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Ein Wunder geschieht (Literaturbeilage 5)

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Zeichnung einer jungen Frau mt gelber Armbinde und Taststock
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Foto: Pixabay/OpenClipart-Vectors

Berlin (kobinet) Autorin dieses Textes ist Dorothee Feuerstein Der Tag, an dem ich mal kurz nicht verhext war, war ein normaler Werktag. Ich wurde mit dem Taxi nach Hause gebracht. Der Fahrer hatte mich an der falschen Tür im Haus gegenüber abgesetzt. Nun war ich orientierungslos, denn ich wusste ja nur, dass ich falsch stand, nur eben nicht, wo ich stand. Ich ging also den Gehsteig auf und ab und rief um Hilfe: "Hallo?" Ein Mann kam und brachte mich über die Straße zu meiner Haustür.

„Ja, das stelle ich mir schon schwierig vor, wenn man nicht sieht, wo man ist und sich nicht orientieren kann.“ Diese Aussage wunderte mich. Meistens höre ich dann nämlich solche Standardsätze wie: „Das kenne ich, das geht mir auch oft so. In der Ruhe liegt die Kraft!“ Ich frage mich dann zwar immer, warum dann so jemand Auto fahren und arbeiten kann und ohne Stock unterwegs ist, aber ich habe es mir abgewöhnt, darüber zu diskutieren. Diesmal bin ich aber auf ein menschliches Exemplar mit etwas mehr Empathie gestoßen. Bei den meisten habe ich eher den Eindruck, als wollten sie mir sagen: „Stell dich nicht so an, uns geht es auch nicht besser, und wir machen ja auch nicht so ein Theater.“ In der Tat fangen sogar einige Gespräche so an wie das weiter oben, setzen sich aber dann plötzlich in verändertem Tonfall und veränderter Aussage fort. „Achtung, draußen direkt vor deiner Tür ist ein Hundehaufen, nicht, dass du reintrittst, weil du ihn ja nicht siehst.“ So warnte mich einmal eine Assistentin, und ich wunderte mich schon, wie umsichtig sie war im Hinblick auf meine Herausforderung, und dass sie daran dachte, mir das extra zu sagen. Nur sagte sie dann hastig mit veränderter Stimme: „Aber das kann uns Sehenden ja schließlich auch passieren.“ Also sie war ja immerhin schon mal nicht reingetreten. Eine andere Frau fragte mich, ob ich an meinen Türen zu Hause denn Markierungen hätte, um nicht dagegen zu stoßen. Ich erklärte ihr, dass ich meine Türen entweder ganz auflasse oder ganz zumache, um nicht gegen halboffene Türkanten zu laufen. Denn – das erzählte ich aber nicht noch dazu –, als Kind habe ich mir so manches Loch in den Kopf geschlagen, wenn ich zu schnell durch die Wohnung gefegt bin und die Tür zur Hälfte offen stand, sodass ich gegen die Kante lief. Da klärte mich dann die Dame auf, dass das Sehenden ja schließlich auch passiert. Ich hätte am liebsten gesagt: „Warum fragen Sie mich denn dann überhaupt? Bei mir liegt es am Sehen, woran es bei Ihnen liegt, darüber kann man jetzt spekulieren!“ In der Tat bin ich sehr schlagfertig, traue mich aber nicht, diese Sätze dann auch laut auszusprechen. Ich saß einmal im Taxi nach Hause, und der Taxifahrer fragte mich, ob ich noch etwas sehen könnte. Dann meinte er, er verstünde mich ja, denn im Dunkeln bräuchte er jetzt auch eine Lesebrille. Ich war drauf und dran zu sagen: „Also, wenn Sie so schlecht sehen, dann lassen Sie doch lieber mich fahren.“ Ich war allerdings zu sehr um meine eigene Sicherheit besorgt, als dass ich es tatsächlich gewagt hätte, ihm mitten im Feierabendverkehr so etwas entgegenzuschleudern.

