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Vom Lieben gezeichnet

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Porträt von Jennifer Sonntat
Die Autorin Jennifer Sonntag
Foto: Jennifer Sonntag

Berlin (kobinet) Wir alle sind Kunst, gezeichnet vom Leben. Ich bin jedoch auch auf prägende Weise vom Lieben gezeichnet und ich habe die Liebe gezeichnet. Nicht selten überraschte ich gerade sehende Mitmenschen mit meinen Wortbildern oder Bildworten, besonders in meinen erotischen Kunst- und Literaturprojekten.

Bevor ich begann erotisch zu zeichnen, stand für mich das Schreiben, auch gemeinsam mit meinem Lebens- und Kreativpartner Dirk Rotzsch. Wir sehen uns als Paar mit Inklusionshintergrund und veröffentlichten bereits 2015 zusammen das Buch „Liebe mit Laufmaschen“.

Die selbstbestimmt gelebte Sexualität von Menschen mit (und ohne)Behinderungen, die Unterstützung eines positiven Körpererlebens, die kreative Auseinandersetzung mit Sinnlichkeit und Erotik, das sind uns wichtige Anliegen. Wir sind uns sehr bewusst darüber, dass Paare sich ganz unterschiedlich künstlerisch ausdrücken können und das ist wunderbar so. Wir sind nicht der Weisheit letzter Schluss, wir sind nur eine Idee und folgen auch als inklusives Paar dem Leitsatz: nichts über uns, ohne uns. In der Vergangenheit haben überwiegend Menschen ohne Behinderungen in Fachkontexten über die Sexualität behinderter Menschen geschrieben und gesprochen. Das Thema war gesellschaftlich einerseits tabubehaftet, andererseits von einer großen Neugier geprägt. In unserem Buch „Liebe mit Laufmaschen“ thematisieren wir nicht unser Leben als inklusives Paar und auch nicht die Sexualität behinderter Menschen. Mir war es wichtig, als blinde Autorin, insbesondere in meinen schriftstellerischen Texten, eben nicht auf meine Behinderung reduziert zu werden. Ich finde es spannend, gerade als Nichtsehende erotische Szenen zu beleuchten, die durchaus dazu anregen, gewohnte Denkmuster zu verlassen. Es geht mir nicht in erster Linie um die Erotik an sich, sondern um das, was sie mit Menschen macht, auch in ihrer Abgründigkeit.

Unser Buch spielt eher nicht auf der Blümchenwiese. In unseren Kurzgeschichten finden wir die symbolischen Laufmaschen im Leben unserer Protagonist*innen und die Fäden, die sich mit ihnen entspinnen. Uns interessiert z.B. die Umkehr von Rollenklischees und das Hinterfragen von Machtgefällen. So erzähle ich in meinem Text „“Boyshopping“ von einer Geschäftsfrau, die eine brisante Einkaufstour unternimmt, in „Blind Simulation“ von einem Fetisch, bei dem nicht behinderte Menschen eine Behinderung nachahmen, um sexuelle Lust zu empfinden und in „Kaspertheater“ vom Umgang eines Rockstars mit seinen weiblichen Fans im Backstage (das war weit vor der Rammstein-Debatte). Es dürfte deutlich werden, dass ich die Leidenschaften meiner Protagonist*innen nicht unbedingt teile, sondern eher Fragen aufwerfen möchte.

Als Erotikschreibende werde ich oft gefragt, ob meine Texte einen reellen Bezug haben. Ausgerechnet bei diesem Buch vermutete man das weniger, da die Personen in manchen Geschichten schon ganz schön speziell sind. Dabei habe ich in meinen Texten viele Erfahrungen niedergeschrieben und meine Fantasie hatte in einigen Geschichten lediglich die Aufgabe, Personen so zu verfremden, dass man sie nicht zuordnen kann. Es geht mir dabei immer auch um doppelte Böden und Dinge, die man diskutieren kann und sogar sollte. Hier spreche ich sicher auch im Namen meines Buchpartners. Die „Liebe mit Laufmaschen“ erschien als Printausgabe bei Periplaneta in Berlin und enthält eine CD mit ausgewählten Hörgeschichten und einer digitalen Lesefassung. Im Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen ist das Buch auch in Braille erhältlich. Informationen zu unserem erotischen Kunst- und Literaturprojekt und den einzelnen Editionen finden Interessierte auf: https://www.Liebe-mit-Laufmaschen.de

