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Wie anders noch sich vom ableistischen Menschenbild befreien, wenn argumentative Aufklärung an Grenzen stößt

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Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
begutachtet das ableistische Menschenbild Tei 2
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Ich fahre fort mit meinen Ausführungen zu Ralph Milewskis grundsätzlichem Nachdenken, über den die Zeiten und die Systeme überdauernden Ableismus und das ihn leitende Menschenbild. Ergebnis meiner vorangehenden Überlegungen war, dass die ideengeschichtlich auf Kants Aufklärungsphilosophie zurückgehende universalistische Moral es bis heute nicht vermocht hat, das ableistische Menschenbild Schachmatt oder außer Kraft zu setzen. Gerade in unserer neoliberalen Gegenwart scheinen die sozioökonomischen Strukturen und die sich aus ihnen ergebenden prägenden Orientierungen und Verhaltensmuster das ableistische Menschenbild erneut zu plausibilisieren und zu einem handlungsleitenden Schema "abzudaten". – Was also tun?

Statt am „System“ (Neoliberalismus etc.) beim „Menschenbild“ ansetzen

Dies schlägt Milewski vor oder legt es nahe, denn ausdrücklich sagt nicht, wir sollten uns an den Entwurf und die Formulierung eines anderen Menschenbildes machen, dem ableistischen ein nichtableistisches Menschenbild gegenüberstellen. Dabei käme es vor allem auf „normative Umbesetzungen“ an, mit Nietzsche zu sprechen ginge es um eine „Umwertung der Werte“.

Was hieße das konkret? In erster Linie müsste an die Stelle der favorisierten Bewertung nach „Brauchbarkeit“ bzw. „Nützlichkeit“ (von Milewski moniert) etwas anderes treten. Um den heute gängigsten Ausdruck unter den „utilitaristisch-ökonomistischen“ zu nehmen, „Leistungsfähigkeit“, müsste durch einen alternativen obersten Wert vom Spitzenreiterplatz verdrängt werden. Hätten wir einen überzeugenden Alternativwert vorzuschlagen? Falls nicht, könnte diese Stelle auch leer oder unbesetzt bleiben? Hauptsache keine Nützlichkeitsbewertung. Einen positiven Umbesetzungsvorschlag lässt Milewski durchblicken, wenn er am überkommenen ableistischen Menschenbild beanstandet „Abhängigkeit gilt als Defizit statt als Teil des Lebens“. Dagegen gälte es in einem neuen nonableistischen Menschenbild „Abhängigkeit als Teil des Lebens“ positiv bzw. hochzubewerten. Und Unabhängikeit, heute geschätzt und erstrebenswert, wenig wünschenswert bis bedenklich zu finden.

Diskurspolitisch erfolgversprechend? Ich bezweifle es. – Wertewandel, zumal einen grundlegenden, hat man sich als langwierigen, graduellen Prozess vorzustellen. Der nicht nur und wahrscheinlich nicht einmal hauptsächlich auf mentaler und diskursiver Ebene vonstatten geht. Und der sich folglich auch nicht argumentativ, mittels Aufklärungskampagnen nennenswert forcieren ließe. Der seinerzeit geistesaristokratisch-herrenmenschlich auftrumpfende Nietzsche machte es sich einfach mit seiner „Umwertung der Werte“: Christliches Barmherzigsein mit den Schwachen war für ihn „Sklavenmoral“ und via schlichter Umkehrung durch die „Herrenmoral“ der mitleidsunempfind-lichen Starken zu ersetzen. Gegen die ideelle Vorherrschaft des christlich-humanistischen Menschenbilds und im Anschluss daran der universalistischen Moral hat Nietzsches Herrenmoral nichts ausrichten können. Ideologisch menschenbildlich wurde sie lediglich vom Nationalsozialismus aufgegriffen. Dennoch erinnert die die Gewinner, Sieger und Helden (nicht nur in Sport und Showbusiness) feiernde Mentalität der Gegenwart an Nietzsches „Feier der Starken“. Insofern hat der Neoliberalismus in der Tat eine rasante nietzscheanische „Umwertung der Werte“ hingelegt.

