Berlin
Diesen Text hat Dorothee Feuerstein geschrieben.
Was ist passiert?
Dorothee wurde mit dem Taxi nach Hause gefahren.
Der Fahrer hat sie an der falschen Tür abgesetzt.
Das war im Haus gegenüber.
Dorothee wusste nicht, wo sie war.
Sie konnte sich nicht orientieren.
Orientieren bedeutet: Herausfinden, wo man ist.
Dorothee rief: Hallo? Kann mir jemand helfen?
Ein Mann hilft
Ein Mann kam.
Er brachte Dorothee über die Straße.
Er sagte: Das ist sicher schwierig.
Man sieht nicht, wo man ist.
Man kann sich nicht orientieren.
Dorothee war überrascht über diese Worte.
Was Dorothee sonst oft hört
Meist sagen die Menschen etwas anderes.
Sie sagen: Das kenne ich auch.
Das geht mir auch oft so.
In der Ruhe liegt die Kraft.
Dorothee fragt sich dann: Warum können die anderen Auto fahren?
Warum gehen sie ohne Stock?
Ein Beispiel mit dem Hunde-Haufen
Eine Assistenz warnte Dorothee einmal.
Assistenz bedeutet: Eine Person hilft.
Die Assistenz hilft bei Sachen im Alltag.
Sie sagte: Vor deiner Tür ist ein Hunde-Haufen.
Tritt nicht rein.
Du siehst ihn ja nicht.
Dorothee fand das gut.
Aber dann sagte die Frau: Das kann Sehenden auch passieren.
Das Beispiel mit den Türen
Eine andere Frau fragte Dorothee nach Markierungen an Türen.
Dorothee erklärte: Ich mache meine Türen ganz auf.
Oder ich mache sie ganz zu.
So stoße ich nicht gegen halb offene Türen.
Die Frau sagte: Das passiert Sehenden auch.
Dorothee dachte: Warum fragt sie mich dann?
Im Taxi
Dorothee saß einmal im Taxi.
Der Fahrer fragte: Können Sie noch etwas sehen?
Er sagte: Ich verstehe Sie.
Im Dunkeln brauche ich auch eine Lese-Brille.
Dorothee wollte sagen: Dann lassen Sie mich fahren.
Aber sie traute sich nicht.
Bei einer Ausstellung
Bei einer Ausstellung gab es sehr lauten Fabrik-Lärm.
Die Besucher sollten erleben: So war es früher.
Dorothee hat Autismus.
Autismus bedeutet: Eine Besonderheit im Gehirn.
Menschen mit Autismus nehmen die Welt anders wahr.
Sie hat eine Reiz-Filter-Schwäche.
Reiz-Filter-Schwäche bedeutet: Das Gehirn kann Dinge nicht gut ausblenden.
Alles kommt gleichzeitig an.
Sie konnte die Führerin nicht mehr verstehen.
Dorothee bittet um Hilfe
Dorothee bat: Stellen Sie den Lärm kurz ab.
Wir sind nur 4 Besucher.
Die Führerin sagte: Es ist für uns alle anstrengend.
Der Lärm blieb an.
Dorothee bekam keine Hilfe.
Was Menschen oft sagen
Menschen sagen oft zu Dorothee: Das geht jedem so.
Auch Sehende suchen oft etwas.
Das liegt vor ihrer Nase.
Sie finden es nicht.
Das ist normal.
Das Gehirn blendet Dinge aus.
Bei anderen Menschen mit Behinderung
Dorothee hat beobachtet: Bei anderen Menschen ist es anders.
Die Menschen sind überrascht.
Sie hören zu.
Sie sagen nicht: Das geht mir auch so.
Sie nehmen die Probleme ernst.
Sie reden auf Augen-Höhe.
Auf Augen-Höhe bedeutet: Gleichberechtigt.
Niemand steht über dem anderen.
Dorothee glaubt: Sie ist verhext
Dorothee denkt: Vielleicht bin ich verhext.
Es gibt eine magische Ausblendung.
Nur bei mir.
Bei anderen Menschen mit Behinderung nicht.
Ein Therapeut würde fragen: Was wäre anders nach einem Wunder?
Ein Therapeut ist jemand, der bei seelischen Problemen hilft.
Er führt Gespräche und gibt Rat.
Woran würden Sie merken: Der Zauber ist weg?
Wie es nach dem Wunder wäre
Nach dem Wunder wäre vieles anders.
Das Geflimmer vor Dorothees Augen wäre weg.
Die Farb-Erscheinungen wären weg.
Erscheinungen bedeutet: Dinge, die man sieht.
Besondere Dinge.
Es gäbe eine medizinische Erklärung.
Die Ärzte hätten das richtige Mineral gegeben.
Oder das richtige Vitamin.
Anerkennung für Dorothee
Die Ärzte würden den Kopf schütteln.
Sie würden sagen: Wie kann man das so lange aushalten?
Man wird ja verrückt davon.
Das wäre eine Genugtuung für Dorothee.
Genugtuung bedeutet: Es tut gut.
Man fühlt sich verstanden.
Weitere Beschwerden würden erklärt
Dorothee muss beim Essen sehr streng sein.
Streng bedeutet: Sich an Regeln halten.
Sie nimmt trotzdem zu.
Auch Bewegung hilft nicht.
Das würde nach dem Wunder erklärt werden.
Man würde sagen: Das gehört zu ihrem Krankheits-Bild.
Krankheits-Bild bedeutet: Mehrere Beschwerden gehören zusammen.
Die Ansteckungen
Dorothee wird oft krank.
Sie bekommt viele Ansteckungen.
Ansteckung bedeutet: Krankheits-Erreger kommen in den Körper.
Zum Beispiel Bakterien oder Viren.
Sie hat wandernde Gelenk-Schmerzen.
Wandernde Schmerzen bedeutet: Die Schmerzen sind mal hier, mal da.
Das würde als dauerhaftes Müdigkeits-Problem erkannt werden.
Dauerhaft bedeutet: Die Krankheit geht nicht weg.
Was Dorothee früher erlebt hat
Dorothee war im Internat.
Ein Internat ist eine Schule mit Wohn-Heim.
Die Schüler wohnen dort die ganze Woche.
Am Wochen-Ende fahren sie nach Hause.
Dort wurde sie gequält.
In der Schule auch.
Sie hatte keine Schul-Begleitung.
Schul-Begleitung bedeutet: Eine Person hilft einem Kind in der Schule.
Das Kind hat eine Behinderung.
Sie musste das jahrelang durchhalten.
Das würde als seelischer Missbrauch anerkannt werden.
Seelischer Missbrauch bedeutet: Jemand wird seelisch verletzt.
Durch böse Worte oder Verhalten.
Ihre Reaktionen wären normal
Dorothees Reaktionen würden nicht mehr als zu empfindlich gesehen.
Zu empfindlich bedeutet: Zu schnell verletzt.
Sie wären normal.
Sie wären verständlich.
Sie wären Reaktionen auf Übergriffe.
Übergriff bedeutet: Jemand tut einem etwas Böses.
Man kann sich nicht wehren.
Aufklärung für Dorothee
Dorothee würde eine richtige Aufklärung bekommen.
Aufklärung bedeutet: Man lernt über seine Krankheit.
Man versteht seine Probleme besser.
Man würde ihr erklären: So reagieren Menschen auf Übergriffe.
Das ist normal.
Das haben viele Menschen.
Es liegt nicht an dir.
Es wäre nicht ihre Schuld
Dorothee müsste sich nicht mehr für verrückt halten.
Sie wäre nicht schuld am Mobbing.
Mobbing bedeutet: Jemand wird absichtlich oft geärgert.
Über längere Zeit.
Von einer oder mehreren Personen.
Die Verantwortung läge bei den Tätern.
Nicht bei Dorothee.
Ihre Gefühle wären richtig.
Die Hindernisse
Man würde die vielen Hindernisse anerkennen.
Hindernis bedeutet: Etwas, das man nicht überwinden kann.
Zum Beispiel Stufen für Rollstuhl-Fahrer.
Dorothee hat viele Einschränkungen.
Sie hat im Alltag viele Überforderungen.
Überforderung bedeutet: Zu viel Stress.
Zu viele Anforderungen.
Das würde endlich anerkannt werden.
Die richtige Assistenz
Man würde die passende Assistenz finden.
