Staufen (kobinet)
Ein Blick von außen auf die Zeit um 1968
Hans-Willi Weis schreibt über die Zeit um 1968.
Es geht um die Studenten-Bewegung.
Studenten-Bewegung bedeutet: Viele junge Menschen haben protestiert.
Sie wollten die Welt verändern.
Das war in den 1960er Jahren.
Hans-Willi Weis war damals 17 Jahre alt.
Er lebte auf dem Land.
Er interessierte sich für Politik.
Was war die 68er-Bewegung?
Die 68er waren junge Menschen.
Sie wollten die Welt verändern.
Sie kämpften für mehr Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit bedeutet: Alle Menschen werden gleich behandelt.
Alle bekommen die gleichen Chancen.
Sie kämpften gegen den Krieg.
Der Krieg war in Vietnam.
Vietnam-Krieg war ein Krieg in Asien.
Er dauerte viele Jahre.
Viele Menschen starben.
Das war von 1955 bis 1975.
Viele junge Menschen gingen auf die Straße.
Sie protestierten gegen die Politik.
Wie fing das an?
Hans-Willi Weis las Zeitungen.
Er las über Studenten-Proteste.
Die Studenten hatten neue Ideen.
Sie redeten über Che Guevara.
Che Guevara war ein Kämpfer aus Süd-Amerika.
Er kämpfte für arme Menschen.
Viele junge Menschen fanden ihn gut.
Hans-Willi fand das spannend.
Was passierte zu Hause?
Der Vater war sehr besorgt.
Er fand die neuen Ideen gefährlich.
Hans-Willi schrieb einen Artikel.
Der Artikel war über Mit-Bestimmung.
Mit-Bestimmung bedeutet: Menschen können mit-reden.
Sie können mit-entscheiden.
Ihre Meinung ist wichtig.
Der Vater wurde sehr wütend.
Rudi Dutschke war wichtig
Rudi Dutschke war ein Student.
Er war ein bekannter Redner.
Er wollte Frieden auf der Welt.
Er redete in einer Kirche.
Er sagte: Der Krieg in Vietnam ist falsch.
Manche Menschen schlugen ihn deshalb.
Was wollten die 68er wirklich?
Die 68er wollten eine gerechte Welt.
Sie wollten Frieden überall.
Sie wollten keine Armut mehr.
Sie lasen viele Bücher.
Sie diskutierten viel.
Manche glaubten an den Sozialismus.
Sozialismus ist eine politische Idee zum Zusammen-leben.
Alle Menschen bekommen gleich viel Geld.
Gab es nur eine Meinung?
Nein, es gab viele verschiedene Gruppen.
Manche waren sehr streng.
Sie hatten feste Regeln.
Das waren die K-Gruppen.
K-Gruppen waren politische Gruppen in Deutschland.
Das K steht für kommunistisch.
Sie wollten die Gesellschaft stark verändern.
Kommunismus ist eine politische Idee.
Alle Menschen sollen gleich viel haben.
Andere Gruppen waren lockerer.
Was sagt Hans-Willi heute?
Heute ist er älter.
Er denkt anders über damals.
Manche Ideen waren gut.
Manche Ideen waren nicht gut.
Der Sozialismus funktionierte nicht überall.
In manchen Ländern gab es Gewalt.
Was ist heute anders?
Die Welt ist anders geworden.
Die Menschen kaufen viel mehr Dinge.
Die Menschen haben viel Stress.
Viele Menschen sind nicht glücklich.
Das wollten die 68er nicht.
Sie wollten mehr Freiheit für alle.
Was bleibt von damals?
Die 68er haben viel verändert.
Heute dürfen Menschen mehr mit-reden.
Heute gibt es mehr Freiheit.
Aber nicht alles wurde besser.
Hans-Willi schaut kritisch auf damals.
Er sieht Gutes und Schlechtes.
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Staufen (kobinet) Statt eines Editorials dieser Teaser: Im Zusammenhang der kriegsdienstlichen Mobilmachung ist vom "zu verteidigenden Geschenk der Demokratie" die Rede. Der darüber anders denkende kobinet-Redakteur Hans-Willi Weis illustriert am Beispiel seiner politischen Sozialisation, dass die Wirklichkeit komplexer und komplizierter ist als der Spruch von der "geschenkten Demokratie" suggeriert. Sein literarischer Essay über die Achtundsechziger-Generation erschient erstmals 2009 in der Kulturzeitschrift "Das Plateau".
Hans-Willi Weis
Wer zweimal mit derselben pennt …
Das 68er Knäuel von der Peripherie her aufgedröselt
Kürzlich fragte ich jemanden im Dorf, wir wohnen auf dem Land, ob er als Alteingesessener die Leute kenne, die in unserer Nachbarschaft in einem Gartenhäuschen andauernd Feten feiern und meine Nachtruhe stören. Er sagte, die kenne er nicht, aber das seien doch sicher 68er … Worauf ich, entgeistert und geistesgegenwärtig in einem, erwiderte, dass ich das nicht glaube, weil 68er seien dafür zu intelligent … Eine Antwort, der die erfahrungsgesättigte Gewissheit zu Grunde liegt, dass die 68er seinerzeit zwar gerne Proletariat gespielt haben, sich heute deshalb aber noch lange nicht wie Proleten auf-führen. Interessanter als die Frage, ob er nicht doch Recht haben könnte, dürfte bei unserer Meinungsverschiedenheit die Feststellung sein, das vier Jahrzehnte danach in Anbetracht des Phänomens 68 vielen anscheinend der Sinn für Ambivalenz immer mehr abhanden kommt. Von der Fähigkeit oder Bereitwilligkeit zu einem halbwegs differenzierten Urteil ganz zu schweigen. In der Beliebtheitsskala möglicher Hassobjekte stehen die sogenannten 68er inzwischen ganz weit oben, das frei flottierende Ressentiment stürzt sich mit Vorliebe auf sie. Und die immer noch bekennenden 68er und ihre Freunde lassen vielfach ebenso die Zwischentöne und Abstufungen vermissen, die man allein schon aus der geschichtlichen Distanz mittlerweile von ihnen erwarten könnte. Im medial inszenierten politischen Schlagabtausch zwischen Mythos und Antimythos rückt daher eine gerechte Einschätzung in weitere Ferne denn je. So dass vielleicht eine ganz und gar individuelle Sicht auf die damaligen Ereignisse mit ihrer subjektiven Wahrheit der Erinnerung derzeit noch am ehesten geeignet erscheint, dem diskurs- und meinungspolitisch erzeugten Dunkel wenigstens ein paar möglicherweise erhellende Streiflichter aufzusetzen.
Von Old Shatterhand zu Che Guevara
1968 war ich Unterprimaner und gerade mal 17. Da hatte man bekanntlich noch Träume und es wuchsen noch alle Bäume, wenn schon nicht in den Himmel der Liebe, dann wenigstens in einen noch ebenso ungetrübten der Revolution. So ging es jedenfalls mir und einigen meiner Freunde. Und das geschah sozusagen von heute auf morgen. Wir mussten dazu nur in der großen Pause im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL lesen, und schon hatten wir in Dutschke und Co unsere neuen Helden entdeckt. „Die Studenten“ gingen aus Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten in aller Welt so auf die Barrikaden, wie es unser jugendlicher Idealismus und Gerechtigkeitssinn ihnen am liebsten sofort nachgemacht hätte. Im Nachhinein muss ich allerdings einräumen, dass ein Klassenkamerad und ich zunächst die einzigen gewesen sind, die so empfunden haben und sich überhaupt für Politik und Geschichte interessierten. Die schweigende Mehrheit hat das nie sonderlich gejuckt. Sollte ich heute unsere beider Seelenentwicklung als die zweier nach-pubertärer Jugendlicher auf den Punkt bringen, so würde ich sie als die einer Ablösung innerer Heldenfiguren beschreiben: Von Old Shatterhand und Winnetou zu Che Guevara und Ho Chi Minh oder dem Vietcong. Wobei ich es mir nicht als besonderes Verdienst anrechne, hinterher als Student schon recht bald und also ein bisschen früher als manch einer der später prominenten Altvorderen bemerkt zu haben, dass die realen Akteure, die „Befreiungsbewegungen“ in der Dritten Welt und ihre „Kommandantes“, viel widersprüchlicher oder zwiespältiger waren, dass sie sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so „edel, hilfreich und gut“ bzw. wie man damals sagte „emanzipatorisch“ herausstellten, wie es das Ideal oder auch nur die geschönten Bilder von ihnen suggerier-ten. Ernst zu nehmende sozioökonomische Analysen und historisch-politische Fallstudien auch von linker oder marxistischer Seite hätten bereits in den Siebzigern den „ideologischen Irrtum“ mit seinen Illusionen korrigieren können: Die antikolonialen nationalen Erhebungen unter Führung intellektuell-bürgerlicher Eliten bedienten sich in ihrem Kampf gegen „ausbeuterische Oligarchien“ und/oder „imperialistische Mächte“ einer marxistischen oder sozialistisch-kommunistischen Rhetorik und Propaganda. Realiter ging es aber um interne Ressourcenkontrolle und -umverteilung, also keineswegs um eine egalitäre „Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen“. Wenn in der Folge von der nachholenden Industrialisierung und strukturellen Modernisierung auch die „Verdammten dieser Erde“ materiell und sozial etwas profitierten, hatte das nichts mit einer Verwirklichung linker Utopien zu tun. Wohl aber, wo es gut ging, mit einem bescheidenen geschichtlichen und humanen Fortschritt.
„Stopp US-Aggression in Vietnam“ stand auf den Buttons, die wir uns – mein Freund hatte sie per Post mit anderem „Aufklärungsmaterial“ bei der „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ bestellt – im Unterricht an die Pullover steckten. Die meisten Lehrer ignorierten es. Diejenigen, die hinsahen und lasen, meinten, „aha“ oder „hm hm“. Das vielleicht nicht ganz untypische Gymnasium in tiefster rheinland-pfälzischer Provinz war weder so richtig autoritär, noch irgendwie liberal, es produzierte nicht den Untertan und genau so wenig den mündigen Bürger. Unsere Anfrage wegen Unterrichtsbefreiung, um am „Sternmarsch“ auf Bonn gegen die Notstandsgesetze teilzunehmen, wurde vom Rektor mit dem juristischen Argument „Aufsichtspflicht“ abgelehnt. Aber die Deutschlehrerin, eine ältliche Anthroposophin, die für Gustav Heinemann schwärmte, diskutierte mit uns und war der Auffassung, dass aus uns aufgeweckten jungen Menschen sicher einmal tüchtige Abgeordnete hervorgingen, die sich nicht so leicht korrumpieren ließen. Nicht nur mit 17 hatte man also noch Träume …
Das war im Frühjahr 68. Und auch im Falle einer Unterrichtsbefreiung hätten wir es wahrscheinlich nicht bis nach Bonn und zur Großdemonstration geschafft. Ich zumindest wäre am definitiven Nein des für mich zu Hause zuständigen „Erziehungsberechtigten“ gescheitert. Der war inzwischen sehr beunruhigt. Die „Bierzeitung“ zur Feier der mittleren Reife ein Jahr zuvor hatte mit einem Artikel aufgemacht, der so anfing: „Ein Gespenst geht um im Lehrerzimmer, das Gespenst der Schüler-Mitbestimmung …“ Und er endete mit dem Satz: „Schüler aller Klassen vereinigt Euch!“ Der Artikel stammte von mir, und mein Vater, dem er in die Hände fiel, stellte mich zur Rede. Meine Verteidigung, dass ich doch lediglich ein berühmtes Zitat ein klein wenig abgewandelt hätte, war zugegeben schwach. Und es muss an einem Blackout gelegen haben, dass ich ihm auch noch die Quelle verriet, das Kommunistische Manifest, „ein Gespenst geht um in Europa…“ Egal was für ein Gespenst ich da heraufbeschworen hatte, es brachte ihn derart aus der Fassung, dass er mit dem Küchenstuhl auf mich losging, „lieber schlag ich Dich tot, als dass ich mir einen Kommunisten heranzüchte.“ – Nun ja, ich hab’s überlebt. Aber war ich tatsächlich im Begriff, ein Kommunist zu werden? Und was hieß das überhaupt, ein Kommunist? Diese politisierten Teenies, für die die Forderung nach Mitbestimmung, die Abnabelung vom Elternhaus und der Kampf des Vietcong „irgendwo dasselbe“ war und mit romantischem Augenaufschlag „Revolution“ genannt wurde – waren das alles frisch aus ihren Eierschalen schlüpfende Kommunisten? Fast möchte man es glauben, wenn man das heute vorherrschende 68er Klischee zu Rate zieht: Erst gab es die Apo und die antiautoritäre Studentenbewegung mit dem SDS an der Spitze, nach 69 war auf einmal die Luft raus und die Bewegung tot, ihr Leichnam zersetzte sich in die größeren Zerfallsprodukte der K-Gruppen und in den kleinen terroristischen Splitter der RAF – aber sie alle waren am Ende „Kommunisten“ und wollten es sein!
