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Ein halbes Jahrhundert sexuelle Revolution: Ende einer Utopie

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Abbild des Behindertenausweises vom Autor von 1988
Behindertenausweis Hans-Willi Weis
Foto: Hans-Willi Weis

Berlin (kobinet) Literaturbeilage

Dr. Hans-Willi Weis Zu Tode gesiegt?

Niemand spricht heute mehr von sexueller Revolution. Sie hierzulande zu fordern käme einem Anachronismus gleich in Anbetracht einer noch vor 50 Jahren gänzlich undenkbaren Freiheit der sexuellen Ausdrucksformen sowie einer mittlerweile ganz selbstverständlichen Freizügigkeit im Umgang mit Verhaltensabweichungen bei der sexuellen Orientierung, wie das kultivierte Mainstreamparlando die Sache kulturwissenschaftlich neutral und zugleich vollkommen unaufgeregt zu bezeichnen sich angewöhnt hat. Der Ruf nach einer sexuellen Revolution mag gegenwärtig höchstens noch in jenem Buchtitel Seyran Ates plausibel erscheinen, der sie unlängst für die "islamische Frau" gefordert hat und dem die beabsichtigte Provokationswirkung nur mehr in  Kreisen islamistischer Fundis einigermaßen sicher sein dürfte. – Wenn in den fortgeschrittenen Gesellschaften Europas und Nordamerikas zurückliegend sich wirklich so etwas wie eine sexuelle Revolution vollzogen hat – und die empirischen Befunde aus den vergangenen Jahrzehnten sprechen dafür – , dann hat sie so gründliche Arbeit geleistet, die vormaligen Verhältnisse – die zwischen den Geschlechtern, die sexualmoralisch normativen und die erotisch phantasmatischen in den Köpfen – derart nachhaltig umgewälzt, dass nicht länger mehr Bedarf nach irgendwelcher sexuellen Revolutionierung empfunden wird und der Begriff selbst seit langem außer Mode gekommen ist.

Kein sexuelles Schlaraffenland

Ende gut, alles gut? Endlich eine Revolution, die einmal nicht ihre Kinder frisst, diese vielmehr mit allen nur erdenklichen Lüsten überhäuft, gleichviel ob bei Nacht oder am Tage? Natürlich liegen die Verhältnisse so einfach nicht. In einem sexuellen Schlaraffenland sind wir einstweilen nicht angekommen. „Das ganz normale Chaos der Liebe“ nannte das Soziologenehepaar  Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim das, was sich um das Jahr 1990 herum ihrem analytischen Blick an liberalisierten Geschlechterverhältnissen, dynamisierten Liebesordnungen und deregulierten Beziehungs-formen darbot. Unisono gießen seither Sexologen, Soziologen und Psychologen Wasser in den Wein der neuen Freiheit. Die angestellten Gewinn- und Verlustrechnungen zeigen auf, dass wir es keineswegs mit einer Abschaffung sämtlicher Normen und Regulative zu tun haben. Von quasi rückstandsfreier Enttabuisierung kann keine Rede sein. Die israelische Soziologin Eva Illouz, die seit 2003 mehrere Publikationen zum Thema vorgelegt hat, sieht Liebe und Sexualität fest in den Fängen des Konsumkapitalismus. Während jahrein jahraus in der ‚virtual Reality‘ der Massenmedien Libertinage als ‚role model‘  und coole Lebensform eingeübt wird, haben sich in der Hardcore-Wirklichkeit diesseits der medialen Oberflächen neue Zwänge und Zwangsvorstellungen breit gemacht. Was den sexuellen Verkehr im engeren Wortsinne angeht, so lässt uns eine von US-amerikanischen Forschern kreierte Bilanzierungsformel wissen: wir sind alle „oversexed and underfucked“. Nur für ungenügend Abgebrühte hört sich das noch zotig an.

Die düsterste Bilanz freilich zieht seit Jahren nicht eine Stimme aus der Wissenschaft, vielmehr ein Literat. In dessen Romanerstling von 1994 lautet die Hiobsbotschaft: „Der Sex … stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf mindestens ebenso erbarmungslose Weise.  …  Wie der Wirtschaftsliberalismus … erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. … In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen.“ – „Ausweitung der Kampfzone“, unter diesem begrifflichen Menetekel, zugleich der Titel seines ersten Romans, erscheinen für Michel Houellebecq – Melancholiker, Kauz, Sexmaniak in einer Person – etliche Jahrzehnte sexueller Revolution endlich zur Kenntlichkeit entstellt.

Die erotomane Seniorenriege der Belletristik

Niemand spricht heute mehr von sexueller Revolution, schon gar nicht politischprogrammatisch. Umso auffälliger, dass sich in einem Segment der Belletristik seit Jahr und Tag eine Riege älterer Herren tummelt, angeführt vom notorisch nobelpreisverdächtigen Philipp Roth, deren fiktionales Schreiben den Eindruck erweckt, als müsste das im Zuge der sexuellen Revolution längst Durchgesetzte immer wieder von Neuem erstritten und literarisch demonstrativ ausgestellt werden. Zur Gruppe dieser Romanciers der Premiumklasse, deren Bücher explizit oder im Subtext einer obsessiven erotomanen Lebensphilosophie das Wort reden, zählen der inzwischen verstorbene John Updike, der durch die Romanverfilmung „About Schmidt“ auch dem Kinopublikum nicht unbekannte Louis Begley, schließlich der mit „Joseph Anton“ ins voyeuristische Genre der Autobiographie übergewechselte Salman Rushdie. Und Martin Walser? Als Hiesigen könnte man eventuell Martin Walser der Reihe hinzufügen.

Eine andere, grundsätzlichere Frage drängt sich auf: Wie ist es möglich, dass diese belletristischen Patriarchen, wo es ihnen doch mit Sicherheit nicht an Intelligenz und Sensibilität mangelt, einem Sexus huldigen, über den sich die langen Schatten einer emanzipatorischen Sackgasse gelegt haben? Ich vermag es mir nur so zu erklären, dass bei ihnen nach wie vor jener Überschuss des Utopischen virulent ist, welcher einmal diejenigen beflügelte, die sich in der zweiten Hälfte des zurückliegenden Jahrhunderts als die Subjekte einer politischen und sozialen Emanzipation begriffen, die in der sexuellen Revolution ihre für den Einzelnen sinnstiftende und beglückende Vollendung erfahren sollte. Solange die vom realgeschichtlichen Verlauf objektiv Enttäuschten und eigentlich eines besseren Belehrten sich der Einsicht verschließen, dass das Ideal ihrer sexuellen Revolution an der gesellschaftlichen Realität gescheitert ist und sein individuelles Heilsversprechen wahrscheinlich auch anthropologisch uneinlösbar sein dürfte, müssen sie geradezu zwanghaft – zumal als Meister des Fiktionalen – an der Fiktion ihres Ursprungsglaubens weiterspinnen. Ein Wiederholungszwang, dem nur die Generation derer anheimfallen konnte, deren Pubertät oder späte Adoleszenz mit den ‚wilden Sechzigern‘ und ihrer historisch einmaligen Mixtur aus politischem und sexuellem Aufruhr zusammenfällt. Weshalb es übrigens etwas anderes ist, wenn ein jüngerer Autor, wie etwa Jonathan Franzen, routiniert die obligatorischen Sexszenen abspult, oder, horribile dictu, eine Helene Hegemann den Teenie-Sextalk herunterhaspelt. Bei beiden ist metaphysisches Hintergrundrauschen wie bei den Autoren der Altherrenriege nicht zu vernehmen.

