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Editorial – Toxische Disability? Vorwurfsvolle Geschichten! (Literaturbeilage 5)

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alte Schreibfeder liegt auf einem Brief
kobinet-Literaturbeilage 5
Foto: Momentmal In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen

Berlin (kobinet) Das die Inklusion behinderter Menschen grundsätzlich bejahende, freundliche und mitunter betont "politisch korrekte" Sprechen über Behinderte ändert nichts daran, dass im zivilgesellschaftlichen Raum auch andere Töne über Menschen mit Behinderung zu vernehmen sind. Vorwurfsvolle Geschichten, die sich Nichtbehinderte über ihre Erfahrungen mit Behinderten erzählen, sei es aus kurzen Begegnungen oder aus einem längeren Zusammenleben. Auch ich – der ich aufgrund meiner Erblindung seit Jahrzehnten von anderen ganz selbstverständlich als ein Mensch mit Behinderung "gelesen" werde, jemand, der ein von ihrer nichtbehinderten Norm abweichendes Behindertenleben führt – erlebe, dass nichtbehinderte Mitmenschen sich immer wieder sowohl untereinander als auch mir gegenüber über mich beklagen, etwas an meinem "Behindertenverhalten" auszusetzen haben. In ihrer Wahrnehmung lege ich ein Verhalten an den Tag, das mit einem starken oder drastischen Ausdruck gelabelt "toxische Disability" genannt werden kann. Diesen Begriff habe ich selbst geprägt in Anlehnung an den der "toxischen Weiblichkeit", wie ihn die Feministin Sophia Fritz eingeführt hat. Für welche Verhaltensweisen von Behinderten – und zwar in erster Linie im Umgang miteinander – ich den Ausdruck "toxisch" gebrauchen würde, versuche ich als Erstes in einem Essay ansatzweise zu umreißen.

Mein zweiter Textversuch im thematischen Zusammenhang von „toxischer Disability“ ist ein Torso oder Fragment geblieben, ich musste ihn abbrechen. Wenn Nichtbehinderte das Verhalten behinderter Menschen, den Umgang mit ihnen als stark verunsichernd, bedrohlich oder irgendwie ungut wahrnehmen und in diesem Sinne als potenziell toxisch betrachten – was sich dabei zuträgt und beziehungsdynamisch abläuft, dies hätte ich gern anhand einiger kleiner Episoden beschrieben. Da die mir dazu einfallenden Beispiele aber sämtlich im sehr nahen, familiären und Bekanntenumfeld sich zutragen, sah ich mich schließlich aus Diskretionsgründen genötigt zu passen. „Wenn Nichtbehinderte Behinderte als stets Unzufriedene, ewig Klagende und endlos Fordernde wahrnehmen“, so hätte dieser Text heißen sollen.

Zufällig fügte es sich, dass der Erzähltext „Ein Wunder geschieht“ von Dorothee Feuerstein bei der Redaktion eintraf und den Mittelpunkt dieser Literaturbeilage bildet. Und er hat es inhaltlich wie stilistisch verdient. Erzählerisch rührt er sogar immer wieder an das, woran ich mit meinem Vorhaben gescheitert bin, an jene Vorwürfe und Anklagen, wie sie Behinderte gelegentlich aus dem Mund Nichtbehinderter zu hören bekommen. – Stilistisch muss ich bei Dorothee Feuersteins Text an Thomas Bernhard denken (den österreichischen Romancier und Theaterautor). An dessen Stilmittel der „Suada“, seinen sich in Satzperioden vorwärtswälzenden Redeschwall, in diesem unverwechselbar launischen, bisweilen maliziösen und misanthropischen Tonfall. Ja, auch uns Behinderten tut es gut, sich einmal den Frust über die tumben begriffsstutzigen Nichtbehinderten von der Seele zu schreiben!