„Alle Verhältnisse umstürzen…“ oder Theorie und Libido
Als Student der Soziologie, immatrikuliert im Wintersemester 1970, bin auch ich selbstverständlich Marxist gewesen. Was nicht daran lag, dass ich in der Geburtsstadt von Karl Marx studierte. Die soeben eröffnete Uni Trier diente lediglich der bildungspolitischen Erschließung des rheinland-pfälzischen Hinterlands. „Alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein geknechtetes, ein erniedrigtes, ein verächtliches Wesen ist …“, war ein Satz von Marx aus den sogenannten Frühschriften, in den ich mich schon lange vorher verliebt hatte, und dem sich eine libidinöse Beziehung zu dem „Trierer“ verdankte, die ein paar Jährchen anhielt. Knochentrockene Theoreme wie das vom „tendenziellen Fall der Profitrate“, wie sie dann der Seminarmarxismus in den 70er Jahren traktierte, hätten es erst gar nicht vermocht, ein solches Liebesverhältnis anzubahnen. Die affektive Bindung an alles Marxistische in Fragen der Theorie hatte bloß den Nachteil, dass sie alle andern Theorien und Perspektiven als „bürgerlich“ verschmähte. Die intelligent genug waren oder einfach Glück hatten, denen gelang es mittels Foucault-Lektüre oder beispielsweise durch den „Anti-Ödipus“ von Deleuce und Guatari die Fixierung „poststrukturalistisch“ zu lösen. Heute schließlich laboriert man an den Universitäten am entgegengesetzen Problem: Die psychointellektuelle Entwicklung heutiger Studierender lässt es scheinbar überhaupt nicht mehr zu, sich noch in Theorien verlieben zu können, sprich ein Interesse für intellektuell anspruchsvolle theoretische Erklärungsmodelle von was auch immer zu entwickeln. Fehlt nur noch, dass auch an diesem „Werteverfall“ die 68er Schuld sein sollen …
Doch noch einmal zurück. Seinerzeit habe nicht nur ich Prügel einstecken müssen, wegen jener protokommunistischen „Bierzeitung“. An Heilig Abend 1967 bezog auch Rudi Dutschke Prügel. In der Gedächtniskirche zu Westberlin schlug ihn ein rüstiger Renter beherzt mit dem Gehstock aufs Haupt. Worauf man ihn, „das Haupt voll Blut und Wunden“ – in den nicht Springer hörigen Blättern hieß es „blutüberströmt“- , mit seinen Kommilitonen aus dem Gotteshaus trieb. Was war geschehen? Rudi war – soll man sagen, in einem Anfall missionarischen Eifers – behende auf die Kanzel geklettert, um der Gemeinde ins Gewissen zu reden. Das Schweigen über den Bombenkrieg der USA gegen die Vietnamesen und die heiligabendliche Rede von „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, wie denn das zusammengehe. Dutschke hinterher: „An welchem Tag im Jahr werden es diese Menschen sonst noch begreifen können, dass in dieser Welt nicht Frieden herrscht. Und wenn heuchlerisch gesagt wird aber wenigstens am 24. habt ihr uns in Ruhe zu lassen, dann ist doch dahinter nur der doppelte Boden der Moral, so zu tun, als ob Frieden in der Welt wäre. Man will in Ruhe gelassen werden. Diese Leute sind nicht bereit, um den Frieden zu kämpfen, sie benutzen den Heiligabend um ihre Schuldgefühle des ganzen Jahres loszuwerden.“ Deshalb wirft er aber noch lange nicht die Flinte ins Korn, denn solche Aktionen stärkten diejenigen „Kräfte“, die sich nicht durch die „Institutionen“ beherrschen lassen wollen. Ihre Aufgabe sei der „Dialog mit den Massen“. Konkret (siehe Heiligabendaktion Gedächtniskirche), „die linken Evangelen haben den Dialog mit ihren christlichen Massen zu führen, wie wir ihn in der Universität mit den produzierenden Studentenmassen zu führen haben“. – Der rote Rebell, soviel ist klar, verleugnet nicht seine Herkunft aus der christlichen Diaspora im SED-Staat, dem er den Rücken gekehrt hat. Er hat nicht nur seinen Marx intus, sondern auch die Schriften religiöser Sozialisten wie Paul Tillich studiert. Wo er das Wort ergreift, liegt politische Theologie in der Luft, „Befreiungstheologie“ – im bitterarmen Nordosten Brasiliens hatte 1966 der Arbeiterpriester Camilo Torres zur Waffe gegriffen … Und wenn Dutschke mit prophetischem Gestus verkündet, dass nunmehr eine Welt möglich sei, „wie sie noch niemand gesehen hat, eine Welt ohne Hunger und ohne Krieg“, wird einmal mehr offenbar, dass die am weitesten zurückreichende Wurzel der 68er Protestbewegung mit ihrem Weltveränderungsglauben und Gerechtigkeitspathos im jüdisch-christlichen Messianismus zu suchen ist.
Diesen Motiv- und Motivationsstrang blendet aus, wer, wie Götz Aly, Dutschke, und sei es nur dem Habitus des Bürgerschrecks und der Rethorik nach – auch er hat wohl einmal von „Machtergreifung“ fantasiert – , mit dem jungen Goebbels vergleicht, bevor dieser noch zum Massenmörder geworden ist. Soll heißen, er habe möglicherweise bloß nicht die geschichtliche Gelegenheit bekommen, die mörderischen Konsequenzen seines Prophetentums in die Tat umzusetzen. Die Erinnerung des Theologen Helmut Gollwitzer dagegen könnte der historischen Wahrheit in diesem Fall schon etwas näher kommen: „Rudi gehörte zu denen, und das ist mir sehr wichtig gewesen als ich ihn kennenlernte, die einen neuen Typ von Sozialisten und Marxisten darstellen, der sich von dem früheren durch Folgendes unterschied. Erstens, für sie war der Marxismus nicht mehr eine abgeschlossene Doktrin, die man auswendig lernen muss und wo man linientreu sein muss. Zweitens, sie waren nicht mehr antireligiös. Und drittens, sie hatten große Gewissensskrupel hinsichtlich der Gewalt. Die revolutionäre Gewalt war für sie kein selbstverständliches Recht, sondern ein schweres Problem in dieser gewalttätigen Welt.“
Opa war kein Nazi
Apropos Goebbels. War 68 hier zu Lande nicht in allererster Linie ein Aufstand der Söhne und Töchter gegen die Nazi-Eltern-Generation? Waren meine Eltern Nazis gewesen? Dass Hitler auch nicht schlimmer gewesen sei als die andern, mit Vorliebe nannten sie Churchill und Stalin, davon waren sie beide überzeugt. In Kindertagen wurde an Sonntagabenden im Familienkreis bisweilen ein Fotoalbum hervorgekramt, manche der Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit gezacktem Rand hatten einen Stich ins Bräunliche. Das Bild mit den zwei lachenden jungen Frauen auf einer Barackenpritsche, weiße Bluse zu grauem Rock und Schiffchen auf dem sorgfältig frisierten Haar, kommentierte meine Mutter jedesmal mit dem gleichen Satz: „Der Arbeitsdienst, das war für mich die schönste Zeit meines Lebens…“ Als BdM-Mädel war sie im Rheinhessischen bei der Spargelernte im Einsatz gewesen. Ein Parteibuch hatte mein Vater nicht gehabt, und mit der Wehrmacht durch Europa gezogen war er auch nicht. Wegen einer halbseits kaputten Lunge sowie einem Trommelfell, das ein Schneeball schon vor dem Krieg zerschmettert hatte, war er nicht „eingezogen“ worden, er kam mit Schreibarbeiten davon. Aber der Bruder meiner Mutter, sein Foto in Wehrmachtsuniform hing in unserem Wohnzimmer, war 42 in Russland gefallen. Von da an habe ihr Vater nie wieder auf der Straße den „Hitler-Gruß“ gezeigt, und sei kurz darauf, weil er den Verlust nicht verschmerzt habe, an Lungenentzündung gestorben. War also auch mein Opa kein richtiger Nazi gewesen? – Ausserfamiliär begegnete mir die NS-Vergangenheit das erste Mal in der Volksschule. Mein Lehrer der dritten und vierten Klasse war Nazi gewesen, er gab es offen zu, und am Russlandfeldzug hatte er auch teilgenommen. Hitler war für ihn immer nur „der Adolf“. Der hatte die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosen von der Straße geholt, dann jedoch „einen kapitalen Fehler begangen, als er das mit den Juden machte, wo er doch an fünf Fingern hätte abzählen können, dass so was nicht gut geht“. Ja, solche Sätze prägen sich einem Dritt- oder Viertklässler ein wie das Hänschenklein. Dem selben Lehrer verdanke ich es – in der Bundesrepublik war soeben der „Bildungsnotstand“ ausgebrochen bzw. ausgerufen worden –, dass mich meine Eltern auf sein Zureden hin und gegen mein Widerstreben aufs Gymnasium schickten. Wo das zeitgeschichtliche Jägerlatein aus der Volksschule im Geschichtsunterricht der Oberstufe einigermaßen durch die historische Wahrheit korrigiert wurde.
Um 68 herum war der politische Lieblingsspruch meines Vaters eine Lebensweisheit, die er von Franz Josef Strauß aufgeschnappt haben wollte: „Wer gegen den Wind spuckt, der kriegt die eigene Spucke ins Gesicht.“ Nazi ja oder nein, jedem durch die 68er politisch „Sozialisierten“ war klar, so ein Spruch passt zum „autoritären Charakter“, wie ihn Adorno und Horkheimer in ihrer gleichnamigen Studie diagnostiziert hatten, wie die Faust aufs Auge. – Was die so kritischen 68er, die jüngeren wie die älteren, indes nicht wussten, war, dass was sie über den Nationalsozialismus bzw. wie generalisierend gesagt wurde den Faschismus wussten oder zu wissen glaubten, im Nachhinein betrachtet recht wenig und ziemlich „unterkomplex“ gewesen ist. Wie andere auch hatten sie, gerade mal zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Hitler-Diktatur keine Ahnung davon, welche seelischen Verwüstungen der „Zivilisationsbruch“, ein erst nach 68 gebräuchlicher Terminus, bei Opfern wie Tätern auf je spezifische Weise hinterlassen würde und welche Dialektik an Psychodynamik und intellektueller Verarbeitung er noch bei den Nachgeborenen auslösen sollte. Viele damalige Linke beteten mit Vorliebe Brechts eingängige Verse aus dem „Arturo Ui“ nach, „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Und waren mit geradezu rührender Naivität davon überzeugt, mit der Abschaffung des Kapitalismus, um nicht zu sagen der Verstaatlichung der Produktionsmittel, wäre das Trauma des Faschismus ein für allemal aus der Welt geschafft. Marxistische Politikwissenschaftler sprachen von „Formen bürgerlicher Herrschaft“, zu denen sie gleichermaßen Liberalismus und Faschismus zählten. Wobei die Nomenklatur indirekt darauf hinweist, dass der die „bürgerliche Herrschaft“ in Bälde ablösende Sozialismus, und sei es der „real existierende“ der DDR oder Sowjetunion, dann beide Fliegen mit einer Klappe schlägt, den Liberalismus wie den Faschismus.
Aber waren die 68er nicht von Anfang an für Sozialismus? Ich erinnere mich an die Worte des CDU-Kanzlerkandidaten Rainer Barzel am Vorabend der Bundestagswahl 1972, im Fernsehen sah man eine nicht sehr zahlreiche Schar von Anhängern mit aufgespannten Schirmen im Regen stehen: „Machen Sie diesem ganzen Spuk und Gerede von Sozialismus in unserem Lande ein Ende und wählen sie morgen CDU/CSU!“ Das war gegen die Regierung Brandt und die erste sozialliberale Koalition gerichtet, an deren Zu- Stande-kommen die 68er Stimmungslage und Mobilisierung nicht ganz unbeteiligt war. Sodass sich die Frage, die wir uns heute stellen können, wenn es um die 68er und ihren Sozialismus geht, ein nach rechts wie nach links ideologisch unvernebelter Kopf auch schon zu dieser Zeit hätte aufwerfen und vielleicht sogar einigermaßen intelligent beantworten können. Ging es ihnen mit ihrer sich ursprünglich „antiautoritär“ verstehenden „Revolution“ um die Befreiung von der obrigkeitsstaatlichen Bevormundung der Adenauer-Ära, kurz, um Demokratisierung und mit ihr um eine politische und gesellschaftliche Teilhabe, welcher ohne die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit das Rückgrat fehlen würde? Oder war 68 fort folgende allen Ernstes der Versuch, in der Bundesrepublik den Sozialismus oder Kommunismus, womöglich die „Diktatur des Proletariats“ einzuführen, wie es die Formel vom „roten Jahrzehnt“ (die Jahre 67 bis 77) des Ex-KBWlers Gert Koenen nahelegt? Letzteres war es wohl in den Köpfen derer, die um 1969/70 meinten, die antiautoritäre „Kinderkrankheit“ und mit ihr die Freiheit des selbstständigen Denkens verabschieden und sich ideologisch auf Vordermann bringen zu müssen, indem sie sich zu Parteikommunisten mauserten, wahlweise zu moskautreuen oder maohörigen. Koenens historiografisches Konstrukt vom „roten Jahrzehnt“, so materialreich es den Diffenzierungs- oder Zersetzungsprozss des harten organisatorischen Kerns der 68er Bewegung in dogmatische Brösel dokumentiert, lässt in seinem perspektivisch verzerrten „Insgesamt“ das Phänomen „68 und die Folgen“ auf dessen aufdringlisten Aspekt oder wenn man so will seinen bizarren Wurmfortsatz zusammenschnurren. Noch einfacher und übersichtlicher liegen die Dinge für seinen Historikerkollegen und ehemaligen Kampfgefährten Götz Aly. Als die Publizistin und SDS-Veteranin Katharina Rutschky in einem taz-Gespräch mit ihm (29.12.07) darauf hinwies, dass sie keine Nazi-Eltern gehabt, keiner K-Gruppe angehört habe, und auch keine Maoistin gewesen sei, unterbrach er sie barsch mit der Behauptung, „wir waren doch alle Maoisten“, und legte ergo, noch einmal mit der Feststellung nach, „Sie vertreten 68 nicht“.
Lübke schlägt Mao oder Worte zweier Vorsitzender
Als kleines Provinzlicht der 68er-Bewegung reibt man sich die Augen und fragt sich, ob man seine Erinnerung arondieren muss. Ich erinnere mich, dass mein Klassenkamerad und ich uns die Mao-Bibel beim Trikont-Verlag in München bestellt hatten, zusammen mit einer Che Guevara-Broschüre und Regís Debray’s „Revolution in der Revolution“. Sie hieß auch „Das rote Buch“, der kunstlederne Einband Ton in Ton, rotes Sternchen auf rotem Grund. Sind wir deswegen Maoisten gewesen? Wenn wir auch so naiv waren, die fahnenschwenkende Randale der „Roten Garden“ aus Illustrierte und Fernsehen mit dem Anliegen des eigenen Protests an Schule und Universität in Verbindung zu bringen, so ist uns selbst als Pennäler nicht entgangen, dass die Mao-Fibel nicht gerade intellektuelle Sternstunden versammelte. Was uns amüsierte waren die Beschimpfungen, „Kettenhunde des Imperialismus“ usf. für die „Breschnew-Clique“ im Kreml. Wen wundert’s, dass wir uns da einem andern kleinen aber feinen Büchlein zuwandten, dem „grünen Buch“ der „Worte des Vorsitzenden Heinrich“. Heinrich Lübke natürlich, seines Zeichens zweiter Bundespräsident der noch jungen Bundesrepublik. Worte wie, hier beim Afrikabesuch: „Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Neger …“ Das hatte Karl Valentinsches Format, da konnte Mao nicht mithalten. Und überhaupt, die frühen 68er hatten noch nicht den Humor verloren. Man denke an Fritz Teufel. Untersuchungsrichter: „Stehen Sie bitte auf, wenn ich sie befrage.“ Teufel: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient, gerne.“ Die späteren K-Gruppler allerdings hatten dann längst den Humor zusammen mit ihrem Verstand an der Garderobe ihres revolutionären Welttheaters abgegeben.