Erst im zweiten Teil dieses Essays möchte ich mögliche Antworten auf die Frage diskutieren, ob es eine Einstellungs- und Verhaltensalternative gibt zum hegemonialen Liebesdiskurs und zum Gehorsam gegenüber den neoliberalen Spielregeln kompetitiver Erotik in der „erweiterten Kampfzone“. Zunächst jedoch möchte ich im ersten Teil den einleitend umrissenen Befund mit etwas ‚archäologischem‘ Anschauungsmaterial unterfüttern, Fundstücke aus der Entstehungszeit jenes bis heute nachwirkenden sexuellen Utopismus, für dessen Fortschreibung über das ‚Verfallsdatum‘ hinaus ich anschließend einige literarische Belege anführe.

Kleine Archäologie der sexuellen Revolution

Erinnerungsfundstück eins meiner ‚Archäologie‘ der sexuellen Revolution ist ein Illustriertenfoto – ob aus der „Quick“, der „Neuen Revue“ oder dem „Stern“ vermag ich nicht mehr zu sagen.  Es dürfte 1965 gewesen sein, denn die auf dem Foto abgelichtete Szene soll sich laut Wikipedia ein Jahr davor, 1964, erstmals in den USA, in Chicago, abgespielt haben. Auf dem Bild ist eine nur mit Bikiniunterteil bekleidete junge Frau zu sehen, ihre Brüste, genauer gesagt die Brustwarzen, und die Augenpartie sind von der Redaktion durch schwarze Balken unkenntlich gemacht. Die somit keineswegs splitternackte Person wird, unsanft am Oberarm gepackt, von einem dreist in die Kamera blickenden Polizisten abgeführt. Ort der Handlung ein städtisches Freibad. München-Schwabing könnte passen. – Dies war, sage ich mir rückblickend, das erste Foto einer Demonstration, das du als Vierzehnjähriger zu Gesicht bekommen hast. Es zeigte keine Studentendemo und es wurde nicht gefordert „Amis raus aus Vietnam“ oder „Sieg im Volkskrieg“, sondern die auf kein Transparent geschriebene Parole hieß schlicht und ergreifend „oben ohne“ und ihre Provokation war vorderhand nicht eine der politischen, vielmehr eine der sexuellen Revolution, die soeben Fahrt aufgenommen hatte. Der politische Protest der Studenten kam erst danach, 1966 und so richtig dann 1967; z.B. anlässlich des Schah-Besuchs in Westberlin, als vor der deutschen Oper knüppelschwingende Hundertschaften der Bereitschaftspolizei demonstrierende Studenten und Studentinnen, letztere nicht selten im ‚Unten-ohne‘ eines Minirocks, an den Haaren über den Asphalt zerrten. Unter den Demonstranten befanden sich die happeningfreudigen Aktivisten der „Kommune Eins“  und „Zwei“ – und  hier beginnen sich die politischen und erotischen Kreisläufe kurzzuschließen –, die sich im Kollektiv der „Freien Liebe“ verschworen hatten und sich für ein Nacktfoto vor den Redakteuren des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL entblößten.

Ein zweites Erinnerungsbild spielt im Kino. „Das Wunder der Liebe“ eins und zwei. Unter diesem nicht gerade reißerischen Titel unternahm Oswald Kolle filmisch seinen teppichtastenden Versuch der sexuellen Aufklärung eines bundesdeutschen Massenpublikums; steife Expertengespräche wechseln sich ab mit harmlosen Spielfilmsequenzen, mithin eine kinematographische Schlaftablette, mit heutigen Augen betrachtet. Mutiger der ebenfalls 1968 in die Kinos kommende Streifen „Die goldene Pille“, bei dem staatsanwaltliche Inkriminierungsversuche  und Polizeiaufgebot vor Lichtspieltheatern für werbewirksame Skandalisierung sorgten. Ein sozusagen zu früh gekommener und entsprechend schlapper „Schulmädchenreport“: von einem beherzten Junglehrer unterstützt, starten Schülerinnen einer gymnasialen Oberstufe eine Fragebogenaktion, bei welcher sie die Meinung ihrer Klassenkameradinnen zur Anti-Baby-Pille einholen – die Ovulationshemmer waren seit 1960 in den USA auf dem Markt. In hiesigen Apotheken gab es sie ab 1961, nur dass sie von der Ärzteschaft wie das Rauschgift in der Asservatenkammer unter Verschluss gehalten wurden. Im zarten Jünglingsalter von 17 stellte sich mir selbst das Beschaffungsproblem nicht, war ich doch noch immer ohne Freundin und saß allein im dunklen Kinoparkett, als der Film irgendwann nach Monaten im Provinzkino ankam und der Wirbel um ihn sich gelegt hatte.

John Lennon und Yoko Ono machen Liebe statt Krieg

Ein drittes Erinnerungsbild stellt ein Ereignis vor Augen, das sich in der Glamourwelt der damals als umstürzlerisch eingestuften Popmusik zugetragen hat. Es illustriert paradigmatisch die Liaison – oder muss man sagen die Mesalliance – zwischen dem Erotischen und dem Politischen. Im März 1969 fährt das Traumpaar John Lennon und Yoko Ono im weißen Rolls Royce am Amsterdamer Hilton Hotel vor, um sich in der Präsidentensuite einzumieten. Dort veranstalten sie an den folgenden Tagen ihr legendäres „Bedin“, eine Art Schlafzimmerdemonstration gegen den Vietnamkrieg, der sich auf dem blutigen Höhepunkt befindet. Händchenhaltend, den Pyjama artig zugeknöpft,  sitzen die Frischvermählten im Bett und sprechen vor laufenden Kameras den Reportern der Weltpresse ihre Friedensbotschaft in die Mikrofone: Dass z.B. schon in der Vergangenheit die Welt friedlicher gewesen wäre, hätten etwa Churchill und Hitler viel mehr Zeit im Bett zugebracht. Wie für die Blumenkinder in San Franzisco war für den Häuptling der Beatles und seine Squaw „make love not war“ das Losungswort für den Weltfrieden.

Das nächste Grabungsfossil führt weg von der popkulturellen Trivialisierung des Politischen und schnurstracks zu dessen überkandidelten Manierismen auf Seiten der  ‚Theoriefraktion‘. Wiederum 1968 erschien im Verlag Neue Kritik, dem Sprachrohr des „Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“, die Fibel „Sexualität und Klassenkampf“. In ihr setzt sich der SDS-Aktivist und angehende Psychoanalytiker Reimut Reiche – heute ein renommierter Sexualwissenschaftler – mit dem gerade wiederentdeckten Altmeister der sexuellen Revolutionstheorie auseinander, mit Wilhelm Reich. Als jüdischer Emigrant und Kommunist war dieser in den 50er-Jahren in den USA ins Mahlwerk des FBI geraten und unter ungeklärten Umständen im Gefängnis gestorben – in „Der Fall Wilhelm Reich“ hat sich das Kino unlängst seinem tragischen Ende noch einmal halbdokumentarisch zugewandt. Unter der Chiffre „Kritik der repressiven Entsublimierung“ hielt der Autor von „Sexualität und Klassenkampf“ Reich vor, er habe das Revolutionierungspotential der Sexualität überschätzt: Im Spätkapitalismus werde eben alles zur Ware und ergo auch der Sex, sodass von der Hoffnung, die befreite Lust mache auch Lust auf revolutionäre Politik nicht viel übrig bleibe. Nachträglich war damit auch den barbusigen Jungfrauen aus den Freibädern und der von solcher Pioniertat profitierenden Vermarktungskunst à la Beate Uhse ideologisch das Etikett aufgedrückt: „repressive Entsublimierung“.  – Wenn ich mich recht entsinne, habe ich „Sexualität und Klassenkampf“, obwohl es die ganze Zeit auf dem Bücherregal stand, nie wirklich gelesen. Aber der Titel, der die Begriffe Sexualität und Klassenkampf mit dem Wörtlein „und“ – das im Lateinischen sinnigerweise „copula“ heißt – förmlich zur Parole zusammenschnurren lässt, genügte seinerzeit, um in meinem spätpubertären Hirn das Erotische und das Politische auf Jahrzehnte hin fest zu verdrahten.