Auf Milewskis vollkommen korrekte Kardinalfrage bezüglich Überwindung des Ableimus und ableistischer Menschenbilder, „ob die Gesellschaften es schaffen Verwertbarkeit zu überwinden“, drängt sich mir „evidenzbasiert“ nur die eine vorläufige Antwort auf: Mit dem Neoliberalismus strebt die gegenwärtige Weltgesellschaft einem Kulminationspunkt der „Verwertbarkeit“ zu. In der Regel weniger grobschlächtig als in Zeiten der Vor- und Frühmoderne (keine feudale Fronarbeit und keine fühkapitalistische Kinderarbeit in Bergwerksstollen mehr), dafür unendlich subtil, mit immensem Leistungsdruck und Optimierungszwang von Kindesbeinen an, beginnend mit streng getakteter Vorschulerziehung und Frühförderung („kindliches Humankapital“, in das Bildung frühzeitig „rentabel investiert“). Dagegen vermöchte ein nichtableistisches Menschenbild spürbar und nachhaltig ebensowenig etwas auszurichten wie die durch Kants aufklärerisches Menschenbild (der Mensch nicht nur Gebrauchsmittel, sondern würdeverleihender Zweck in sich) inspirierte universalistische Moral dies vermocht hat (von der sich auch die UN-BRK letztendlich herleitet). – Fazit: Menschenbild statt System zum Fokus machen, würde an unserer praktischen Ohnmacht den ableistischen Verhältnissen gegenüber so gut wie nichts ändern. An den „fundamental believes“ des ableistischen Menschenbilds beißt sich argumentative Gegenaufklärung die Zähne aus, solange der tagtägliche Ableismus des „Systems“ dem ableistischen „confirmation bias“ recht gibt.

Vita activa möglichst reduziert, meditativ praktizierte Vita contemplativa statt dessen

Was ist mit mir? Bei dem im Alter von neun Jahren eine allmählich fortschreitende Netzhauterkrankung diagnostiziert wurde. Wie kann es sein, wie kam es, dass für mich, einen zunächst Sehbehinderten und nach dem 50. Lebensjahr vollständig Erblindeten, das ableistische Menschenbild nie wirklich die Richtschnur meines Lebens gewesen ist und ich auch zu kaum einer Zeit ein verhaltenskonformer, widerstandsloser Teil des systemischen Ableismus gewesen bin.
Meine Entidentifizierung, meine Distanzierung von Menschenbild und System vollzog sich (während des frühen Erwachsenenalters bis zur Mitte des vierten Lebensjahrzehnts) im wesentlichen über zwei lebensgeschichtliche Erfahrungs- und Lernschritte.

Mit den Jahren der „linksalternativen Politisierung“ und einer wissenschaftlich intellektuellen Systemkritik hatte ich einen ersten Schritt heraus aus der „Welt von Konsum, Konkurrenz und Karriere“ getan. Sozialutopisch in Richtung eines „kommunitären Kommunismus“ (nicht eines planwirtschaftlich staatsbürokratischen). Dessen egalitär inklusiv akzentuierte arbeits- und verteilungspolitische Maxime „jeder und jede gemäß eigener Fähigkeiten, jedem und jeder entsprechend den individuellen Bedürfnissen“ noch am ehesten das ableitische Menschenbild zu unterminieren vermöchte (im Rahmen einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft jenseits von Ausbeutung und grenzenlosem Wachstum).