Aber selbst wenn ich mich in diese Periode zurückversetze, in die Hoch-Zeit des „roten Jahrzehnts“, also die erste Hälfte der 70er Jahre, sehe ich aus der Innenperspektive des teilnehmenden Beobachters, aus meiner individuellen und subjektiven Sicht als „undogmatischer Linker“ an der Uni etwas anderes, als was einige ehemalige der K-Gruppen-Szene im Rückblick dort sehen wollen. Nämlich ein breites und weites Spektrum aus „Basisgruppen“, „Sponties“, „Undogmatischen“, „Unabhängigen“, „Unorganisierten“. Alle, auch die sich selber kein Label anklebten, irgendwie links oder progressiv orientiert, also nicht RCDS oder so etwas. Dass die Kadermarxisten, die Orthodoxen von MSB und DKP und die Maoisten, die KSVler, KBWler etc., trotzdem oft genug das große Wort führten, lag auch daran, dass die Masse sie aus einem libertären, soll man sagen Missverständnis heraus, gewähren ließ. Man räumte ihnen unbeschränkt Narrenfreiheit ein und war gleichzeitig von ihren penetranten Auftritten genervt. Aus Verlegenheit – oder war es manchmal eher Dummheit – wählten manche sie auch ins Studentenparlament oder in sonstige Gremien. Mir waren sie auch persönlich immer unsympathisch. Was nicht erst damit anfing, dass – ich war gerade von der Hinterwäldler-Uni Trier nach Marburg umgezogen, neben Berlin und Bremen die linke Hochburg – so ein Spartakisten-Häuptling aus der Nachbar-WG mir unbedarftem Provinzler meinte die Welt erklären zu müssen. Er redete dermaßen betulich pädagogisch auf mich ein – „der staatsmonopolistische Kapitalismus“, „die Multies“, „die Bosse“… – , dass er gar nicht mitkriegte, wie ich innerlich die Augen verdrehte. Hinterher tat er mir fast schon wieder leid, zumal als ich von seinen WG-Genossen erfuhr, dass „dem sein Alter“, wie sie sagten, „ein ganz hohes Tier“ bei ich weiß nicht mehr welchem Düsseldorfer Großkonzern sei. Bei mir, der ich aus kleinbürgerlich-proletarischen Verhältnissen kam, aus einer „bildungsfernen Schicht“ wie man heute sagt, trugen solche Begegnungen nicht unwesentlich zur (Ver)Schärfung des Klassenbewußtseins bei.
Wobei mir neben der heiteren die ernste Seite jenes Polittheaters genauso bewusst war. Denn eines war doch klar: Würden diese Schwadronöre bzw. ihre Politbüros und ZKs von heute auf morgen in diesem Land die politische Macht in Händen halten, so hätten ich und meinesgleichen die längste Zeit im Seminar oder sonst wo neben ihnen gesessen. Dann säßen wir nämlich, na ja, man braucht es wegen des von der Realgeschichte gelieferten Anschauungsmaterials, das bedrückend genug ist, nicht weiter auszumalen. Hatten sich die Köpfe genügend erhitzt, bekam man es zudem von dem einen oder andern auch schon mal auf Rückfrage hin bestätigt. In der Regel beließ ich es beim Gedankenexperiment, angestellt mit der inneren Genugtuung, dass es die präpotenten Schwätzer bis dahin sowieso nie schaffen würden. Man konnte mithin in aller Gelassenheit auf seinem Seminarstuhl neben ihnen sitzen bleiben und ihren Schwachsinn über sich ergehen lassen, es tat nicht wirklich weh. Was übrigens nicht heißen soll, dass es nicht auch bei den Undogmatischen und unter den Sponties etliche gab, die die intellektuelle Bodenhaftung verloren hatten.
K wie Kreislauf der Eliten
Umsomehr mag es auf den ersten Blick überraschen, dass in dem aus ehemaligen 68ern bestehenden Segment des Establishments von heute sich unverhältnismäßig viele von denen wieder finden, die bereits im „roten Jahrzehnt“ das Führungspersonal gestellt haben. Nachdem sie einigermaßen lange gebraucht haben, einige bis kurz vor die Midlife-Crises, um dann ihre marxistisch-leninistische Vergangenheit sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden zu lassen, trifft man sie heute mal als Topberater der deutschen Wirtschaft im Chinageschäft, mal als Staranwalt von Ackermann & Co, mal als Fischer-Adlatus in dessen Außenamt. Dabei handelt es sich um die Prominentenauslese lediglich des KBW… In Wirklichkeit ist das aber gar nicht so verwunderlich. Man muss sich nur Folgendes vor Augen halten: Die studentische Generation von 68 entstammte zum weitaus größten Teil dem Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, die Bildungsexpansion „nach unten“ kam noch kaum zum Tragen. So dass auch die an der Revolte Beteiligten in der Hauptsache Sprösslinge aus bürgerlichem und großbürgerlichem Hause waren. Mit einem Wort, hier probte die angestammte Elite den Aufstand, und zwar als Elite und im Bewusstsein derselben. Das ganze nannte sich diesmal nur Avantgarde, und wo es k- und kadermäßig zur Sache ging „die führende Partei des Proletariats“. Deren Parole hieß, „dem Volke dienen!“, und am besten sollte ihm mit dem Sozialismus oder Kommunismus und der Weltrevolution gedient sein. Dann hatte auf einmal das Volk ausgedient und mit ihm die Revolutions- und Sozialismusschablone, und mit der selben gleich auch noch die Idee sozialer Gerechtigkeit, wie zu vermuten ist. Das Probehandeln auf der Spielwiese war vorüber und für die Elite nun wieder Elite sans phrase begann der Ernst des Lebens. Die Hypothese – eine Variation auf den Kreislauf der Eliten, von dem die Soziologen sprechen – hat nur eine Schwachstelle: Sie erklärt, weshalb bestimmte Leute immer wieder statt auf die Nase auf die Füße fallen; sie sagt jedoch nichts aus über die Nachhaltigkeit der Entwicklung des Demokratieverständnisses bei dieser Sorte von Angehörigen der Elite, sprich der einstigen K-Gruppler oder sonst wie strammen KP-Darsteller. Damit freilich auch nichts Negatives, nichts, weswegen wir Befürchtungen hegen müssten. Hat es doch eine Bundestagsvizepräsidentin, sie hat die nämliche Eliteschulung durchlaufen – Überkompensation hin oder her –, immerhin bis zur hiesigen Mutter Theresa des politischen Gutmenschentums gebracht.
Damit nicht der Eindruck entsteht, es gäbe da mit jemandem eine Rechnung zu begleichen, will ich es mit dieser Aufwallung von verschäftem Klassenbewusstsein oder besser sozialem Herkunftsgewissen gut sein lassen. Und komme auf den wirklichen Skandal zu sprechen, den die 68er gleich welcher Couleur selber gar nicht verbrochen haben, in den sie aber nun einmal hineingeraten sind. Er besteht darin, es ist ja inzwischen kein Geheimnis mehr, dass der „Sozialismus“, in den Generationen von „Mühseligen und Beladenen“, von „Erniedrigten und Beleidigten“ nicht nur ihre Hoffnungen sondern buchstäblich ihr Leben investiert haben, dort, wo er als die „neue Gesellschaft“ offiziell „aufgebaut“ wurde, ein Betrug gewesen ist und in Teilen ein Menschheitsverbrechen. Einige unter seinen Anhängern, Orwell etwa oder Koestler, haben weniger lange als andere benötigt, den Betrug zu durchschauen und die Verbrechen beim Namen zu nennen. Im Bewusstsein der bisherigen „Fehlentwicklung“ glaubte um 68 herum die „neue Linke“ im Westen, die Verhältnisse seien reif und die Umstände günstiger denn je, endlich dem „wahren Sozialismus“ zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei mangelte es ihr nicht nur an einem Gefühl dafür, wie weit die Dessavouierung der sozialistischen Idee als solche schon vorangeschritten war, zumal bei denen, die den „real existierenden Sozialismus“ am eigenen Leibe erfahren hatten oder immer erfahren mussten. Es fehlte der 68er neuen Linken, von den sich heraus kristallisierenden dogmatischen Zirkeln natürlich ganz zu schweigen, auch ein Gespür für die Wahrnehmung totalitärer Rückstände innerhalb der eigenen Theorie und Praxis. Den Begriff „Diktatur des Proletariats“ für „die Herrschaft der großen Mehrheit über die kleine Minderheit der Ausbeuter“ hatte Marx selber in die Welt gesetzt, Lenin hat ihn bloß aufgegriffen und als die totalitäre Herrschaft der Partei über die gesamte Gesellschaft in die Tat umgesetzt. Hätte die neue Linke realiter den Beweis antreten müssen, dass und wodurch sich die Wirtschaftsdemokratie ihres authentischen Marxismus von der bürokratischen Kommandowirtschaft im Ostblock unterscheidet, wäre sie ganz schön unter Stress geraten. – 1979, gut eine Dekade nach dem magischen Jahr 68, trafen wir uns, ein paar undogmatische Linke vom kleinen „sozialistischen Osteuropa-Komitee“, in einer Kasseler Pizzeria mit namhaften Vertretern der „Budapester Schule“, allesamt Zöglinge des marxistischen Querdenkers Georg Lukacs. Das Komitee unterhielt „konspirative“ Kontakte zu osteuropäischen Oppositionellen, auch Dissidenten genannt, zur „Charta 77“ in der Tschechoslowakei, zu „Solidarnos“-Leuten in Polen. Einer von uns hatte den Spitznamen Obelix, ein Zweimetermann, an ihm erkannten die Gesprächspartner von drüben unsere Delegation, wenn wir auf dem Alex in Ostberlin oder dem Prager Wenzelsplatz mit ihnen verabredet waren. Das war meine bescheidene Erfahrung mit der politischen Illegalität. Die Ungarn waren die einzigen, die auch mal zu uns in den Westen rüber durften. Wir tauschten nicht Waffen und Sprengstoff aus, sondern Analysen und Konzepte. Zu dem Kasseler Treffen brachte ich meinen Aufsatz über das Verhältnis von Intelligenz und Arbeiterbewegung mit, auch so ein blinder Fleck in der marxistischen Theoriebildung. Mächtig inspiriert hatte mich das kurz zuvor bei uns im Westen erschienene Buch zweier Ungarn die bei dem Treffen nicht dabei waren und wegen ihrem Manuskript die üblichen Scherereien mit der heimischen Zensur und Stasi bekommen hatten, György Konrads und Ivan Szelenyis „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“. Wir räsonnierten also bei Bier und Rotwein, Pizza und Lasagne darüber, wie und wann der Zug in Richtung Sozialismus, sei’s hüben oder drüben, abgehen könnte, der dann auch tatsächlich im gelobten Land ankäme. Ohne zu ahnen, dass es noch einmal ein Jahrzehnt dauern sollte, bis im kommunistischen Osteuropa schließlich ein Zug abfahren sollte, allerdings in Richtung Kapitalismus.
Mehr als nur ein mittlerer Betriebsunfall
Das ganze Ausmaß des Disasters in Sachen Sozialismus sollte überhaupt erst nach dem Epochenbruch von 89 sichtbar werden und mit voller Wucht nicht nur die eigentlichen „Sünder“, die Schuldigen des Betrugs und der Verbrechen treffen, sondern auch die faktisch Unbeteiligten, die „reinen Herzens“ an den Sozialismus als Projekt sozialer Gerechtigkeit geglaubt hatten, in Mitleidenschaft ziehen. Es wurde deutlich, dass ein gigantischer Missbrauch menschlicher Glaubens- und Hoffnungsenergien stattgefunden hat, der ein Nachdenken über gesellschaftliche Alternativen zum Bestehenden auf Jahre hinaus, wenn nicht für Generationen diskreditiert. Ich kann nur staunen über linke Theoretiker, die das entweder noch nicht begriffen oder schon wieder vergessen haben. Bei einer Radiodiskussion zum 125. Todestag von Marx (SWR 2 Forum vom 12.3.08) mokierten sich drei von ihnen kürzlich unisono über das vor Jahren in Frankreich erschienene „Schwarzbuch des Kommunismus“, und einer von Ihnen meinte süffisant, dass von den auf dem Einband versprochenen 100 Millionen Toten im Buch hinterher nur 80 Millionen eingelöst würden. Wenn dann beim selben Jubiläumstreffen mit dem wohlfeilen Hinweis auf die Globalisierung in rechthaberischer Manier darauf bestanden wird, dass „die einzig richtige Analyse des Kapitalismus“ eben diejenige von Marx sei, ist das ungefähr so aufschlussreich oder nützlich wie im religiösen Disput eine Berufung auf den angegrauten Longseller „Und die Bibel hat doch recht“. Und wer, wie abermals die Teilnehmer jener Plauderrunde, zur Rechtfertigung von Marx und im Sinne seines Freispruchs von einer Mitverantwortung für die Untaten des von der „Idee“ zur „materiellen geschichtlichen Gewalt“ wie es Marx selber ausgedrückt hätte gewordenen Marxismus-Leninismus den selbstgerechten Vergleich bemüht, man mache auch nicht die Bergpredigt für die Inquisition verantwortlich, der gibt unabsichtlich zu verstehen, noch gar nicht bemerkt zu haben, dass mit dem Untergang des Kommunismus auch auf der Ebene linker bzw. marxistischer Theorieproduktion sich mehr ereignet hat als bloß ein mittlerer Betriebsunfall. Da stimmt es den Nachdenklichen schon fast wieder zuversichtlich, wenigstens unter Philosophen in letzter Zeit das zarte Pflänzlein eines wieder aufkeimenden Interesses an einer Klärung des Begriffs der sozialen Gerechtigkeit zu beobachten.
Theorien und Theoretiker „blicken“ so manches, doch beileibe nicht alles. Dass dieser unverbesserliche „Theorie-Freak“ aus mir geworden ist, verdanke ich übrigens nicht zuletzt dem 68er Einfluss. Und der Kreis schließt sich, wenn ich vermute, dass die perspektivische Verzerrung meines subjektiven Blicks auf 68 genau daher kommt, will sagen, dass sie diejenige des Theorieblicks ist, der von Hause aus immer ein wenig peripher ist, auch wenn der, der ihn aufsetzt, gar nicht vom Rande oder aus der Provinz kommt. Womit ferner zusammenhängt, dass der Aktionismus oder der „Straßenkampf“ meine Sache nicht gewesen ist. Natürlich schlug auch mir anfangs das Herz höher, wenn ich hörte, „versammelten sich Anhänger des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes am Kuhdamm…“ oder „zogen mehrere tausend Demonstranten mit Transparenten und Sprechchören über die Zeil…“ Später ist mir dann aufgegangen, was für eine öde, um nicht zu sagen stumpfsinnige Veranstaltung so eine gewöhnliche Demo eigentlich ist. Noch Anfang der achtziger Jahre bei den großen Friedensdemonstrationen und Aufmärschen gegen den Nato-Doppelbeschluss habe ich das Parolen-brüllen gehasst und ähnlich wie beim Singen in der Kirche nur proforma die Lippen ein bisschen bewegt, um nicht aus der Rolle zu fallen. Zu der Zeit lag der „zweite Gründungsakt“ der Bundesrepublik, den nicht wenige Beobachter trotz der sektiererischen Nachwehen im 68er Aufbruch sehen, schon hinter uns, und wahrscheinlich wäre er ohne das politische Spektakel und den gezielten Regelverstoß z.B. der fliegenden Tomaten oder Farbbeutel nicht zustande gekommen.