Die Assistenz hätte die richtige Ausbildung.
Sie könnte Dorothees Interessen vertreten.
Sie hätte Verständnis für Dorothees Verhalten.
Sie könnte richtig eingreifen.
Wenn Dorothee überfordert ist.
Beim Bewegungs-Therapeuten
Ein Bewegungs-Therapeut würde Dorothee helfen.
Ein Bewegungs-Therapeut hilft Menschen im Alltag.
Er übt mit ihnen wichtige Hand-Griffe.
Das macht das Leben leichter.
Er würde sagen: Ihre Ungeschicklichkeit ist typisch.
Sie gehört zu Ihrer Störung.
Das ist gut einzuordnen.
Das würde Dorothee beruhigen.
Dorothee müsste sich nicht mehr hassen
Dorothee würde sich nicht mehr für ihre Ungeschicklichkeit hassen.
Ungeschicklichkeit bedeutet: Man lässt Dinge fallen.
Man stößt sich oft.
Niemand würde sagen: Sie können Enttäuschungen nicht aushalten.
Enttäuschungen aushalten bedeutet: Wenn etwas nicht klappt.
Alle hätten Verständnis.
Dorothee hat schon viele Niederlagen erlebt.
Jeder Handgriff ist schwer
Dorothee braucht für jeden Handgriff viel Konzentration.
Trotzdem geht viel schief.
Manchmal kann sie nicht mehr.
Dann wird sie wütend.
Das wäre verständlich.
Niemand würde sagen: Sie benutzt ihre Behinderung als Ausrede.
Gute Gründe haben
Dorothee hätte durch die Aufklärung gute Gründe.
Gute Gründe bedeutet: Besser erklären können.
Warum etwas so ist.
Sie könnte den Trost-Sprüchen etwas entgegensetzen.
Trost-Spruch bedeutet: Ein Satz, der trösten soll.
Aber nicht wirklich hilft.
Zum Beispiel: In der Ruhe liegt die Kraft.
Alle wären versöhnt
Alle Menschen in Dorothees Umfeld wären versöhnt.
Versöhnt bedeutet: Man hat Frieden gemacht.
Man ist nicht mehr böse.
Auch Dorothee wäre versöhnt mit ihren Schwierigkeiten.
Sie wäre nicht mehr das kleine Ding.
Das im Leben nicht zurechtkommt.
Im Leben nicht zurechtkommen bedeutet: Alltägliche Dinge nicht alleine schaffen können.
Respekt für Dorothee
Man würde Dorothee nicht so behandeln.
Als hätte sie keine Ahnung.
Nur weil sie keine Arbeit hat.
Nur weil sie keinen Partner hat.
Nur weil sie keine Kinder hat.
Nur weil sie keine eigene Familie hat.
Bei schlechter Behandlung
Wenn sich jemand schlecht verhält, wäre es anders.
Schlecht verhalten bedeutet: Jemand wird schlechter behandelt.
Wegen seiner Behinderung.
Man hätte Mitgefühl mit Dorothee.
Mitgefühl bedeutet: Man versteht, wie es dem anderen geht.
Man kann sich in ihn hineinversetzen.
Keine Belehrungen mehr
Man würde Dorothee nicht belehren.
Man würde nicht sagen: Die anderen Menschen sind unsicher.
Sie haben zu wenig Zeit.
Sie haben zu wenig Geld.
Sie werden schlecht bezahlt.
Sie sind Gefangene des Systems.
Verständnis für Dorothee
Man würde nicht nur Verständnis für die andere Seite einfordern.
Man hätte auch Verständnis für Dorothee.
Man würde bei ihr bleiben.
Man würde Interesse zeigen.
Interesse zeigen bedeutet: Man will wissen, wie es dem anderen geht.
Man kümmert sich.
Keine Welt-Erklärungen mehr
Man würde Dorothee nicht ständig die Welt erklären.
Nicht wie einem unerfahrenen Kind.
Nicht wie einem trotzigen Kind.
Man würde nicht immer die andere Seite zeigen müssen.
Die Leute wüssten, wen sie vor sich haben.
Dorothees Bildung
Man würde Dorothee mit ihrem Studien-Abschluss sehen.
Studien-Abschluss bedeutet: Man bekommt ihn nach dem Studium.
Das Studium dauert mehrere Jahre.
Der Abschluss zeigt: Man hat viel gelernt.
Mit ihren Kenntnissen.
Mit ihren Erfahrungen.
Sie war im Internat.
Sie hatte Erkrankungen.
Sie hatte Behandlungen.
Dorothees Erlebnisse
Dorothee war im Kranken-Haus.
Sie hatte eine Blut-Wäsche.
Blut-Wäsche bedeutet: Die Nieren funktionieren nicht mehr.
Eine Maschine reinigt das Blut.
Sie hat eine neue Niere bekommen.
Von einem anderen Menschen.
Ihre Reisen
Dorothee hat viele Reisen gemacht.
Sie war im Ausland.
Sie war 1 Jahr in England.
Sie hatte Geld vom Amt für die Ausbildung.
Geld vom Amt bedeutet: Geld für Menschen in der Ausbildung.
Sie war in Amerika.
Ihre Erfahrung mit Ämtern
Dorothee hat mehrmals einen neuen Beruf gelernt.
Einen neuen Beruf lernen bedeutet: Man versucht das mehrmals.
Manchmal klappt es nicht beim ersten Mal.
Sie hatte viele Begegnungen mit Ämtern.
Und mit Behörden.
Das würde als Lebens-Erfahrung angerechnet.
Niemand würde heimlich aufs Handy schauen.
Wenn sie etwas aus ihrem Fach-Gebiet erzählt.
Entschuldigungen
Es gäbe Menschen, die sich entschuldigen.
Für gemachte Fehler.
Sie würden zugeben: Du hast mir die Augen geöffnet.
Ich sehe die Dinge jetzt anders.
Sie würden nicht sagen: Ich habe das anders gemeint.
Sie würden umdenken.
Die jungen Helferinnen
Die jungen Helferinnen würden anders mit Dorothee reden.
Sie würden auf Augen-Höhe reden.
Nicht so, als sei Dorothee überall eingeschränkt.
Eingeschränkt bedeutet: Kann nicht viel.
Hat wenig Fähigkeiten.
Man würde Dorothees frühere Leistungen anerkennen.
Respekt für Abschlüsse
Dorothees Abschlüsse würden noch gelten.
Noch gelten bedeutet: Hat noch Gültigkeit.
Zählt noch.
Dorothee hat durch Erkrankungen an geistiger Kraft verloren.
Aber man würde sie trotzdem respektieren.
Sie hat viel gelernt.
Viel gelernt bedeutet: Wie viel Bildung jemand hat.
Das würde man anerkennen.
Die Putz-Frau
Die Putz-Frau würde nicht 2 Stunden vor Termin absagen.
Man würde eine zuverlässige Frau finden.
Sie wäre pünktlich.
Wenn Dorothee nach etwas sucht, würde sie es schnell finden.
Wenn Dorothee sagt: Ich suche das seit 3 Tagen.
Dann würde sie keine lange Belehrung bekommen.
Lange Belehrung bedeutet: Jemand redet lange über etwas.
Keine Belehrungen über Sinne
Die Putz-Frau würde nicht über Sinne reden.
Sinne bedeutet: Wie man die Welt sieht, hört und fühlt.
Sie würde nicht sagen: Das geht Sehenden genauso.
Sie würde schweigen.
Oder sie würde sagen: Wenn man es nicht sieht, ist es schwer.
Dafür sind wir ja da.
Auf der Straße
Wenn Dorothee auf die Straße geht, würde niemand sagen: Na, Tapfere?
Tapfere bedeutet: Eine Art Kose-Name.
Oft abwertend gemeint.
Die Leute würden nicht stehen bleiben.
Sie würden Dorothee nicht um sich herum gehen lassen.
Sie würden ihr nicht auf die Schulter klopfen.
Kein Lob für Selbstverständliches
Sie würden nicht rufen: Prima gemacht!
Wenn Dorothee in einen Laden geht, würde man sie normal ansprechen.
Nicht mit: Junge Frau.
Nicht mit: Junge Dame.
Sondern mit: Sie sind dran.
Man würde sie mit Sie ansprechen.
