Berlin (kobinet)
Viele Menschen reden freundlich über Inklusion.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen machen mit.
Niemand wird ausgeschlossen.
Die Menschen sagen nette Worte.
Aber manchmal denken sie anders.
Manchmal reden sie nicht nett.
Manche Menschen haben keine Behinderung.
Eine Behinderung macht Sachen schwierig.
Man kann manche Sachen nicht so einfach machen.
Diese Menschen beschweren sich.
Sie erzählen Geschichten über Menschen mit Behinderung.
Die Geschichten klingen wie Vorwürfe.
Das passiert beim Zusammen-Leben.
Der Autor von diesem Text ist blind.
Deshalb hat er eine Behinderung.
Menschen ohne Behinderung beschweren sich über ihn.
Sie sagen: Er verhält sich seltsam.
Sie nennen das Verhalten giftig.
Das Fach-Wort ist: toxische Disability.
Toxisch bedeutet: giftig.
Disability bedeutet: Behinderung.
Toxische Disability bedeutet: Jemand nutzt seine Behinderung als Ausrede.
Die Person verhält sich gemein.
Die Person sagt: Ich darf das wegen meiner Behinderung.
Der Autor hat das Wort selbst erfunden.
Er kennt das Wort toxische Weiblichkeit.
Das Wort hat Sophia Fritz erfunden.
Sophia Fritz ist eine Feministin.
Eine Feministin setzt sich für Gleichberechtigung ein.
Das bedeutet: Frauen und Männer haben gleiche Rechte.
Der Autor wollte einen Text schreiben.
Es sollte um das Verhalten gehen.
Manche Menschen mit Behinderung verhalten sich giftig.
Sie sind giftig zu anderen Menschen mit Behinderung.
Das wollte der Autor beschreiben.
Der Autor wollte noch einen Text schreiben.
Dieser Text ist nicht fertig geworden.
Er musste aufhören.
Die Beispiele waren aus seiner Familie.
Die Beispiele waren aus seinem Freundes-Kreis.
Er wollte diese Menschen schützen.
Der Text sollte einen anderen Titel haben.
Der Titel war: Wenn Menschen ohne Behinderung sich beschweren.
Manche sagen: Menschen mit Behinderung sind nie zufrieden.
Sie sagen: Menschen mit Behinderung klagen immer.
Sie sagen: Menschen mit Behinderung fordern zu viel.
Dann kam ein anderer Text zur Redaktion.
Eine Redaktion ist eine Gruppe von Menschen.
Sie arbeiten bei einer Zeitung.
Oder beim Radio.
Oder beim Fernsehen.
Sie schreiben Texte.
Sie prüfen Texte.
Dorothee Feuerstein hat den Text geschrieben.
Der Text heißt: Ein Wunder geschieht.
Der Text ist sehr gut geschrieben.
Der Text passt gut zum Thema.
Der Text von Dorothee Feuerstein erzählt davon.
Menschen ohne Behinderung machen Vorwürfe.
Sie machen sie Menschen mit Behinderung.
Der Autor konnte das nicht so gut aufschreiben.
Dorothee Feuerstein hat es geschafft.
Der Schreib-Stil erinnert an Thomas Bernhard.
Schreib-Stil bedeutet: die Art zu schreiben.
Jeder Mensch schreibt anders.
Thomas Bernhard war ein Schrift-Steller.
Ein Schrift-Steller schreibt Bücher.
Das ist sein Beruf.
Thomas Bernhard kam aus Österreich.
Er schrieb lange Sätze.
Die Sätze klingen wie eine Rede.
Die Rede ist manchmal böse.
Manchmal ist es gut sich aufzuregen.
Auch Menschen mit Behinderung dürfen das.
Sie dürfen schimpfen.
Sie dürfen über Menschen ohne Behinderung schimpfen.
Menschen ohne Behinderung verstehen manchmal nicht.
Das darf man aufschreiben.

Foto: Momentmal In neuem Fenster öffnen via Pixabay In neuem Fenster öffnen
Berlin (kobinet) Das die Inklusion behinderter Menschen grundsätzlich bejahende, freundliche und mitunter betont "politisch korrekte" Sprechen über Behinderte ändert nichts daran, dass im zivilgesellschaftlichen Raum auch andere Töne über Menschen mit Behinderung zu vernehmen sind. Vorwurfsvolle Geschichten, die sich Nichtbehinderte über ihre Erfahrungen mit Behinderten erzählen, sei es aus kurzen Begegnungen oder aus einem längeren Zusammenleben. Auch ich – der ich aufgrund meiner Erblindung seit Jahrzehnten von anderen ganz selbstverständlich als ein Mensch mit Behinderung "gelesen" werde, jemand, der ein von ihrer nichtbehinderten Norm abweichendes Behindertenleben führt – erlebe, dass nichtbehinderte Mitmenschen sich immer wieder sowohl untereinander als auch mir gegenüber über mich beklagen, etwas an meinem "Behindertenverhalten" auszusetzen haben. In ihrer Wahrnehmung lege ich ein Verhalten an den Tag, das mit einem starken oder drastischen Ausdruck gelabelt "toxische Disability" genannt werden kann. Diesen Begriff habe ich selbst geprägt in Anlehnung an den der "toxischen Weiblichkeit", wie ihn die Feministin Sophia Fritz eingeführt hat. Für welche Verhaltensweisen von Behinderten – und zwar in erster Linie im Umgang miteinander – ich den Ausdruck "toxisch" gebrauchen würde, versuche ich als Erstes in einem Essay ansatzweise zu umreißen.
