich (während des frühen Erwachsenenalters bis zur Mitte des vierten Lebensjahrzehnts) im wesentlichen über zwei lebensgeschichtliche Erfahrungs- und Lernschritte.
Mit den Jahren der „linksalternativen Politisierung“ und einer wissenschaftlich intellektuellen Systemkritik hatte ich einen ersten Schritt heraus aus der „Welt von Konsum, Konkurrenz und Karriere“ getan. Sozialutopisch in Richtung eines „kommunitären Kommunismus“ (nicht eines planwirtschaftlich staatsbürokratischen). Dessen egalitär inklusiv akzentuierte arbeits- und verteilungspolitische Maxime „jeder und jede gemäß eigener Fähigkeiten, jedem und jeder entsprechend den individuellen Bedürfnissen“ noch am ehesten das ableitische Menschenbild zu unterminieren vermöchte (im Rahmen einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft jenseits von Ausbeutung und grenzenlosem Wachstum).
Der zweite und entscheidende Schritt, gewissermaßen die „Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft“ gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse und deren Menschenbild, war für mich die Begegnung mit meditativer Praxis. Die regelmäßige Übung in kontemplativer Zurückgezogenheit und einem auch inneren, gedanklichen Schweigen ließ mich den Unterschied zwischen „Haben und Sein“ (mit dem Psychoanalytiker Erich Fromm gesprochen) erfahren. Alle bisherigen Gesellschaften haben die Menschen in der Abhängigkeit eines leidverursachenden Begehrens gehalten. Sie erst recht durch Ungleichheit und Überlebenskampf, Herrschaft und Unterdrückung an ein „Haben-Wollen“ gekettet, das in sich kein befriedigendes oder beglückendes Genug kennt. Nicht einmal inmitten von materiellem Reichtum, weit jenseits von empfindlicher Not und wirtschaftlichem Mangel.
Während ich damit hier lediglich eine Erkenntnis oder Einsicht referiere (einige werden sagen eine bloße These, die anfechtbar und argumentativ widerlegbar sei), ereignet sich in der Meditation (methodisch praktiziert) etwas von einem Erkennen mittels konzentriertem Nachdenken sehr Verschiedenes. Vergleichbar einer „Intuition“, einer unmittelbaren Einsicht in das Wesen oder Wesentliche einer Sache oder Angelegenheit. In diesem Fall das Wesentliche der menschlichen Existenz. Und mithin in das wahre Wesen von Welt und Selbst. – Worin diese nicht logisch begründete, argumentativ hergeleitete, vielmehr intuitiv erfasste „kontemplative Wahrheit“ besteht: lassen wir in tiefer psychosomatischer Entspannung in unserem Geist Denken und Wünschen und mit ihnen alles Haben-Wollen los, dann erleben wir mit einem Mal „Sein“ statt „Haben“. Und in und mit ihm Frieden, Fülle und Sinn. Ein Gratis-Glück salopp gesagt, allzeit erfahrbar, wenn erst einmal das nimmersatte Haben-Wollen in uns schweigt.
Dieses Loslassen des Haben-Wollens, das Ablassen vom Begehren – notwendend im wörtlichen Verständnis von notwendig, erlösend vom existenziellen Leiden –, möchte ich mit meinem in Großbuchstaben geschriebenen NICHTS akzentuieren. Zugespitzt gesagt: Im Unterschied zu Haben, das stets um ein Etwas kreist, hat Sein keinerlei Etwas zum Inhalt und ist insofern nichts. Ein Nichts, verglichen mit dem, worauf unser Sinnen und Trachten und alles Haben-Wollen in dieser Welt oder Gesellschaft gerichtet ist. Fülle, Friede und Sinn des meditativ erfahrenen Seins entspringen da, wo Haben nicht ist und keine Rolle mehr spielt.
Wen diese Seins-Erfahrung, was in ihrer Natur liegt, im Innersten erschüttert und verwandelt, wird daraus die Konsequenz einer überflüssiges Leiden vermeidenden kontemplativen Lebensführung, einer „Vita contemplativa“ ziehen. Dadurch kann sich das beglückende und segensreiche dieser Erfahrung verstetigen. Und entsprechend der tägliche und auch der lebenszeitliche Anteil oder Umfang der (heute neoliberal imprägnierten) „Vita aktiva“, das Arbeits- und Berufsleben also, reduzieren.