Bei einer Ausstellung wurde sehr lauter Fabriklärm eingespielt, damit wir miterleben sollten, wie es damals für die Menschen war, die dem ausgesetzt wurden. Da ich aufgrund meines Autismus eine Reizfilterschwäche habe, konnte ich die Führerin nicht mehr verstehen und versuchte daher, ihr mein Problem zu erklären, damit sie für uns nur vier Besucher kurz mal den Lärm abstellen möge. „Es ist für uns alle anstrengend“, lautete ihre Entgegnung, und der Lärm blieb. Das Gehirn blendet ja so manches aus, und daran läge es wohl auch, dass auch Sehende ständig stundenlang krampfhaft nach etwas suchen, was direkt vor ihrer Nase liegt. Das ginge jedem so, wurde mir auch bereits erläutert. Wenn mir etwas runterfällt oder jemand etwas verstellt, habe ich dann eben auch einfach nur nicht die passende Wahrnehmung. Ich habe solche Dialoge bei anderen Menschen mit Behinderung auch mitverfolgt, aber die gingen dann oft ganz anders als bei mir. Man war oft überrascht, woran doch so manche Dinge scheitern und wie der Alltag eines Menschen mit Behinderung ist. Es wurde erst gar nicht darüber diskutiert, ob das Nichtbehinderten genauso geht. Man hat diese Schilderungen völlig erwachsen und auf Augenhöhe zur Kenntnis genommen.

Mittlerweile vermute ich, dass ich verhext bin und dass eine magische Ausblendung vorliegt. Würde ich nun zu einem modernen Therapeuten gehen, würde dieser mir folgende Aufgabe stellen: „Ein Wunder geschieht. Woran merken Sie, wenn Sie morgen aufstehen, dass Sie nicht mehr verhext sind?“

Nun, dieser Aufgabe will ich nun nachkommen: Erst einmal wäre das Geflimmer und die Farbphänomene vor meinen Augen weg. Es gäbe hierfür endlich die passende medizinische Erklärung, man hätte mir das fehlende Mineral oder Vitamin gegeben, und seither hätte ich Ruhe. Die Ärzte hätten mit dem Kopf geschüttelt, wie jemand das so lange aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Dies wäre mir eine wohltuende Genugtuung. Auch die meisten anderen meiner Symptome wie die Tatsache, dass ich viel mehr Disziplin beim Essen aufbringen muss als andere Menschen und nicht einmal durch Bewegung eine Gewichtszunahme verhindern kann, ließen sich nun erklären und meinem Syndrom zuordnen. Endlich würde auch meine stärkere Infektneigung durch ein chronisches Müdigkeitssyndrom diagnostiziert werden sowie die damit einhergehenden wandernden Gelenkschmerzen, und auch hier würde man anerkennen, wie lange ich mich damit schon ohne Unterstützung durchgeschlagen hätte. Auch die traumatischen Erfahrungen im Internat und die Quälereien in der Schule, die ich ohne Schulbegleiter jahrelang habe durchhalten müssen, würden nun endlich als emotionaler Missbrauch anerkannt. Meine Reaktionen würden nicht wie damals als Zeichen meiner Übersensibilität gesehen, sondern als zwar ungewöhnliche, jedoch verständliche Reaktionen auf ungewöhnliche Belastungen validiert, und ich bekäme sogar eine richtige Psychoedukation, in der man mir darlegt, wie Menschen im Allgemeinen auf Übergriffe reagieren, bei denen sie weder fliehen noch angreifen können. Mich nun doch endlich nicht mehr selbst für verrückt halten zu müssen, sondern zu erfahren, dass solche Reaktionen allgemein menschlich und sogar gar nicht so selten sind, und es normal ist, nicht dauergeärgert, gejagt, verspottet und gemobbt werden zu wollen, und dies nicht mit meiner individuellen Besonderheit zu tun hat, und dass ich diese doch angeblich so normalen Reaktionen der Kinder nicht durch mein abweichendes Verhalten ja auch selbst verursacht hätte und somit schuld am Mobbing und ein typisches Opfer sei, würde für mich eine große Entlastung bedeuten. Es läge also nicht mehr an mir und meinem eigenwilligen Empfinden, dass ich diese falschen