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„Toxische Disability“ – eine Analogie zu „toxischer Weiblichkeit“ (Literaturbeilage 5)

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Abbild des Behindertenausweises vom Autor von 1988
kobinet-Literaturredakteur Hans-Willi Weis versucht sich in seinem Essay als Toikologe in Sachen Disability
Foto: Hans-Willi Weis

Berlin (kobinet) Unter "toxischer Männlichkeit" können sich die meisten etwas vorstellen. Anders verhält es sich schon beim Begriff "toxische Weiblichkeit", den Sophia Fritz unlängst in den feministischen Diskurs eingeführt hat und der zunächst einmal erläutert und plausibilisiert werden muss. Erst recht erklärungsbedürftig erscheint es, von "toxischer Disability" zu sprechen, wie ich es in Anlehnung an die Rede von "toxischer Weiblichkeit" hier tun möchte. Was verstehe ich unter "toxischer Disability"? Worum handelt es sich, wenn ich zu dem harschen Urteil gelange, Menschen mit Behinderungen haben in dem einen oder anderen Fall "giftiges Verhalten" an den Tag gelegt?

Wo mir toxisches Behindertenverhalten zuerst begegnet ist

Toxisches Behindertenverhalten stößt mir am häufigsten in der sozialen Interaktion zwischen Peers auf. Sofern sie nicht Freunde oder Bekannte sind, begegnen sie einander – ich bin geneigt zu sagen: regelmäßig – reserviert bis misstrauisch, ihr Verhalten bewegt sich in einem Spektrum zwischen Unfreundlichkeit und Feindseligkeit. Für mich ein Verhalten, in dem ich den Inbegriff des „angry cripple“ wiedererkenne. Eine gegen ihresgleichen gerichtete Bosheit der qua Disability, durch Behinderung, vom Schicksal Benachteiligten. Das Gift der von Bosheit vergifteten Beziehung zerstört den Boden für positives Miteinander und die Entstehung von Solidarität. Und soweit Behindertenpolitik und Aktivismus kollektive Interessenvertretung und Formen von Community praktizieren, sind diese stets von Verhaltensweisen toxischer Disability bedroht.

Die aufschlussreiche Analogie der toxischen Weiblichkeit

Zitat Sophia Fritz: „Toxische Weiblichkeit schadet in erster Linie den Frauen. Sie provoziert Manipulierbarkeit, Illoyalität, selbstausbeutendes Verhalten und Machtlosigkeit. Der Kapitalismus profitiert von Arbeitsbienchen mit geringem Selbstwertgefühl, von netten Mädchen, die anderen stets zur Seite springen. Von unabhängigen Powerfrauen, fürsorglichen Müttern und kostenlosen Care-Arbeiterinnen. Sie fördern die Produktivität, die Konkurrenz, den Konsum und ermöglichen es Männern außerdem, an ihren Machtpositionen festzuhalten, da Frauen, die sich durch selbstverletzendes Verhalten selbst schwächen und daher weniger Energie und Fokus für den emanzipatorischen Kampf haben.“ – Wir müssen am Anfang dieses Zitats lediglich „toxische Weiblichkeit“ durch „toxische Disability“ und das Wort „Frauen“ durch „Behinderte“ ersetzen und schon sind wir auf der richtigen Fährte. Die für toxisches Verhalten anfälligen Weiblichkeitstypen, die Sophia Fritz unterscheidet, müssen uns nicht weiter interessieren: das stets nette Mädchen und die unentwegt fürsorgliche Mutti, die aggressive Powerfrau oder die absichtlich provozierende Bitch. Ob unterwürfig-passiv die einen und dominant-aggressiv die anderen – das Toxische am Verhalten der einen wie der anderen zeigt und bemisst sich an zwei Effekten: Entsolidarisierung durch Konkurrenzverhalten untereinander und Systemstabilisierung der patriarchal-kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse.

Die eingangs von mir beklagte zwischenmenschliche Beziehungsvergiftung infolge von Angry-Cripple-Verhalten, wie ich sie zu meinem Leidwesen oft genug beobachtet und erfahren habe, sollte nicht den Eindruck aufkommen lassen, das Phänomen beschränke sich auf die psychologische Ebene, auf mit etwas gutem Willen ausräumbare negative Gefühle zwischen Einzelnen. Die wirkliche Dimension des Problems wird auf der gesellschaftlich-strukturellen Ebene verursacht. Und hier zeigt sich, dass der sozial-strukturelle Zusammenhang, der die Giftigkeit des Verhaltens über das psychologische Moment hinaus und unabhängig von diesem bewirkt, beide Male identisch ist – derselbe im Fall toxischer Weiblichkeit und toxischer Disability. Einige Passagen aus dem Buchtext von Sophia Fritz, wo dies besonders deutlich wird, habe ich zusammengestellt. Mit Blick auf den jeweiligen Aspekt braucht ihr dann nur anstelle von Frauen Behinderte zu lesen beziehungsweise das Eigenschaftswort weiblich durch behindert gedanklich zu ersetzen.