An dieser Stelle breche ich meine autobiographisch inspirierten Überlegungen ab. Welche Schlussfolgerungen andere aus der Behindertencommunity für sich bzw. den behindertenpolitischen Aktivismus ziehen oder auch nicht, dies wäre sinnvollerweise mit ihnen gemeinsam zu erörtern.
Worin mir Ralph Milewski sicher zustimmen wird. Dessen photographische Kunst – die er auch als solche, als Kunst, aufgefasst sehen möchte und ausdrücklich nicht als „Behindertenkunst“ oder „Kunst von einem Behinderten“ – für mich übrigens ein Stück „Vita contemplativa“ verkörpert. Den Eindruck habe ich bei seiner kürzlich in einer Kiewer Kunstgalerie per digitaler Projektion gezeigten Photoausstellung gewonnen.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Ich fahre fort mit meinen Ausführungen zu Ralph Milewskis grundsätzlichem Nachdenken, über den die Zeiten und die Systeme überdauernden Ableismus und das ihn leitende Menschenbild. Ergebnis meiner vorangehenden Überlegungen war, dass die ideengeschichtlich auf Kants Aufklärungsphilosophie zurückgehende universalistische Moral es bis heute nicht vermocht hat, das ableistische Menschenbild Schachmatt oder außer Kraft zu setzen. Gerade in unserer neoliberalen Gegenwart scheinen die sozioökonomischen Strukturen und die sich aus ihnen ergebenden prägenden Orientierungen und Verhaltensmuster das ableistische Menschenbild erneut zu plausibilisieren und zu einem handlungsleitenden Schema "abzudaten". – Was also tun?
Statt am „System“ (Neoliberalismus etc.) beim „Menschenbild“ ansetzen
Dies schlägt Milewski vor oder legt es nahe, denn ausdrücklich sagt nicht, wir sollten uns an den Entwurf und die Formulierung eines anderen Menschenbildes machen, dem ableistischen ein nichtableistisches Menschenbild gegenüberstellen. Dabei käme es vor allem auf „normative Umbesetzungen“ an, mit Nietzsche zu sprechen ginge es um eine „Umwertung der Werte“.
Was hieße das konkret? In erster Linie müsste an die Stelle der favorisierten Bewertung nach „Brauchbarkeit“ bzw. „Nützlichkeit“ (von Milewski moniert) etwas anderes treten. Um den heute gängigsten Ausdruck unter den „utilitaristisch-ökonomistischen“ zu nehmen, „Leistungsfähigkeit“, müsste durch einen alternativen obersten Wert vom Spitzenreiterplatz verdrängt werden. Hätten wir einen überzeugenden Alternativwert vorzuschlagen? Falls nicht, könnte diese Stelle auch leer oder unbesetzt bleiben? Hauptsache keine Nützlichkeitsbewertung. Einen positiven Umbesetzungsvorschlag lässt Milewski durchblicken, wenn er am überkommenen ableistischen Menschenbild beanstandet „Abhängigkeit gilt als Defizit statt als Teil des Lebens“. Dagegen gälte es in einem neuen nonableistischen Menschenbild „Abhängigkeit als Teil des Lebens“ positiv bzw. hochzubewerten. Und Unabhängikeit, heute geschätzt und erstrebenswert, wenig wünschenswert bis bedenklich zu finden.