Übergriffe und Taten als so unerträglich empfand, sondern die Verantwortung läge bei den Tätern, deren Vergehen gemein gültig als nicht hinnehmbar von der Gesellschaft gesehen würden, ähnlich wie bei sexuellen und körperlichen Übergriffen. Ich würde nicht mehr ständig klischeehaft und rassistisch als feinfühlig bezeichnet, weil ich blind bin und alle Blinden ja schließlich alles viel intensiver über das Gehör aufnehmen, sondern es wäre sonnenklar, dass bestimmte Verhaltensweisen von Menschen einfach nicht in Ordnung sind. Auch würde man endlich die zahllosen Barrieren und Überbelastungen anerkennen, denen ich durch meine mehrfachen Einschränkungen im Alltag schutzlos ausgesetzt bin, und es würde endlich die passende Assistenz mit der entsprechenden Ausbildung gefunden, die meine Interessen anderen gegenüber besser vertreten kann als ich und die für meine Verhaltensweisen oder Reaktionen bei Überbelastung und Überforderung und Überstimulation Verständnis hätte und dementsprechend angemessen intervenieren könnte. Zusätzlich bekäme ich von einem durch das Wunder gefundenen Ergotherapeuten während eines aufklärenden Gespräches und während der Therapiesitzungen Informationen über mein Krankheitsbild und über die hierfür klassischen Schwierigkeiten, dass eben meine sogenannte Ungeschicklichkeit und meine Probleme mit dem Gleichgewicht und der Sensomotorik schließlich ganz typisch für meine Störung seien und daher gut einzuordnen. Dies würde sicher sehr beruhigend auf mich wirken, sodass ich anfangen könnte, mich nicht ständig selbst für meine Tollpatschigkeit zu hassen, und kein Ergotherapeut würde es mehr wagen, mir eine geringe Frustrationstoleranz zu attestieren, wenn ich die Geduld verliere, sondern jeder hätte Verständnis, dass ich, die ich schon so viele Niederlagen eingesteckt habe und im Alltag für jeden Handgriff so extrem viel Konzentration benötige und dennoch so viel schiefgeht, dann auch manchmal einfach nicht mehr kann und wütend werde. Meine Erklärungen, warum ich bestimmte Dinge nicht so hinbekomme wie andere, würden nicht länger so interpretiert, als ob ich meine Behinderungen als faule Ausreden benutze. Ich hätte durch eine angemessene Aufklärung hinsichtlich meines Krankheitsbildes genügend argumentative Munition, dass ich vor allem den Trostfloskeln und Bagatellisierungen, die mir andere oft ziemlich ungnädig entgegenschleudern, endlich mit der diagnostischen Einschätzung im Rücken etwas sehr Überzeugendes entgegenzusetzen hätte. Alle anderen Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld und auch ich wären mit meinen Schwierigkeiten im Alltag versöhnt. Ich wäre nicht mehr das kleine, lebensuntüchtige, unerfahrene und ungeschickte Ding, was von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, nur weil ich keine Arbeit, keinen Partner, keine Kinder und keine eigene Familie aufgebaut habe. Wenn sich jemand mir gegenüber diskriminierend verhielte, würde man in erster Linie und als allererstes Empathie und Mitgefühl mit mir haben und mir nicht nur belehrende Vorträge darüber halten, warum andere Menschen so sind, weil sie ja schließlich unwissend, hilflos und unsicher seien, Zeitmangel, Geldmangel oder schlechte Bezahlung erdulden müssten, und man würde nicht automatisch nur mein Verständnis für die andere Seite, die einfach nur Gefangene des Systems ist, einfordern, sondern mindestens genauso viel Verständnis für die anwesende Person, nämlich mich, haben. Dies würde nicht bedeuten, dass mein Gegenüber dann anfängt, auf die anderen Personen zu schimpfen, sondern man bliebe einfach einmal bei mir und hätte Anteilnahme daran, wie es mir wohl mit bestimmten Situationen geht, und ich würde in meinen Gefühlen bestärkt und verstanden.