Die Powerfrau auf dem Arbeitsmarkt, ein fragwürdiges Vorbild

Für den Kapitalismus lässt sich die Powerfrau am Arbeitsmarkt, so Sophia Fritz, „perfekt ausbeuten“. Was sie hier von der Powerfrau sagt, trifft wohl auch auf gut inkludierte Behinderte auf dem ersten Arbeitsmarkt zu: „Sie, die scheinbar alles allein und gleichzeitig schafft – Aussehen, Karrieremachen, sich um die Familie kümmern, jung bleiben –, ist für den kapitalistischen Arbeitsmarkt ein ideales Token. Nicht nur trägt sie mit ihrer eigenen Arbeits- und Kaufkraft zum ökonomischen Wachstum bei, sie schafft ideale Voraussetzungen für ein System, das aus minimalem Input maximale Ergebnisse generiert. Der Druck, der auf der Powerfrau lastet, macht sie zur perfekten Konsumentin. Durch unkritische Adaption patriarchaler Verhaltensmuster fördert sie dabei Narzissmus, Konkurrenz und Vereinzelung unter Frauen.“ – Dann eine wichtige Bemerkung zum „Trickle-down-Effekt“, dem von den wenigen Erfolgreichen angeblich ausgehenden Aufstiegsversprechen für alle übrigen: „… wenn sie den Trickle-down-Glauben stützen, den Glauben daran, dass, wenn es ein paar Powerfrauen in die oberen Etagen schaffen, es Frauen insgesamt besser geht. Egal wie oft nachgewiesen wird, dass es keiner Tagelöhnerin automatisch besser geht, nur weil es manche Frauen in die Vorstände von Tech-Konzernen schaffen.“ Und bezahlt werden muss der fragwürdige Aufstiegserfolg mit dem Zwang zur Selbstoptimierung: „Damit, dass wir unsere Körper, unser Aussehen, unsere Gesundheit und unsere Stimmung immer differenzierter kontrollieren. Und genau das versucht die Powerfrau und ihr bleibt in dem bestehenden System auch fast nichts anderes übrig.“

Warum Empowerment, also Ermächtigung, ein zwiespältiges Konzept ist

Sophia Fritz: „Allein die Frage, über wen und was ich mich zu ermächtigen habe, um fully empowered zu sein, bereitet mir Unbehagen. Ebenso die Frage, was der ganze Empowerment-Diskurs über weiterhin abhängige Menschen aussagt.“ Ihre Schlussfolgerung: „Wir müssen als Gesellschaft noch einmal einen Schritt zurückgehen mit unserer Vorstellung von der feministischen Powerfrau, weil das Konzept der Power, der Dominanz und Unterwerfung per se patriarchal und uns damit nicht wirklich zuträglich ist. Zumindest dann nicht, wenn wir mit dem Feminismus eine menschenfreundlichere Welt schaffen wollen, in der es nicht darum geht, uns von unseren Bedürfnissen und unserem intuitiven Wissen zu entfremden, sondern Kontrolle und Ermächtigung zu priorisieren.“ Und noch einmal: „Ich glaube, wir springen auf Strategien zur Selbstoptimierung vor allem deshalb an, weil wir bereits seit Jahrhunderten kontrolliert und reguliert und perfektioniert werden. Wir kennen es gar nicht anders…“