Warum wollte ich aber nun als blinde Person auch noch zeichnen? Ist das nicht das falsche Hobby, wenn man nicht sehen kann? Bei mir ist es so, dass zu meinen schriftstellerischen Texten auch immer Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen. Auch nach meiner Erblindung ließ ich die Bilder nie los, die Sprache der Sehenden, da ich selbst über 20 Jahre Teil davon war. Als Fotomodell kommunizierte ich sehr intensiv mit FotografInnen, um mir der Bedeutung der Bildhaftigkeit bewusst zu bleiben. Ich war stets interessiert an erotischen Foto- und Gemäldegalerien, obwohl ich sie zunehmend schlechter sah. Wollte ich den Sinn zelebrieren, den ich bald verlieren würde? Das bedeutete immer auch Schmerz. Vielleicht wollte ich in meinen leidenschaftlichsten Jahren – und jede Lebensdekade kann auf ihre Weise die leidenschaftlichste sein – das erotische Sprühen, was sich auch für mich immer durch optische Reize speist, mit meiner blinden Sinnlichkeit mischen. Mit dem Zeichnen suchte ich neue Wege, neben dem Schreiben, einen direkteren Einfluss auf das Bild, das aus meinem Kopf heraus zum Ausdruck kommen wollte, auszuüben.

Auch wenn ich mich nach meiner Erblindung lange Zeit nicht mehr mit Zeichenutensilien konfrontierte, da sie mich zu heftig an Verlorenes erinnerten, drängte die innere Künstlerin zunehmend stärker, es wieder zu versuchen. Ich wünschte mir den direkten Kontakt zum Papier. Ich wollte Perspektiven, Konturen und Schattierungen erzeugen, auch wenn ich mir darüber im Klaren war, dass meine Ergebnisse nicht mit denen Sehender zu vergleichen sein würden. Diesen Anspruch hegte ich auch nicht. Ich fand eine Hand und ein Auge – einen Partner – welcher meine Ideen respektierte und aufnahm, meine Grenzen erkannte, meine Linien zusammenführte, meine Wahrnehmung zuließ und eine Begegnung zwischen den Welten festhielt. Und das gelang tatsächlich, durch die Entwicklung einer ganz eigenen „Zeichensprache“ mit meinem Buch- und Lebenspartner, da wir bereits bei unserer gemeinsamen Arbeit als Autorenpaar in einen sehr intensiven Dialog über innere Bilder geraten waren.

Wie unsere blinde „Zeichensprache“ funktionierte? Wir begannen, mit Kohle auf Papier zu experimentieren. Dazu entstand, neben unserem Buch, die Blind-Galerie. Es lag in der Natur der Sache, dass wir in unserem „blinden Verstehen“ ein einzigartiges kreatives Herangehen entwickeln und uns mit viel Fingerspitzengefühl eine ganz eigene künstlerische Ausdrucksform erarbeiten mussten. Wir suchten nach Kreide- und Kohlestiften, auch Fasermalern, die beim Agieren auf dem Papier hörbar und spürbar waren, einen gewissen Widerstand leisteten und dadurch mit mir in Kontakt traten. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dem Klang und dem Sträuben eines Kohlestiftes etwas abgewinnen zu können. Ich lernte verschiedenste Stärken, Härten, Abriebe, auch Papierarten kennen. Wir einigten uns auf Graukreiden und mischten mit Kohle, je nachdem, ob wir Linien oder Flächen entstehen lassen wollten.