Man würde mir nicht ständig die Welt erklären wie einem unerfahrenen und trotzigen Kind, welchem man jetzt endlich auch einmal die andere Seite zeigen muss. Die Leute wüssten, wen sie da vor sich haben. Ich würde gesehen werden mit meinem Universitätsdiplom und den Kenntnissen und Erfahrungen, die ich – nicht zuletzt durch meine früheren Erlebnisse in Familie und Internat und durch die stattgehabten Erkrankungen, Behandlungen und Krankenhausaufenthalte, Dialyse und Transplantation – mitbringe, und auch meine vielen Reisen, die Auslandsaufenthalte, mein Studienjahr in England im Rahmen eines Stipendiums, mein Aufenthalt in Amerika und die vielen Umschulungsversuche und meine zahlreichen Begegnungen mit Ämtern und Behörden würden als Lebenserfahrung angerechnet. Wenn ich etwas aus meinem Fachgebiet erzählen würde, würde niemand heimlich aufs Handy schauen, weil ich das ja nicht merke, sondern sich einfach aufklären lassen wie bei anderen auch. Es gäbe dann auch Menschen, die einmal die Größe besitzen, sich für gemachte Fehler zu entschuldigen oder einmal zuzugeben, dass ich ihnen in einigen Dingen die Augen geöffnet habe, dass sie jetzt auch mal die Dinge so sehen, wie sie sie zuvor vielleicht noch nicht gesehen hatten, ohne dass gleich wieder beteuert würde, man habe das doch ganz anders gemeint oder man wolle das doch gar nicht gesagt haben. Vielmehr würden Menschen aus der Begegnung ihr Lehrstück ziehen und vielleicht auch einmal anfangen, umzudenken. Die jungen Assistentinnen würden mit mir auf Augenhöhe reden und nicht so, als sei ich wegen meiner nun endlich offiziell diagnostizierten Teilleistungsstörungen auf allen Gebieten beschränkt. Meine früheren Leistungen wie Abschlüsse etc. wären nicht verwirkt, nur weil ich durch meine zahlreichen Erkrankungen nun sehr viel an geistiger Leistungsfähigkeit eingebüßt habe, sondern man würde mich weiterhin respektieren als jemanden, die ein hohes Bildungsniveau erreicht hat. Die Putzfrau würde nicht zwei Stunden vor Termin erst auf Nachfrage absagen, dass sie gar nicht mehr kommt. Man würde eine zuverlässige Frau finden, und die wäre dann sogar halbwegs pünktlich. Wenn ich nach etwas suchen würde, würde sie es schnell finden, und wenn ich ganz harmlos und ohne Hintergedanken ausriefe: „Mensch, das Teil habe ich jetzt seit drei Tagen gesucht“, würde ich keine Vorlesung über Wahrnehmung und das Gehirn und alltägliche Phänomene erhalten, die schließlich bei Sehenden genauso wären wie bei mir, sondern sie würde entweder schweigen oder vielleicht sogar sagen: „Ja, wenn man es halt nicht so sieht, dafür sind wir ja da.“

Wenn ich auf die Straße ginge, würde niemand sagen: „Na, Wackerle, wohin gehst du denn?“ Und die Leute würden nicht wie angewurzelt stehen bleiben und mich um sich herumgehen lassen und mir danach auf die Schulter klopfen und rufen: „Prima gemacht!“ Wenn ich in einen Laden ginge, würde ich nicht wahlweise mit „junge Frau“ oder „junge Dame“ angeredet, sondern einfach entweder mit Namen oder mit „Bitteschön, Sie sind dran!“ Vor allem würde ich mit Sie angesprochen werden! Wenn ich mit Begleitung unterwegs wäre, würde man mich als Kundin ansprechen, oder ich hätte gar eine couragierte Begleitung dabei, die sagen würde, dass die Person ruhig mit mir reden kann. Wir würden nicht ständig von allen möglichen Leuten angestarrt, und die Begleitung würde mir auch keinen psychologischen Belehrungsvortrag darüber halten, dass dies nun mal in der Natur des Menschen läge, jemanden, der auffällt, anzustarren. Es würde nicht mehr auf meinen Körper und mein Anderssein geschoben, sondern auf die Ungezogenheit der Leute, wenn sie mich zur Seite schubsen oder aggressiv anmeckern, doch gefälligst aus dem Weg zu gehen, weil sie meinen Stock nämlich sehen. Und meine Begleitung würde mir bei Rempeleien oder Anschreien nicht erklären, dass schließlich nicht jeder Mensch mit einer Behinderten klarkäme und ihre Freunde sich darüber wunderten, dass sie bei solchen Leuten arbeitet, und ich daher eben verstehen müsste, dass Menschen so auf mich reagieren. Niemand mehr würde mir Verständnis für meine eigene Diskriminierung abverlangen. Vielmehr wäre ich es, die getröstet oder vielleicht sogar – ich wage es ohne Bekreuzigung gar nicht zu schreiben – in den Arm genommen würde, wenn mir solche Dinge angetan werden. Ich könnte in einem Geschäft mein Anliegen vortragen und würde nicht spürbar abschätzig von oben bis unten gemustert, und keiner wäre brüskiert, wenn so ein kleines Persönchen energisch kundtut, was es will, und keiner würde mit Unwillen oder ungehalten reagieren.