Ein stilgerecht ausgebrannter 2CV
Fehlt noch etwas? Genau, die andere 68er Erfolgsstory. Ihr Titel: 68 als Kulturrevolution. Umsturz der Sitten und Gebräuche. „Wer einmal mit der selben pennt …“ In Wirklichkeit war es meistens halb so wild. Im 68er Teil von „Heimat“ zeigt Edgar Reitz an einem zeittypischen Studi-Pärchen, wie gehemmt und verklemmt die den Verbalradikalismus begleitende Praxis mitunter aussah. Das kulturrevolutionäre Eldorado war ohnehin, so jedenfalls stellt es sich in der Retrospektive dar, weniger rechts- als vielmehr linksrheinisch im Frankreich des Mai 68 gelegen. Der Vater meines Klassenkameraden, Volksschullehrer von Beruf, hatte uns bei „Arbeit und Leben“, einem Ableger der GEW, für eine Busreise nach Frankreich in den großen Ferien angemeldet, zu einer Zeit, als dort noch alles ruhig war. Zuerst schien es, dass in Folge der „Pariser Maiunruhen“ die Fahrt in die Normandie mit Zwischenstopp in Paris ausfallen müsste, dann ging es aber doch. De Gaulle hatte gewackelt, aber er war nicht gestürzt. In der normannische Universitätsstadt Caen waren wir in einem der durch die Semesterferien leer gefegten Studentenwohnheime untergebracht. Nur in Paris schnupperten wir noch ein wenig die Luft des „kurzen Sommers der Anarchie“ (um die Enzensbergersche Chiffre zu benutzen). Im Quartier Latin sah man hier und da an der Bordsteinkante noch ein Häuflein Pflastersteine aufgeschichtet, die in den eilends geflickten Straßen und Trottoirs ihren Platz nicht wieder gefunden hatten. „Sous le pavé la plage“, unter dem Pflaster war der Strand schon wieder verschwunden. Vor unserer Unterkunft, dem Maison des Mines, einem Gewerkschaftsdomizil ebenfalls im Quartier Latin, war ein anderes Relikt der glorreichen Tage gestrandet, ein nach allen Regeln des Barrikadenkampfes stilgerecht ausgebrannter 2CV. Charakteristischer indes für die mit 68 verbundene große Lockerungsübung in Habitus und Lebensgefühl war ein zweites Bild, das sich uns an Ort und Stelle darbot. Auf den Fensterbänken der oberen Stockwerke des Maison des Mines saßen dicht an dicht und leicht bekleidet junge Leute, Männlein und Weiblein, und ließen die Beine zur Straße hin baumeln. Wir wiederum hockten bis spät in die Nacht auf der Bettkante der doppelstöckigen Jugendherbergsbetten, tranken Rotwein aus unseren Zahnbechern und pafften Gauloises sans filtre. Und hatten wir am Vortage im Elternhaus noch den Zermürbungskampf um ein paar Millimeter Haarlänge ausgefochten, so waren hier in der Stadt, im nächtlichen Paris, die Häuserwände mit den Plakaten fürs Musical „Hair“ tapeziert.
Ich weiß nicht, ob denjenigen noch zu helfen ist, die, überzeugt vom Werteverfall, meinen, so habe eben alles angefangen und nun hätten wir den Salat, von der Disziplinlosigkeit an den Schulen bis zur Zeugungsunlust in den Betten. Die nüchterne Einschätzung andererseits, dass 68 der Schrittmacher der Popkultur und ihrer ungegängelten Umgangsformen und deregulierten Lebensstile gewesen sei, ist zwar nicht falsch, jedoch analytisch etwas dürftig. Impressionen allein bieten in diesem Punkt kaum Aufschluss, weshalb abschließend noch einmal die Reflexion ran muss. Kulturell wollten die führenden theoretischen Köpfe der 68er Bewegung mehr als nur „Sex & Drugs & Rock ’n Roll“, und ihrem sozialutopischen Denken schwebte etwas anderes vor als das gegenwärtig von den gesellschaftlichen Konsumparadiesen propagierte „easy going“. Dafür hatte man ja schon damals, obwohl es im Vergleich zu heute ausgesprochen harmlos zuging, den einzig richtigen Ausdruck, nämlich „Konsumterror“. Das Credo hieß vielmehr, Originalton Dutschke: „Ich glaube daran, dass der Mensch die Fähigkeit hat, sich zu entwickeln und eine Welt mit Frieden und Glück zu gestalten.“ Lassen wir, um uns die ohnehin komplizierte Sache ein bisschen zu vereinfachen, den Frieden mit allen Bedeutungsfacetten des Wortes einmal aus dem Spiel und konzentrieren uns ausschließlich auf die Glücksvokabel. Sie ist ja auch jetzt wieder der Hit Nr. 1 unter den Versprechen eines Wirtschaftssystems, nach dessen Pfeife der Rest der Gesellschaft tanzt. Was Dutschke und mit ihm die reflektierteren „Altachtundsechziger“ im Auge hatten, war jener „Materialismus des Glücks“, wie es Habermas hinsichtlich der Sozialphilosophie von Adorno und Horkheimer bzw. der Frankfurter Schule ausdrückt. Glück, soll es nicht wenigen Privilegierten vorbehalten sein, hat eine materielle soziale Basis insofern es jenseits des von physischer Notdurft und Knochenarbeit beherrschten „Reichs der Notwendigkeit“ gedeiht, in einem durch Muse und „nichtentfremdete“ Tätigkeit bestimmten „Reich der Freiheit“. Wo diese Voraussetzung gegeben ist, stellt es sich bei den Individuen – mit etwas Glück, versteht sich – über die Realisierung materiell-sinnlich und sozial vermittelter Gebrauchswerte her, dadurch dass die Menschen einander wie auch die reichlich vorhandenen „guten Dinge“ genießen.
Gedanken, die um 68 noch den Charme der Utopie besaßen, deren Verwirklichung mit der „Überflussgesellschaft“ in greifbare Nähe gerückt schien. Dann aber wuchs mit dem Über-fluss gerade dessen „Reich der Notwendigkeit“, und statt mehr haben wir immer weniger Zeit, nicht nur zum Genießen. Das Hamsterrad legt von Mal zu Mal und in immer kürzeren Abständen noch einen Zahn zu. Wo also lag der Denkfehler? Wenn die Hauruck-Erklärung, dass es keiner sei, weil der Sozialismus noch ausstehe, ausscheidet. Er liegt meines Erachtens in einer versteckten quasi-naturalistischen Prämisse innerhalb der historisch-materialistischen Anthropologie, wie sie sich von Marx herleitet und in der alten Frankfurter Schule fortsetzt. Sie besagt, dass die menschliche „Bedürfnis-Natur“ durch ein ihr inhärentes Regulativ gesteuert werde. Entsprechend meinten noch die 68er zwischen natürlichen und also wahren Bedürfnissen und lediglich durch das Profit- oder „Kapitalverwertungsinteresse“ künstlich erzeugten unterscheiden zu können. Man unterstellte, dass sich die menschlichen Bedürfnisse, erst einmal davon befreit, ganz ihrer Natur gemäß entfalten würden. Nach dem Motto, „morgens fischen, mittags jagen und abends kritischer Kritiker sein“, wie es Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“ ausgegeben hatten. Solchen oder anderen der menschlichen Natur angemessenen Tätigkeiten nachzugehen sei derart befriedigend, so die implizite Logik der Überlegung, dass sich der Mensch hernach glücklich und zufrieden aufs Ruhebett begibt. Die Überwindung der kapitalistischen Überformung bzw. Deformation des vermeintlichen Bedürfniswesens Mensch muss jedoch gar nicht erst abgewartet werden, um spätestens heute zu erkennen, dass jenes Kalkül nicht aufgeht. Der Irrtum besteht in der Verwechslung von Bedürfnis und Begehren. Und die Schwäche oder Realitätsblindheit des 68er Denkens in der Tradition von Marx liegt mit Blick auf den Menschen in einem theoretischen Erklärungsansatz, der diese Differenz, die zwischen Bedürfnis und Begehren, verkennt. Nicht das naturalistisch selbstregulative Bedürfnis, vielmehr ein in keiner Weise mehr an natürliche Voraussetzungen gebundenes Begehren macht die für alle gesellschaftlichen und kulturellen Formationen ausschlaggebende subjektive Disposition aus. Der Kapitalismus hat nur eine besonders raffinierte und effiziente Art und Weise installiert, nicht Bedürfnisse zu befriedigen (ob natürliche oder künstliche), sondern das alles entscheidende Begehren zu „bewirtschaften“. Ironisch gesprochen: Weder dürfte das von den 68ern insinuierte Glück der Bedürfnisbefriedigung jene ihm beigemessene existenzielle Überzeugungskraft besitzen, um der Versuchung eines unendlichen Begehrens zu widerstehen, welches einem auf immer das Glück und den Schlaf raubt; und umgekehrt legt das Begehren keineswegs die ihm inkognito zugetraute Einsichtsfähigkeit an den Tag, dass es um des Glücks willen endlich und von sich aus Ruhe gäbe.
„I can get no satisfaction“ anstatt „Ein Schiff wird kommen“
Ich räume ein, es ist ein schöner Traum gewesen. Von den Vordenkern oder seinen Vorträumern hat ihn am ausführlichsten Herbert Marcuse geträumt. Ich hatte im Frühsommer 1970 soeben das Abitur bestanden und zum erstenmal richtig Liebeskummer, als ich an einem lauschigen Plätzchen im Stadtpark in seinem „Versuch über die Befreiung“ blätterte, einem der regenbogenfarbenen Suhrkampbändchen. Der Pariser Mai lag zwei Jahre zurück, und die Imagination oder Phantasie hatte es für`s erste nicht geschafft, an die Macht zu kommen. Da war es Balsam für eine geschundene Seele zu erfahren, dass es eine sinnliche oder biologische Grundlage des Sozialismus gebe, dass die „neue Sensibilität“, wie sie von Berkeley über Paris bis Berlin von den Studenten praktiziert werde, zu guter Letzt den „Sieg der Lebenstriebe über Aggressivität und Schuld“ davon trage. Sobald die durch „repressive Entsublimierung“, sprich durch kapitalistische Bedürfnismanipulation bewirkte „Eindämmung und Zufriedenheit im Unterbau“ gebrochen sei werde „der Organismus für die potentiellen Formen einer nicht aggressiven und nicht ausbeuterischen Welt empfänglich“. Und es entfalte sich unter den Bedingungen von Überfluss und gleichmäßig oder gerecht verteiltem Reichtum wie von selber zwischen den Menschen eine vom Eros getragene Kultur und Zivilisation. Dies war die utopische Hoffnung der 68er auf eine Kulturrevolution nach ihrem Geschmack. Sie musste sich notwendigerweise zerschlagen. Denn die Annahme einer stabilisierenden, gleichsam ein ökologisches Gleichgewicht garantierenden Rückkoppelung zwischen beglückender Bedürfnisbefriedigung und gestilltem Begehren war und ist in jeder Hinsicht eine Fiktion. Und so kam es wie es kommen musste und die 68er gerieten mit ihrer antikapitalistischen Rhetorik und einer sich als subversiv verstehenden Propaganda der Bedürfnisbefriedigung ungewollt und in der objektiven Funktion eines Katalysators in die Mühlen einer kapitalistischen Marktlogik und ihrer konsumistischen Glücksideologie, die eine bislang ungeahnte Entfesselung des Begehrens und seine Verstrickung in einen infiniten Steigerungsexzess – „unabhängig vom Bewusstsein und Wollen der Menschen“, wie Marx gesagt hätte – exekutiert. Genugtuung über dieses Missgeschick der 68er Kulturrevolutionäre werden nur diejenigen unter ihren Verächtern empfinden, die keine Vorstellung davon haben, wo sie selber hineingeraten sind. Hollywood und sein Kino ist seit jeher auf plakative Symbolisierung von Befindlichkeiten und Stimmungslagen spezialisiert, seien es solche des Trübsinns oder der Euphorie, der Hoffnung oder Desolatheit. In „No Country for old Men“ nach der Romanvorlage des Depressionsspezialisten Cormac McCarthy führt der Film dem Zuschauer einen Staat, in diesem Fall Texas, vor, wo für die Menschen keinerlei Chance mehr besteht, auch nur irgendetwas zu gewinnen für ein lebenswertes Leben, es warten nur noch die Resignation und der Tod auf sie. Der einzige „Gewinner“ ist ein emotionsloser Killer, der durch das Land zieht und durch nichts und niemanden aufzuhalten ist. Die von dieser Szenerie symbolisierte Realität könnte durchaus die der kapitalistischen Wohlstandsinterieurs sein, in denen gleichfalls ein „Killer“ sein Unwesen treibt. Bedroht wird nicht unsere physische Existenz, die Vernichtung gilt etwas anderem, es ist ein Gebrauchswert-Killer, er tötet „nur“ die Dinge und die Zeit. – Meine ultimative Formel wäre demnach: Tendenzielle Dematerialisierung resp. Derealisierung von Gebrauchswert überhaupt durch Inflationierung und Perpetuierung eines abstrakten Begehrens. In den schrumpfenden Intervallen oder Verschnaufpausen, die uns dieses auf Dauer gestellte Begehren noch lässt, findet „Befriedigung“ allenfalls auf dem Niveau eines Existenzminimums statt. Die Realisierung von konkretem Gebrauchswert, und damit die Erfahrung von Zufriedenheit oder Glück wie auch die Konstitution von Sinn, geschieht, wenn überhaupt, rein zufällig, als Nebenprodukt ausnahmsweise günstiger Umstände. Ihre Tendenz schließlich, sogar noch unter dieses Minimum abzusinken, dokumentieren jene beiden Morbiditätsraten, die gegenwärtig den stärksten Anstieg verzeichnen, die der „Zeitkrankheiten“ Depression und Burnout …
Dagegen sind die „Orgasmusschwierigkeiten“ eines Rainer Langhans Petitessen, nicht wahr. Man denke an die im 68er Zusammenhang gern kolportierte Sottise des Ex-Kommunarden, „was interessiert mich Vietnam, wenn ich …“ Immerhin, so könnte man sagen, die Richtung hat gestimmt, man braucht sich dazu nicht einmal auf den erhöhten Standpunkt einer schmerzhaften Dauererektion zu begeben. Und auch der einst als Sound der Befreiung empfundene Rock ’n Roll ist, völlig „systemkonform“, als Schmiermittel des „Beschleunigungstotalitarismus“ (so der Ausdruck Hartmut Rosas) ubiquitär geworden. Hieß es im Schlager der fünfziger und frühen sechziger Jahre z.B. noch gebrauchswertoptimistisch, „ein Schiff wird kommen, und mir den einen bringen …“, so bringt die darauf folgende Rock- und Pop-Musik das die Gebrauchswertorientierung ablösende wunschökonomische Prinzip unumwunden auf den Punkt. „I can get no satisfaction …“ Nach der schon lange erfolgten Umstellung vom Gebrauchswert auf die Wünsche dämmert uns allmählich der hintergründige, säkulare Sinn des Songs. Neben dem berühmten „Pflasterstrand“ gab es von den Frankfurter Spontis noch die Zeitung „Wir wollen alles“. In der Szene war noch nicht durchgedrungen, dass der „Spätkapitalismus“ und seine Werbewirtschaft die gleiche Parole bereits für sich entdeckt hatten. Hier heißt es sinngemäß: Ihr könnt, ja ihr sollt alles haben, mit der einen Einschränkung, „you can get no satisfaction“. Andernfalls könnte man den Laden ja gleich dicht machen. Zumal heute, so ließe sich hinzufügen, wo unsere Kanzlerin drauf und dran ist, Deutschland wieder „nach vorne zu bringen“. Kurz und gut, die Wunschmaschine brummt und für den Nachschub an Frustration ist gesorgt. Das ist freilich so drollig, dass man schon wieder lachen kann.
