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Beständiges Schnellboot statt riesiger Tanker

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Vier sich gegenseitig am Handgelänk haltende Hände darunter die Buchstaben BSK
Logo des BSK
Foto: BSK e.V.

Hannover (kobinet) "Beständiges Schnellboot statt riesiger Tanker", so hat Karl Finke seinen Bericht getitelt, den er den kobinet-nachrichten im Nachgang der Veranstaltung zum 70-jährigen Bestehen des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) vom 13. September 2025 in Krautheim zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Dabei blickt Karl Finke auf das Verbandsgeschehen des BSK im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung der Behindertenpolitik der letzten Jahrzehnte zurück.

Beständiges Schnellboot statt riesiger Tanker

Beitrag von Karl Finke

Der BSK hat in den vergangenen Jahrzehnten nach meiner Wahrnehmung stets die aktive Politik dynamisch begleitet und war Teil aktiver Behindertenpolitik. Als kleiner beziehungsweise mittelgroßer Behindertenverband unterschied er sich stets von den großen Tankern durch seine Beweglichkeit, Schnelligkeit und Fachlichkeit im Aufgreifen politischer Themen und deren Platzierung. Dies hat sich nach meinen ersten Eindrücken vom Beginn der 90er-Jahre bis heute mit unterschiedlichem Gewicht dargestellt.

Wiedererkennungswert für den BSK hat sein Engagement für die Ergänzung des Grundgesetzes um einen Passus zum Schutz behinderter Menschen im Rahmen der Erweiterung des Grundgesetzes auf den damaligen Bereich der DDR und die hiermit verbundenen Änderungen. Die Verfassungsergänzung war in der Bund-Länder-Verfassungskommission Anfang der 90er-Jahre zunächst gescheitert. Eine bundesweite Kampagne zu mehr Akzeptanz und gesellschaftlicher Wahrnehmung behinderter Menschen erfolgte nach meiner Wahrnehmung auf zwei Strängen.

Auf der einen Seite war es die Kampagne des BSK mit dem damaligen Pressesprecher Hans-Günter Heiden sowie der neu entstehenden „Selbstbestimmt Leben“-Bewegung (ISL), verbunden mit dem Namen Ottmar Miles-Paul. Der zweite Strang für die gesellschaftliche Wahrnehmung behinderter Menschen und der immer noch bestehenden Marginalisierung wurde durch die deutschlandweite Anti-Gewalt-Kampagne und bundesweite Aktionen aus Niedersachsen organisiert, vertreten durch Karl Finke und viele Aktivistinnen und Aktivisten behinderter Menschen aus ganz Deutschland.

Der damalige Bundespräsident von Weizsäcker brach das Eis zu der Verfassungsergänzung zugunsten behinderter Menschen. Er forderte auf einer Veranstaltung im Gustav-Heinemann-Haus in Bad Godesberg mit ausdrücklichem Bezug auf die Anti-Gewalt-Kampagne aus Niedersachsen eine Verfassungsergänzung zugunsten behinderter Menschen. „Deutschland im Herbst – Zunehmende Gewalt gegen Behinderte und andere Minderheiten“ lautete die Broschüre zur Begleitung der Initiativen. Eine Demonstration zusammen mit Amnesty International und Selbsthilfegruppen aus Hannover, organisiert von Ulrike Ernst, und zweitausend behinderte und nichtbehinderte Menschen anlässlich eines tragischen Gewaltvorfalls in Hannover war einer der Höhepunkte.

Stellvertretend für alle behinderten Menschen wurde Karl Finke 1994 die Karl-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte überreicht. Ottmar Miles-Paul, ein Mitstreiter schon von Anfang der 1990er-Jahre, wurde diese Auszeichnung genau 25 Jahre später zuteil.