Ich würde auch nicht ständig gefragt, was ich noch sehe, und dann darauf hingewiesen, dass das doch noch ganz schön viel sei – schließlich könnten ja Blinde gar nichts mehr sehen. Auch würde ich keine Tests mehr machen müssen, bei denen Ärzte mich fragen, ob ich ihre schöne Frisur sehe, ich wegen des Autismus nicht merke, dass hier ein subtiler Sehtest stattfindet, und mir Mühe gebe, das Richtige zu sagen, und sich die Frisur, wie sie mir hinterher verraten, eigentlich als Glatze herausstellt. Und wenn ich solche Dinge anderen erzählte, würden die Leute sich ob dieser demütigenden Vorführung empören und nicht immer nur sagen: „Das hat der doch nicht böse gemeint!“ Bei einer Telefonhotline würde ich nicht dauernd 30 Minuten warten, sondern ich hätte mal mehr Glück und käme schneller dran. Ich dürfte auch ausreden und nochmal nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden hätte. Die Leute dort hätten mehr Geduld und würden berücksichtigen, dass ich besondere Herausforderungen habe. Keiner in meinem engsten Umfeld würde mir hinterher einen Belehrungsvortrag halten, dass diese Leute halt überarbeitet sind und ihren Frust dann halt am Schwächeren auslassen, und ich würde von meinen halb so alten Assistentinnen keine betriebswirtschaftliche Vorlesung für Weltfremde über die miesen Arbeitsbedingungen bei Post, Bahn und Telefonhotlines mehr erhalten, für die ich genauso wenig kann wie die Leute dort selbst. Vielleicht würde dann mein Zuhörer zur Abwechslung sogar mal an mich denken und zurückgeben, dass er sich das ganz schön anstrengend vorstellt, unter welcher Anspannung und Frustration für mich diese Interaktionen ablaufen. Wenn ich etwas zu meinem Autismus sagen würde, würde man mich fragen, wie sich das äußert. Danach käme aber dann nicht wie sonst die Aussage: „Das habe ich auch oft, dann wäre ich ja auch Autist“, und es würde mir auch nicht jeder erklären, dass er eigentlich auch leichten Autismus hätte, aber ganz ohne Hilfe klarkäme und im Gegensatz zu mir auch keine offizielle Diagnose bräuchte und sich einfach selbst diagnostiziert hätte – das würde doch reichen, er bräuchte keine offizielle Diagnose. Nach diesem Wunder hörte ich auf einmal wie alle anderen von dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung Betroffenen auch den Satz: „Danke, jetzt weiß ich Bescheid, jetzt kann ich einiges besser einordnen.“ Und würde ich mich irgendwo nicht durchsetzen können, hagelte es nicht haufenweise Ratschläge mit dem Tenor: „Das kenne ich auch, aber ich wehre mich dann eben! Ich störe mich da nicht dran! Mir ist egal, was dann die Leute sagen, ich setze mich da schon durch.“ Vielmehr würden sich die Menschen freuen, dass sie günstigere Voraussetzungen für die nonverbale Kommunikation und mehr Autorität haben als ich, und mir eventuell sogar anbieten, mir das nächste Mal bei der Durchsetzung meiner Interessen zu helfen. Sie würden sich nicht über mich stellen und signalisieren, wie viel weiter, unabhängiger, mutiger und stärker sie sind, sondern sie würden sich gedanklich mit mir auf dieselbe Stufe stellen und sich neben mich setzen und bescheiden denken: Wer weiß, wie ich wäre, wenn ich solche Herausforderungen hätte – dann könnte ich das alles ja auch nicht. Auch bei der täglichen Unbill, den vielen Kämpfen um banale Dinge, denen ich nachlaufen muss, den vielen Bestellungen, die komischerweise immer bei mir untergehen und bei denen ich dann abermals nachfragen muss, den zahlreichen Pleiten, Pech und Pannen, die ich durch meine schlechte Feinmotorik, Koordination und den Mangel beim Gleichgewicht erlebe, käme nicht gleich jeder mit der Moralkeule heraus und würde mit Sprüchen auf mich einprügeln wie: „Das Leben ist halt nun mal kein Ponyhof, es wäre doch langweilig, wenn immer alles klappen würde. Da darf man nicht gleich so in Panik verfallen, da muss man eben auch mal gelassen bleiben. Das ist eben im Leben nun mal so, sieh mal, mir geht es auch so, da muss man halt auch mal Ruhe bewahren, in der Ruhe liegt die Kraft. So ist das eben, im Leben kann halt auch mal etwas schiefgehen!