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Maximal gefährdungsignorant, für unsereins mega riskant!

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Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
nimmt zwei Gefährdungsblinde ins Visier
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Der Weckruf gilt Raul Krauthausen und seinem Podcast-Gast Aladin El- Mafaalani. Grob Fahrlässig mindestens, so würde man im Straßenverkehr sagen, wie die beiden in ihrem jüngsten Gespräch das Verteidigungsnarrativ der Mächtigen in Politik und Medien, sprich milliardenschwere Aufrüstung und damit implizit Kriegsvorbereitung, sich zu eigen machen. Kein Wort dazu, welche Gefahr dies angeblich alternativlose Politik insbesondere für behinderte und vulnerable Menschen heraufbeschwört. Welch negative, für uns Behinderte geradezu verheerende Mentalitätsveränderung das permanente Gerede von einer akuten Sicherheitsbedrohung und der eben deshalb notwendigen Kriegsertüchtigung in der nicht behinderten Mehrheitsbevölkerung bewirkt. Dass für diese der Gedanke "Krieg" und "Behindertsein" oder "angegriffen werden und sich verteidigen müssen" eine Horrorvorstellung bedeutet, die reflexhaft Flucht- und Abwehrreaktionen erzeugt. Und bei einem Blick in die Geschichte sogar Schlimmeres!

Die Verteidigungmilliarden müssen sein, für El-Mafaalani und Krauthausen keine Frage

Ohne den geringsten Einwand schließen sie sich dem verteidigungspolitischen Narrativ der parlamentarischen Mitte von Schwarzrot bis Olivgrün an. El-Mafalaani, der Soziologe, weiß auch schon die Lösung für das Problem, wie trotz der schier erdrückenden Rüstungsausgaben (fast die Hälfte des Bundeshaushalts) der Sozialstaat noch zu retten wäre. Und setzt als wissenschaftlicher Politikberater seinen Ehrgeiz daran, bei der politischen Klasse (von Landesregierungen bis zum Kanzler) für seine verteilungspolitische Quadratur des Kreises Gehör zu finden. Krauthausen denkt mit, sagt, „jetzt mustern wir Jugendliche, die noch nicht einmal wählen dürfen, wir schicken sie in den Krieg, ohne ihnen politische Teilhaberechte zu gewähren …“ El-Mafaalani gibt ihm recht, dass das nicht richtig sei, weshalb vor allem an der Stellschraube „gerechtere Lastenverteilung zwischen Alt und Jung“ gedreht werden müsse. Erst danach und nach Absenken des Wahlalters, so legen seine Ausführungen nahe, dürfen wir die jungen Menschen fairerweise zum Militärdienst verpflichten und sie gegebenenfalls in den Krieg schicken.

Dass sich El-Mafaalani Ende letzten Jahres in der taz zumindest von dem „what ever it takes“ bei den Verteidigungsausgaben als einer bundesdeutsche „Überreaktion“ distanziert hat, ändert offenbar nichts an seinem grundsätzlichen Einverständnis mit der verteidigungspolitischen Linie der schwarzroten Regierung. Bei dieser argumentativen Festlegung seitens seines Podcast-Gastes wäre es umso wichtiger gewesen, dass der behindertepolitische Aktivist Raul Krauthausen an dieser Stelle die „Sache der Behinderten“ ins Gespräch einbringt und die sich aufdrängenden kritischen Fragen hinsichtlich der für uns Behinderte bedrohlichen Folgen einer bellizistischen Mentalität anspricht. Warum er das nicht tut, ist mir desto mehr ein Rätsel, als sein auch in diesem Zusammenhang, Kriegsvorbereitung und eine entsprechende Zurichtung des Denkens (militärisches Mindset) aufschlussreiches Gespräch mit der Historikerin Dagmar Herzog nur wenige Wochen zurückliegt. Nach dem, was sie in dieser Podcastfolge ausführt, müsste gerade für einen so klugen Kopf wie Krauthausen klar sein:

Wo, wie es derzeit geschieht, penetrante Kriegsertüchtigungspropaganda in Parlament und Medien das von der neoliberalen Mind-Body-Optimierung und einer neurechten „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, insbesondere Behindertenfeindlichkeit, hierzulande verursachte gesellschaftliche Reizklima sich politisch zusätzlich auflädt und hysterisiert, wird es für Behinderte und chronisch kranke Menschen, für Vulnerable und Schwache insgesamt über kurz oder lang lebensbedrohlich. In Kreisen ihres politischen Aktivismus sollten sämtliche Alarmglocken schrillen!

Ich zitiere abschließend aus dem Nachwort zu Dagmar Herzogs soeben erschienenen Buch „Der neue faschistische Körper“: „Die uns aktuell umgebenden Konflikte und Kriegsbedrohungen haben dazu geführt, dass sogar in Ländern, die sich bis vor kurzem als Nachkriegsgesellschaften auf immer verstanden, Diskussionen um die Wehrpflicht wieder aufgekommen sind.“ Dies „vor dem Hintergrund einer durchdringenden Kommerzialisierung, Privatisierung und Individualisierung des Alltagslebens entstanden, dessen, was wir auch mit dem Begriff Neoliberalismus verkürzt und vereinfacht zu fassen suchen. Herzog identifiziert diese Ausgangslage in ihren treffenden Bemerkungen dazu, wie die schreckliche eugenische Vorstellung des lebensunwerten Lebens unter heutigen jungen Menschen zum Alltagsverständnis wird. Da sie Druck verspüren in der gegenwärtigen Gesellschaft unabhängig, wettbewerbsfähig und unverwundbar zu bleiben. Die Phantasien, dass wir gegenseitige Bedürftigkeit ablegen, hierarchische Vorrangstellung sichern und unsere Körper autark machen könnten, zieht sich durch die Langzeitgeschichte des Faschismus.“

Eine der Kernbotschaften der neoliberalen Wellnesskultur lautet, dass „unser Körper unser primärer Ort der Kontrolle ist und uns in dieser grausamen und verunreinigten Welt Vorteile verschaffen kann. Fangt also an, ihn zu optimieren, so die Aufforderung des Über-Ich sich zu optimieren, gepaart mit einer grausamen Moralökonomie, die Behinderung oder Bedürftigkeit zu einer Art unverzeihlicher Schuld macht …“