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Und bist Du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt! (Erlkönig J. W. v. Goethe) Stephan Laux schreibt über seine Schreibhemmung.

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
2 rote Boxhandschuhe
Wer meint, wir Behinderte kommen mit einem "blauen Auge" davon, verharmlost und verwechselt die politische Realität mit einem paralympischen Boxwettbewerb.
Foto: OpenClipart-Vectors In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen

Villmar-Weyer (kobinet) Gestern kehrte ich von einem VdK-Seminar über Barrierefreiheit im öffentlichen Raum zurück. So ein Seminar hat für jemanden wie mich etwas von einem Survival-Camp. Geht es doch um Fakten, Fakten, Fakten. In diesem Fall um die DIN-Norm 18040. Fakten lassen wenig Raum für besserwisserisches, aktivistisches Geschwafel.

Das hat das Symptom meiner Schreibhemmung noch mal zusätzlich verstärkt.

Ursprünglicher Auslöser dafür war der Umstand, dass ich mich einfach nicht entscheiden konnte, über welches behindertenpolitische Thema ich mich vorzugsweise echauffieren sollte. Echauffieren ist eines meiner zahlreichen Hobbys, mit denen ich mein Rentnerdasein zu füllen suche.

Die Idee einer Umfrage bei den mehr oder weniger treuen Leser*innen habe ich verworfen.

Auf die Frage: „Welches Thema soll Stephan Laux in seiner nächsten Kolumne behandeln?

a. Gewalt in Sondereinrichtungen der Behindertenhilfe oder

b. Kommunalpolitische Partizipation von Menschen mit Behinderungen in der Provinz“,

hatte ich das Ergebnis:

c. „Einfach mal die Klappe halten!“ befürchtet.

Die beiden Vorschläge liegen auch wirklich weit auseinander. Dazwischen könnte ich mich u.a. über den Referentenentwurf des Behindertengleichstellungsgesetzes, die Rentenreform und den internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen (huch! Der ist ja heute!) echauffieren.

Einen Zusammenhang zwischen:

a. Gewalt in Sondereinrichtungen der Behindertenhilfe und

b. Kommunalpolitische Partizipation von Menschen mit Behinderungen in der Provinz.

herzustellen, wäre zu weit hergeholt!

Über Gewalt in Sondereinrichtungen der Behindertenhilfe hat das Deutsche Institut für Menschenrechte 2022 eine Handlungsempfehlung für Politik und Praxis herausgegeben. Die ist bestimmt schon bundesweit umgesetzt. So wie die UN-BRK und das Bundesteilhabegesetz. Also abgehandelt.

Und die kommunalpolitische Partizipation wird sicher Thema bei der bevorstehenden Kommunalwahl in Hessen. Und Eintracht Frankfurt Deutscher Fußballmeister!

Teilhabe ist ja in Sondereinrichtungen im Wesentlichen von Hierarchien abhängig.

Es gibt die, die Teilhabe oder Selbstbestimmung oder auch nur Bedürfnisse einfordern (man könnte sie „Bittsteller*innen“ nennen), und die, die sie gewähren (Entscheider*innen). Wobei die Entscheider*innen natürlich bei ihren Entscheidungen auch äußere Einflüsse, wie z. B. Personalengpässe, Fachkräftemangel oder politische Gegebenheiten berücksichtigen müssen.

Wenn dann deren Entscheidungen nicht den Bedürfnissen der Bittsteller*innen entsprechen, kann das auf Dauer (damit meine ich Jahre oder Jahrzehnte) zu Frustration und aggressivem Verhalten der Bittsteller*innen in Sondereinrichtungen der Behindertenhilfe führen. Darauf reagieren dann Entscheider*innen in manchen Fällen mehr oder weniger pädagogisch begründet, aggressiv. Entscheider*innen auf der unteren Hierarchieebene eventuell mit unmittelbarer Gewalt. Die auf höheren Hierarchieebenen mit struktureller und institutioneller Gewalt.