Seminarmarxistische Exegese an Wilhelm Reich und Herbert Marcuse

Wozu im Übrigen die seminarmarxistische Theoriearbeit der Nach-68er-Jahre an der Uni ihr Scherflein beigetragen hat. ‚Cum ira et studio‘ vertiefte man sich in Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“. Im Raubdruck der Erstausgabe von 1933 las ich mit Erstaunen Reichs Deutung des Hakenkreuzes: Die Swastika-Rune symbolisiere insgeheim ein kopulierendes Paar, die Nazis hätten so – wenngleich unbewusst – die libidinösen Energien der Massen angezapft, um sie desto wirksamer autoritär und gegen deren objektive Interessen steuern zu können. – Weniger grob gestrickt demgegenüber die triebtheoretischen Ausführungen bei Herbert Marcuse, dem Mentor  des antiautoritärlibertären Flügels der studentischen Protestbewegung. In „Triebstruktur und Gesellschaft“ – unter dem englischen Titel „Eros and Civilisation“ zuerst 1957 in Amerika erschienen – entwarf Marcuse, ausgehend von der Freudschen Libido- und Triebtheorie, die Utopie einer Gesellschaft „jenseits des Realitätsprinzips“, will sagen ohne Leistungsprinzip und entfremdete Arbeit und also ohne Versagung und Triebverzicht. Von der Vision einer Kultur ohne Unterdrückung und Verdrängung zu handeln, erfordere, dass man theoretisch den Beweis ihrer Möglichkeit erbringe. Marcuse: „Die Vorstellung von einer nichtrepressiven Triebordnung muss in erster Linie an dem ‚ordnungslosesten‘ aller Triebe – der Sexualität nämlich – geprüft werden. Eine repressionsfreie Ordnung wäre nur möglich, wenn es sich erweist, dass die Sexualtriebe, kraft ihrer eigenen Dynamik und unter veränderten sozialen und Daseins-Bedingungen, imstande sind, dauerhafte erotische Beziehungen unter reifen Individuen zu stiften.“ Marcuse verspricht sich also einiges von der  „Eigendynamik“ eines nicht länger repressiv und ausbeuterisch reglementierten Trieblebens  und möchte argumentativ plausibel machen: dass sich unter der nämlichen Voraussetzung die andernfalls kulturabträgliche reine Sexualenergie in einen ‚Wärmestrom‘ gesamtgesellschaftlicher Erotisierung verwandle, in ein prosoziales Fluidum aus versinnlichter Vernunft und einer polymorph lustempfänglichen Körperlichkeit. Nochmals Marcuse: „Unter nichtrepressiven Bedingungen tendiert die Sexualität dahin, sich zum Eros zu ‚entwickeln‘ – das heißt zur Selbst-Sublimierung in dauerhafte und erweiterte Beziehungen (einschließlich von Arbeitsbeziehungen), die dazu dienen, die Triebbefriedigung zu intensivieren und zu vergrößern.“

Mit siebzehn las ich Marcuses Text. In diesem Alter über eine „Resexualisierung“ des durch entfremdete Arbeit – zählte die Schularbeit nicht auch dazu? – empfindungslos gewordenen Körpers zu lesen, eine „Reaktivierung aller erogenen Zonen“, hatte etwas Elektrisierendes. Heute, bald fünf  Jahrzehnte später, hat für mich die Lektüre von „Triebstruktur und Gesellschaft“ noch immer einen gewissen Reiz. Man müsste allerdings Marcuses triebtheoretische Spekulationen gegen ein anderes, sagen wir bewusstseinstheoretisches Paradigma austauschen. Denn ist nicht der durch sexuelle Triebbefriedigung ins Werk gesetzte Zustand „erfüllter Gegenwart“  in Wahrheit eine Chimäre – post coitum omne animal triste? Zu fragen wäre, wie man sich auf andere Weise mit dem durch Marcuses utopische Denkanstrengung beschworenen „Nirwanaprinzip“ ins Benehmen zu setzen hätte, jenem Prinzip, das nach einem „Zustand dauernder Befriedigung (strebt), wo keine Spannung mehr besteht … einem Zustand ohne allen Mangel“.

Im Schloss die Hosen heruntergelassen

Mit dem letzten Grabungsfossil meiner archäologischen Serie vollführen wir einen Sprung in die 80er Jahre. Der politische Schwung der Endsechziger und frühen siebziger Jahre war dahin und ebenso der Überschwang der sexuellen Revolution. Der führende Sexualwissenschaftler hierzulande, Volkmar Sigusch, versah sie von nun an mit einem Präfix und sprach von „neosexueller Revolution“. Statt in die existenzielle Tiefe zu gehen verläpperte sie sich in einer Breite, die gut und gern die Breite ihrer Trivialisierung genannt werden kann. Lediglich eine Minderheit aus dem Pool der vormaligen Emanzipationsbewegung hielt noch am transformatorischen Anspruch fest, indem sie innerhalb der sich international etablierenden Psychoszene das Revolutionäre ganz auf die persönliche Ebene, aufs individuell Handfeste sozusagen, herunterbrach. „Tantra“ hieß das neue Zauberwort. Der indische Guru Bhagwan Shree Rajnesch, hinterher zu Osho umgetauft, unterhält im südindischen Ponti Cherry und später in Oregon/USA ein Großlabor, wo mit körperorientierten Psychotherapien experimentiert und im Gruppenformat am Sex herumgedoktert wurde.

Also buchte ich, obzwar selber kein formell eingekleideter Jünger des Vereins, einen Encounter-Workshop auf einem von Bhagwan-Adepten geführten nordhessischen Schloss. Zu Beginn mussten die männlichen Gruppenteilnehmer vor einem Arzt im orangefarbenen Dress die Hosen herunterlassen zwecks Inspektion ihrer Geschlechtsteile, hatte  unterdessen doch der Aidsvirus zugeschlagen. Neben den Gruppensitzungen jäteten wir das Unkraut im Park und brachten die Badezimmer der Schlossherren auf Hochglanz.  Höhepunkt des Workshops war eine Mutprobe der exquisiten Sorte: Die Nacht musste mit demjenigen gegengeschlechtlichen Gruppenmitglied verbracht werden, wo man die stärkste aversive Spannung fühlte; auch beim Verrichten der Notdurft hatte der oder die Andere beobachtend zugegen zu sein. Tagsüber standen während der Gruppensitzungen die Fenster offen, damit die sich im Park ergehenden Spießer – der Schlosspark war für die Öffentlichkeit zugänglich – durch die kathartischen Schreie wenigstens akustisch von der Ernsthaftigkeit der hier geleisteten Kärrnerarbeit am verklemmten Selbst überzeugen konnten. – Jedes Mal, wenn in späteren Jahren irgendwo in den Medien von Swingerclubs und dergleichen die Rede war, fragte ich mich: Sollte es im Endeffekt nichts anderes als dieser Routinebetrieb gewesen sein, für den wir vormals die Hosen heruntergelassen haben? Die sexuell vollends aufgeklärte Welt, so ließe sich Adorno/Horkheimer variieren, strahlt im Licht triumphierender Banalität.