Mit Begleitung
Wenn Dorothee mit Begleitung unterwegs ist, würde man sie ansprechen.
Nicht die Begleitung.
Oder die Begleitung würde sagen: Reden Sie mit ihr.
Die Leute würden nicht starren.
Die Begleitung würde keine Belehrung halten.
Sie würde nicht sagen: Menschen starren nun mal.
Keine Rechtfertigung für Schubsen
Wenn Leute Dorothee zur Seite schubsen, läge es nicht an ihr.
Es läge an der Unhöflichkeit der Leute.
Unhöflichkeit bedeutet: Schlechtes Benehmen.
Die Begleitung würde nicht sagen: Nicht jeder kommt mit Behinderten klar.
Meine Freunde wundern sich, dass ich hier arbeite.
Du musst das verstehen.
So etwas würde die Begleitung nicht mehr sagen.
Kein Verständnis für schlechte Behandlung
Niemand würde mehr Verständnis für Dorothees schlechte Behandlung einfordern.
Einfordern bedeutet: Von jemandem erwarten.
Stattdessen würde man Dorothee trösten.
Man würde sie vielleicht in den Arm nehmen.
Wenn ihr solche Dinge angetan werden.
Im Geschäft könnte Dorothee ihren Wunsch sagen.
Wunsch bedeutet: Etwas, das man möchte oder braucht.
Man würde sie nicht abwertend von oben bis unten ansehen.
Abwertend ansehen bedeutet: Jemanden von oben bis unten ansehen.
Und dabei zeigen: Der ist weniger wert.
Respektvolle Behandlung
Niemand wäre verletzt.
Verletzt bedeutet: Vor den Kopf gestoßen.
Beleidigt.
Wenn Dorothee energisch sagt, was sie will.
Niemand würde genervt reagieren.
Genervt bedeutet: Nicht bereit zu helfen.
Keine Lust haben.
Niemand würde verärgert reagieren.
Verärgert bedeutet: Böse.
Keine Seh-Tests mehr
Dorothee würde nicht mehr gefragt: Was sehen Sie noch?
Man würde nicht sagen: Das ist doch noch ganz schön viel.
Blinde sehen ja gar nichts mehr.
Sie müsste keine Tests mehr machen.
Ärzte würden nicht fragen: Sehen Sie meine schöne Frisur?
Und dann stellt sich heraus: Es ist eine Glatze.
Aufregung statt Verharmlosung
Wenn Dorothee solche Dinge erzählt, würden Leute sich aufregen.
Sich aufregen bedeutet: Wütend werden über etwas Ungerechtes.
Sie würden nicht sagen: Das hat der nicht böse gemeint.
Bei einer Telefon-Nummer für Fragen würde Dorothee nicht 30 Minuten warten.
Telefon-Nummer für Fragen bedeutet: Man kann dort anrufen.
Oft muss man lange warten.
Sie hätte mehr Glück.
Sie käme schneller dran.
Sie dürfte ausreden.
Mehr Geduld
Sie dürfte nochmal nachfragen.
Wenn sie etwas nicht verstanden hat.
Die Leute hätten mehr Geduld.
Sie würden bedenken: Dorothee hat besondere Schwierigkeiten.
Bedenken bedeutet: Daran denken.
In Betracht ziehen.
Niemand würde ihr hinterher einen Belehrungs-Vortrag halten.
Über überarbeitete Leute.
Keine Vorlesung über Wirtschaft
Die Helferinnen würden keine Vorlesung über Wirtschaft halten.
Vorlesung über Wirtschaft bedeutet: Über Geld in Firmen.
Über Kosten und Gewinn.
Über miese Arbeits-Bedingungen bei Post und Bahn.
Stattdessen würde der Zuhörer an Dorothee denken.
Er würde sagen: Das ist sicher anstrengend für dich.
Das ist enttäuschend für dich.
Enttäuschend bedeutet: Es macht einen wütend oder traurig.
Beim Thema Autismus
Wenn Dorothee über ihren Autismus spricht, würde man fragen: Wie zeigt sich das?
Wie zeigt sich das bedeutet: Wie merkt man das?
Niemand würde dann sagen: Das habe ich auch oft.
Dann wäre ich ja auch Autist.
Niemand würde sagen: Ich habe auch leichten Autismus.
Ich komme aber ohne Hilfe klar.
Ich brauche keine ärztliche Feststellung.
Ärztliche Feststellung bedeutet: Ein Arzt sagt, was man hat.
Der richtige Satz
Nach dem Wunder würde man sagen: Danke.
Jetzt weiß ich Bescheid.
Jetzt kann ich einiges besser verstehen.
Besser verstehen bedeutet: An die richtige Stelle setzen.
Besser begreifen.
Wenn Dorothee sich nicht durchsetzen kann, kämen keine Ratschläge mehr.
Niemand würde sagen: Das kenne ich auch.
Aber ich wehre mich dann eben.
Hilfe statt Hochmut
Die Menschen würden sich freuen über ihre eigenen Fähigkeiten.
Sie würden Dorothee anbieten: Ich helfe dir.
Beim nächsten Mal setze ich deine Interessen durch.
Sie würden sich nicht über Dorothee stellen.
Sie würden sich neben sie setzen.
Sie würden denken: Wer weiß, wie ich wäre.
Demut
Sie würden demütig denken: Wenn ich solche Schwierigkeiten hätte.
Demütig bedeutet: Nicht hochmütig.
Nicht zu stolz auf sich.
Dann könnte ich das alles auch nicht.
Bei dem täglichen Unrecht käme nicht die Belehrung von oben.
Unrecht bedeutet: Etwas Unangenehmes.
Etwas, das nicht fair ist.
Belehrung von oben bedeutet: Jemand wird mit Sprüchen belehrt.
Über richtiges Verhalten.
Keine Sprüche mehr
Niemand würde sagen: Das Leben ist kein Pony-Hof.
Es wäre langweilig, wenn immer alles klappt.
Man muss nicht gleich in Panik verfallen.
Man muss gelassen bleiben.
So ist das Leben eben.
In der Ruhe liegt die Kraft.
Wenn die Assistenz absagt
Wenn Dorothees Assistenz absagt, müsste niemand sie belehren.
Über die üblichen Dinge, die einem passieren.
Dinge, die einem passieren bedeutet: Ereignisse, die man nicht ändern kann.
Stattdessen würde man sagen: Das ist erstaunlich.
Du hast so viele Kämpfe jeden Tag.
Du kannst trotzdem noch denken.
Beweglichkeit würdigen
Man würde sagen: Du stellst alles beweglich um.
Beweglich bedeutet: Man kann sich schnell auf Neues einstellen.
Das ist eine Leistung.
Dorothee würde nie wieder hören: In der Ruhe liegt die Kraft.
Sie könnte sich von Anerkennung nichts kaufen.
Aber die Verletzungen durch blöde Sprüche blieben aus.
Die Sprüche machen die Situation noch schlimmer.
Die Scham
Zur alltäglichen Quälerei kommt noch Scham hinzu.
Scham bedeutet: Man schämt sich.
Man fühlt sich schlecht über sich selbst.
Dorothee schämt sich, nicht so reif zu sein.
Nicht so gelassen wie alle anderen.
Nicht so weise.
Das wäre nach dem Wunder anders.
Am Computer
Dorothee hat viele Hindernisse am Computer.
Wegen ihrer Denk-Schwierigkeiten.
Denk-Schwierigkeiten bedeutet: Das Verstehen und Lernen fällt schwer.
Schwächen bedeutet: Dinge, die nicht so gut funktionieren.
Wegen ihrer Blindheit.
Sie muss oft stundenlang sitzen.
Um einen Vorgang auszuführen.
Vorgang bedeutet: Zum Beispiel eine Überweisung oder ein Kauf.
Keine Vorwürfe mehr
Niemand würde ihr Ungeduld vorwerfen.
Ungeduld vorwerfen bedeutet: Jemandem etwas vorwerfen.
Beschuldigen.
Niemand würde sagen: Du probierst nicht genug.
Die Leute würden sagen: Ich würde wahnsinnig werden.
Bei so vielen Hindernissen im Internet.
Bei Handy-Programmen.
Handy-Programme bedeutet: Programme auf dem Handy oder Computer.
Zum Beispiel für Nachrichten oder Banking.
Gesehen werden
Dorothee würde gesehen werden.