Was wir machten, gab es so noch nicht, wir waren auf eigene Techniken angewiesen, um auch mich als blinden Part aktiv mit in die Bilder einzubinden. Ein Zeichenkurs für sehende Menschen nützte mir nichts. Auch wenn ich in Kunst zu Schulzeiten immer eine 1 hatte, jetzt war ich blind und musste aus dem Kopf heraus arbeiten, das war eine ganz andere Nummer. Egal ob geometrische Mathematiklehrerin, doppeldeutiger Fantasiepilz oder skurriles Kaspertheater, mein Partner erkannte meine symbolischen Linien und griff sie auf. Silhouetten musste ich mit zwei Kohlestiften gleichzeitig entstehen lassen, um den Kontakt zur gegenüberliegenden Körperhälfte nicht zu verlieren. Eine interessante Erfahrung war es, mich mit dem Stift führen zu lassen. Ähnlich wie beim Gehen mit einer Begleitperson, gab ich das Ziel an, ließ mich aber auf dem Weg dorthin unterstützen. Wir stellten schnell fest, dass das Zeichenutensil dabei nicht abgesetzt werden durfte, damit ich die innere Vorstellung nicht verlor. Auch bei Schattierungen an Linien entlang ließ ich mich gern begleiten, da dadurch der Kontakt zum Papier und zur entstehenden Gestalt besonders intensiv wurde. Allerdings fiel es mir im Vergleich zum Geführtwerden deutlich leichter, Linien zu verstehen, die ich eigenständig erzeugt hatte. Manchmal lenkten wir gegenseitig unsere Hände, um eine Perspektive zu verdeutlichen, fanden nicht zu einander, bogen und formten unsere Körper, um unsere Sichten der Dinge zu kommunizieren. Nicht selten gerieten wir an unser Limit, eigentlich jeder an ein anderes, experimentierten uns in Rage, rangen nach Worten, erzeugten Schablonen, schnitzten in Kartoffeln, interagierten über eigens für mich organisierte Schwellpapierbögen und gaben es nicht nur einmal verzweifelt auf. Wie viel blinde Perspektive, Wahrnehmung, Wahrheit zulassen? Wie viel Perfektion dem Auge einräumen? Die Liebenden auf dem Papier scheiterten allzu oft an unseren Kämpfen. Wir verheimlichen nicht unsere Grenzen, nicht die unzähligen Entwürfe und Übertragungen, auch nicht den Balanceakt zwischen blindem Bloßstellen und sehender Kontrolle (auch umgekehrt) und die Tatsache, dass wir uns dieses wunderbare Vergnügen nicht sobald wieder antun wollen.

Mit viel Fingerspitzengefühl gelangten wir zu unseren perfekt-unperfekten (Un)Vollendungen, welche die Begegnung unserer Welten dokumentieren. Manchmal können Stifte Brücken sein, ohne den anderen zu übermalen. Das Leben ist schließlich so vielfältig, wie die Perspektiven, aus denen man es betrachtet und dabei bedingen die unterschiedlichen Sichtweisen die Definition von Wirklichkeit. Der Eigensinn ist uns dabei wohl der wichtigste aller Sinne geblieben. Unser „blindes Verstehen“ ist nicht nur für uns Reibungsfeld und Lustgewinn. Für blinde Menschen gibt es nur sehr eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten an gezeichneten Bilderwelten. Deshalb beschlossen wir gemeinsam mit anderen kreativ Schaffenden auf der Seite „Galeriegeflüster“ digitale Ausstellungsrundgänge für blinde und sehende BesucherInnen zu eröffnen, die es auch Nichtsehenden mittels lustbetonter Bildbeschreibungen erlauben, sich sinnlich umzuschauen. Möglich wurde dies einzig durch die inspirierende Zusammenarbeit mit der Malerin Franziska Appel, die genau wie wir, die Inklusion in der Kunst und in der Liebe lebt. Franziska schätzt, wie auch wir, den Zusammenklang von Wort und Bild und schuf zu unseren Zeichnungen Begleittexte, die nicht nur blinden Betrachtenden Unterstützung sind, sondern reizvolle kleine Geschichten erzählen. Die sinnlich-assoziativen Wortmalereien inspirieren die Erotikschauenden darüber hinaus zu ungewohnten Gedankenbildern und schreiben sich in eigenen Fantasien fort. Mit unserem Gemeinschaftsprojekt wollen wir außerdem die Idee einer inklusiven Ausstellungskultur anstoßen und weitertragen. Alle Informationen zu unseren Zeichnungen sind unter der Rubrik „Schau-Lust“ auf folgender Seite abgelegt:
https://galeriegefluester.wordpress.com