“ Wenn mir gerade meine Assistenz abgesagt hat, sodass ich meine Vorhaben, bei denen ich auf sie angewiesen bin, wieder vollkommen neu organisieren muss, vor allem wenn schon alles drumherum so geplant ist und dann auch andere mit drinhängen, dann würde nach einem Wunder niemand mehr auf die Idee kommen, mich in meinem Alter und nach all dem, was ich schon durchhabe, so schulmeisterlich über die üblichen Widerfährnisse des Lebens zurechtzuweisen. Vielmehr würde man sagen, wie erstaunlich es doch bei all diesen täglichen Kämpfen und Herausforderungen ist, da noch halbwegs denken zu können und wieder flexibel alles umzustellen. Ich würde nie wieder den Spruch hören: „In der Ruhe liegt die Kraft!“ Von Anerkennung und Würdigung kann ich mir zwar nichts kaufen, aber die zusätzlichen Verletzungen durch diese blöden Sprüche bleiben dann wenigstens aus, die die Situation noch unerträglicher machen. Zusätzlich zu der alltäglichen Quälerei kommt nämlich dann auch noch die Scham hinzu, nicht so reif, gelassen und weise wie alle anderen zu sein. Bei den zahlreichen Barrieren, die ich am Computer mangels Verständnis und durch meine kognitiven Defizite und durch die Blindheit habe und weswegen ich oft stundenlang sitzen muss, um irgendeine Transaktion auszuführen, würde mich nicht jeder der Ungeduld zeihen oder mir vorwerfen, ich würde nur nicht genügend probieren, sondern die Leute würden sagen, dass sie wahnsinnig würden, wenn sie auf so viele Barrieren im Internet, bei Apps oder anderen Computerprogrammen stoßen würden und dann ständig ohne fremde Hilfe nicht zurechtkämen. Ich würde gesehen, die magische Ausblendung wäre weg, es gäbe Würdigung und Anerkennung. Ich wäre nicht länger das kleine Dummchen, die sich die anderen doch mal zum Vorbild nehmen sollte, die doch schließlich die gleichen Probleme haben und trotzdem nicht so sind wie ich, und ich würde nicht mehr von Leuten auf diese Weise zurechtgewiesen, die im Übrigen meistens viel jünger sind als ich und mit mir reden, als sei ich ihr Kind oder als seien sie meine Erzieher wie damals im Blindi-Heim. Ich wäre eine erwachsene Person, die schon einiges durchhat und im Leben einiges zu stemmen hat, und nicht länger der Schwächling, die Übernervöse, Hysterische und frustrationstolerante Person, die sofort losplärrt, wenn es mal nicht so läuft, wie sie es gewohnt ist. Ich wäre nicht mehr das weltfremde, verwöhnte und lebensuntüchtige Ding, sondern jemand, die viele bislang noch nicht anerkannte Herausforderungen vom Aufstehen an zu bewältigen hat: den Kampf mit den Knöpfen, Reißverschlüssen, Verpackungen, Geräten, Hindernissen und der Elektronik, die Quälerei mit der alltäglichen Kommunikation, das Durchsetzen von Dienstleistungen und das Management von zwölf Medikamenten oder die Durchsetzung von Krankenhausaufenthalten, Untersuchungen und den Kampf, von Ärzten ernst genommen zu werden. Es gäbe auch niemanden mehr in meinem engsten Umfeld, der, wenn ich mal laut würde und schimpfte, mich gleich zur Geduld mahnt und dann noch seine eigene Gelassenheit preist, sondern Empathie wäre angesagt, von Schweigen bis hin zu: „Ja, ganz schön schwer, gar nicht so leicht, da kann man schon mal aus der Haut fahren!