In der Folge griff der BSK gezielt gesellschaftliche Themen in den Bereichen Wohnen, Arbeit sowie Bildung auf und integrierte sich in das soziale Umfeld von Krautheim. Historisch waren Heime und Werkstätten dem Zeitgeist der 80er-Jahre entsprechend. Jetzt griff der BSK die neuen Öffnungstendenzen auf und strebte zusammen mit der Werkstatt und mit dem Eduard-Knoll-Wohnzentrum, hier wesentlich vertreten durch Norman Weyrosta, eine Öffnung und Verzahnung mit der Region rund um Krautheim an. Dies war Gegenstand vieler Sitzungen des Vorstandes, aber auch des direkten Kontakts mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Die kontinuierliche Arbeit des BSK wurde gehemmt oder gebunden durch lange andauernde Personalwechsel in der Leitung und Mitarbeiterschaft, was sich auf die Arbeit des Vorstands auswirkte.

Um Krautheim verbandsübergreifend als Plattform behindertenpolitischer Diskussionen bundesweit zu platzieren, wurden Ende der 90er-Jahre die sogenannten Krautheimer Gespräche initiiert. Sie griffen zusammen mit der Bundespolitik und bundespolitischen Größen aktuelle gesellschaftliche Themen auf und versuchten Strahlkraft von Krautheim aus in die Republik zu erreichen. Mit dem Aufbau der Zweigstelle in Berlin stellte sich auch die Erfordernis dar, hier als mittelgroßer Verband präsent zu sein und Strahlkraft zu entwickeln. Ein Mittel hierbei war die Serie „BSK im Dialog“. Hier traf sich die Aktivistenszene Berlins und darüber hinaus, um mit Politikern aus der Verbändelandschaft, aber auch insbesondere aus dem bundespolitischen Umfeld den direkten Austausch zu pflegen und gemeinsames Handeln zu vereinbaren.

Kernpunkte der Tagungen waren zum Beispiel die Ergänzung des Wahlrechts und die Wahlrechtsreform zugunsten behinderter Menschen sowie Probleme der Pflegeversicherung, aber auch Arbeits- und Wohnformen. Ursprünglich war vereinbart, Krautheimer Gespräche und „BSK im Dialog“ im jeweiligen Wechsel durchzuführen. Dies auch, um das Standbein des BSK in Krautheim im Blick zu behalten. Initiiert und moderiert wurden diese Veranstaltungsreihen jeweils von Karl Finke.

Stärken stärken, aber Schwächen ausgleichen – dies war stets das Motto des BSK. Vor diesem Hintergrund haben wir uns seit Jahrzehnten nach etwa gleichstarken Verbänden mit vergleichbarer politischer Zielsetzung umgeschaut und erste Gespräche geführt. Dies auch, um die gesellschaftliche Breite und die Durchsetzungskraft aktiver Behindertenpolitik zu fördern. Krautheimer Gespräche und „BSK im Dialog“ sind bewusst als verbandsübergreifende, unabhängige Ebenen eingerichtet. Dies, um dem BSK seine kleine Schaltstelle-Funktion zu gewährleisten und nach außen deutlich zu machen – die sogenannte Bandwagon-Methode: Wo spielt die Musik im sozialen und gesellschaftlichen Bereich? Diese liegt im Bereich aktiver Behindertenpolitik zumindest zu einem Stimmenanteil beim BSK.

Diese Meinungsführerfunktion, die der BSK zumindest einmal hatte, sollte der BSK wieder anstreben und gemeinsam mit politisch engagierten, fachlich versierten und hochmotivierten behinderten Menschen deutlich machen. Personell und inhaltlich sind sie in der Lage, die politischen Felder zu belegen, und werden dies auch deutlich artikulieren. Aktuell wird das klar in der laufenden Pflege-, Renten- und Bürgergeld-Diskussion. Nicht reaktiv warten, was die anderen machen, sondern vorausschauend denken, planen und handeln. Handeln wir hier gemeinsam und setzen Akzente für eine inklusive Gesellschaft für morgen.