„Zweite Welten“ in der Literatur und ihre Realitätsanbindung

Zurückgekehrt in die Gegenwart, liegt, wie angekündigt, ein Wegstück durch literarisches Gelände vor uns. Während sich die Alltagsempirie in Liebesdingen und Sexangelegenheiten vom einstmaligen Utopismus verabschiedet hat und die übertriebenen Erwartungen realistischer Einschätzung gewichen sind, halten auch nach der Jahrtausendwende in einem traditionsmächtigen Segment des bürgerlich kulturellen Überbaus etliche prominente Stimmen daran fest, Erotik und Sexualität als den Brennpunkt menschlicher Rausch- und Glückserfahrung zu simulieren. Der Roman ist in der deutschen Sprache bereits dem Wort nach verwandt mit der Romantik, zu deren zentralen Topoi das romantische Liebesideal gehört, das allen modernen Erzählungen von Liebe, Lust und Leidenschaft das Phantasma vorgibt, an dem sie sich abarbeiten. Im Zentrum dieses modellhaften Liebes- und Lustarchetyps steht die Transgression, die Überschreitung; Emile Durkheim, ein Klassiker der Soziologie, hat das Außeralltägliche, das nicht religiös konnotierte Heilige als den heißen Kern der romantischen Liebe identifiziert. Mit der Semantik der Überschreitung oder Ekstase einerseits und des Außeralltäglichen oder QuasiHeiligen andererseits war die magische Aufladung des Erotischen und Sexuellen vollzogen, welcher die sexuellen Revolutionäre in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre besonderen politischen und utopischen Hoffnungen nur aufzusatteln brauchten. Es sollte einen nachgerade also nicht verwundern, wenn der zeitgenössische Roman als ein legitimer Erbe der Romantik, d.h. ihrer Liebes- und Leidenschaftsmotive, das Faszinosum des erotischen Heilsversprechens, eines befreienden sexuellen Durchbruchs zur Transzendenz, fortschreibt. Und dass dabei die fiktionale Wirklichkeit des Erzählten nicht mit der nonfiktionalen Wirklichkeit des realen Lebens und dessen Erfahrungsmöglichkeiten deckungsgleich sein kann, versteht sich  von selbst.

Hingegen müsste man sich schon ein wenig wundern, sollten bei einer ausgesprochen realistischen Erzählweise – und sei es auf dem die Einbildungskraft  so sehr beflügelnden Terrain der romantischen Leidenschaft, wie es uns an dieser Stelle  interessiert – das Fiktionale und das Reale, oder sagen wir Wunschwelt und Erfahrungswirklichkeit sich allzu weit voneinander entfernen. Nach Robert Pfaller, dem Wiener Kulturtheoretiker und Essayisten, benötigen wir „zweite Welten“, wie wir sie uns in Phantasien und Tagträumen, vor allem aber in der schönen Literatur erschaffen, um es leidlich angenehm und im Glücksfall dank jener Gegenwelten sogar freudig inspiriert in unserer ersten Welt und ihrer Wirklichkeit auszuhalten. Damit ein solch stabilisierender und stimulierender Rapport zwischen den zweiten Welten und der ersten zustande kommt, müssen sie miteinander korrespondieren, dürfen nicht zu sehr auseinandertreten. Ein Kriterium, das im Folgenden bei unserer literarischen Tour d’horizon einem kritischen Urteil dienlich sein mag.

Updike und Roth und die Sexualisierung der ‚Great American Novel‘

Für das konsequente Zu-Endeführen der Tendenz – dass der religiös entzauberten Existenz einzig mittels Amour fou  und orgiastischem Sex noch ein Quäntchen existenzieller Sinn abzugewinnen sei – stehen in der angelsächsischen Belletristik emblematisch die Autorennamen Philipp Roth und John Updike. Dementsprechend stehen die von ihnen in den vier Jahrzehnten zwischen 1970 und den Nullerjahren nach der Milleniumswende veröffentlichten Romane für das, was wir die Sexualisierung der ‚great american novel‘ nennen können. Man könnte in Analogie zum ‚linguistic turn‘ oder ‚iconic turn‘ hier auch von einem ‚pornographic turn‘ sprechen. Mit ihnen hat die Entsublimierung Einzug gehalten ins renommierte Romangenre, was sprachgestalterisch so viel bedeutet wie Entmetaphorisierung bzw. größtmögliche Explizitheit. Für den sich in pornographietheoretischen Reflexionen ergehenden Schriftsteller Thomas Hettche eine Literatur, „die sich der Sache ganz zuwendet, die versucht den Dingen auf den Grund zu gehen“. Dass pornographisches Schreiben, so Hettche weiter, ähnlich wie der Volksmund „die Liebe beim Namen nennt“,  mache die Pornographie zu einem „Ausdruck großer Menschlichkeit“. – Könnte es sein, dass Hettches humanistisches Pathos die legitime Anwaltschaft für das Recht des Körpers und die Anerkennung seiner Bedürfnisse bloß rhetorisch benutzt, um uns von der sexualmagischen Mystifizierung des Fleisches zu überzeugen? Wenn Hettche zufolge das Pornographische den Vorzug hat, dass „Körper nicht mehr die Punkte der Aufladung mit Emotion sind“, so stellen sich einmal mehr Zweifel ein an der existenziellen Tragfähigkeit und dem seelischen Auftrieb einer Befriedigungserfahrung, die sich jener rein körperlichen Entladung und ihrer von Hettche gerühmten Ichentgrenzung und -auflösung verdankt, wie sie der pornographische Text so naturalistisch nüchtern und penetrant schildert.

Die Wonnen des Kleinstadtsex: eine spätmoderne Seelenrettung?

John Updike und Philipp Roth also. Wie überzeugend oder verlockend sind ihre pornographischen Meistererzählungen mit Blick auf das philosophisch-lebenskünstlerische Axiom, wonach der pure Sex zwar nicht die ganze Liebe ist, aber ohne ihn die ganze Liebe nichts? – Während  die Romane Roths ihre jeweilige Hauptfigur zumeist im urbanbourgeoisen  Ambiente ansiedeln, beheimatet Updike die seinen gewöhnlich im vorstädtisch kleinbürgerlichen Milieu. In der wohlstandsbefestigten mittelständischen Kleinstadtszenerie Updikes verbringen die Helden, allen voran Harry Angstrom alias Rabbit, ihr äußerlich wenig aufregendes ‚Angestelltendasein‘. Dessen intime Mitte füllt eine dafür umso aufregendere sexuelle Vita. Ohne sie wäre diese Mitte seelenlos, ein Vakuum oder wie nicht vorhanden. Einzig und allein Sex beseelt ein Protagonistenleben, das ansonsten in Routine und Langeweile erstickte; Sex zumal in der luststeigernden ‚sündhaften‘ Spielart des Ehebruchs oder Seitensprungs. Mit erzählerischem Aplomb hat Updike ein ums andere Mal in seinen Büchern die zum lustvollen Tabubruch reizende Provinzödnis ‚Puritaniens‘ zu einem ebenso episodenreichen wie monothematischen Plot gemacht – und dabei als verlässlicher Chronist über Dezennien hinweg anschaulich werden lassen, wie die Erschütterungen des ‚Bebens sexuelle Revolution‘ mit  Epizentrum in den Metropolen sich fortpflanzt bis in den verschlafensten Winkel von Gods own Country.