Die magische Ausblendung wäre weg.
Es gäbe Anerkennung.
Anerkennung bedeutet: Wert-Schätzung.
Jemand wird für seine Leistung gelobt.
Dorothee wäre nicht länger das kleine Dummchen.
Keine Vergleiche mehr
Niemand würde sagen: Nimm dir die anderen zum Vorbild.
Die haben die gleichen Probleme.
Die sind trotzdem nicht so wie du.
Das sagen meist Leute, die viel jünger sind als Dorothee.
Sie reden mit ihr wie mit einem Kind.
Oder wie Erzieher im Heim für Blinde.
Heim für Blinde bedeutet: Ein Heim für blinde Menschen.
Eine erwachsene Person
Dorothee wäre eine erwachsene Person.
Die schon einiges durchhat.
Die im Leben einiges zu schaffen hat.
Schaffen bedeutet: Bewältigen.
Etwas Schwieriges tun.
Sie wäre nicht der Schwächling.
Nicht die Übernervöse.
Nicht die zu Aufgeregte.
Zu aufgeregt bedeutet: Übertrieben aufgeregt.
Zu emotional.
Keine falschen Zuschreibungen
Sie wäre nicht die Person mit wenig Geduld.
Die sofort laut schimpft.
Laut schimpfen bedeutet: Laut schimpfen oder weinen.
Sich laut beschweren.
Wenn es mal nicht so läuft.
Sie wäre nicht weltfremd.
Weltfremd bedeutet: Die Realität nicht kennen.
Nicht wissen, wie die Welt funktioniert.
Nicht verwöhnt.
Nicht im Leben hilflos.
Viele Schwierigkeiten
Dorothee hätte viele anerkannte Schwierigkeiten.
Vom Aufstehen an.
Den Kampf mit Knöpfen.
Mit Reiß-Verschlüssen.
Mit Verpackungen.
Mit Geräten.
Weitere Kämpfe
Mit Hindernissen.
Mit der Elektronik.
Die Quälerei mit der alltäglichen Kommunikation.
Das Durchsetzen von Dienst-Leistungen.
Das Verwalten von 12 Medikamenten.
Verwalten bedeutet: Organisation.
Alles im Überblick behalten.
Der Kampf mit Ärzten.
Mitgefühl statt Belehrung
Es gäbe niemanden mehr, der Dorothee zur Geduld ermahnt.
Ermahnen bedeutet: Jemandem sagen, er soll sich anders verhalten.
Wenn sie laut wird und schimpft.
Der seine eigene Gelassenheit lobt.
Loben bedeutet: Stolz erzählen von etwas.
Stattdessen wäre Mitgefühl angesagt.
Man würde schweigen.
Oder sagen: Ja, ganz schön schwer.
Normale Teilnahme
Man würde sagen: Gar nicht so leicht.
Da kann man schon mal wütend werden.
Wütend werden bedeutet: Die Beherrschung verlieren.
Das würde nicht als Mitleid betrachtet.
Mitleid bedeutet: Jemanden bedauern.
Oft von oben herab.
Sondern als normale Teilnahme.
Freundlichkeit
Als Freundlichkeit.
Freundlichkeit bedeutet: Freundlich zu anderen sein.
Sich um andere kümmern.
Hilfsbereit sein.
Dafür muss man nicht Psychologie studiert haben.
Das wird Dorothee oft erklärt.
Wenn sie mehr Einfühlungs-Vermögen einfordert.
Wenn sie weniger Belehrungen von oben einfordert.
Belehrungen von oben bedeutet: Von oben herab.
Als ob man besser wäre.
Wenn sie weniger Hochmut einfordert.
Hochmut bedeutet: Sich für besser halten.
Arrogant sein.
Gute Werte
Es gäbe Menschen mit guten Werten.
Gute Werte bedeutet: Freundlich sein.
Andere Menschen achten.
Sie würden anerkennen: Nicht jeder hat die gleichen Probleme.
Die gleichen Probleme bedeutet: Jeder hat Schwierigkeiten im Leben.
Man sagt oft: Jeder hat sein Päckchen zu tragen.
Nicht alle Probleme sind gleich
Das bedeutet: Jeder hat Probleme.
Aber nicht alle Probleme sind gleich groß.
Bei anderen behinderten Menschen wird das anerkannt.
Bei Dorothee würde man das nach dem Wunder auch anerkennen.
Man würde ihr zugestehen: Es gibt Unterschiede.
Zugestehen bedeutet: Anerkennen.
Jemandem etwas zugestehen.
Die wirken sich im Alltag aus.
Ihr Verhalten hat Gründe
Dorothees Verhalten hätte nichts mit Ungeduld zu tun.
Nichts mit Unreife.
Unreife bedeutet: Nicht erwachsen genug sein.
Sich kindisch verhalten.
Nichts mit Schwäche.
Nichts mit einem schlechteren Charakter.
Ihre geringeren Erfolge hätten damit nichts zu tun.
Erfolge bedeutet: Dinge, die man erreicht hat.
Ihre manchmal kürzere Geduld hätte damit nichts zu tun.
Kürzere Geduld bedeutet: Man wird schnell wütend.
Keine Angeberei
Niemand gibt mit einer Krankheit an.
Niemand ist stolz darauf.
Niemand prahlt damit.
Prahlen bedeutet: Angeben.
Stolz zeigen, was man hat.
Niemand sagt: Schau mal, was ich alles habe.
Nicht mehr von oben herab
Dorothee würde nicht mehr von oben herab eingeschätzt.
Sie würde nicht mehr hart behandelt.
Hart behandeln bedeutet: Ohne Gnade.
Streng.
Nicht freundlich.
Sie würde gesehen werden.
Als Erwachsene anerkannt
Sie würde anerkannt werden.
Sie würde ernst genommen werden.
Als Erwachsene.
Nicht als unerfahrenes Kind.
Das noch alles lernen muss.
Was andere längst wissen.
Die Sprüche würden aufhören
Niemand würde ihr mehr erklären: Das Leben ist kein Pony-Hof.
Es kann nicht immer alles klappen.
Diese Sätze würden den Menschen nicht mehr gesagt werden.
Nicht mehr gesagt werden bedeutet: Man sagt etwas nicht.
Man schluckt die Worte runter.
Eine Behinderung ist keine Erlaubnis für schlechtes Benehmen.
Erlaubnis bedeutet: Das Recht, etwas zu tun.
Aber Dorothee benimmt sich nicht schlecht.
Nur anders
Sie benimmt sich nur anders.
Sie will nicht etwas Besonderes sein.
Etwas Besonderes sein wollen bedeutet: Sehr wollen.
Sich Mühe geben, etwas zu bekommen.
Sie wäre lieber ganz normal.
Das merkt sie jeden Tag 100-mal.
Wenn sie wieder an ein Hindernis gestoßen ist.
Aber wenn es so ist, möchte sie das nicht verschweigen müssen.
So behindert sein dürfen
Sie möchte danach leben dürfen.
Sie möchte so behindert sein dürfen, wie sie ist.
Wenn ein Wunder geschähe, gäbe es Menschen, die sagen: Ich bin nicht blind.
Ich habe keinen Autismus.
Ich habe keine Aufmerksamkeits-Störung.
Aufmerksamkeits-Störung bedeutet: Menschen können sich schwer konzentrieren.
Sie sind oft unruhig.
Demut der anderen
Sie würden sagen: Ich habe keine Probleme mit kleinen Bewegungen.
Kleine Bewegungen bedeutet: Zum Beispiel schreiben oder malen.
Oder kleine Dinge greifen.
Das braucht man jeden Tag.
Keine Probleme mit Gleichgewicht.
Keine Probleme mit Planung.
Planung bedeutet: Mehrere Menschen arbeiten zusammen.
Eine Person plant die Arbeit.
Ich habe keine Wahrnehmungs-Störungen.
Ich bin nicht nieren-transplantiert.
Ich kann da nicht mitreden.
Gerechte Beurteilung
Sie würden sagen: Ich kann das nicht beurteilen.
Da rede ich mich vielleicht leicht.
Leicht reden bedeutet: Etwas ist einfach zu sagen.
Aber schwer zu tun.
Dorothee würde dementsprechend gerecht beurteilt werden.
Ohne dieses Wunder sieht keiner ihre speziellen Schwierigkeiten.