Kampf dreier Linien
Bleibt zur Bewusstseinsaufheiterung in Punkto 68 für die Nachgeborenen noch die Auflösung der Rätselfrage nachzutragen, wie der Zweizeiler, „Wer zweimal mit derselben pennt …“, korrekt zu vervollständigen ist. Es gab nämlich den Kampf dreier Linien. Nur die Version der Oberpenner lautet: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Unter den Feministinnen hieß es: „… dem wird der Pimmel abgetrennt.“ Und die Anhänger des bewaffneten Kampfes skandierten finster: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon an die Wand gestellt.“ Reim dich nicht und ich fress dich nicht. Erst im Februar 68 einigten sich alle Fraktionen in Westberlin auf dem internationalen Pennerkongress auf eine einheitliche und von da ab verbindliche Plattform: „Wer einmal oder keinmal mit derselben pennt, Chefideologe man denselben nennt.“
Gerade bin ich mit meinen 68er Impressionen und Reflexionen durch, da erfahre ich, dass die 16-jährige Nichte einer Bekannten als Schulaufgabe jemand Älteren biographisch portraitieren soll. Ihre Wahl sei auf mich gefallen, weshalb ich ihr demnächst ein paar Fragen beantworten müsse. Ob ich z.B. ein 68er gewesen sei, und ob ich denn auch bei Bader-Ensslin mitgemacht hätte. – Was soll man nun dazu noch sagen? Vielleicht stelle ich mich begriffsstutzig und werde ihr antworten: Bader-Ensslin? Ist das nicht der Tobak, den ich immer schon am liebsten in der Pfeife rauche?

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Staufen (kobinet) Statt eines Editorials dieser Teaser: Im Zusammenhang der kriegsdienstlichen Mobilmachung ist vom "zu verteidigenden Geschenk der Demokratie" die Rede. Der darüber anders denkende kobinet-Redakteur Hans-Willi Weis illustriert am Beispiel seiner politischen Sozialisation, dass die Wirklichkeit komplexer und komplizierter ist als der Spruch von der "geschenkten Demokratie" suggeriert. Sein literarischer Essay über die Achtundsechziger-Generation erschient erstmals 2009 in der Kulturzeitschrift "Das Plateau".
Hans-Willi Weis
Wer zweimal mit derselben pennt …
Das 68er Knäuel von der Peripherie her aufgedröselt
Kürzlich fragte ich jemanden im Dorf, wir wohnen auf dem Land, ob er als Alteingesessener die Leute kenne, die in unserer Nachbarschaft in einem Gartenhäuschen andauernd Feten feiern und meine Nachtruhe stören. Er sagte, die kenne er nicht, aber das seien doch sicher 68er … Worauf ich, entgeistert und geistesgegenwärtig in einem, erwiderte, dass ich das nicht glaube, weil 68er seien dafür zu intelligent … Eine Antwort, der die erfahrungsgesättigte Gewissheit zu Grunde liegt, dass die 68er seinerzeit zwar gerne Proletariat gespielt haben, sich heute deshalb aber noch lange nicht wie Proleten auf-führen. Interessanter als die Frage, ob er nicht doch Recht haben könnte, dürfte bei unserer Meinungsverschiedenheit die Feststellung sein, das vier Jahrzehnte danach in Anbetracht des Phänomens 68 vielen anscheinend der Sinn für Ambivalenz immer mehr abhanden kommt. Von der Fähigkeit oder Bereitwilligkeit zu einem halbwegs differenzierten Urteil ganz zu schweigen. In der Beliebtheitsskala möglicher Hassobjekte stehen die sogenannten 68er inzwischen ganz weit oben, das frei flottierende Ressentiment stürzt sich mit Vorliebe auf sie. Und die immer noch bekennenden 68er und ihre Freunde lassen vielfach ebenso die Zwischentöne und Abstufungen vermissen, die man allein schon aus der geschichtlichen Distanz mittlerweile von ihnen erwarten könnte. Im medial inszenierten politischen Schlagabtausch zwischen Mythos und Antimythos rückt daher eine gerechte Einschätzung in weitere Ferne denn je. So dass vielleicht eine ganz und gar individuelle Sicht auf die damaligen Ereignisse mit ihrer subjektiven Wahrheit der Erinnerung derzeit noch am ehesten geeignet erscheint, dem diskurs- und meinungspolitisch erzeugten Dunkel wenigstens ein paar möglicherweise erhellende Streiflichter aufzusetzen.
Von Old Shatterhand zu Che Guevara
1968 war ich Unterprimaner und gerade mal 17. Da hatte man bekanntlich noch Träume und es wuchsen noch alle Bäume, wenn schon nicht in den Himmel der Liebe, dann wenigstens in einen noch ebenso ungetrübten der Revolution. So ging es jedenfalls mir und einigen meiner Freunde. Und das geschah sozusagen von heute auf morgen. Wir mussten dazu nur in der großen Pause im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL lesen, und schon hatten wir in Dutschke und Co unsere neuen Helden entdeckt. „Die Studenten“ gingen aus Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten in aller Welt so auf die Barrikaden, wie es unser jugendlicher Idealismus und Gerechtigkeitssinn ihnen am liebsten sofort nachgemacht hätte. Im Nachhinein muss ich allerdings einräumen, dass ein Klassenkamerad und ich zunächst die einzigen gewesen sind, die so empfunden haben und sich überhaupt für Politik und Geschichte interessierten. Die schweigende Mehrheit hat das nie sonderlich gejuckt. Sollte ich heute unsere beider Seelenentwicklung als die zweier nach-pubertärer Jugendlicher auf den Punkt bringen, so würde ich sie als die einer Ablösung innerer Heldenfiguren beschreiben: Von Old Shatterhand und Winnetou zu Che Guevara und Ho Chi Minh oder dem Vietcong. Wobei ich es mir nicht als besonderes Verdienst anrechne, hinterher als Student schon recht bald und also ein bisschen früher als manch einer der später prominenten Altvorderen bemerkt zu haben, dass die realen Akteure, die „Befreiungsbewegungen“ in der Dritten Welt und ihre „Kommandantes“, viel widersprüchlicher oder zwiespältiger waren, dass sie sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so „edel, hilfreich und gut“ bzw. wie man damals sagte „emanzipatorisch“ herausstellten, wie es das Ideal oder auch nur die geschönten Bilder von ihnen suggerier-ten. Ernst zu nehmende sozioökonomische Analysen und historisch-politische Fallstudien auch von linker oder marxistischer Seite hätten bereits in den Siebzigern den „ideologischen Irrtum“ mit seinen Illusionen korrigieren können: Die antikolonialen nationalen Erhebungen unter Führung intellektuell-bürgerlicher Eliten bedienten sich in ihrem Kampf gegen „ausbeuterische Oligarchien“ und/oder „imperialistische Mächte“ einer marxistischen oder sozialistisch-kommunistischen Rhetorik und Propaganda. Realiter ging es aber um interne Ressourcenkontrolle und -umverteilung, also keineswegs um eine egalitäre „Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen“. Wenn in der Folge von der nachholenden Industrialisierung und strukturellen Modernisierung auch die „Verdammten dieser Erde“ materiell und sozial etwas profitierten, hatte das nichts mit einer Verwirklichung linker Utopien zu tun. Wohl aber, wo es gut ging, mit einem bescheidenen geschichtlichen und humanen Fortschritt.
„Stopp US-Aggression in Vietnam“ stand auf den Buttons, die wir uns – mein Freund hatte sie per Post mit anderem „Aufklärungsmaterial“ bei der „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ bestellt – im Unterricht an die Pullover steckten. Die meisten Lehrer ignorierten es. Diejenigen, die hinsahen und lasen, meinten, „aha“ oder „hm hm“. Das vielleicht nicht ganz untypische Gymnasium in tiefster rheinland-pfälzischer Provinz war weder so richtig autoritär, noch irgendwie liberal, es produzierte nicht den Untertan und genau so wenig den mündigen Bürger. Unsere Anfrage wegen Unterrichtsbefreiung, um am „Sternmarsch“ auf Bonn gegen die Notstandsgesetze teilzunehmen, wurde vom Rektor mit dem juristischen Argument „Aufsichtspflicht“ abgelehnt. Aber die Deutschlehrerin, eine ältliche Anthroposophin, die für Gustav Heinemann schwärmte, diskutierte mit uns und war der Auffassung, dass aus uns aufgeweckten jungen Menschen sicher einmal tüchtige Abgeordnete hervorgingen, die sich nicht so leicht korrumpieren ließen. Nicht nur mit 17 hatte man also noch Träume …
Das war im Frühjahr 68. Und auch im Falle einer Unterrichtsbefreiung hätten wir es wahrscheinlich nicht bis nach Bonn und zur Großdemonstration geschafft. Ich zumindest wäre am definitiven Nein des für mich zu Hause zuständigen „Erziehungsberechtigten“ gescheitert. Der war inzwischen sehr beunruhigt. Die „Bierzeitung“ zur Feier der mittleren Reife ein Jahr zuvor hatte mit einem Artikel aufgemacht, der so anfing: „Ein Gespenst geht um im Lehrerzimmer, das Gespenst der Schüler-Mitbestimmung …“ Und er endete mit dem Satz: „Schüler aller Klassen vereinigt Euch!“ Der Artikel stammte von mir, und mein Vater, dem er in die Hände fiel, stellte mich zur Rede. Meine Verteidigung, dass ich doch lediglich ein berühmtes Zitat ein klein wenig abgewandelt hätte, war zugegeben schwach. Und es muss an einem Blackout gelegen haben, dass ich ihm auch noch die Quelle verriet, das Kommunistische Manifest, „ein Gespenst geht um in Europa…“ Egal was für ein Gespenst ich da heraufbeschworen hatte, es brachte ihn derart aus der Fassung, dass er mit dem Küchenstuhl auf mich losging, „lieber schlag ich Dich tot, als dass ich mir einen Kommunisten heranzüchte.“ – Nun ja, ich hab’s überlebt. Aber war ich tatsächlich im Begriff, ein Kommunist zu werden? Und was hieß das überhaupt, ein Kommunist? Diese politisierten Teenies, für die die Forderung nach Mitbestimmung, die Abnabelung vom Elternhaus und der Kampf des Vietcong „irgendwo dasselbe“ war und mit romantischem Augenaufschlag „Revolution“ genannt wurde – waren das alles frisch aus ihren Eierschalen schlüpfende Kommunisten? Fast möchte man es glauben, wenn man das heute vorherrschende 68er Klischee zu Rate zieht: Erst gab es die Apo und die antiautoritäre Studentenbewegung mit dem SDS an der Spitze, nach 69 war auf einmal die Luft raus und die Bewegung tot, ihr Leichnam zersetzte sich in die größeren Zerfallsprodukte der K-Gruppen und in den kleinen terroristischen Splitter der RAF – aber sie alle waren am Ende „Kommunisten“ und wollten es sein!
„Alle Verhältnisse umstürzen…“ oder Theorie und Libido
Als Student der Soziologie, immatrikuliert im Wintersemester 1970, bin auch ich selbstverständlich Marxist gewesen. Was nicht daran lag, dass ich in der Geburtsstadt von Karl Marx studierte. Die soeben eröffnete Uni Trier diente lediglich der bildungspolitischen Erschließung des rheinland-pfälzischen Hinterlands. „Alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein geknechtetes, ein erniedrigtes, ein verächtliches Wesen ist …“, war ein Satz von Marx aus den sogenannten Frühschriften, in den ich mich schon lange vorher verliebt hatte, und dem sich eine libidinöse Beziehung zu dem „Trierer“ verdankte, die ein paar Jährchen anhielt. Knochentrockene Theoreme wie das vom „tendenziellen Fall der Profitrate“, wie sie dann der Seminarmarxismus in den 70er Jahren traktierte, hätten es erst gar nicht vermocht, ein solches Liebesverhältnis anzubahnen. Die affektive Bindung an alles Marxistische in Fragen der Theorie hatte bloß den Nachteil, dass sie alle andern Theorien und Perspektiven als „bürgerlich“ verschmähte. Die intelligent genug waren oder einfach Glück hatten, denen gelang es mittels Foucault-Lektüre oder beispielsweise durch den „Anti-Ödipus“ von Deleuce und Guatari die Fixierung „poststrukturalistisch“ zu lösen. Heute schließlich laboriert man an den Universitäten am entgegengesetzen Problem: Die psychointellektuelle Entwicklung heutiger Studierender lässt es scheinbar überhaupt nicht mehr zu, sich noch in Theorien verlieben zu können, sprich ein Interesse für intellektuell anspruchsvolle theoretische Erklärungsmodelle von was auch immer zu entwickeln. Fehlt nur noch, dass auch an diesem „Werteverfall“ die 68er Schuld sein sollen …
Doch noch einmal zurück. Seinerzeit habe nicht nur ich Prügel einstecken müssen, wegen jener protokommunistischen „Bierzeitung“. An Heilig Abend 1967 bezog auch Rudi Dutschke Prügel. In der Gedächtniskirche zu Westberlin schlug ihn ein rüstiger Renter beherzt mit dem Gehstock aufs Haupt. Worauf man ihn, „das Haupt voll Blut und Wunden“ – in den nicht Springer hörigen Blättern hieß es „blutüberströmt“- , mit seinen Kommilitonen aus dem Gotteshaus trieb. Was war geschehen? Rudi war – soll man sagen, in einem Anfall missionarischen Eifers – behende auf die Kanzel geklettert, um der Gemeinde ins Gewissen zu reden. Das Schweigen über den Bombenkrieg der USA gegen die Vietnamesen und die heiligabendliche Rede von „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, wie denn das zusammengehe. Dutschke hinterher: „An welchem Tag im Jahr werden es diese Menschen sonst noch begreifen können, dass in dieser Welt nicht Frieden herrscht. Und wenn heuchlerisch gesagt wird aber wenigstens am 24. habt ihr uns in Ruhe zu lassen, dann ist doch dahinter nur der doppelte Boden der Moral, so zu tun, als ob Frieden in der Welt wäre. Man will in Ruhe gelassen werden. Diese Leute sind nicht bereit, um den Frieden zu kämpfen, sie benutzen den Heiligabend um ihre Schuldgefühle des ganzen Jahres loszuwerden.“ Deshalb wirft er aber noch lange nicht die Flinte ins Korn, denn solche Aktionen stärkten diejenigen „Kräfte“, die sich nicht durch die „Institutionen“ beherrschen lassen wollen. Ihre Aufgabe sei der „Dialog mit den Massen“. Konkret (siehe Heiligabendaktion Gedächtniskirche), „die linken Evangelen haben den Dialog mit ihren christlichen Massen zu führen, wie wir ihn in der Universität mit den produzierenden Studentenmassen zu führen haben“. – Der rote Rebell, soviel ist klar, verleugnet nicht seine Herkunft aus der christlichen Diaspora im SED-Staat, dem er den Rücken gekehrt hat. Er hat nicht nur seinen Marx intus, sondern auch die Schriften religiöser Sozialisten wie Paul Tillich studiert. Wo er das Wort ergreift, liegt politische Theologie in der Luft, „Befreiungstheologie“ – im bitterarmen Nordosten Brasiliens hatte 1966 der Arbeiterpriester Camilo Torres zur Waffe gegriffen … Und wenn Dutschke mit prophetischem Gestus verkündet, dass nunmehr eine Welt möglich sei, „wie sie noch niemand gesehen hat, eine Welt ohne Hunger und ohne Krieg“, wird einmal mehr offenbar, dass die am weitesten zurückreichende Wurzel der 68er Protestbewegung mit ihrem Weltveränderungsglauben und Gerechtigkeitspathos im jüdisch-christlichen Messianismus zu suchen ist.