Währenddessen alterten Updikes Helden gemeinsam mit ihrem Autor und nach 2000 war es für beide Seiten an der Zeit, Rückschau zu halten. So geschehen in „Villages“, das unter dem  irreführenden Titel „Landleben“ 2006 auf deutsch vorlag. Der noch immer in zweiter Ehe verheiratete Protagonist, von Beruf Computer- und Softwarespezialist, stellt bei der retrospektiven Kosten-Nutzen-Analyse seiner lebhaften Vita sexualis zufrieden fest, dass für ihn das Wunderbare der „Sünde“ deren Bedenkliches überwiegt, wie etwa den durch Trennungsstress mit verursachten Unfalltod und die Zerstörung zweier Familien. Aber darin besteht gerade der Thrill beim Updike‘schen  Kleinstadtsex, dass er anders als der anonyme Großstadtsex unter Bekannten oder Peers stattfindet und folglich den kompletten Spannungsbogen durchläuft, von der Lust über den Schmerz bis zur Schuld und zum Schuldgefühl. – So ist denn der ‚Blick zurück‘ des ins Rentenalter eingetretenen Hedonisten nicht einer ‚in Zorn‘, vielmehr einer in Freude und Genugtuung. Selbst dann, wenn sich Alterswehmut einschleicht, die der Held masturbatorisch entschärft: „An manchen Tagen“, heißt es zu Anfang des Romans, „findet er, halb erregt, nur wieder in den Schlaf, wenn er an eine der anderen Frauen denkt – Alissa oder Vanessa oder Karen oder Faye –, die wie er in den sechziger und siebziger Jahren in der Stadt Middle Falls, Connecticut, gelebt haben. Seine Hand umfasst seinen schlaftrunkenen Schwanz, und er erlebt wieder, wie er eine von ihnen unter sich, neben sich, über sich hat …  Aber heute ist kein solcher Tag. Es ist Zeit aufzustehen und einen Tag anzugehen, der dem gestrigen Tag ähnelt, einen Tag von dem sein – in der Gattung Homo sapiens hypertrophiertes – Gehirn weiß, dass es ein weiterer Tag eines abnehmenden, begrenzten Vorrats ist.“

Der britische „Literary Review“  verlieh Updike seinen „Bad Sex in Fiction Award“: für seine Meriten um  „primitive, geschmacklose oder lächerliche sexuelle Beschreibungen in der modernen Literatur“. Der Literaturkritiker Eberhard Falcke hat das lustig und töricht gefunden. Ist indes nicht ebenso töricht, möchte man fragen, die Vorstellung, Sex hauche unserem spätmodernen Leben einen Rest von Seele ein? Eine Vorstellung, die eine der Protagonistinnen in Updikes letztem Roman, „Die Witwen von Eastwick“, noch einmal bekräftigt: „Ohne Sünde“ – gemeint ist die sexuelle – „sind Menschen keine Menschen mehr, sondern nur noch seelenlose Schäfchen.“ – „Merkwürdigerweise“, so Falckes generelles Lob auf den Autor, „hat Updikes Art, bis in die faltigen physiologischen Einzelheiten über Sex zu sprechen, heute erneut etwas Gewagtes. Nachdem alle Welt die sexuelle Befreiung durchlaufen hat bis zu ihrem platten Ende … erscheint es nun auf andere Weise wieder erstaunlich, mit welcher unverminderten Faszination und Emphase, ja mit welchem unverbrüchlichen Glauben an die sündige Sache, sich Updike dem Sexuellen widmet.“ Aber ist solch „unverminderte Faszination und Emphase“, ist Updikes „unverbrüchlicher Glaube“ an die alles verwandelnde Macht des Sexus nicht eben deshalb und nur deshalb „erstaunlich“, weil er im Licht einer banalen gesellschaftlichen Wirklichkeit so gut wie alle Plausibilität eingebüßt hat, von Wahrheitsanspruch ganz zu schweigen?

Vendetta an der missratenen Schöpfung

Auch Updikes mondän-exzentrisch gepoltes Pendant Philipp Roth kommt bisweilen – etwa durch die Brille seines „professor of desire“ David Kepesh blickend – aus dem Staunen nicht heraus: Die heutigen jungen Frauen betreffend schwärmt er von einer „bemerkenswerten Vollendung der sexuellen Revolution“; und, so konkretisiert er, diese „neue Generation“ habe „erstaunliche Felatorinnen hervorgebracht“. Breitesten Raum im auf deutsch 2003 veröffentlichten kleinen Roman „Das sterbende Tier“ beansprucht die essayistische Eloge  auf den revolutionierten Sex, ebenso beeindruckt von dessen Liberalisierungseffekten im puritanischen Amerika wie illusionslos hinsichtlich der teilweisen Lächerlichkeit und Infantilität. Weniger noch als Updike um irgendein ‚schweinisches Detail‘ verlegen, zeichnet Roth die alternde TV-Literaturcelebrity Kepesh als Profiteur des sexuellen Tohuwabohu: Er zehrt seit Jahr und Tag von der ‚Frischfleischzufuhr‘ seiner Studentinnen; wobei die von mir gebrauchte Fleischmetapher hier gar keine ist, denn für Roth/Kepesh bleibt bei aller geistigkulturellen Hochzüchtung der Mensch doch wesentlich „Fleisch“ – die Verfeinerung, zu der auch die zärtlichen und fürsorglichen Liebesanteile rechnen, ist, so das Tremolo der Romanstimme, „im Körper verankert, in dem Fleisch, das geboren ist, in dem Fleisch, das sterben wird“. So wie die um 40 Jahre jüngere jüngste Geliebte Kepeshs zum Romanende hin an ihrem Brustkrebs zu sterben droht. Davor belehrt uns der Intellektuelle Kepesh über die eigentliche affektive Gratifikation beim Sex: Nicht lustvolle Spannungsabfuhr sei der springende Punkt, sondern Vendetta. Indem wir Sex praktizieren, übten wir rächende Vergeltung an dem, was jedem und jeder von uns durch Krankheit, Alter und Tod angetan werde. Im Originalton: „… nur beim Vögeln übt man an allem, was einem verhasst ist und das einen zu Boden drückt, eine reine, wenn auch nur momentane Vergeltung. Nur dann ist man voll und ganz lebendig, voll und ganz man selbst.“

Eine furiose Sexualphilosophie, deren zynischer Realismus und Pragmatismus sich als residualen Humanismus empfiehlt. Kritiker wie Ijoma  Mangold fragten seinerzeit, inwieweit der traurige Ausgang der Geschichte vom sterbenden Tier, wo auf einmal Mitgefühl und Fürsorglichkeit statt nacktem Sex angesagt erscheinen, die Metaphysik des „reinen Fickens“ nicht radikal konterkariert? – Der international gefeierte Nachfolgeroman „Der menschliche Makel“  thematisiert verstärkt die Kollateralschäden der errungenen sexuellen Liberalität, die medial schamlos ausgebreitete Schlüpfrigkeit in der Clinton-Lewinsky-Affäre etc. Kritik an einem die Freiheit erstickenden Konformismus auf dem Feld der demokratisierten Lust weitet sich zur politisch grundsätzlichen Abrechnung mit der „Tyrannei des Wir“, ihrem „hinterhältigen ‚e pluribus unum‘“ und mündet in ein grandioses, verfassungspatriotisches Plädoyer für Autonomie, „das reine Ich … das einzigartige Tier“. Da drängt sich die paradoxe Frage auf: Sollte Roth tatsächlich mit solcher Verve für das Glück der Freiheit plädieren, damit die befreiten Einzelnen doch nur wieder dem Sex frönen als jenem existentiellen Nonplusultra  der famosen Sexualphilosophie seines Helden Kepesh?