Diskurspolitisch erfolgversprechend? Ich bezweifle es. – Wertewandel, zumal einen grundlegenden, hat man sich als langwierigen, graduellen Prozess vorzustellen. Der nicht nur und wahrscheinlich nicht einmal hauptsächlich auf mentaler und diskursiver Ebene vonstatten geht. Und der sich folglich auch nicht argumentativ, mittels Aufklärungskampagnen nennenswert forcieren ließe. Der seinerzeit geistesaristokratisch-herrenmenschlich auftrumpfende Nietzsche machte es sich einfach mit seiner „Umwertung der Werte“: Christliches Barmherzigsein mit den Schwachen war für ihn „Sklavenmoral“ und via schlichter Umkehrung durch die „Herrenmoral“ der mitleidsunempfind-lichen Starken zu ersetzen. Gegen die ideelle Vorherrschaft des christlich-humanistischen Menschenbilds und im Anschluss daran der universalistischen Moral hat Nietzsches Herrenmoral nichts ausrichten können. Ideologisch menschenbildlich wurde sie lediglich vom Nationalsozialismus aufgegriffen. Dennoch erinnert die die Gewinner, Sieger und Helden (nicht nur in Sport und Showbusiness) feiernde Mentalität der Gegenwart an Nietzsches „Feier der Starken“. Insofern hat der Neoliberalismus in der Tat eine rasante nietzscheanische „Umwertung der Werte“ hingelegt.
Auf Milewskis vollkommen korrekte Kardinalfrage bezüglich Überwindung des Ableimus und ableistischer Menschenbilder, „ob die Gesellschaften es schaffen Verwertbarkeit zu überwinden“, drängt sich mir „evidenzbasiert“ nur die eine vorläufige Antwort auf: Mit dem Neoliberalismus strebt die gegenwärtige Weltgesellschaft einem Kulminationspunkt der „Verwertbarkeit“ zu. In der Regel weniger grobschlächtig als in Zeiten der Vor- und Frühmoderne (keine feudale Fronarbeit und keine fühkapitalistische Kinderarbeit in Bergwerksstollen mehr), dafür unendlich subtil, mit immensem Leistungsdruck und Optimierungszwang von Kindesbeinen an, beginnend mit streng getakteter Vorschulerziehung und Frühförderung („kindliches Humankapital“, in das Bildung frühzeitig „rentabel investiert“). Dagegen vermöchte ein nichtableistisches Menschenbild spürbar und nachhaltig ebensowenig etwas auszurichten wie die durch Kants aufklärerisches Menschenbild (der Mensch nicht nur Gebrauchsmittel, sondern würdeverleihender Zweck in sich) inspirierte universalistische Moral dies vermocht hat (von der sich auch die UN-BRK letztendlich herleitet). – Fazit: Menschenbild statt System zum Fokus machen, würde an unserer praktischen Ohnmacht den ableistischen Verhältnissen gegenüber so gut wie nichts ändern. An den „fundamental believes“ des ableistischen Menschenbilds beißt sich argumentative Gegenaufklärung die Zähne aus, solange der tagtägliche Ableismus des „Systems“ dem ableistischen „confirmation bias“ recht gibt.
Vita activa möglichst reduziert, meditativ praktizierte Vita contemplativa statt dessen
Was ist mit mir? Bei dem im Alter von neun Jahren eine allmählich fortschreitende Netzhauterkrankung diagnostiziert wurde. Wie kann es sein, wie kam es, dass für mich, einen zunächst Sehbehinderten und nach dem 50. Lebensjahr vollständig Erblindeten, das ableistische Menschenbild nie wirklich die Richtschnur meines Lebens gewesen ist und ich auch zu kaum einer Zeit ein verhaltenskonformer, widerstandsloser Teil des systemischen Ableismus gewesen bin.
Meine Entidentifizierung, meine Distanzierung von Menschenbild und System vollzog sich (während des frühen Erwachsenenalters bis zur Mitte des vierten Lebensjahrzehnts) im wesentlichen über zwei lebensgeschichtliche Erfahrungs- und Lernschritte.
Mit den Jahren der „linksalternativen Politisierung“ und einer wissenschaftlich intellektuellen Systemkritik hatte ich einen ersten Schritt heraus aus der „Welt von Konsum, Konkurrenz und Karriere“ getan. Sozialutopisch in Richtung eines „kommunitären Kommunismus“ (nicht eines planwirtschaftlich staatsbürokratischen). Dessen egalitär inklusiv akzentuierte arbeits- und verteilungspolitische Maxime „jeder und jede gemäß eigener Fähigkeiten, jedem und jeder entsprechend den individuellen Bedürfnissen“ noch am ehesten das ableitische Menschenbild zu unterminieren vermöchte (im Rahmen einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft jenseits von Ausbeutung und grenzenlosem Wachstum).