Dann muss sie eben öfter daran erinnern.
Dorothee sagt nie
Dorothee sagt niemals: Andere Menschen haben keine Probleme.
Aber wer ein Problem damit hat, kann gerne mit ihr tauschen.
Dorothee nimmt für sich in Anspruch: Sie hat mehr Schwierigkeiten als normal.
Mehr als normal bedeutet: Mehr als der Durchschnitt.
Durchschnitt bedeutet: Die Mitte von mehreren Zahlen.
Das Wunder geschieht nicht
Aber das Wunder geschieht nicht.
Dorothee ist verhext.
Diese Gespräche werden in ihrem Leben niemals stattfinden.
Gespräche bedeutet: Begegnungen.
Austausch zwischen Menschen.
Anderen Behinderten sind sie größtenteils gegeben.
Gegeben bedeutet: Jemand hat das Glück, etwas zu bekommen.
Es geht weiter wie bisher
Ohne das Wunder werden die Sprüche weitergehen.
Die gut gemeinten Ratschläge.
Die Ermahnungen.
Die Belehrungen.
Die Vergleiche.
Alles geht ewig so weiter.
Was ein Therapeut sagen würde
Ein moderner Therapeut würde sagen: Sie können die anderen nicht ändern.
Sie können nur sich selbst ändern.
Das würde Dorothee nicht gelingen.
Nicht ohne sehr viel Beruhigungs-Mittel.
Beruhigungs-Mittel bedeutet: Eine Medizin, die beruhigt und entspannt.
So viel Gelassenheit wäre nur durch Medikamente herzustellen.
Durch Medikamente bedeutet: Künstlich hergestellt.
Nicht natürlich.
Dorothee kann sich nicht ändern
Ihren Körper kann Dorothee nicht verändern.
Ihre Behinderungen kann sie nicht verändern.
Das ist die Situation.
So ist Dorothees Leben.
Dieser Text ist in Leichter Sprache nach DIN SPEC 33429.
Fragen? Ruft an bei kobinet-nachrichten.

Foto: Pixabay/OpenClipart-Vectors
Berlin (kobinet) Autorin dieses Textes ist Dorothee Feuerstein Der Tag, an dem ich mal kurz nicht verhext war, war ein normaler Werktag. Ich wurde mit dem Taxi nach Hause gebracht. Der Fahrer hatte mich an der falschen Tür im Haus gegenüber abgesetzt. Nun war ich orientierungslos, denn ich wusste ja nur, dass ich falsch stand, nur eben nicht, wo ich stand. Ich ging also den Gehsteig auf und ab und rief um Hilfe: "Hallo?" Ein Mann kam und brachte mich über die Straße zu meiner Haustür.
„Ja, das stelle ich mir schon schwierig vor, wenn man nicht sieht, wo man ist und sich nicht orientieren kann.“ Diese Aussage wunderte mich. Meistens höre ich dann nämlich solche Standardsätze wie: „Das kenne ich, das geht mir auch oft so. In der Ruhe liegt die Kraft!“ Ich frage mich dann zwar immer, warum dann so jemand Auto fahren und arbeiten kann und ohne Stock unterwegs ist, aber ich habe es mir abgewöhnt, darüber zu diskutieren. Diesmal bin ich aber auf ein menschliches Exemplar mit etwas mehr Empathie gestoßen. Bei den meisten habe ich eher den Eindruck, als wollten sie mir sagen: „Stell dich nicht so an, uns geht es auch nicht besser, und wir machen ja auch nicht so ein Theater.“ In der Tat fangen sogar einige Gespräche so an wie das weiter oben, setzen sich aber dann plötzlich in verändertem Tonfall und veränderter Aussage fort. „Achtung, draußen direkt vor deiner Tür ist ein Hundehaufen, nicht, dass du reintrittst, weil du ihn ja nicht siehst.“ So warnte mich einmal eine Assistentin, und ich wunderte mich schon, wie umsichtig sie war im Hinblick auf meine Herausforderung, und dass sie daran dachte, mir das extra zu sagen. Nur sagte sie dann hastig mit veränderter Stimme: „Aber das kann uns Sehenden ja schließlich auch passieren.“ Also sie war ja immerhin schon mal nicht reingetreten. Eine andere Frau fragte mich, ob ich an meinen Türen zu Hause denn Markierungen hätte, um nicht dagegen zu stoßen. Ich erklärte ihr, dass ich meine Türen entweder ganz auflasse oder ganz zumache, um nicht gegen halboffene Türkanten zu laufen. Denn – das erzählte ich aber nicht noch dazu –, als Kind habe ich mir so manches Loch in den Kopf geschlagen, wenn ich zu schnell durch die Wohnung gefegt bin und die Tür zur Hälfte offen stand, sodass ich gegen die Kante lief. Da klärte mich dann die Dame auf, dass das Sehenden ja schließlich auch passiert. Ich hätte am liebsten gesagt: „Warum fragen Sie mich denn dann überhaupt? Bei mir liegt es am Sehen, woran es bei Ihnen liegt, darüber kann man jetzt spekulieren!“ In der Tat bin ich sehr schlagfertig, traue mich aber nicht, diese Sätze dann auch laut auszusprechen. Ich saß einmal im Taxi nach Hause, und der Taxifahrer fragte mich, ob ich noch etwas sehen könnte. Dann meinte er, er verstünde mich ja, denn im Dunkeln bräuchte er jetzt auch eine Lesebrille. Ich war drauf und dran zu sagen: „Also, wenn Sie so schlecht sehen, dann lassen Sie doch lieber mich fahren.“ Ich war allerdings zu sehr um meine eigene Sicherheit besorgt, als dass ich es tatsächlich gewagt hätte, ihm mitten im Feierabendverkehr so etwas entgegenzuschleudern.
Bei einer Ausstellung wurde sehr lauter Fabriklärm eingespielt, damit wir miterleben sollten, wie es damals für die Menschen war, die dem ausgesetzt wurden. Da ich aufgrund meines Autismus eine Reizfilterschwäche habe, konnte ich die Führerin nicht mehr verstehen und versuchte daher, ihr mein Problem zu erklären, damit sie für uns nur vier Besucher kurz mal den Lärm abstellen möge. „Es ist für uns alle anstrengend“, lautete ihre Entgegnung, und der Lärm blieb. Das Gehirn blendet ja so manches aus, und daran läge es wohl auch, dass auch Sehende ständig stundenlang krampfhaft nach etwas suchen, was direkt vor ihrer Nase liegt. Das ginge jedem so, wurde mir auch bereits erläutert. Wenn mir etwas runterfällt oder jemand etwas verstellt, habe ich dann eben auch einfach nur nicht die passende Wahrnehmung. Ich habe solche Dialoge bei anderen Menschen mit Behinderung auch mitverfolgt, aber die gingen dann oft ganz anders als bei mir. Man war oft überrascht, woran doch so manche Dinge scheitern und wie der Alltag eines Menschen mit Behinderung ist. Es wurde erst gar nicht darüber diskutiert, ob das Nichtbehinderten genauso geht. Man hat diese Schilderungen völlig erwachsen und auf Augenhöhe zur Kenntnis genommen.