Kommunalpolitische Partizipation von Menschen mit Behinderungen in Hessen  ist abhängig vom Wohlwollen der kommunalpolitischen Gremien. Die Bittsteller*innen sind Beiräte und Beauftragte für Menschen mit Behinderungen. Die Entscheider*innen, Bürgermeister*innen und kommunalen Parlamente. Die Verweigerung der Umsetzung der UN‑Behindertenrechtskonvention auf kommunalpolitischer Ebene sorgt bei den Bittsteller*innen für Frustration und kommt struktureller und institutioneller Gewalt nahe.

Besteht da etwa doch ein Zusammenhang zwischen beiden Themen???

Vielleicht schreibe ich mal eine Kolumne darüber?

Dezember 2025, Stephan Laux

Lesermeinungen

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Ralph Milewski
04.12.2025 12:32

Beim Lesen der Kolumne drängt sich ein Gedanke auf der in der Behindertenpolitik selten ausgesprochen wird Hier geht es längst nicht mehr darum Inklusion zu verwirklichen. Es geht darum die Simulation ihrer Verwirklichung aufrechtzuerhalten.

Man pflegt nicht Teilhabe sondern das Erscheinungsbild von Teilhabe. Das System gleicht einem Amt das sorgfältig registriert wie sehr es sich bemüht ohne je den Inhalt der Akte zu verändern. Die Abläufe funktionieren tadellos geradezu vorbildlich aber immer nur bezogen auf sich selbst.

In diesem bürokratischen Kosmos bedeutet Fortschritt dass neue Formulare entstehen neue Runden Tische neue Aktionstage neue Leitfäden. Alles bewegt sich aber nichts rückt vor. Man rüstet gewissermaßen die Mechanik der Simulation auf damit sie weiterhin den Eindruck vermittelt etwas werde getan. Die Realität darf davon unberührt bleiben denn die Realität ist nicht Gegenstand des Verfahrens.

Genau hier entsteht die kafkaeske Atmosphäre Die Menschen um die es geht werden nicht ausgeschlossen sie werden eingebunden. Aber eingebunden als Teil des Mechanismus nicht als Teil der Entscheidung. Sie dürfen teilnehmen damit niemand merkt dass sie nicht teilhaben. Und die dazugehörigen Gremien funktionieren nach derselben Logik Ein Beirat berät zwar aber nur auf Zuruf. Seine Existenz dient weniger der Mitgestaltung als der Vollständigkeit der Inszenierung. Abseits dieser gelegentlichen Befragung bleibt er Beiwerk ein dekoratives Alibi das die Simulation von Beteiligung stabil hält.

Die Simulation lebt davon dass alle Elemente vorhanden sind Gremien Arbeitskreise Beauftragte Beratungen Protokolle. Alles sieht so aus als würde es funktionieren. Und weil es so aussieht wie es aussehen soll gilt es als erfüllt.

Das erklärt auch die eigentümliche Erschöpfung die Laux beschreibt Man wählt ein Thema doch egal wo man ansetzt landet man im selben Labyrinth. Nicht weil die Themen ähnlich wären sondern weil sie im selben System konserviert werden einem System dessen Hauptleistung darin besteht sich selbst als Fortschritt zu präsentieren.

Die Frage ist daher nicht wie Inklusion gelingen kann. Die Frage ist wie lange die Aufrechterhaltung der Simulation noch als Erfolg verkauft werden kann. Denn eine Simulation kann man endlos optimieren ohne jemals die Wirklichkeit berühren zu müssen.

Solange das so bleibt ist Inklusion kein politisches Projekt sondern eine gut geölte Inszenierung. Und vielleicht ist genau das der Grund warum man sich irgendwann nicht mehr entscheiden kann worüber man schreiben will Weil jeder Versuch etwas zu benennen sofort in jenes System eingesogen wird das vor allem eines will bestehen nicht verändern.