“ Und all das würde nicht mehr als Bemitleiden oder Bedauern betrachtet, was mir ja schließlich auch nichts helfe und mich nicht weiterbrächte, sondern als ganz normale Anteilnahme, Mitmenschlichkeit, für die man nicht erst Psychologie studiert haben muss, wie mir häufig erklärt wird, wenn ich etwas mehr Einfühlungsvermögen und weniger herablassende Belehrungen und Überheblichkeit einfordere. Es gäbe Menschen, die einfach Herzensbildung besitzen und anerkennen, dass eben nicht „jeder sein Päckchen“ zu tragen hätte, sondern – wie man es bei anderen behinderten und kranken Menschen auch tut – durch das „Wunder“ auch bei mir eingesehen würde, dass eben nicht alle Päckchen gleich groß sind, und man würde mir zubilligen, dass es sehr wohl Unterschiede gibt, die sich dann eben im Alltag auch dementsprechend auswirken, und dass mein Verhalten oder meine geringeren Errungenschaften und meine manchmal kürzere Zündschnur eben nichts mit Ungeduld, Unreife, Schwäche oder einem schlechteren Charakter zu tun haben. Niemand hat Grund dazu, mit einer Krankheit anzugeben oder stolz darauf zu sein, und keiner brüstet sich damit: „Schau mal, was ich alles habe!“ Aber ich würde dann auch nicht mehr von oben herab eingeschätzt und dementsprechend ungnädig behandelt, sondern gesehen, anerkannt und ernst genommen als Erwachsene und nicht als unerfahrenes Kind, das halt all das noch lernen und erfahren muss, was andere längst schon wissen. Mir bräuchte dann wahrlich niemand mehr zu erklären, dass das Leben kein Ponyhof ist und nicht immer alles klappen kann. Das brächte dann keiner mehr über die Lippen, und diese Sätze würden den Menschen im Halse steckenbleiben. Eine Behinderung ist kein Freibrief für schlechtes Benehmen, aber dann wiederum benehme ich mich ja auch nicht schlecht, sondern nur anders. Ich reiße mich nicht darum, etwas Besonderes zu sein, ich wäre lieber ganz normal, was ich jeden Tag hundertmal merke, wenn ich wieder an eine Barriere gestoßen bin. Aber wenn es so ist, dann möchte ich das auch nicht bescheiden verschweigen müssen, sondern danach leben dürfen und so behindert sein, wie ich eben bin. Wenn ein Wunder geschähe, gäbe es auch mal Menschen, die sagen: Ich bin nicht blind, ich habe keinen Autismus, keine ADHS, keine Probleme mit Feinmotorik, Gleichgewicht und Koordination, ich habe keine Wahrnehmungsstörungen und bin auch nicht nierentransplantiert, ich kann da nicht mitreden und das nicht beurteilen, da rede ich mich vielleicht sonst leicht. Und ich würde dementsprechend gerecht beurteilt werden. Wenn ohne dieses Wunder meine speziellen Herausforderungen keiner sieht, muss ich eben auch öfter daran erinnern. Ich sage niemals, dass andere Menschen keine Probleme haben, aber wer ein Problem damit hat, dass ich für mich in Anspruch nehme, überdurchschnittlich viele Herausforderungen zu haben, kann ja gerne mal mit mir tauschen. Aber nun geschieht eben dieses Wunder nicht, und ich bin nun mal verhext, und daher werden diese Interaktionen, die – so weltfremd bin ich nicht – anderen Behinderten größtenteils vergönnt sind, in meinem Leben niemals stattfinden. Und ohne dieses Wunder werden wahrscheinlich stattdessen all die anderen von mir zitierten Sprüche, Sätze, gut gemeinten Ratschläge, Ermahnungen, Belehrungen und Vergleiche ewig so weitergehen. Ein moderner Therapeut würde mir dann wahrscheinlich genau dies erklären, und dann käme wahrscheinlich wieder der Satz: „Sie können die anderen nicht ändern, Sie können nur sich selbst ändern.“ Das würde mir ohne eine Familienpackung Valium wahrscheinlich eher nicht gelingen, denn so viel Gelassenheit, die dafür nötig wäre, wäre nur auf synthetischem Wege herzustellen. Und meinen Körper und meine Behinderungen kann ich ebenfalls nicht verändern.