Mittlerweile vermute ich, dass ich verhext bin und dass eine magische Ausblendung vorliegt. Würde ich nun zu einem modernen Therapeuten gehen, würde dieser mir folgende Aufgabe stellen: „Ein Wunder geschieht. Woran merken Sie, wenn Sie morgen aufstehen, dass Sie nicht mehr verhext sind?“
Nun, dieser Aufgabe will ich nun nachkommen: Erst einmal wäre das Geflimmer und die Farbphänomene vor meinen Augen weg. Es gäbe hierfür endlich die passende medizinische Erklärung, man hätte mir das fehlende Mineral oder Vitamin gegeben, und seither hätte ich Ruhe. Die Ärzte hätten mit dem Kopf geschüttelt, wie jemand das so lange aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Dies wäre mir eine wohltuende Genugtuung. Auch die meisten anderen meiner Symptome wie die Tatsache, dass ich viel mehr Disziplin beim Essen aufbringen muss als andere Menschen und nicht einmal durch Bewegung eine Gewichtszunahme verhindern kann, ließen sich nun erklären und meinem Syndrom zuordnen. Endlich würde auch meine stärkere Infektneigung durch ein chronisches Müdigkeitssyndrom diagnostiziert werden sowie die damit einhergehenden wandernden Gelenkschmerzen, und auch hier würde man anerkennen, wie lange ich mich damit schon ohne Unterstützung durchgeschlagen hätte. Auch die traumatischen Erfahrungen im Internat und die Quälereien in der Schule, die ich ohne Schulbegleiter jahrelang habe durchhalten müssen, würden nun endlich als emotionaler Missbrauch anerkannt. Meine Reaktionen würden nicht wie damals als Zeichen meiner Übersensibilität gesehen, sondern als zwar ungewöhnliche, jedoch verständliche Reaktionen auf ungewöhnliche Belastungen validiert, und ich bekäme sogar eine richtige Psychoedukation, in der man mir darlegt, wie Menschen im Allgemeinen auf Übergriffe reagieren, bei denen sie weder fliehen noch angreifen können. Mich nun doch endlich nicht mehr selbst für verrückt halten zu müssen, sondern zu erfahren, dass solche Reaktionen allgemein menschlich und sogar gar nicht so selten sind, und es normal ist, nicht dauergeärgert, gejagt, verspottet und gemobbt werden zu wollen, und dies nicht mit meiner individuellen Besonderheit zu tun hat, und dass ich diese doch angeblich so normalen Reaktionen der Kinder nicht durch mein abweichendes Verhalten ja auch selbst verursacht hätte und somit schuld am Mobbing und ein typisches Opfer sei, würde für mich eine große Entlastung bedeuten. Es läge also nicht mehr an mir und meinem eigenwilligen Empfinden, dass ich diese falschen Übergriffe und Taten als so unerträglich empfand, sondern die Verantwortung läge bei den Tätern, deren Vergehen gemein gültig als nicht hinnehmbar von der Gesellschaft gesehen würden, ähnlich wie bei sexuellen und körperlichen Übergriffen. Ich würde nicht mehr ständig klischeehaft und rassistisch als feinfühlig bezeichnet, weil ich blind bin und alle Blinden ja schließlich alles viel intensiver über das Gehör aufnehmen, sondern es wäre sonnenklar, dass bestimmte Verhaltensweisen von Menschen einfach nicht in Ordnung sind. Auch würde man endlich die zahllosen Barrieren und Überbelastungen anerkennen, denen ich durch meine mehrfachen Einschränkungen im Alltag schutzlos ausgesetzt bin, und es würde endlich die passende Assistenz mit der entsprechenden Ausbildung gefunden, die meine Interessen anderen gegenüber besser vertreten kann als ich und die für meine Verhaltensweisen oder Reaktionen bei Überbelastung und Überforderung und Überstimulation Verständnis hätte und dementsprechend angemessen intervenieren könnte. Zusätzlich bekäme ich von einem durch das Wunder gefundenen Ergotherapeuten während eines aufklärenden Gespräches und während der Therapiesitzungen Informationen über mein Krankheitsbild und über die hierfür klassischen Schwierigkeiten, dass eben meine sogenannte Ungeschicklichkeit und meine Probleme mit dem Gleichgewicht und der Sensomotorik schließlich ganz typisch für meine Störung seien und daher gut einzuordnen. Dies würde sicher sehr beruhigend auf mich wirken, sodass ich anfangen könnte, mich nicht ständig selbst für meine Tollpatschigkeit zu hassen, und kein Ergotherapeut würde es mehr wagen, mir eine geringe Frustrationstoleranz zu attestieren, wenn ich die Geduld verliere, sondern jeder hätte Verständnis, dass ich, die ich schon so viele Niederlagen eingesteckt habe und im Alltag für jeden Handgriff so extrem viel Konzentration benötige und dennoch so viel schiefgeht, dann auch manchmal einfach nicht mehr kann und wütend werde. Meine Erklärungen, warum ich bestimmte Dinge nicht so hinbekomme wie andere, würden nicht länger so interpretiert, als ob ich meine Behinderungen als faule Ausreden benutze. Ich hätte durch eine angemessene Aufklärung hinsichtlich meines Krankheitsbildes genügend argumentative Munition, dass ich vor allem den Trostfloskeln und Bagatellisierungen, die mir andere oft ziemlich ungnädig entgegenschleudern, endlich mit der diagnostischen Einschätzung im Rücken etwas sehr Überzeugendes entgegenzusetzen hätte. Alle anderen Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld und auch ich wären mit meinen Schwierigkeiten im Alltag versöhnt. Ich wäre nicht mehr das kleine, lebensuntüchtige, unerfahrene und ungeschickte Ding, was von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, nur weil ich keine Arbeit, keinen Partner, keine Kinder und keine eigene Familie aufgebaut habe. Wenn sich jemand mir gegenüber diskriminierend verhielte, würde man in erster Linie und als allererstes Empathie und Mitgefühl mit mir haben und mir nicht nur belehrende Vorträge darüber halten, warum andere Menschen so sind, weil sie ja schließlich unwissend, hilflos und unsicher seien, Zeitmangel, Geldmangel oder schlechte Bezahlung erdulden müssten, und man würde nicht automatisch nur mein Verständnis für die andere Seite, die einfach nur Gefangene des Systems ist, einfordern, sondern mindestens genauso viel Verständnis für die anwesende Person, nämlich mich, haben. Dies würde nicht bedeuten, dass mein Gegenüber dann anfängt, auf die anderen Personen zu schimpfen, sondern man bliebe einfach einmal bei mir und hätte Anteilnahme daran, wie es mir wohl mit bestimmten Situationen geht, und ich würde in meinen Gefühlen bestärkt und verstanden.
Man würde mir nicht ständig die Welt erklären wie einem unerfahrenen und trotzigen Kind, welchem man jetzt endlich auch einmal die andere Seite zeigen muss. Die Leute wüssten, wen sie da vor sich haben. Ich würde gesehen werden mit meinem Universitätsdiplom und den Kenntnissen und Erfahrungen, die ich – nicht zuletzt durch meine früheren Erlebnisse in Familie und Internat und durch die stattgehabten Erkrankungen, Behandlungen und Krankenhausaufenthalte, Dialyse und Transplantation – mitbringe, und auch meine vielen Reisen, die Auslandsaufenthalte, mein Studienjahr in England im Rahmen eines Stipendiums, mein Aufenthalt in Amerika und die vielen Umschulungsversuche und meine zahlreichen Begegnungen mit Ämtern und Behörden würden als Lebenserfahrung angerechnet. Wenn ich etwas aus meinem Fachgebiet erzählen würde, würde niemand heimlich aufs Handy schauen, weil ich das ja nicht merke, sondern sich einfach aufklären lassen wie bei anderen auch. Es gäbe dann auch Menschen, die einmal die Größe besitzen, sich für gemachte Fehler zu entschuldigen oder einmal zuzugeben, dass ich ihnen in einigen Dingen die Augen geöffnet habe, dass sie jetzt auch mal die Dinge so sehen, wie sie sie zuvor vielleicht noch nicht gesehen hatten, ohne dass gleich wieder beteuert würde, man habe das doch ganz anders gemeint oder man wolle das doch gar nicht gesagt haben. Vielmehr würden Menschen aus der Begegnung ihr Lehrstück ziehen und vielleicht auch einmal anfangen, umzudenken. Die jungen Assistentinnen würden mit mir auf Augenhöhe reden und nicht so, als sei ich wegen meiner nun endlich offiziell diagnostizierten Teilleistungsstörungen auf allen Gebieten beschränkt. Meine früheren Leistungen wie Abschlüsse etc. wären nicht verwirkt, nur weil ich durch meine zahlreichen Erkrankungen nun sehr viel an geistiger Leistungsfähigkeit eingebüßt habe, sondern man würde mich weiterhin respektieren als jemanden, die ein hohes Bildungsniveau erreicht hat. Die Putzfrau würde nicht zwei Stunden vor Termin erst auf Nachfrage absagen, dass sie gar nicht mehr kommt. Man würde eine zuverlässige Frau finden, und die wäre dann sogar halbwegs pünktlich. Wenn ich nach etwas suchen würde, würde sie es schnell finden, und wenn ich ganz harmlos und ohne Hintergedanken ausriefe: „Mensch, das Teil habe ich jetzt seit drei Tagen gesucht“, würde ich keine Vorlesung über Wahrnehmung und das Gehirn und alltägliche Phänomene erhalten, die schließlich bei Sehenden genauso wären wie bei mir, sondern sie würde entweder schweigen oder vielleicht sogar sagen: „Ja, wenn man es halt nicht so sieht, dafür sind wir ja da.“