Der zweite und entscheidende Schritt, gewissermaßen die „Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft“ gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse und deren Menschenbild, war für mich die Begegnung mit meditativer Praxis. Die regelmäßige Übung in kontemplativer Zurückgezogenheit und einem auch inneren, gedanklichen Schweigen ließ mich den Unterschied zwischen „Haben und Sein“ (mit dem Psychoanalytiker Erich Fromm gesprochen) erfahren. Alle bisherigen Gesellschaften haben die Menschen in der Abhängigkeit eines leidverursachenden Begehrens gehalten. Sie erst recht durch Ungleichheit und Überlebenskampf, Herrschaft und Unterdrückung an ein „Haben-Wollen“ gekettet, das in sich kein befriedigendes oder beglückendes Genug kennt. Nicht einmal inmitten von materiellem Reichtum, weit jenseits von empfindlicher Not und wirtschaftlichem Mangel.
Während ich damit hier lediglich eine Erkenntnis oder Einsicht referiere (einige werden sagen eine bloße These, die anfechtbar und argumentativ widerlegbar sei), ereignet sich in der Meditation (methodisch praktiziert) etwas von einem Erkennen mittels konzentriertem Nachdenken sehr Verschiedenes. Vergleichbar einer „Intuition“, einer unmittelbaren Einsicht in das Wesen oder Wesentliche einer Sache oder Angelegenheit. In diesem Fall das Wesentliche der menschlichen Existenz. Und mithin in das wahre Wesen von Welt und Selbst. – Worin diese nicht logisch begründete, argumentativ hergeleitete, vielmehr intuitiv erfasste „kontemplative Wahrheit“ besteht: lassen wir in tiefer psychosomatischer Entspannung in unserem Geist Denken und Wünschen und mit ihnen alles Haben-Wollen los, dann erleben wir mit einem Mal „Sein“ statt „Haben“. Und in und mit ihm Frieden, Fülle und Sinn. Ein Gratis-Glück salopp gesagt, allzeit erfahrbar, wenn erst einmal das nimmersatte Haben-Wollen in uns schweigt.
Dieses Loslassen des Haben-Wollens, das Ablassen vom Begehren – notwendend im wörtlichen Verständnis von notwendig, erlösend vom existenziellen Leiden –, möchte ich mit meinem in Großbuchstaben geschriebenen NICHTS akzentuieren. Zugespitzt gesagt: Im Unterschied zu Haben, das stets um ein Etwas kreist, hat Sein keinerlei Etwas zum Inhalt und ist insofern nichts. Ein Nichts, verglichen mit dem, worauf unser Sinnen und Trachten und alles Haben-Wollen in dieser Welt oder Gesellschaft gerichtet ist. Fülle, Friede und Sinn des meditativ erfahrenen Seins entspringen da, wo Haben nicht ist und keine Rolle mehr spielt.
Wen diese Seins-Erfahrung, was in ihrer Natur liegt, im Innersten erschüttert und verwandelt, wird daraus die Konsequenz einer überflüssiges Leiden vermeidenden kontemplativen Lebensführung, einer „Vita contemplativa“ ziehen. Dadurch kann sich das beglückende und segensreiche dieser Erfahrung verstetigen. Und entsprechend der tägliche und auch der lebenszeitliche Anteil oder Umfang der (heute neoliberal imprägnierten) „Vita aktiva“, das Arbeits- und Berufsleben also, reduzieren.
An dieser Stelle breche ich meine autobiographisch inspirierten Überlegungen ab. Welche Schlussfolgerungen andere aus der Behindertencommunity für sich bzw. den behindertenpolitischen Aktivismus ziehen oder auch nicht, dies wäre sinnvollerweise mit ihnen gemeinsam zu erörtern.
Worin mir Ralph Milewski sicher zustimmen wird. Dessen photographische Kunst – die er auch als solche, als Kunst, aufgefasst sehen möchte und ausdrücklich nicht als „Behindertenkunst“ oder „Kunst von einem Behinderten“ – für mich übrigens ein Stück „Vita contemplativa“ verkörpert. Den Eindruck habe ich bei seiner kürzlich in einer Kiewer Kunstgalerie per digitaler Projektion gezeigten Photoausstellung gewonnen.