Diesen Motiv- und Motivationsstrang blendet aus, wer, wie Götz Aly, Dutschke, und sei es nur dem Habitus des Bürgerschrecks und der Rethorik nach – auch er hat wohl einmal von „Machtergreifung“ fantasiert – , mit dem jungen Goebbels vergleicht, bevor dieser noch zum Massenmörder geworden ist. Soll heißen, er habe möglicherweise bloß nicht die geschichtliche Gelegenheit bekommen, die mörderischen Konsequenzen seines Prophetentums in die Tat umzusetzen. Die Erinnerung des Theologen Helmut Gollwitzer dagegen könnte der historischen Wahrheit in diesem Fall schon etwas näher kommen: „Rudi gehörte zu denen, und das ist mir sehr wichtig gewesen als ich ihn kennenlernte, die einen neuen Typ von Sozialisten und Marxisten darstellen, der sich von dem früheren durch Folgendes unterschied. Erstens, für sie war der Marxismus nicht mehr eine abgeschlossene Doktrin, die man auswendig lernen muss und wo man linientreu sein muss. Zweitens, sie waren nicht mehr antireligiös. Und drittens, sie hatten große Gewissensskrupel hinsichtlich der Gewalt. Die revolutionäre Gewalt war für sie kein selbstverständliches Recht, sondern ein schweres Problem in dieser gewalttätigen Welt.“
Opa war kein Nazi
Apropos Goebbels. War 68 hier zu Lande nicht in allererster Linie ein Aufstand der Söhne und Töchter gegen die Nazi-Eltern-Generation? Waren meine Eltern Nazis gewesen? Dass Hitler auch nicht schlimmer gewesen sei als die andern, mit Vorliebe nannten sie Churchill und Stalin, davon waren sie beide überzeugt. In Kindertagen wurde an Sonntagabenden im Familienkreis bisweilen ein Fotoalbum hervorgekramt, manche der Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit gezacktem Rand hatten einen Stich ins Bräunliche. Das Bild mit den zwei lachenden jungen Frauen auf einer Barackenpritsche, weiße Bluse zu grauem Rock und Schiffchen auf dem sorgfältig frisierten Haar, kommentierte meine Mutter jedesmal mit dem gleichen Satz: „Der Arbeitsdienst, das war für mich die schönste Zeit meines Lebens…“ Als BdM-Mädel war sie im Rheinhessischen bei der Spargelernte im Einsatz gewesen. Ein Parteibuch hatte mein Vater nicht gehabt, und mit der Wehrmacht durch Europa gezogen war er auch nicht. Wegen einer halbseits kaputten Lunge sowie einem Trommelfell, das ein Schneeball schon vor dem Krieg zerschmettert hatte, war er nicht „eingezogen“ worden, er kam mit Schreibarbeiten davon. Aber der Bruder meiner Mutter, sein Foto in Wehrmachtsuniform hing in unserem Wohnzimmer, war 42 in Russland gefallen. Von da an habe ihr Vater nie wieder auf der Straße den „Hitler-Gruß“ gezeigt, und sei kurz darauf, weil er den Verlust nicht verschmerzt habe, an Lungenentzündung gestorben. War also auch mein Opa kein richtiger Nazi gewesen? – Ausserfamiliär begegnete mir die NS-Vergangenheit das erste Mal in der Volksschule. Mein Lehrer der dritten und vierten Klasse war Nazi gewesen, er gab es offen zu, und am Russlandfeldzug hatte er auch teilgenommen. Hitler war für ihn immer nur „der Adolf“. Der hatte die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosen von der Straße geholt, dann jedoch „einen kapitalen Fehler begangen, als er das mit den Juden machte, wo er doch an fünf Fingern hätte abzählen können, dass so was nicht gut geht“. Ja, solche Sätze prägen sich einem Dritt- oder Viertklässler ein wie das Hänschenklein. Dem selben Lehrer verdanke ich es – in der Bundesrepublik war soeben der „Bildungsnotstand“ ausgebrochen bzw. ausgerufen worden –, dass mich meine Eltern auf sein Zureden hin und gegen mein Widerstreben aufs Gymnasium schickten. Wo das zeitgeschichtliche Jägerlatein aus der Volksschule im Geschichtsunterricht der Oberstufe einigermaßen durch die historische Wahrheit korrigiert wurde.
Um 68 herum war der politische Lieblingsspruch meines Vaters eine Lebensweisheit, die er von Franz Josef Strauß aufgeschnappt haben wollte: „Wer gegen den Wind spuckt, der kriegt die eigene Spucke ins Gesicht.“ Nazi ja oder nein, jedem durch die 68er politisch „Sozialisierten“ war klar, so ein Spruch passt zum „autoritären Charakter“, wie ihn Adorno und Horkheimer in ihrer gleichnamigen Studie diagnostiziert hatten, wie die Faust aufs Auge. – Was die so kritischen 68er, die jüngeren wie die älteren, indes nicht wussten, war, dass was sie über den Nationalsozialismus bzw. wie generalisierend gesagt wurde den Faschismus wussten oder zu wissen glaubten, im Nachhinein betrachtet recht wenig und ziemlich „unterkomplex“ gewesen ist. Wie andere auch hatten sie, gerade mal zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Hitler-Diktatur keine Ahnung davon, welche seelischen Verwüstungen der „Zivilisationsbruch“, ein erst nach 68 gebräuchlicher Terminus, bei Opfern wie Tätern auf je spezifische Weise hinterlassen würde und welche Dialektik an Psychodynamik und intellektueller Verarbeitung er noch bei den Nachgeborenen auslösen sollte. Viele damalige Linke beteten mit Vorliebe Brechts eingängige Verse aus dem „Arturo Ui“ nach, „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Und waren mit geradezu rührender Naivität davon überzeugt, mit der Abschaffung des Kapitalismus, um nicht zu sagen der Verstaatlichung der Produktionsmittel, wäre das Trauma des Faschismus ein für allemal aus der Welt geschafft. Marxistische Politikwissenschaftler sprachen von „Formen bürgerlicher Herrschaft“, zu denen sie gleichermaßen Liberalismus und Faschismus zählten. Wobei die Nomenklatur indirekt darauf hinweist, dass der die „bürgerliche Herrschaft“ in Bälde ablösende Sozialismus, und sei es der „real existierende“ der DDR oder Sowjetunion, dann beide Fliegen mit einer Klappe schlägt, den Liberalismus wie den Faschismus.
Aber waren die 68er nicht von Anfang an für Sozialismus? Ich erinnere mich an die Worte des CDU-Kanzlerkandidaten Rainer Barzel am Vorabend der Bundestagswahl 1972, im Fernsehen sah man eine nicht sehr zahlreiche Schar von Anhängern mit aufgespannten Schirmen im Regen stehen: „Machen Sie diesem ganzen Spuk und Gerede von Sozialismus in unserem Lande ein Ende und wählen sie morgen CDU/CSU!“ Das war gegen die Regierung Brandt und die erste sozialliberale Koalition gerichtet, an deren Zu- Stande-kommen die 68er Stimmungslage und Mobilisierung nicht ganz unbeteiligt war. Sodass sich die Frage, die wir uns heute stellen können, wenn es um die 68er und ihren Sozialismus geht, ein nach rechts wie nach links ideologisch unvernebelter Kopf auch schon zu dieser Zeit hätte aufwerfen und vielleicht sogar einigermaßen intelligent beantworten können. Ging es ihnen mit ihrer sich ursprünglich „antiautoritär“ verstehenden „Revolution“ um die Befreiung von der obrigkeitsstaatlichen Bevormundung der Adenauer-Ära, kurz, um Demokratisierung und mit ihr um eine politische und gesellschaftliche Teilhabe, welcher ohne die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit das Rückgrat fehlen würde? Oder war 68 fort folgende allen Ernstes der Versuch, in der Bundesrepublik den Sozialismus oder Kommunismus, womöglich die „Diktatur des Proletariats“ einzuführen, wie es die Formel vom „roten Jahrzehnt“ (die Jahre 67 bis 77) des Ex-KBWlers Gert Koenen nahelegt? Letzteres war es wohl in den Köpfen derer, die um 1969/70 meinten, die antiautoritäre „Kinderkrankheit“ und mit ihr die Freiheit des selbstständigen Denkens verabschieden und sich ideologisch auf Vordermann bringen zu müssen, indem sie sich zu Parteikommunisten mauserten, wahlweise zu moskautreuen oder maohörigen. Koenens historiografisches Konstrukt vom „roten Jahrzehnt“, so materialreich es den Diffenzierungs- oder Zersetzungsprozss des harten organisatorischen Kerns der 68er Bewegung in dogmatische Brösel dokumentiert, lässt in seinem perspektivisch verzerrten „Insgesamt“ das Phänomen „68 und die Folgen“ auf dessen aufdringlisten Aspekt oder wenn man so will seinen bizarren Wurmfortsatz zusammenschnurren. Noch einfacher und übersichtlicher liegen die Dinge für seinen Historikerkollegen und ehemaligen Kampfgefährten Götz Aly. Als die Publizistin und SDS-Veteranin Katharina Rutschky in einem taz-Gespräch mit ihm (29.12.07) darauf hinwies, dass sie keine Nazi-Eltern gehabt, keiner K-Gruppe angehört habe, und auch keine Maoistin gewesen sei, unterbrach er sie barsch mit der Behauptung, „wir waren doch alle Maoisten“, und legte ergo, noch einmal mit der Feststellung nach, „Sie vertreten 68 nicht“.
Lübke schlägt Mao oder Worte zweier Vorsitzender
Als kleines Provinzlicht der 68er-Bewegung reibt man sich die Augen und fragt sich, ob man seine Erinnerung arondieren muss. Ich erinnere mich, dass mein Klassenkamerad und ich uns die Mao-Bibel beim Trikont-Verlag in München bestellt hatten, zusammen mit einer Che Guevara-Broschüre und Regís Debray’s „Revolution in der Revolution“. Sie hieß auch „Das rote Buch“, der kunstlederne Einband Ton in Ton, rotes Sternchen auf rotem Grund. Sind wir deswegen Maoisten gewesen? Wenn wir auch so naiv waren, die fahnenschwenkende Randale der „Roten Garden“ aus Illustrierte und Fernsehen mit dem Anliegen des eigenen Protests an Schule und Universität in Verbindung zu bringen, so ist uns selbst als Pennäler nicht entgangen, dass die Mao-Fibel nicht gerade intellektuelle Sternstunden versammelte. Was uns amüsierte waren die Beschimpfungen, „Kettenhunde des Imperialismus“ usf. für die „Breschnew-Clique“ im Kreml. Wen wundert’s, dass wir uns da einem andern kleinen aber feinen Büchlein zuwandten, dem „grünen Buch“ der „Worte des Vorsitzenden Heinrich“. Heinrich Lübke natürlich, seines Zeichens zweiter Bundespräsident der noch jungen Bundesrepublik. Worte wie, hier beim Afrikabesuch: „Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Neger …“ Das hatte Karl Valentinsches Format, da konnte Mao nicht mithalten. Und überhaupt, die frühen 68er hatten noch nicht den Humor verloren. Man denke an Fritz Teufel. Untersuchungsrichter: „Stehen Sie bitte auf, wenn ich sie befrage.“ Teufel: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient, gerne.“ Die späteren K-Gruppler allerdings hatten dann längst den Humor zusammen mit ihrem Verstand an der Garderobe ihres revolutionären Welttheaters abgegeben.
Aber selbst wenn ich mich in diese Periode zurückversetze, in die Hoch-Zeit des „roten Jahrzehnts“, also die erste Hälfte der 70er Jahre, sehe ich aus der Innenperspektive des teilnehmenden Beobachters, aus meiner individuellen und subjektiven Sicht als „undogmatischer Linker“ an der Uni etwas anderes, als was einige ehemalige der K-Gruppen-Szene im Rückblick dort sehen wollen. Nämlich ein breites und weites Spektrum aus „Basisgruppen“, „Sponties“, „Undogmatischen“, „Unabhängigen“, „Unorganisierten“. Alle, auch die sich selber kein Label anklebten, irgendwie links oder progressiv orientiert, also nicht RCDS oder so etwas. Dass die Kadermarxisten, die Orthodoxen von MSB und DKP und die Maoisten, die KSVler, KBWler etc., trotzdem oft genug das große Wort führten, lag auch daran, dass die Masse sie aus einem libertären, soll man sagen Missverständnis heraus, gewähren ließ. Man räumte ihnen unbeschränkt Narrenfreiheit ein und war gleichzeitig von ihren penetranten Auftritten genervt. Aus Verlegenheit – oder war es manchmal eher Dummheit – wählten manche sie auch ins Studentenparlament oder in sonstige Gremien. Mir waren sie auch persönlich immer unsympathisch. Was nicht erst damit anfing, dass – ich war gerade von der Hinterwäldler-Uni Trier nach Marburg umgezogen, neben Berlin und Bremen die linke Hochburg – so ein Spartakisten-Häuptling aus der Nachbar-WG mir unbedarftem Provinzler meinte die Welt erklären zu müssen. Er redete dermaßen betulich pädagogisch auf mich ein – „der staatsmonopolistische Kapitalismus“, „die Multies“, „die Bosse“… – , dass er gar nicht mitkriegte, wie ich innerlich die Augen verdrehte. Hinterher tat er mir fast schon wieder leid, zumal als ich von seinen WG-Genossen erfuhr, dass „dem sein Alter“, wie sie sagten, „ein ganz hohes Tier“ bei ich weiß nicht mehr welchem Düsseldorfer Großkonzern sei. Bei mir, der ich aus kleinbürgerlich-proletarischen Verhältnissen kam, aus einer „bildungsfernen Schicht“ wie man heute sagt, trugen solche Begegnungen nicht unwesentlich zur (Ver)Schärfung des Klassenbewußtseins bei.