Hilfloser Umgang mit negativen Emotionen

„Unser hilfloser Umgang mit negativen Emotionen hindert uns daran, uns gegenseitig zu begegnen und uns generationenübergreifend von der systemischen Gewalt, die sich gegen uns alle richtet, zu erzählen. Er hindert uns daran, gemeinsam standzuhalten und uns zur Wehr zu setzen. Er hält uns davon ab, uns auszutauschen.“ Eine bedauerliche Erfahrung, die auch Behinderte zur Genüge in ihrer eigenen Community machen. Sophia Fritz folgert: „Beschämung wird immer Scham produzieren. Wenn es uns aber um Vertrauen und Versöhnung geht und nicht um Rache und Vergeltung, dann müssen wir dieses Verhalten auch an uns selbst kritisieren. Im Sinne einer antikapitalistischen Emanzipation müssen wir beginnen, Verantwortung für die negativen Seiten unserer Strategien zu übernehmen. Wenn wir es schaffen, patriarchale Strukturen durch selbstsicheres Verhalten herauszufordern, ohne andere dabei zu beschämen, dann werden es am Ende wahrscheinlich gerade die Akte der Bitches dieser Welt sein, die andere Frauen dazu inspirieren, sich nicht aus Angst vor Bestrafung in ein Leben in Bescheidenheit zurückzuziehen.“ Statt Bitches könnt ihr hier von solidarisch kritikfreudigen, freimütigen und spottlustigen Cripples sprechen. Hier noch das Fazit der Autorin: „Erst wenn wir unsere eigene Prägung verstehen, können wir bewusst entscheiden, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen wir beibehalten und welche wir zugunsten größerer Empathie und eines Mehr an Gelassenheit und echter Nähe ablegen wollen. Es gelingt mir dabei nicht immer, meine eigene Misogynie (Frauenfeindlichkeit) sauber von den Analysen zu trennen. Ich bin auf das erschreckende Ausmaß meiner eigenen Verachtung für Frauen gestoßen. Trotzdem werde ich mich auch und ausdrücklich mit den dunklen Seiten meiner Prägung auseinandersetzen. Denn ich halte es für den ersten Schritt in einem idealerweise gemeinschaftlichen Prozess hin zur unerschrockenen Selbsterkenntnis.“

Resümee und Ausblick

Selbstkritisch hält Sophia Fritz fest: „Wir denken hierarchisch und haben ein unbedingtes Bewusstsein für unseren Status und den der anderen. Dieses hierarchische Denken ist die Grundvoraussetzung für toxisches Verhalten, weil es unser Gegenüber auf seine Stellung uns gegenüber reduziert. Besser oder schlechter als ich, dünner oder dicker, dümmer oder schlauer, reicher oder ärmer, mehr oder weniger wert. In unserer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft deutet der Kampf um Macht auf das Ringen um die Überordnung.“ Soll es jedoch, so ihr Ausblick, nicht um Anpassung gehen, „nicht um eine Angleichung der weiblichen Privilegien an die der Männer gehen, nicht nur darum, uns zu er- und andere zu entmächtigen, sondern um ein grundlegend neues gesellschaftliches Miteinander, das auf essenziellen zwischenmenschlichen Werten wie Liebe und Vertrauen beruht, dann müssen wir uns alle toxischen Seiten gleichzeitig anschauen.“ – Kein schlechtes Empowerment, diese Ermutigung zu einer uns selbst kritisch in den Blick nehmenden Nachdenklichkeit. Bei uns selbst anfangen, auf der persönlichen wie auf der Community-Ebene, ist auf alle Fälle ein guter Anfang. Dieser könnte konkret beginnen mit dem Verbalisieren eigener Erfahrungen, dem Erzählen seiner persönlichen Geschichte.

P.S. Das Buch von Sophia Fritz „Toxische Weiblichkeit“ ist 2024 im Hanser Verlag erschienen. https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/sophia-fritz-toxische-weiblichkeit-9783446279155-t-5192

Lesermeinungen

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1 Lesermeinung
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M. Guenter
21.10.2025 19:03

Hmm,
das Thema toxische Weiblichkeit ist eines, welches seit Jahrzehnten konsequent ausgeblendet wird. 80% der Absolvierenden der Studiengänge Soziale Arbeit oder Erziehungswissenschaften sind weiblich und dies eben seit Jahrzehnten. Auch wenn diese immer noch in den höheren Fürhungspositionen unterrepräsentiert sind, bedeutet dies nicht, dass deren Denken und Handeln in Unterstützungssystemen, wo wir es mit existentiell eben von dieser Unterstützung abhängigen Personen zu tun haben, keinerlei Einfluss auf die Lebensrealität dieser „Abhängigen“ haben.
Eine Kollegin von mir, die die 50 schon überschritten hat, formulierte es mal so: „Der alte weiße Mann kann durchaus auch weiblich sein, nur schlimmer!“
Ähnlich ist auch bei der toxischen „Behindertheit“, wenn man da Antworten sucht – etwa in diversen Foren von Betroffenen – dann ist man ganz schnell auf der Ebene: „Erstens: Das zu fragen steht dir nicht zu und zweitens: Bei mir ist es so, also akzeptiere dies!“ Dies gerne mal gepaart mit Hinweisen auf die Vergangenheit – kurz man wird als „Fahrer des grauen Buses“ beschimpft…
Und das ist auch hier eine Markierung, die implizit, also durch Verschweigen, gerne reproduziert wird: x-Jahre Krüppelbewegung, blabla – ja, aber wo wart ihr, um die Interessen von psychisch oder kognitiv Beinträchtigen zu vertreten, wenn ihr doch für alle „Behinderten“ sprecht?