Wenn ich auf die Straße ginge, würde niemand sagen: „Na, Wackerle, wohin gehst du denn?“ Und die Leute würden nicht wie angewurzelt stehen bleiben und mich um sich herumgehen lassen und mir danach auf die Schulter klopfen und rufen: „Prima gemacht!“ Wenn ich in einen Laden ginge, würde ich nicht wahlweise mit „junge Frau“ oder „junge Dame“ angeredet, sondern einfach entweder mit Namen oder mit „Bitteschön, Sie sind dran!“ Vor allem würde ich mit Sie angesprochen werden! Wenn ich mit Begleitung unterwegs wäre, würde man mich als Kundin ansprechen, oder ich hätte gar eine couragierte Begleitung dabei, die sagen würde, dass die Person ruhig mit mir reden kann. Wir würden nicht ständig von allen möglichen Leuten angestarrt, und die Begleitung würde mir auch keinen psychologischen Belehrungsvortrag darüber halten, dass dies nun mal in der Natur des Menschen läge, jemanden, der auffällt, anzustarren. Es würde nicht mehr auf meinen Körper und mein Anderssein geschoben, sondern auf die Ungezogenheit der Leute, wenn sie mich zur Seite schubsen oder aggressiv anmeckern, doch gefälligst aus dem Weg zu gehen, weil sie meinen Stock nämlich sehen. Und meine Begleitung würde mir bei Rempeleien oder Anschreien nicht erklären, dass schließlich nicht jeder Mensch mit einer Behinderten klarkäme und ihre Freunde sich darüber wunderten, dass sie bei solchen Leuten arbeitet, und ich daher eben verstehen müsste, dass Menschen so auf mich reagieren. Niemand mehr würde mir Verständnis für meine eigene Diskriminierung abverlangen. Vielmehr wäre ich es, die getröstet oder vielleicht sogar – ich wage es ohne Bekreuzigung gar nicht zu schreiben – in den Arm genommen würde, wenn mir solche Dinge angetan werden. Ich könnte in einem Geschäft mein Anliegen vortragen und würde nicht spürbar abschätzig von oben bis unten gemustert, und keiner wäre brüskiert, wenn so ein kleines Persönchen energisch kundtut, was es will, und keiner würde mit Unwillen oder ungehalten reagieren.
Ich würde auch nicht ständig gefragt, was ich noch sehe, und dann darauf hingewiesen, dass das doch noch ganz schön viel sei – schließlich könnten ja Blinde gar nichts mehr sehen. Auch würde ich keine Tests mehr machen müssen, bei denen Ärzte mich fragen, ob ich ihre schöne Frisur sehe, ich wegen des Autismus nicht merke, dass hier ein subtiler Sehtest stattfindet, und mir Mühe gebe, das Richtige zu sagen, und sich die Frisur, wie sie mir hinterher verraten, eigentlich als Glatze herausstellt. Und wenn ich solche Dinge anderen erzählte, würden die Leute sich ob dieser demütigenden Vorführung empören und nicht immer nur sagen: „Das hat der doch nicht böse gemeint!“ Bei einer Telefonhotline würde ich nicht dauernd 30 Minuten warten, sondern ich hätte mal mehr Glück und käme schneller dran. Ich dürfte auch ausreden und nochmal nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden hätte. Die Leute dort hätten mehr Geduld und würden berücksichtigen, dass ich besondere Herausforderungen habe. Keiner in meinem engsten Umfeld würde mir hinterher einen Belehrungsvortrag halten, dass diese Leute halt überarbeitet sind und ihren Frust dann halt am Schwächeren auslassen, und ich würde von meinen halb so alten Assistentinnen keine betriebswirtschaftliche Vorlesung für Weltfremde über die miesen Arbeitsbedingungen bei Post, Bahn und Telefonhotlines mehr erhalten, für die ich genauso wenig kann wie die Leute dort selbst. Vielleicht würde dann mein Zuhörer zur Abwechslung sogar mal an mich denken und zurückgeben, dass er sich das ganz schön anstrengend vorstellt, unter welcher Anspannung und Frustration für mich diese Interaktionen ablaufen. Wenn ich etwas zu meinem Autismus sagen würde, würde man mich fragen, wie sich das äußert. Danach käme aber dann nicht wie sonst die Aussage: „Das habe ich auch oft, dann wäre ich ja auch Autist“, und es würde mir auch nicht jeder erklären, dass er eigentlich auch leichten Autismus hätte, aber ganz ohne Hilfe klarkäme und im Gegensatz zu mir auch keine offizielle Diagnose bräuchte und sich einfach selbst diagnostiziert hätte – das würde doch reichen, er bräuchte keine offizielle Diagnose. Nach diesem Wunder hörte ich auf einmal wie alle anderen von dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung Betroffenen auch den Satz: „Danke, jetzt weiß ich Bescheid, jetzt kann ich einiges besser einordnen.“ Und würde ich mich irgendwo nicht durchsetzen können, hagelte es nicht haufenweise Ratschläge mit dem Tenor: „Das kenne ich auch, aber ich wehre mich dann eben! Ich störe mich da nicht dran! Mir ist egal, was dann die Leute sagen, ich setze mich da schon durch.“ Vielmehr würden sich die Menschen freuen, dass sie günstigere Voraussetzungen für die nonverbale Kommunikation und mehr Autorität haben als ich, und mir eventuell sogar anbieten, mir das nächste Mal bei der Durchsetzung meiner Interessen zu helfen. Sie würden sich nicht über mich stellen und signalisieren, wie viel weiter, unabhängiger, mutiger und stärker sie sind, sondern sie würden sich gedanklich mit mir auf dieselbe Stufe stellen und sich neben mich setzen und bescheiden denken: Wer weiß, wie ich wäre, wenn ich solche Herausforderungen hätte – dann könnte ich das alles ja auch nicht. Auch bei der täglichen Unbill, den vielen Kämpfen um banale Dinge, denen ich nachlaufen muss, den vielen Bestellungen, die komischerweise immer bei mir untergehen und bei denen ich dann abermals nachfragen muss, den zahlreichen Pleiten, Pech und Pannen, die ich durch meine schlechte Feinmotorik, Koordination und den Mangel beim Gleichgewicht erlebe, käme nicht gleich jeder mit der Moralkeule heraus und würde mit Sprüchen auf mich einprügeln wie: „Das Leben ist halt nun mal kein Ponyhof, es wäre doch langweilig, wenn immer alles klappen würde. Da darf man nicht gleich so in Panik verfallen, da muss man eben auch mal gelassen bleiben. Das ist eben im Leben nun mal so, sieh mal, mir geht es auch so, da muss man halt auch mal Ruhe bewahren, in der Ruhe liegt die Kraft. So ist das eben, im Leben kann halt auch mal etwas schiefgehen!“ Wenn mir gerade meine Assistenz abgesagt hat, sodass ich meine Vorhaben, bei denen ich auf sie angewiesen bin, wieder vollkommen neu organisieren muss, vor allem wenn schon alles drumherum so geplant ist und dann auch andere mit drinhängen, dann würde nach einem Wunder niemand mehr auf die Idee kommen, mich in meinem Alter und nach all dem, was ich schon durchhabe, so schulmeisterlich über die üblichen Widerfährnisse des Lebens zurechtzuweisen. Vielmehr würde man sagen, wie erstaunlich es doch bei all diesen täglichen Kämpfen und Herausforderungen ist, da noch halbwegs denken zu können und wieder flexibel alles umzustellen. Ich würde nie wieder den Spruch hören: „In der Ruhe liegt die Kraft!