Wobei mir neben der heiteren die ernste Seite jenes Polittheaters genauso bewusst war. Denn eines war doch klar: Würden diese Schwadronöre bzw. ihre Politbüros und ZKs von heute auf morgen in diesem Land die politische Macht in Händen halten, so hätten ich und meinesgleichen die längste Zeit im Seminar oder sonst wo neben ihnen gesessen. Dann säßen wir nämlich, na ja, man braucht es wegen des von der Realgeschichte gelieferten Anschauungsmaterials, das bedrückend genug ist, nicht weiter auszumalen. Hatten sich die Köpfe genügend erhitzt, bekam man es zudem von dem einen oder andern auch schon mal auf Rückfrage hin bestätigt. In der Regel beließ ich es beim Gedankenexperiment, angestellt mit der inneren Genugtuung, dass es die präpotenten Schwätzer bis dahin sowieso nie schaffen würden. Man konnte mithin in aller Gelassenheit auf seinem Seminarstuhl neben ihnen sitzen bleiben und ihren Schwachsinn über sich ergehen lassen, es tat nicht wirklich weh. Was übrigens nicht heißen soll, dass es nicht auch bei den Undogmatischen und unter den Sponties etliche gab, die die intellektuelle Bodenhaftung verloren hatten.
K wie Kreislauf der Eliten
Umsomehr mag es auf den ersten Blick überraschen, dass in dem aus ehemaligen 68ern bestehenden Segment des Establishments von heute sich unverhältnismäßig viele von denen wieder finden, die bereits im „roten Jahrzehnt“ das Führungspersonal gestellt haben. Nachdem sie einigermaßen lange gebraucht haben, einige bis kurz vor die Midlife-Crises, um dann ihre marxistisch-leninistische Vergangenheit sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden zu lassen, trifft man sie heute mal als Topberater der deutschen Wirtschaft im Chinageschäft, mal als Staranwalt von Ackermann & Co, mal als Fischer-Adlatus in dessen Außenamt. Dabei handelt es sich um die Prominentenauslese lediglich des KBW… In Wirklichkeit ist das aber gar nicht so verwunderlich. Man muss sich nur Folgendes vor Augen halten: Die studentische Generation von 68 entstammte zum weitaus größten Teil dem Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, die Bildungsexpansion „nach unten“ kam noch kaum zum Tragen. So dass auch die an der Revolte Beteiligten in der Hauptsache Sprösslinge aus bürgerlichem und großbürgerlichem Hause waren. Mit einem Wort, hier probte die angestammte Elite den Aufstand, und zwar als Elite und im Bewusstsein derselben. Das ganze nannte sich diesmal nur Avantgarde, und wo es k- und kadermäßig zur Sache ging „die führende Partei des Proletariats“. Deren Parole hieß, „dem Volke dienen!“, und am besten sollte ihm mit dem Sozialismus oder Kommunismus und der Weltrevolution gedient sein. Dann hatte auf einmal das Volk ausgedient und mit ihm die Revolutions- und Sozialismusschablone, und mit der selben gleich auch noch die Idee sozialer Gerechtigkeit, wie zu vermuten ist. Das Probehandeln auf der Spielwiese war vorüber und für die Elite nun wieder Elite sans phrase begann der Ernst des Lebens. Die Hypothese – eine Variation auf den Kreislauf der Eliten, von dem die Soziologen sprechen – hat nur eine Schwachstelle: Sie erklärt, weshalb bestimmte Leute immer wieder statt auf die Nase auf die Füße fallen; sie sagt jedoch nichts aus über die Nachhaltigkeit der Entwicklung des Demokratieverständnisses bei dieser Sorte von Angehörigen der Elite, sprich der einstigen K-Gruppler oder sonst wie strammen KP-Darsteller. Damit freilich auch nichts Negatives, nichts, weswegen wir Befürchtungen hegen müssten. Hat es doch eine Bundestagsvizepräsidentin, sie hat die nämliche Eliteschulung durchlaufen – Überkompensation hin oder her –, immerhin bis zur hiesigen Mutter Theresa des politischen Gutmenschentums gebracht.
Damit nicht der Eindruck entsteht, es gäbe da mit jemandem eine Rechnung zu begleichen, will ich es mit dieser Aufwallung von verschäftem Klassenbewusstsein oder besser sozialem Herkunftsgewissen gut sein lassen. Und komme auf den wirklichen Skandal zu sprechen, den die 68er gleich welcher Couleur selber gar nicht verbrochen haben, in den sie aber nun einmal hineingeraten sind. Er besteht darin, es ist ja inzwischen kein Geheimnis mehr, dass der „Sozialismus“, in den Generationen von „Mühseligen und Beladenen“, von „Erniedrigten und Beleidigten“ nicht nur ihre Hoffnungen sondern buchstäblich ihr Leben investiert haben, dort, wo er als die „neue Gesellschaft“ offiziell „aufgebaut“ wurde, ein Betrug gewesen ist und in Teilen ein Menschheitsverbrechen. Einige unter seinen Anhängern, Orwell etwa oder Koestler, haben weniger lange als andere benötigt, den Betrug zu durchschauen und die Verbrechen beim Namen zu nennen. Im Bewusstsein der bisherigen „Fehlentwicklung“ glaubte um 68 herum die „neue Linke“ im Westen, die Verhältnisse seien reif und die Umstände günstiger denn je, endlich dem „wahren Sozialismus“ zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei mangelte es ihr nicht nur an einem Gefühl dafür, wie weit die Dessavouierung der sozialistischen Idee als solche schon vorangeschritten war, zumal bei denen, die den „real existierenden Sozialismus“ am eigenen Leibe erfahren hatten oder immer erfahren mussten. Es fehlte der 68er neuen Linken, von den sich heraus kristallisierenden dogmatischen Zirkeln natürlich ganz zu schweigen, auch ein Gespür für die Wahrnehmung totalitärer Rückstände innerhalb der eigenen Theorie und Praxis. Den Begriff „Diktatur des Proletariats“ für „die Herrschaft der großen Mehrheit über die kleine Minderheit der Ausbeuter“ hatte Marx selber in die Welt gesetzt, Lenin hat ihn bloß aufgegriffen und als die totalitäre Herrschaft der Partei über die gesamte Gesellschaft in die Tat umgesetzt. Hätte die neue Linke realiter den Beweis antreten müssen, dass und wodurch sich die Wirtschaftsdemokratie ihres authentischen Marxismus von der bürokratischen Kommandowirtschaft im Ostblock unterscheidet, wäre sie ganz schön unter Stress geraten. – 1979, gut eine Dekade nach dem magischen Jahr 68, trafen wir uns, ein paar undogmatische Linke vom kleinen „sozialistischen Osteuropa-Komitee“, in einer Kasseler Pizzeria mit namhaften Vertretern der „Budapester Schule“, allesamt Zöglinge des marxistischen Querdenkers Georg Lukacs. Das Komitee unterhielt „konspirative“ Kontakte zu osteuropäischen Oppositionellen, auch Dissidenten genannt, zur „Charta 77“ in der Tschechoslowakei, zu „Solidarnos“-Leuten in Polen. Einer von uns hatte den Spitznamen Obelix, ein Zweimetermann, an ihm erkannten die Gesprächspartner von drüben unsere Delegation, wenn wir auf dem Alex in Ostberlin oder dem Prager Wenzelsplatz mit ihnen verabredet waren. Das war meine bescheidene Erfahrung mit der politischen Illegalität. Die Ungarn waren die einzigen, die auch mal zu uns in den Westen rüber durften. Wir tauschten nicht Waffen und Sprengstoff aus, sondern Analysen und Konzepte. Zu dem Kasseler Treffen brachte ich meinen Aufsatz über das Verhältnis von Intelligenz und Arbeiterbewegung mit, auch so ein blinder Fleck in der marxistischen Theoriebildung. Mächtig inspiriert hatte mich das kurz zuvor bei uns im Westen erschienene Buch zweier Ungarn die bei dem Treffen nicht dabei waren und wegen ihrem Manuskript die üblichen Scherereien mit der heimischen Zensur und Stasi bekommen hatten, György Konrads und Ivan Szelenyis „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“. Wir räsonnierten also bei Bier und Rotwein, Pizza und Lasagne darüber, wie und wann der Zug in Richtung Sozialismus, sei’s hüben oder drüben, abgehen könnte, der dann auch tatsächlich im gelobten Land ankäme. Ohne zu ahnen, dass es noch einmal ein Jahrzehnt dauern sollte, bis im kommunistischen Osteuropa schließlich ein Zug abfahren sollte, allerdings in Richtung Kapitalismus.
Mehr als nur ein mittlerer Betriebsunfall
Das ganze Ausmaß des Disasters in Sachen Sozialismus sollte überhaupt erst nach dem Epochenbruch von 89 sichtbar werden und mit voller Wucht nicht nur die eigentlichen „Sünder“, die Schuldigen des Betrugs und der Verbrechen treffen, sondern auch die faktisch Unbeteiligten, die „reinen Herzens“ an den Sozialismus als Projekt sozialer Gerechtigkeit geglaubt hatten, in Mitleidenschaft ziehen. Es wurde deutlich, dass ein gigantischer Missbrauch menschlicher Glaubens- und Hoffnungsenergien stattgefunden hat, der ein Nachdenken über gesellschaftliche Alternativen zum Bestehenden auf Jahre hinaus, wenn nicht für Generationen diskreditiert. Ich kann nur staunen über linke Theoretiker, die das entweder noch nicht begriffen oder schon wieder vergessen haben. Bei einer Radiodiskussion zum 125. Todestag von Marx (SWR 2 Forum vom 12.3.08) mokierten sich drei von ihnen kürzlich unisono über das vor Jahren in Frankreich erschienene „Schwarzbuch des Kommunismus“, und einer von Ihnen meinte süffisant, dass von den auf dem Einband versprochenen 100 Millionen Toten im Buch hinterher nur 80 Millionen eingelöst würden. Wenn dann beim selben Jubiläumstreffen mit dem wohlfeilen Hinweis auf die Globalisierung in rechthaberischer Manier darauf bestanden wird, dass „die einzig richtige Analyse des Kapitalismus“ eben diejenige von Marx sei, ist das ungefähr so aufschlussreich oder nützlich wie im religiösen Disput eine Berufung auf den angegrauten Longseller „Und die Bibel hat doch recht“. Und wer, wie abermals die Teilnehmer jener Plauderrunde, zur Rechtfertigung von Marx und im Sinne seines Freispruchs von einer Mitverantwortung für die Untaten des von der „Idee“ zur „materiellen geschichtlichen Gewalt“ wie es Marx selber ausgedrückt hätte gewordenen Marxismus-Leninismus den selbstgerechten Vergleich bemüht, man mache auch nicht die Bergpredigt für die Inquisition verantwortlich, der gibt unabsichtlich zu verstehen, noch gar nicht bemerkt zu haben, dass mit dem Untergang des Kommunismus auch auf der Ebene linker bzw. marxistischer Theorieproduktion sich mehr ereignet hat als bloß ein mittlerer Betriebsunfall. Da stimmt es den Nachdenklichen schon fast wieder zuversichtlich, wenigstens unter Philosophen in letzter Zeit das zarte Pflänzlein eines wieder aufkeimenden Interesses an einer Klärung des Begriffs der sozialen Gerechtigkeit zu beobachten.
Theorien und Theoretiker „blicken“ so manches, doch beileibe nicht alles. Dass dieser unverbesserliche „Theorie-Freak“ aus mir geworden ist, verdanke ich übrigens nicht zuletzt dem 68er Einfluss. Und der Kreis schließt sich, wenn ich vermute, dass die perspektivische Verzerrung meines subjektiven Blicks auf 68 genau daher kommt, will sagen, dass sie diejenige des Theorieblicks ist, der von Hause aus immer ein wenig peripher ist, auch wenn der, der ihn aufsetzt, gar nicht vom Rande oder aus der Provinz kommt. Womit ferner zusammenhängt, dass der Aktionismus oder der „Straßenkampf“ meine Sache nicht gewesen ist. Natürlich schlug auch mir anfangs das Herz höher, wenn ich hörte, „versammelten sich Anhänger des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes am Kuhdamm…“ oder „zogen mehrere tausend Demonstranten mit Transparenten und Sprechchören über die Zeil…“ Später ist mir dann aufgegangen, was für eine öde, um nicht zu sagen stumpfsinnige Veranstaltung so eine gewöhnliche Demo eigentlich ist. Noch Anfang der achtziger Jahre bei den großen Friedensdemonstrationen und Aufmärschen gegen den Nato-Doppelbeschluss habe ich das Parolen-brüllen gehasst und ähnlich wie beim Singen in der Kirche nur proforma die Lippen ein bisschen bewegt, um nicht aus der Rolle zu fallen. Zu der Zeit lag der „zweite Gründungsakt“ der Bundesrepublik, den nicht wenige Beobachter trotz der sektiererischen Nachwehen im 68er Aufbruch sehen, schon hinter uns, und wahrscheinlich wäre er ohne das politische Spektakel und den gezielten Regelverstoß z.B. der fliegenden Tomaten oder Farbbeutel nicht zustande gekommen.
Ein stilgerecht ausgebrannter 2CV
Fehlt noch etwas? Genau, die andere 68er Erfolgsstory. Ihr Titel: 68 als Kulturrevolution. Umsturz der Sitten und Gebräuche. „Wer einmal mit der selben pennt …“ In Wirklichkeit war es meistens halb so wild. Im 68er Teil von „Heimat“ zeigt Edgar Reitz an einem zeittypischen Studi-Pärchen, wie gehemmt und verklemmt die den Verbalradikalismus begleitende Praxis mitunter aussah. Das kulturrevolutionäre Eldorado war ohnehin, so jedenfalls stellt es sich in der Retrospektive dar, weniger rechts- als vielmehr linksrheinisch im Frankreich des Mai 68 gelegen. Der Vater meines Klassenkameraden, Volksschullehrer von Beruf, hatte uns bei „Arbeit und Leben“, einem Ableger der GEW, für eine Busreise nach Frankreich in den großen Ferien angemeldet, zu einer Zeit, als dort noch alles ruhig war. Zuerst schien es, dass in Folge der „Pariser Maiunruhen“ die Fahrt in die Normandie mit Zwischenstopp in Paris ausfallen müsste, dann ging es aber doch. De Gaulle hatte gewackelt, aber er war nicht gestürzt. In der normannische Universitätsstadt Caen waren wir in einem der durch die Semesterferien leer gefegten Studentenwohnheime untergebracht. Nur in Paris schnupperten wir noch ein wenig die Luft des „kurzen Sommers der Anarchie“ (um die Enzensbergersche Chiffre zu benutzen). Im Quartier Latin sah man hier und da an der Bordsteinkante noch ein Häuflein Pflastersteine aufgeschichtet, die in den eilends geflickten Straßen und Trottoirs ihren Platz nicht wieder gefunden hatten. „Sous le pavé la plage“, unter dem Pflaster war der Strand schon wieder verschwunden. Vor unserer Unterkunft, dem Maison des Mines, einem Gewerkschaftsdomizil ebenfalls im Quartier Latin, war ein anderes Relikt der glorreichen Tage gestrandet, ein nach allen Regeln des Barrikadenkampfes stilgerecht ausgebrannter 2CV. Charakteristischer indes für die mit 68 verbundene große Lockerungsübung in Habitus und Lebensgefühl war ein zweites Bild, das sich uns an Ort und Stelle darbot. Auf den Fensterbänken der oberen Stockwerke des Maison des Mines saßen dicht an dicht und leicht bekleidet junge Leute, Männlein und Weiblein, und ließen die Beine zur Straße hin baumeln. Wir wiederum hockten bis spät in die Nacht auf der Bettkante der doppelstöckigen Jugendherbergsbetten, tranken Rotwein aus unseren Zahnbechern und pafften Gauloises sans filtre. Und hatten wir am Vortage im Elternhaus noch den Zermürbungskampf um ein paar Millimeter Haarlänge ausgefochten, so waren hier in der Stadt, im nächtlichen Paris, die Häuserwände mit den Plakaten fürs Musical „Hair“ tapeziert.