Manche werden darauf in der Tat mit der Gegenfrage reagieren, „warum denn nicht?“. Roths Schriftstellerkollege Louis Begley dürfte so jemand sein. Im Interview betont er: „Ich war immer der Ansicht, dass Sex die wichtigste Antriebsfeder im Leben von Männern und Frauen ist.“  Sobald er als realistischer Autor „über echte Menschen und das reale Leben“ schreibe, sei daher klar, „dass Sex natürlich eine große Rolle spielt“. Ein Understatement, ist man versucht zu sagen, wenn er sich, im gleichen Interview, zum selben Stoßseufzer bekennt, den er seinem fiktionalen Altersgenossen Albert Schmidt in den Mund legt: „Keine weiteren Schocks für mich und meinen Sex!“  Die Präsidentschaft von George W. Bush sei für Schmidt ebenso wie für seinen Erfinder  eine derart „schreckliche Ära“ gewesen, dass beide, Schmidt und Begley, für den Rest des Lebens bei ihrer sexuellen Lieblingsbeschäftigung nicht mehr gestört und speziell von den Zumutungen der amerikanischen Politik nicht länger behelligt werden möchten.

Eine typisch männliche Marotte oder wo bleiben die Seniorinnen?

Ein typisch männlicher Einfall? Die Idee, sich bis ins Greisenalter durch lebenslänglichen Sex an der ‚missratenen Schöpfung‘ schadlos zu halten? Im Bedarfsfall  unterstützt durch Dopingmittel und medizintechnische Implantate. In Roths Roman „Operation Shylock“ begegnen die Leser einem alternden Hochstapler, dem zur Unzeit die Penisprothese wie ein Schweizer Taschenmesser aufschnappt. Nicht jeder Schürzenjäger in vorgerücktem Alter hat, wie Begleys ‚Schmidtie‘, das Glück, mit 76 ohne potenzsteigernde Mittelchen auszukommen; von unter die Haut verpflanzten Accessoires, die einen gelegentlich die Tücke des Objekts spüren lassen, ganz zu schweigen. Wie die gealterten Womanizer bei Roth, ob David Kepesh oder der graumelierte Coleman Silk aus „Der menschliche Makel“, die stets bei noch so jungen Liebhaberinnen spielend ihren Mann stehen, leidet auch Schmidtie bzw. seine Koitusfrequenz einstweilen unter keinerlei altersbedingten Vitalitätseinbußen.

Wo aber bleiben die Frauen, die Seniorinnen? Kommen sie überhaupt vor in diesem von der männlichen Perspektive dominierten Narrativ? Nur Updike hat ihnen ein einziges Mal nennenswerte Aufmerksamkeit geschenkt, in den „Witwen von Eastwick“, dem letzten seiner Romane. Aus den „Hexen von Eastwick“, die 1984 in Romanform das Leben erblickten, aus jenem Trio infernale nymphomaner, ehebrecherischer und ‚männermordender‘ Emanzipationsfurien, deren Ausschweifungen zur Hochzeit der sexuellen Revolte den Badeort Eastwick unsicher machten, sind drei lustige Witwen geworden, die nichts bereuen. Anders als in die Jahre gekommene männliche Lustmolche vergnügen sie sich jedoch nicht mit jungen Liebhabern, hier blieb Updike eiserner Realist. Gemeinsame Reisen sind ihre Highlights. Manchmal auch bloß bissige Kommentare darüber, dass das dank ihrer Pioniertaten erreichte Emanzipationslevel von der derzeit nachrückenden Generation einfach nicht gehalten werden kann: „… die jüngeren Leute, die in dem Alter sind, in dem wir damals waren“, lamentieren sie, sind „so langweilig, wenn man sie nur ansieht, diese aufgedrehten jungen Mütter, die ihre übergewichtigen Söhne  in übergewichtigen SUVs zwanzig Meilen zum Hockey-Training fahren, diese Kastraten von jungen Vätern, schlaffe Laffen allesamt, die ihrem lieben Frauchen im Haushalt helfen…  Alles wieder wie in den 50er-Jahren… Wie haben sie’s bloß geschafft … oft genug zu bumsen, um ihre kostbaren Kinder zu produzieren? Da trauern alle lauthals über den Tod Gottes; mich dagegen bekümmert viel mehr der Tod der Sünde.“

Beschließen soll den Reigen literarischer Variationen des Themas sexuelle Revolution der Seitenblick auf eine filmische Erzählung. „Wolke 9“ erzählt, vom Regisseur Andreas Dresen auf Zelluloid gebannt, die leidenschaftliche Liebesgeschichte zweier durchaus Betagter. Der intimste Film seit Bertoluccis „Letztem Tango in Paris“, jubelte Evelyn Finger 2008 in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Gegen das jugendwahnhafte Vorurteil, wonach nur junger Sex schön, der im Alter dagegen hässlich sei und ans Sterben erinnere, polemisiere der Film „auf radikal ehrliche Weise“. Inge, die weibliche Hälfte eines jahrzehntelang eingespielten Rentnerpaars, beanspruche „ihr Recht auf Leidenschaft, Unvernunft, Rebellion.“ Für die begeisterte Filmkritikerin „ist Wolke 9 unglaublich unverschämt, frivol, befreiend und großartig traurig“ – traurig darum, weil das späte Liebesglück, sprich der genossene Sex, in der „unausweichlichen Katastrophe“ endet, will sagen der Zerrüttung einer Paarbeziehung. – Seniorensex, der zuvor noch fehlende Schlussstein sexueller Emanzipation, wie es Evelyn Finger nahelegt? Oder doch eher „Liebesblödigkeit“ im vorgerückten Alter, um die herrliche Wortschöpfung von Wilhelm Genazino zu zitieren? In der Vergangenheit sind der schon in der Antike bekannte „senex amans“ oder weiblicherseits die ‚lüsterne Alte‘ tragisch komische Ausnahmefiguren gewesen. Gegenwärtig belegen Demographie und Statistik, dass immer mehr Menschen bei guter Gesundheit alt und immer älter werden. Ein Überschuss an Lebenszeit, der ausgefüllt sein will. Sollten sich auf dem Hintergrund dieses Tableaus der Lustgreis und die Lustgreisin zu massentauglichen Sozialcharakteren mausern? Sollte sich ihre Liebesblödigkeit als zeitgemäße Alterserscheinung durchsetzen?

Exitstrategien aus der nachutopischen Desolatheit des Sex

Wer aber nach alledem – womit wir uns am Ende einen flüchtigen Ausblick gestatten – das Bedürfnis verspürt, sich in Einstellung und Verhalten von der Sexualisierung des Lebens als einem säkularen Trend der Spätmoderne abzusetzen, wird sich zunächst ebenfalls auf dem Buchmarkt  nach Auskunft umtun. Darum abschließend ein Streiflicht auf ein paar der seriösen Expertisen.