Die 2000er-Jahre brachten neue Anforderungen an den BSK, dies insbesondere zur Neuaufstellung in Berlin und deren Ausbau sowie das Einwirken auf das politische Umfeld. Auch das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen (EJMB) im Jahre 2003 mit der zentralen Botschaft „Nichts über uns ohne uns“ und dem hiermit verbundenen Mitentscheidungsaspekt hat unser politisches Handeln geprägt. Es ging um einen Wechsel vom defizitorientierten Denken zum kompetenzorientierten Denken – also wir entscheiden mit in Politik und Gesellschaft.

Durch europaweite Veranstaltungen wurden die Inhalte der Kompetenz behinderter Menschen in Arbeit, Bildung, Wohnen, aber auch im politischen Umfeld hervorgehoben und aus EU-Mitteln gezielt gefördert. Das sogenannte Reißverschlussprinzip: Es gab nur Geld aus Brüssel, wenn bei Veranstaltungen mindestens 50 Prozent der Referentinnen und Referenten direkt behinderte Menschen waren. So waren sie auch bei der Auftaktveranstaltung zum EJMB im Jahre 2003 in Aachen direkt vertreten. Das BSK-Mitglied Karl Finke hielt hier eines der beiden Hauptreferate zum Thema Empowerment behinderter Menschen – stets aktuell und unsere aktuelle Aufgabe.

Das EJMB mündete in Deutschland in eine bundesweite Umfrage des Nachrichtendienstes kobinet zum Courage-Preis 2003: Wer ist der aktivste behinderte Mensch im deutschsprachigen Raum, also einschließlich Schweiz und Österreich? In einer kleinen Feierstunde in Hannover wurde Karl Finke hier als angeblich aktivster behinderter Mensch mit dem Courage-Preis ausgezeichnet.

Die Inhalte des EJMB waren die Blaupause für die spätere UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Hier waren aktive behinderte Menschen bei deren Umsetzung wesentlich beteiligt. Für den BSK ist diese Epoche auf der Arbeitsebene mit dem damaligen Geschäftsführer Schwarz und den Mitarbeitern in Berlin verbunden.

Die Krautheimer Gespräche und „BSK im Dialog“ wurden in ihrer Probezeit neben Karl Finke vom Büro Herrn Reicherts, vom damaligen Vorsitzenden des BSK Irmi Winkler und Gerwin Matysiak sowie unabhängig von deren Funktion von der aktuellen Vorsitzenden Verena Bentele unterstützt. Hier gab es stets ein konstruktives Miteinander im Sinne aktiver Behindertenpolitik und der vom BSK gewährleisteten Behindertenpolitik, die auch die Arbeit der für die Projekte Verantwortlichen erleichterte.

Die UN-BRK stellte nach unserer Wahrnehmung vieles vom Kopf auf die Füße. Was wir jahrzehntelang gefordert haben, wurde jetzt Botschaft einer Menschenrechtskonvention. „Wir fordern nicht mehr, wir setzen gemeinsam um“, war unsere gemeinsame Hoffnung. Viel Wohlwollen bei allen, viele Verhinderungsstrategien im traditionellen Bereich, aber auch gemeinsamer Mut und Kampfeswille ermöglichten große und kleine Erfolge.

Hierzu gehört auch ein mit aktiven behinderten Menschen erkämpftes Bundesteilhabegesetz (BTHG), das dann im Konsens mit der damaligen Arbeitsministerin Andrea Nahles nach vorherigen heftigen Protesten umgesetzt wurde. Die politische Wahrnehmung des BSK wird auch daran deutlich, dass er seit mehreren Wahlperioden jetzt Teil des Inklusionsbeirats des Bundesbehindertenbeauftragten ist. Dies wurde auch dokumentiert durch die Anwesenheit des Bundesbehindertenbeauftragten Jürgen Dusel bei unserer 70-Jahre-Feier.