Mein zweiter Textversuch im thematischen Zusammenhang von „toxischer Disability“ ist ein Torso oder Fragment geblieben, ich musste ihn abbrechen. Wenn Nichtbehinderte das Verhalten behinderter Menschen, den Umgang mit ihnen als stark verunsichernd, bedrohlich oder irgendwie ungut wahrnehmen und in diesem Sinne als potenziell toxisch betrachten – was sich dabei zuträgt und beziehungsdynamisch abläuft, dies hätte ich gern anhand einiger kleiner Episoden beschrieben. Da die mir dazu einfallenden Beispiele aber sämtlich im sehr nahen, familiären und Bekanntenumfeld sich zutragen, sah ich mich schließlich aus Diskretionsgründen genötigt zu passen. „Wenn Nichtbehinderte Behinderte als stets Unzufriedene, ewig Klagende und endlos Fordernde wahrnehmen“, so hätte dieser Text heißen sollen.
Zufällig fügte es sich, dass der Erzähltext „Ein Wunder geschieht“ von Dorothee Feuerstein bei der Redaktion eintraf und den Mittelpunkt dieser Literaturbeilage bildet. Und er hat es inhaltlich wie stilistisch verdient. Erzählerisch rührt er sogar immer wieder an das, woran ich mit meinem Vorhaben gescheitert bin, an jene Vorwürfe und Anklagen, wie sie Behinderte gelegentlich aus dem Mund Nichtbehinderter zu hören bekommen. – Stilistisch muss ich bei Dorothee Feuersteins Text an Thomas Bernhard denken (den österreichischen Romancier und Theaterautor). An dessen Stilmittel der „Suada“, seinen sich in Satzperioden vorwärtswälzenden Redeschwall, in diesem unverwechselbar launischen, bisweilen maliziösen und misanthropischen Tonfall. Ja, auch uns Behinderten tut es gut, sich einmal den Frust über die tumben begriffsstutzigen Nichtbehinderten von der Seele zu schreiben!

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Berlin (kobinet) Das die Inklusion behinderter Menschen grundsätzlich bejahende, freundliche und mitunter betont "politisch korrekte" Sprechen über Behinderte ändert nichts daran, dass im zivilgesellschaftlichen Raum auch andere Töne über Menschen mit Behinderung zu vernehmen sind. Vorwurfsvolle Geschichten, die sich Nichtbehinderte über ihre Erfahrungen mit Behinderten erzählen, sei es aus kurzen Begegnungen oder aus einem längeren Zusammenleben. Auch ich – der ich aufgrund meiner Erblindung seit Jahrzehnten von anderen ganz selbstverständlich als ein Mensch mit Behinderung "gelesen" werde, jemand, der ein von ihrer nichtbehinderten Norm abweichendes Behindertenleben führt – erlebe, dass nichtbehinderte Mitmenschen sich immer wieder sowohl untereinander als auch mir gegenüber über mich beklagen, etwas an meinem "Behindertenverhalten" auszusetzen haben. In ihrer Wahrnehmung lege ich ein Verhalten an den Tag, das mit einem starken oder drastischen Ausdruck gelabelt "toxische Disability" genannt werden kann. Diesen Begriff habe ich selbst geprägt in Anlehnung an den der "toxischen Weiblichkeit", wie ihn die Feministin Sophia Fritz eingeführt hat. Für welche Verhaltensweisen von Behinderten – und zwar in erster Linie im Umgang miteinander – ich den Ausdruck "toxisch" gebrauchen würde, versuche ich als Erstes in einem Essay ansatzweise zu umreißen.
Mein zweiter Textversuch im thematischen Zusammenhang von „toxischer Disability“ ist ein Torso oder Fragment geblieben, ich musste ihn abbrechen. Wenn Nichtbehinderte das Verhalten behinderter Menschen, den Umgang mit ihnen als stark verunsichernd, bedrohlich oder irgendwie ungut wahrnehmen und in diesem Sinne als potenziell toxisch betrachten – was sich dabei zuträgt und beziehungsdynamisch abläuft, dies hätte ich gern anhand einiger kleiner Episoden beschrieben. Da die mir dazu einfallenden Beispiele aber sämtlich im sehr nahen, familiären und Bekanntenumfeld sich zutragen, sah ich mich schließlich aus Diskretionsgründen genötigt zu passen. „Wenn Nichtbehinderte Behinderte als stets Unzufriedene, ewig Klagende und endlos Fordernde wahrnehmen“, so hätte dieser Text heißen sollen.
Zufällig fügte es sich, dass der Erzähltext „Ein Wunder geschieht“ von Dorothee Feuerstein bei der Redaktion eintraf und den Mittelpunkt dieser Literaturbeilage bildet. Und er hat es inhaltlich wie stilistisch verdient. Erzählerisch rührt er sogar immer wieder an das, woran ich mit meinem Vorhaben gescheitert bin, an jene Vorwürfe und Anklagen, wie sie Behinderte gelegentlich aus dem Mund Nichtbehinderter zu hören bekommen. – Stilistisch muss ich bei Dorothee Feuersteins Text an Thomas Bernhard denken (den österreichischen Romancier und Theaterautor). An dessen Stilmittel der „Suada“, seinen sich in Satzperioden vorwärtswälzenden Redeschwall, in diesem unverwechselbar launischen, bisweilen maliziösen und misanthropischen Tonfall. Ja, auch uns Behinderten tut es gut, sich einmal den Frust über die tumben begriffsstutzigen Nichtbehinderten von der Seele zu schreiben!