Die Soziologin Eva Illouz kann erklären „Warum Liebe weh tut“: Weil die „Aufspaltung von Sexualität und Emotionalität“ Person und Biographie zerreißt; weil uferlose Heirats-, Liebes- und Sexmärkte Vergleich, Konkurrenz, Rivalität auf Dauer stellen; weil Frauen mit dem Ticken ihrer biologischen Uhr gegenüber chronisch bindungsunlustigen Männern im Nachteil sind usw.  Die „Neue Liebesordnung“ hat Illouz – entgegen dem Titel ihres Kommentars zum Verkaufsschlager „Shades of Grey“ – nicht parat. Sie empfiehlt gewitztes Mitmachen in der bestehenden, den Spagat zwischen Desillusioniertheit und Mut zum Begehren.  Zu wünschen sei Bindungsbereitschaft statt „Akkumulation sexuellen Kapitals“.

Der Sexualwissenschaftler Sigusch bestätigt, dass die ursprüngliche Idee, „dass die ganze verachtete Gesellschaft stürzt, wenn die Verhältnisse sexuell befreit würden“ de facto dazu geführt habe, dass „ein König Sex installiert“ wurde, dem wir seither Tribut zollen.  Das zugleich falsche und oberflächliche Reden über Sexualität zerstöre dessen „Aura des Geheimnisvollen“. Und in Zukunft werde durch die Zunahme des „Selfsex“ und mehr noch die der „Asexuellen“ – „ich habe zuerst gar nicht geglaubt, dass es sie gibt“, gesteht Sigusch –  das ‚Gesamtaufkommen‘ des Begehrens geschwächt.   Um der sich abzeichnenden sexuellen Ödnis zu begegnen,  rät er – Sigusch ist Pragmatiker – zu einer Dosis Perversion. Sein Beispiel im SPIEGEL-Gespräch: die Frau, die nichts so erregt wie die Schulterpartie ihres Mannes.

„Agonie des Eros“ und die ‚Liebestod-Therapie‘ von Meister Han

Kein übler Anknüpfungspunkt, um mit dem  Philosophen Byung-Chul Han fortzufahren. Dieser raunt vom  „Wahnsinn“ des ‚Ganz Anderen‘ , in den uns der Eros stürze. Richtig liebt, so Han, wer in der „Negativität der Andersheit“ den Ego-Tod stirbt; oder verbalradikaler: „Der Eros ist das Medium der Steigerung des Lebens bis zum Tod.“ Das den Eros verkennende Gegenteil sei die heutige Vorstellung von Sex als Leistung und einem Kapital, das es zu vermehren gelte. Die markt- und medienbefeuerte  „Positivierung“ des Begehrens soll schließlich das zur Folge haben, was uns der Titel von Hans Büchlein androht, die „Agonie des Eros“. Im Stakkato seiner apodiktischen Theorieprosa liest sich das so: „Das Nichtkönnenkönnen ist sein (des Eros) negatives Modalverb. Die Negativität der Andersheit, nämlich die Atopie des Anderen, die sich jedem Können entzieht, ist konstitutiv für die erotische Erfahrung.“ Mit diesem durch die heutigen Willenssubjekte völlig verkannten „Wesen“ des Eros habe es zu tun, dass das Begehren heute nicht, wie Illouz annehme, „durch zunehmende Wahlentscheidungen und Kriterien rationalisiert“ werde, sondern „aufgrund entgrenzter Wahlfreiheit … das Ende des Begehrens“ drohe.

Den ‚radical chic‘ beiseite gelassen, rührt Han nicht nur an die erotische Malaise, vielmehr an den wunden Punkt unserer westlichen Kultur überhaupt: Dass wir zu dem, „das Jenseits der Leistung und des Könnens angesiedelt ist“, keinen Zugang finden. Zu bezweifeln allerdings, dass just die verbissene ‚Kampfzone‘ der Erotik der geeignete Ort sein soll, um mit der Übung des Loslassens oder der Willensabrüstung zu beginnen.

Robert Pfaller läutet die Sturmglocke: die „Asexuellen“ ante portas

Für den psychoanalytisch orientierten Philosophen Robert Pfaller endlich – wir haben ihn mit seiner Theorie der „Zweiten Welten“ oben schon zitiert – sind wir über die „Agonie des Eros“ bereits hinaus und ins Stadium der „Postsexualität“ eingetreten. Die Devise „sex sells“  sei out, heutzutage punkte man in den einschlägigen Talkshows mit einem Bekenntnis zur „Asexualität“, brüste sich damit, wie gut man ohne Sex auskommt. Für Pfaller der Gipfel der Schamlosigkeit, die auf das Konto der von der sexuellen Revolutionsideologie mit herbeigeführten ‚Unkultur‘ narzisstischer Selbstentblößung gehe, deren frühe und exzellente Kritik Richard Sennets epochale Studie über „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens, die Tyrannei der Intimität“ geliefert habe. Mit dem Salto mortale ins Asexuelle – Pfaller spricht von  einem selbst auferlegten „Beuteverzicht“ – endet für ihn der anfänglich politisch-utopisch akzentuierte und dann von der Psycho- und Therapieszene individualistisch klein gearbeitete Hyperbolismus des Sexuellen dialektisch folgerichtig beim entgegengesetzten Extrem.

Verantwortlich für das Desaster ist nach Pfaller – und mit dem, was er ins Feld führt, hat er meines Erachtens Recht – der Irrglaube, Sexualität, erst recht die lustvoll befriedigende, könne, ja müsse außerhalb aller gesellschaftlichen Regulative, Choreographien und Spielregeln stattfinden. Die 68er Sexualrebellen, so Pfaller,  wollten durch „das ausschließliche Beharren auf den innerlichen Kriterien zu einer Rebellion gegen Fremdbestimmung anstacheln“; die durch ihren Utopismus und Anarchismus ideologisch-propagandistisch mit zu verantwortende Diskreditierung und Außerkraftsetzung der für die Bühne der Öffentlichkeit vorgesehenen theatralisch spielerischen Verkehrsformen zwischen den Geschlechtern habe jene Tabula rasa hinterlassen, die in der Gegenwart den Vormarsch der Asexuellen begünstige.  – Trotzdem: ist die Warnung vor der Postsexualität nicht Alarmismus? Als Trendmeldung vermutlich nicht einmal. Einspruch provoziert etwas Anderes: Pfallers Rede vom „Beuteverzicht“ lässt fürchten, dass er – bekennender Neoepikuräer mit Kompetenzanspruch in der Frage „Wofür es sich zu leben lohnt“ und wie ein Buchtitel von ihm lautet – seinerseits einem fragwürdigen Glauben anhängt, nämlich: das ‚geheimnisvoll Sexuelle‘ als ‚das ein der Güter Höchstes‘, für das „es sich zu leben lohnt“. Eine Präferenz, die für jüngere und mittlere Generationsangehörige Attraktivität besitzen mag, doch muss das für alle gelten?

Eine Option ‚Freiheit vom Sex‘ als altersgerechte Provokation

Dieser Essay stand ganz im Zeichen einer Generationszugehörigkeit und so will ich ihn auch beschließen. Wie wäre es für reifere Semester, die sich zudem etwas auf ihre intellektuelle Beweglichkeit zu Gute halten, mit einer Option ‚Freiheit vom Sex‘? Einer ‚Queer-Strategie‘ moderater Asexualität, die Geschlechtlichkeit nicht verleugnet und nicht alte oder neue Verdrängungsmechanismen aktiviert; aber auch nicht das Bewusstsein mit ‚erzähltem Sex‘ flutet und das Begehren nicht absichtsvoll der sexuellen Reizüberflutung in Medien und Öffentlichkeit exponiert – ohne deswegen nur noch, wie Pfaller argwöhnt, „trübsinnigen Leidenschaften“ nachzugehen.