Der zweite und entscheidende Schritt, gewissermaßen die „Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft“ gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse und deren Menschenbild, war für mich die Begegnung mit meditativer Praxis. Die regelmäßige Übung in kontemplativer Zurückgezogenheit und einem auch inneren, gedanklichen Schweigen ließ mich den Unterschied zwischen „Haben und Sein“ (mit dem Psychoanalytiker Erich Fromm gesprochen) erfahren. Alle bisherigen Gesellschaften haben die Menschen in der Abhängigkeit eines leidverursachenden Begehrens gehalten. Sie erst recht durch Ungleichheit und Überlebenskampf, Herrschaft und Unterdrückung an ein „Haben-Wollen“ gekettet, das in sich kein befriedigendes oder beglückendes Genug kennt. Nicht einmal inmitten von materiellem Reichtum, weit jenseits von empfindlicher Not und wirtschaftlichem Mangel.

Während ich damit hier lediglich eine Erkenntnis oder Einsicht referiere (einige werden sagen eine bloße These, die anfechtbar und argumentativ widerlegbar sei), ereignet sich in der Meditation (methodisch praktiziert) etwas von einem Erkennen mittels konzentriertem Nachdenken sehr Verschiedenes. Vergleichbar einer „Intuition“, einer unmittelbaren Einsicht in das Wesen oder Wesentliche einer Sache oder Angelegenheit. In diesem Fall das Wesentliche der menschlichen Existenz. Und mithin in das wahre Wesen von Welt und Selbst. – Worin diese nicht logisch begründete, argumentativ hergeleitete, vielmehr intuitiv erfasste „kontemplative Wahrheit“ besteht: lassen wir in tiefer psychosomatischer Entspannung in unserem Geist Denken und Wünschen und mit ihnen alles Haben-Wollen los, dann erleben wir mit einem Mal „Sein“ statt „Haben“. Und in und mit ihm Frieden, Fülle und Sinn. Ein Gratis-Glück salopp gesagt, allzeit erfahrbar, wenn erst einmal das nimmersatte Haben-Wollen in uns schweigt.

Dieses Loslassen des Haben-Wollens, das Ablassen vom Begehren – notwendend im wörtlichen Verständnis von notwendig, erlösend vom existenziellen Leiden –, möchte ich mit meinem in Großbuchstaben geschriebenen NICHTS akzentuieren. Zugespitzt gesagt: Im Unterschied zu Haben, das stets um ein Etwas kreist, hat Sein keinerlei Etwas zum Inhalt und ist insofern nichts. Ein Nichts, verglichen mit dem, worauf unser Sinnen und Trachten und alles Haben-Wollen in dieser Welt oder Gesellschaft gerichtet ist. Fülle, Friede und Sinn des meditativ erfahrenen Seins entspringen da, wo Haben nicht ist und keine Rolle mehr spielt.

Wen diese Seins-Erfahrung, was in ihrer Natur liegt, im Innersten erschüttert und verwandelt, wird daraus die Konsequenz einer überflüssiges Leiden vermeidenden kontemplativen Lebensführung, einer „Vita contemplativa“ ziehen. Dadurch kann sich das beglückende und segensreiche dieser Erfahrung verstetigen. Und entsprechend der tägliche und auch der lebenszeitliche Anteil oder Umfang der (heute neoliberal imprägnierten) „Vita aktiva“, das Arbeits- und Berufsleben also, reduzieren.

An dieser Stelle breche ich meine autobiographisch inspirierten Überlegungen ab. Welche Schlussfolgerungen andere aus der Behindertencommunity für sich bzw. den behindertenpolitischen Aktivismus ziehen oder auch nicht, dies wäre sinnvollerweise mit ihnen gemeinsam zu erörtern.
Worin mir Ralph Milewski sicher zustimmen wird. Dessen photographische Kunst – die er auch als solche, als Kunst, aufgefasst sehen möchte und ausdrücklich nicht als „Behindertenkunst“ oder „Kunst von einem Behinderten“ – für mich übrigens ein Stück „Vita contemplativa“ verkörpert. Den Eindruck habe ich bei seiner kürzlich in einer Kiewer Kunstgalerie per digitaler Projektion gezeigten Photoausstellung gewonnen.