Ich weiß nicht, ob denjenigen noch zu helfen ist, die, überzeugt vom Werteverfall, meinen, so habe eben alles angefangen und nun hätten wir den Salat, von der Disziplinlosigkeit an den Schulen bis zur Zeugungsunlust in den Betten. Die nüchterne Einschätzung andererseits, dass 68 der Schrittmacher der Popkultur und ihrer ungegängelten Umgangsformen und deregulierten Lebensstile gewesen sei, ist zwar nicht falsch, jedoch analytisch etwas dürftig. Impressionen allein bieten in diesem Punkt kaum Aufschluss, weshalb abschließend noch einmal die Reflexion ran muss. Kulturell wollten die führenden theoretischen Köpfe der 68er Bewegung mehr als nur „Sex & Drugs & Rock ’n Roll“, und ihrem sozialutopischen Denken schwebte etwas anderes vor als das gegenwärtig von den gesellschaftlichen Konsumparadiesen propagierte „easy going“. Dafür hatte man ja schon damals, obwohl es im Vergleich zu heute ausgesprochen harmlos zuging, den einzig richtigen Ausdruck, nämlich „Konsumterror“. Das Credo hieß vielmehr, Originalton Dutschke: „Ich glaube daran, dass der Mensch die Fähigkeit hat, sich zu entwickeln und eine Welt mit Frieden und Glück zu gestalten.“ Lassen wir, um uns die ohnehin komplizierte Sache ein bisschen zu vereinfachen, den Frieden mit allen Bedeutungsfacetten des Wortes einmal aus dem Spiel und konzentrieren uns ausschließlich auf die Glücksvokabel. Sie ist ja auch jetzt wieder der Hit Nr. 1 unter den Versprechen eines Wirtschaftssystems, nach dessen Pfeife der Rest der Gesellschaft tanzt. Was Dutschke und mit ihm die reflektierteren „Altachtundsechziger“ im Auge hatten, war jener „Materialismus des Glücks“, wie es Habermas hinsichtlich der Sozialphilosophie von Adorno und Horkheimer bzw. der Frankfurter Schule ausdrückt. Glück, soll es nicht wenigen Privilegierten vorbehalten sein, hat eine materielle soziale Basis insofern es jenseits des von physischer Notdurft und Knochenarbeit beherrschten „Reichs der Notwendigkeit“ gedeiht, in einem durch Muse und „nichtentfremdete“ Tätigkeit bestimmten „Reich der Freiheit“. Wo diese Voraussetzung gegeben ist, stellt es sich bei den Individuen – mit etwas Glück, versteht sich – über die Realisierung materiell-sinnlich und sozial vermittelter Gebrauchswerte her, dadurch dass die Menschen einander wie auch die reichlich vorhandenen „guten Dinge“ genießen.
Gedanken, die um 68 noch den Charme der Utopie besaßen, deren Verwirklichung mit der „Überflussgesellschaft“ in greifbare Nähe gerückt schien. Dann aber wuchs mit dem Über-fluss gerade dessen „Reich der Notwendigkeit“, und statt mehr haben wir immer weniger Zeit, nicht nur zum Genießen. Das Hamsterrad legt von Mal zu Mal und in immer kürzeren Abständen noch einen Zahn zu. Wo also lag der Denkfehler? Wenn die Hauruck-Erklärung, dass es keiner sei, weil der Sozialismus noch ausstehe, ausscheidet. Er liegt meines Erachtens in einer versteckten quasi-naturalistischen Prämisse innerhalb der historisch-materialistischen Anthropologie, wie sie sich von Marx herleitet und in der alten Frankfurter Schule fortsetzt. Sie besagt, dass die menschliche „Bedürfnis-Natur“ durch ein ihr inhärentes Regulativ gesteuert werde. Entsprechend meinten noch die 68er zwischen natürlichen und also wahren Bedürfnissen und lediglich durch das Profit- oder „Kapitalverwertungsinteresse“ künstlich erzeugten unterscheiden zu können. Man unterstellte, dass sich die menschlichen Bedürfnisse, erst einmal davon befreit, ganz ihrer Natur gemäß entfalten würden. Nach dem Motto, „morgens fischen, mittags jagen und abends kritischer Kritiker sein“, wie es Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“ ausgegeben hatten. Solchen oder anderen der menschlichen Natur angemessenen Tätigkeiten nachzugehen sei derart befriedigend, so die implizite Logik der Überlegung, dass sich der Mensch hernach glücklich und zufrieden aufs Ruhebett begibt. Die Überwindung der kapitalistischen Überformung bzw. Deformation des vermeintlichen Bedürfniswesens Mensch muss jedoch gar nicht erst abgewartet werden, um spätestens heute zu erkennen, dass jenes Kalkül nicht aufgeht. Der Irrtum besteht in der Verwechslung von Bedürfnis und Begehren. Und die Schwäche oder Realitätsblindheit des 68er Denkens in der Tradition von Marx liegt mit Blick auf den Menschen in einem theoretischen Erklärungsansatz, der diese Differenz, die zwischen Bedürfnis und Begehren, verkennt. Nicht das naturalistisch selbstregulative Bedürfnis, vielmehr ein in keiner Weise mehr an natürliche Voraussetzungen gebundenes Begehren macht die für alle gesellschaftlichen und kulturellen Formationen ausschlaggebende subjektive Disposition aus. Der Kapitalismus hat nur eine besonders raffinierte und effiziente Art und Weise installiert, nicht Bedürfnisse zu befriedigen (ob natürliche oder künstliche), sondern das alles entscheidende Begehren zu „bewirtschaften“. Ironisch gesprochen: Weder dürfte das von den 68ern insinuierte Glück der Bedürfnisbefriedigung jene ihm beigemessene existenzielle Überzeugungskraft besitzen, um der Versuchung eines unendlichen Begehrens zu widerstehen, welches einem auf immer das Glück und den Schlaf raubt; und umgekehrt legt das Begehren keineswegs die ihm inkognito zugetraute Einsichtsfähigkeit an den Tag, dass es um des Glücks willen endlich und von sich aus Ruhe gäbe.
„I can get no satisfaction“ anstatt „Ein Schiff wird kommen“
Ich räume ein, es ist ein schöner Traum gewesen. Von den Vordenkern oder seinen Vorträumern hat ihn am ausführlichsten Herbert Marcuse geträumt. Ich hatte im Frühsommer 1970 soeben das Abitur bestanden und zum erstenmal richtig Liebeskummer, als ich an einem lauschigen Plätzchen im Stadtpark in seinem „Versuch über die Befreiung“ blätterte, einem der regenbogenfarbenen Suhrkampbändchen. Der Pariser Mai lag zwei Jahre zurück, und die Imagination oder Phantasie hatte es für`s erste nicht geschafft, an die Macht zu kommen. Da war es Balsam für eine geschundene Seele zu erfahren, dass es eine sinnliche oder biologische Grundlage des Sozialismus gebe, dass die „neue Sensibilität“, wie sie von Berkeley über Paris bis Berlin von den Studenten praktiziert werde, zu guter Letzt den „Sieg der Lebenstriebe über Aggressivität und Schuld“ davon trage. Sobald die durch „repressive Entsublimierung“, sprich durch kapitalistische Bedürfnismanipulation bewirkte „Eindämmung und Zufriedenheit im Unterbau“ gebrochen sei werde „der Organismus für die potentiellen Formen einer nicht aggressiven und nicht ausbeuterischen Welt empfänglich“. Und es entfalte sich unter den Bedingungen von Überfluss und gleichmäßig oder gerecht verteiltem Reichtum wie von selber zwischen den Menschen eine vom Eros getragene Kultur und Zivilisation. Dies war die utopische Hoffnung der 68er auf eine Kulturrevolution nach ihrem Geschmack. Sie musste sich notwendigerweise zerschlagen. Denn die Annahme einer stabilisierenden, gleichsam ein ökologisches Gleichgewicht garantierenden Rückkoppelung zwischen beglückender Bedürfnisbefriedigung und gestilltem Begehren war und ist in jeder Hinsicht eine Fiktion. Und so kam es wie es kommen musste und die 68er gerieten mit ihrer antikapitalistischen Rhetorik und einer sich als subversiv verstehenden Propaganda der Bedürfnisbefriedigung ungewollt und in der objektiven Funktion eines Katalysators in die Mühlen einer kapitalistischen Marktlogik und ihrer konsumistischen Glücksideologie, die eine bislang ungeahnte Entfesselung des Begehrens und seine Verstrickung in einen infiniten Steigerungsexzess – „unabhängig vom Bewusstsein und Wollen der Menschen“, wie Marx gesagt hätte – exekutiert. Genugtuung über dieses Missgeschick der 68er Kulturrevolutionäre werden nur diejenigen unter ihren Verächtern empfinden, die keine Vorstellung davon haben, wo sie selber hineingeraten sind. Hollywood und sein Kino ist seit jeher auf plakative Symbolisierung von Befindlichkeiten und Stimmungslagen spezialisiert, seien es solche des Trübsinns oder der Euphorie, der Hoffnung oder Desolatheit. In „No Country for old Men“ nach der Romanvorlage des Depressionsspezialisten Cormac McCarthy führt der Film dem Zuschauer einen Staat, in diesem Fall Texas, vor, wo für die Menschen keinerlei Chance mehr besteht, auch nur irgendetwas zu gewinnen für ein lebenswertes Leben, es warten nur noch die Resignation und der Tod auf sie. Der einzige „Gewinner“ ist ein emotionsloser Killer, der durch das Land zieht und durch nichts und niemanden aufzuhalten ist. Die von dieser Szenerie symbolisierte Realität könnte durchaus die der kapitalistischen Wohlstandsinterieurs sein, in denen gleichfalls ein „Killer“ sein Unwesen treibt. Bedroht wird nicht unsere physische Existenz, die Vernichtung gilt etwas anderem, es ist ein Gebrauchswert-Killer, er tötet „nur“ die Dinge und die Zeit. – Meine ultimative Formel wäre demnach: Tendenzielle Dematerialisierung resp. Derealisierung von Gebrauchswert überhaupt durch Inflationierung und Perpetuierung eines abstrakten Begehrens. In den schrumpfenden Intervallen oder Verschnaufpausen, die uns dieses auf Dauer gestellte Begehren noch lässt, findet „Befriedigung“ allenfalls auf dem Niveau eines Existenzminimums statt. Die Realisierung von konkretem Gebrauchswert, und damit die Erfahrung von Zufriedenheit oder Glück wie auch die Konstitution von Sinn, geschieht, wenn überhaupt, rein zufällig, als Nebenprodukt ausnahmsweise günstiger Umstände. Ihre Tendenz schließlich, sogar noch unter dieses Minimum abzusinken, dokumentieren jene beiden Morbiditätsraten, die gegenwärtig den stärksten Anstieg verzeichnen, die der „Zeitkrankheiten“ Depression und Burnout …
Dagegen sind die „Orgasmusschwierigkeiten“ eines Rainer Langhans Petitessen, nicht wahr. Man denke an die im 68er Zusammenhang gern kolportierte Sottise des Ex-Kommunarden, „was interessiert mich Vietnam, wenn ich …“ Immerhin, so könnte man sagen, die Richtung hat gestimmt, man braucht sich dazu nicht einmal auf den erhöhten Standpunkt einer schmerzhaften Dauererektion zu begeben. Und auch der einst als Sound der Befreiung empfundene Rock ’n Roll ist, völlig „systemkonform“, als Schmiermittel des „Beschleunigungstotalitarismus“ (so der Ausdruck Hartmut Rosas) ubiquitär geworden. Hieß es im Schlager der fünfziger und frühen sechziger Jahre z.B. noch gebrauchswertoptimistisch, „ein Schiff wird kommen, und mir den einen bringen …“, so bringt die darauf folgende Rock- und Pop-Musik das die Gebrauchswertorientierung ablösende wunschökonomische Prinzip unumwunden auf den Punkt. „I can get no satisfaction …“ Nach der schon lange erfolgten Umstellung vom Gebrauchswert auf die Wünsche dämmert uns allmählich der hintergründige, säkulare Sinn des Songs. Neben dem berühmten „Pflasterstrand“ gab es von den Frankfurter Spontis noch die Zeitung „Wir wollen alles“. In der Szene war noch nicht durchgedrungen, dass der „Spätkapitalismus“ und seine Werbewirtschaft die gleiche Parole bereits für sich entdeckt hatten. Hier heißt es sinngemäß: Ihr könnt, ja ihr sollt alles haben, mit der einen Einschränkung, „you can get no satisfaction“. Andernfalls könnte man den Laden ja gleich dicht machen. Zumal heute, so ließe sich hinzufügen, wo unsere Kanzlerin drauf und dran ist, Deutschland wieder „nach vorne zu bringen“. Kurz und gut, die Wunschmaschine brummt und für den Nachschub an Frustration ist gesorgt. Das ist freilich so drollig, dass man schon wieder lachen kann.
Kampf dreier Linien
Bleibt zur Bewusstseinsaufheiterung in Punkto 68 für die Nachgeborenen noch die Auflösung der Rätselfrage nachzutragen, wie der Zweizeiler, „Wer zweimal mit derselben pennt …“, korrekt zu vervollständigen ist. Es gab nämlich den Kampf dreier Linien. Nur die Version der Oberpenner lautet: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Unter den Feministinnen hieß es: „… dem wird der Pimmel abgetrennt.“ Und die Anhänger des bewaffneten Kampfes skandierten finster: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon an die Wand gestellt.“ Reim dich nicht und ich fress dich nicht. Erst im Februar 68 einigten sich alle Fraktionen in Westberlin auf dem internationalen Pennerkongress auf eine einheitliche und von da ab verbindliche Plattform: „Wer einmal oder keinmal mit derselben pennt, Chefideologe man denselben nennt.“
Gerade bin ich mit meinen 68er Impressionen und Reflexionen durch, da erfahre ich, dass die 16-jährige Nichte einer Bekannten als Schulaufgabe jemand Älteren biographisch portraitieren soll. Ihre Wahl sei auf mich gefallen, weshalb ich ihr demnächst ein paar Fragen beantworten müsse. Ob ich z.B. ein 68er gewesen sei, und ob ich denn auch bei Bader-Ensslin mitgemacht hätte. – Was soll man nun dazu noch sagen? Vielleicht stelle ich mich begriffsstutzig und werde ihr antworten: Bader-Ensslin? Ist das nicht der Tobak, den ich immer schon am liebsten in der Pfeife rauche?