Denen, die auch sonst keinen Wert auf Diskretion legen, werden diese Andeutungen nicht genügen. Ein überlegenes Lächeln um die Mundwinkel fragen sie: „Freiheit vom Sex“ soll heißen Freiheit wozu? – Soll man erwidern? Am Besten kontert man mit ein paar Gegenfragen, die klären helfen, auf wessen Seite hier die  Denkblockade liegt.

Zum Beispiel: Für Evelyn Finger  bricht „Wolke 9“ das Tabu, „dass Alte nicht sollen wie Junge und vor allem nicht wollen sollen wie Junge“ auf, wie sie sagt, „radikal ehrliche Weise“. Was aber heißt da „ehrlich“, gar „radikal ehrlich“? Offenbart sich auch dem älteren Menschen als die Wurzel allen Wollens das Verlangen nach der leidenschaftlichen Romanze und ihrer körperlichen Vereinigung? „Mag sein“, schreibt die Filmkritikerin, „dass in der gehobenen Torschlusspanikliteratur eines Philip Roth, John Updike, Martin Walser die ältlichen Intellektuellen von immer jüngeren Verehrerinnen beglückt werden. Doch ungeliftete Durchschnittsgroßeltern … sollen sich weiterhin verleugnen.“ Was für eine Ehrlichkeit und wieviel Wahrheit kann ein suggestiver Diskurs für sich in Anspruch nehmen, dessen sexual fixierter Tunnelblick stillschweigend unterstellt, dass jedwede alternierende Vorstellung von menschlicher Entwicklung, lebensgeschichtlicher Reifung, einer mit der Anzahl der Jahresringe wachsenden Umsicht und Verantwortung, nichts als Schall und Rauch sei, schlimmstenfalls ideologisch instrumentalisierbar?

Liegt schließlich das Kuriose von Byung-Chul Hans‘ Reflexionen zur „Agonie des Eros“ nicht darin, dass sie die gleiche sexfixierte Mentalität nur weiter zementieren, indem sie sich auf einen ‚katastrophischen Liebestod‘ als Schlüsselerlebnis existenzieller Wahrheitsepiphanie kaprizieren? – Die an sich interessante Grundfigur eines nicht egoistischen, nicht narzisstischen Verhaltens zum Anderen, wie sie Han am Spezialfall des erotischsexuellen Begehrens entwickelt, besagt in Kürze: Sich so zum Anderen verhalten, sich einlassen und rückhaltlos hingeben, dass dessen Andersheit respektiert wird, das ‚Geheimnis‘ des Anderen und damit seine Anziehungskraft  gewahrt bleibt. Gelingt das Wagnis, stellt sich nicht nur ein Gefühl von Befriedigung ein, man fühlt sich auch von sich selbst erlöst. – Um der Erfahrung befreiender Selbsttranszendenz teilhaftig zu werden, muss man nun keineswegs nach dem Anderen im Sinne eines Freudschen ‚Sexualobjekts‘ und dessen Sexappeal suchen. Unübersehbar die Zahl der Menschen, ihrer Lebensverhältnisse, der darin beschlossenen Gestaltungsaufgaben, die unserer Aufmerksamkeit und Hingabe bedürfen und dazu einladen, einmal sich selbst zu vergessen und mit dem eigenen Engagement über sich hinaus zu wachsen. Die stattdessen darauf warten, dass irgendwann in einem apokalyptischen Gewitter der Hansche Eros sie „aus sich selbst herausreißt“ und als der ‚Große Andere‘ von ihrem Narzissmus erlöst, könnten – erst recht bei fortgeschrittenem Alter – bereits verloren sein, bis ans Ende ihrer Tage Gefangene einer armseligen, verzweifelten Selbstliebe.

Mit gutem Beispiel voran: Ein Meisterdenker und ein  Rock‘n Roller

Damit genau dies nicht passiert, sollte man da nicht die Chance nutzen, die sich mit der Option ‚Freiheit vom Sex‘ bietet? – Ein Unterfangen? Offenkundig nicht für einen der Gründerväter der modernen Reflexion über Sexualität. In einem der Briefe an seinen Arztkollegen und Freund Wilhelm Fließ bemerkt Sigmund Freud beiläufig, mit dem „Kinderzeugen“ sei er inzwischen durch; soll heißen, dass er sich künftig in der Hauptsache der für ihn aufregenden Theoriearbeit an seiner Metapsychologie hinzugeben gedenke. Als er das schrieb, war Freud in den Vierzigern.

Und wie verhält es sich diesbezüglich mit Berühmtheiten, die noch nicht das Zeitliche gesegnet haben? Sogar unter diesen befindet sich wenigstens einer, der, sofern man seinen Worten Glauben schenken darf, im Begriff steht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Der Frontmann der „Rolling Stones“ ließ kurz vor seinem 70. Geburtstag verlauten, dass er sexuell vollkommen befriedigt sei und ebenso finanziell, lediglich spirituell fühle er sich noch unbefriedigt. Kluge Köpfe werden sich an dieses freimütige Bekenntnis erinnern, wenn Mick Jagger dereinst auch mit 80 auf der Bühne den testosterongetriebenen Affen mimt, sie wissen dann, dass er dies jenen Fans zuliebe tut, die noch nicht so weit sind. – Nun denn, wenn diese beiden, der Meisterdenker und der Rock‘n Roller, nicht eine sportliche Herausforderung sind für Angehörige der Generation 60 plus!

Textquellen

Byung-Chul Han, Agonie des Eros, Berlin 2012
Eberhard Falcke, Neues vom Chronisten der amerikanischen Provinz, Rezension zu Updikes Landleben, in dradio.de, Büchermarkt 26.02.2006
Eva Illouz, Der Konsum der Romantik, Frankfurt 2007
Warum Liebe weh tut, Berlin 2011
Die neue Liebesordnung . Frauen, Männer und Shades of Grey, Berlin 2013
Evelyn Finger, Hart auf dem Teppich, Rezension zum Film ‚Wolke 9‘, in: DIE ZEIT 16.12.2008
Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt 1968
Johannes Kaiser, „Ich finde das Leben steckt voller Katastrophen“, Rezension zu Louis Begley „Schmidts Einsicht“, in SWR2 Forum Buch, 15.01.2012 (hier die Interviewpassagen mit Begley, aus denen ich im Text zitiere).
John Updike, Landleben, Reinbek bei Hamburg, 2005
Die Witwen von Eastwick, Reinbek bei Hamburg, 2009
Louis Begley, Schmidts Einsicht, Berlin 2011
Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone, Berlin 1999
Philipp Roth, Das sterbende Tier, München 2003
Der menschliche Makel, München 2002
Reimut Reiche, Sexualität und Klassenkampf, Frankfurt 1968
Robert Pfaller, Wofür es sich zu leben lohnt, Frankfurt 2011
Zweite Welten und andere Lebenselixiere, Frankfurt 2012
Seyran Ates, Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, Berlin 2009
Thomas Hettche und Pietro Aretino, Stellungen – vom Anfang und Ende der Pornografie (meine Zitate im Text aus einem Gespräch über dieses Buch in DLF 2003), Köln 2003
Ulrich Beck und  Elisabeth Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt 1990
Volkmar Sigusch, König Sex, SPIEGEL-Gespräch 28.02.2011
Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Raubdruck (1968) der Erstausgabe von 1933