“ Von Anerkennung und Würdigung kann ich mir zwar nichts kaufen, aber die zusätzlichen Verletzungen durch diese blöden Sprüche bleiben dann wenigstens aus, die die Situation noch unerträglicher machen. Zusätzlich zu der alltäglichen Quälerei kommt nämlich dann auch noch die Scham hinzu, nicht so reif, gelassen und weise wie alle anderen zu sein. Bei den zahlreichen Barrieren, die ich am Computer mangels Verständnis und durch meine kognitiven Defizite und durch die Blindheit habe und weswegen ich oft stundenlang sitzen muss, um irgendeine Transaktion auszuführen, würde mich nicht jeder der Ungeduld zeihen oder mir vorwerfen, ich würde nur nicht genügend probieren, sondern die Leute würden sagen, dass sie wahnsinnig würden, wenn sie auf so viele Barrieren im Internet, bei Apps oder anderen Computerprogrammen stoßen würden und dann ständig ohne fremde Hilfe nicht zurechtkämen. Ich würde gesehen, die magische Ausblendung wäre weg, es gäbe Würdigung und Anerkennung. Ich wäre nicht länger das kleine Dummchen, die sich die anderen doch mal zum Vorbild nehmen sollte, die doch schließlich die gleichen Probleme haben und trotzdem nicht so sind wie ich, und ich würde nicht mehr von Leuten auf diese Weise zurechtgewiesen, die im Übrigen meistens viel jünger sind als ich und mit mir reden, als sei ich ihr Kind oder als seien sie meine Erzieher wie damals im Blindi-Heim. Ich wäre eine erwachsene Person, die schon einiges durchhat und im Leben einiges zu stemmen hat, und nicht länger der Schwächling, die Übernervöse, Hysterische und frustrationstolerante Person, die sofort losplärrt, wenn es mal nicht so läuft, wie sie es gewohnt ist. Ich wäre nicht mehr das weltfremde, verwöhnte und lebensuntüchtige Ding, sondern jemand, die viele bislang noch nicht anerkannte Herausforderungen vom Aufstehen an zu bewältigen hat: den Kampf mit den Knöpfen, Reißverschlüssen, Verpackungen, Geräten, Hindernissen und der Elektronik, die Quälerei mit der alltäglichen Kommunikation, das Durchsetzen von Dienstleistungen und das Management von zwölf Medikamenten oder die Durchsetzung von Krankenhausaufenthalten, Untersuchungen und den Kampf, von Ärzten ernst genommen zu werden. Es gäbe auch niemanden mehr in meinem engsten Umfeld, der, wenn ich mal laut würde und schimpfte, mich gleich zur Geduld mahnt und dann noch seine eigene Gelassenheit preist, sondern Empathie wäre angesagt, von Schweigen bis hin zu: „Ja, ganz schön schwer, gar nicht so leicht, da kann man schon mal aus der Haut fahren!“ Und all das würde nicht mehr als Bemitleiden oder Bedauern betrachtet, was mir ja schließlich auch nichts helfe und mich nicht weiterbrächte, sondern als ganz normale Anteilnahme, Mitmenschlichkeit, für die man nicht erst Psychologie studiert haben muss, wie mir häufig erklärt wird, wenn ich etwas mehr Einfühlungsvermögen und weniger herablassende Belehrungen und Überheblichkeit einfordere. Es gäbe Menschen, die einfach Herzensbildung besitzen und anerkennen, dass eben nicht „jeder sein Päckchen“ zu tragen hätte, sondern – wie man es bei anderen behinderten und kranken Menschen auch tut – durch das „Wunder“ auch bei mir eingesehen würde, dass eben nicht alle Päckchen gleich groß sind, und man würde mir zubilligen, dass es sehr wohl Unterschiede gibt, die sich dann eben im Alltag auch dementsprechend auswirken, und dass mein Verhalten oder meine geringeren Errungenschaften und meine manchmal kürzere Zündschnur eben nichts mit Ungeduld, Unreife, Schwäche oder einem schlechteren Charakter zu tun haben. Niemand hat Grund dazu, mit einer Krankheit anzugeben oder stolz darauf zu sein, und keiner brüstet sich damit: „Schau mal, was ich alles habe!“ Aber ich würde dann auch nicht mehr von oben herab eingeschätzt und dementsprechend ungnädig behandelt, sondern gesehen, anerkannt und ernst genommen als Erwachsene und nicht als unerfahrenes Kind, das halt all das noch lernen und erfahren muss, was andere längst schon wissen. Mir bräuchte dann wahrlich niemand mehr zu erklären, dass das Leben kein Ponyhof ist und nicht immer alles klappen kann. Das brächte dann keiner mehr über die Lippen, und diese Sätze würden den Menschen im Halse steckenbleiben. Eine Behinderung ist kein Freibrief für schlechtes Benehmen, aber dann wiederum benehme ich mich ja auch nicht schlecht, sondern nur anders. Ich reiße mich nicht darum, etwas Besonderes zu sein, ich wäre lieber ganz normal, was ich jeden Tag hundertmal merke, wenn ich wieder an eine Barriere gestoßen bin. Aber wenn es so ist, dann möchte ich das auch nicht bescheiden verschweigen müssen, sondern danach leben dürfen und so behindert sein, wie ich eben bin. Wenn ein Wunder geschähe, gäbe es auch mal Menschen, die sagen: Ich bin nicht blind, ich habe keinen Autismus, keine ADHS, keine Probleme mit Feinmotorik, Gleichgewicht und Koordination, ich habe keine Wahrnehmungsstörungen und bin auch nicht nierentransplantiert, ich kann da nicht mitreden und das nicht beurteilen, da rede ich mich vielleicht sonst leicht. Und ich würde dementsprechend gerecht beurteilt werden. Wenn ohne dieses Wunder meine speziellen Herausforderungen keiner sieht, muss ich eben auch öfter daran erinnern. Ich sage niemals, dass andere Menschen keine Probleme haben, aber wer ein Problem damit hat, dass ich für mich in Anspruch nehme, überdurchschnittlich viele Herausforderungen zu haben, kann ja gerne mal mit mir tauschen. Aber nun geschieht eben dieses Wunder nicht, und ich bin nun mal verhext, und daher werden diese Interaktionen, die – so weltfremd bin ich nicht – anderen Behinderten größtenteils vergönnt sind, in meinem Leben niemals stattfinden. Und ohne dieses Wunder werden wahrscheinlich stattdessen all die anderen von mir zitierten Sprüche, Sätze, gut gemeinten Ratschläge, Ermahnungen, Belehrungen und Vergleiche ewig so weitergehen. Ein moderner Therapeut würde mir dann wahrscheinlich genau dies erklären, und dann käme wahrscheinlich wieder der Satz: „Sie können die anderen nicht ändern, Sie können nur sich selbst ändern.“ Das würde mir ohne eine Familienpackung Valium wahrscheinlich eher nicht gelingen, denn so viel Gelassenheit, die dafür nötig wäre, wäre nur auf synthetischem Wege herzustellen. Und meinen Körper und meine Behinderungen kann ich ebenfalls nicht verändern.

Foto: Pixabay/OpenClipart-Vectors
Berlin (kobinet) Autorin dieses Textes ist Dorothee Feuerstein Der Tag, an dem ich mal kurz nicht verhext war, war ein normaler Werktag. Ich wurde mit dem Taxi nach Hause gebracht. Der Fahrer hatte mich an der falschen Tür im Haus gegenüber abgesetzt. Nun war ich orientierungslos, denn ich wusste ja nur, dass ich falsch stand, nur eben nicht, wo ich stand. Ich ging also den Gehsteig auf und ab und rief um Hilfe: "Hallo?" Ein Mann kam und brachte mich über die Straße zu meiner Haustür.
„Ja, das stelle ich mir schon schwierig vor, wenn man nicht sieht, wo man ist und sich nicht orientieren kann.“ Diese Aussage wunderte mich. Meistens höre ich dann nämlich solche Standardsätze wie: „Das kenne ich, das geht mir auch oft so. In der Ruhe liegt die Kraft!“ Ich frage mich dann zwar immer, warum dann so jemand Auto fahren und arbeiten kann und ohne Stock unterwegs ist, aber ich habe es mir abgewöhnt, darüber zu diskutieren. Diesmal bin ich aber auf ein menschliches Exemplar mit etwas mehr Empathie gestoßen. Bei den meisten habe ich eher den Eindruck, als wollten sie mir sagen: „Stell dich nicht so an, uns geht es auch nicht besser, und wir machen ja auch nicht so ein Theater.“ In der Tat fangen sogar einige Gespräche so an wie das weiter oben, setzen sich aber dann plötzlich in verändertem Tonfall und veränderter Aussage fort. „Achtung, draußen direkt vor deiner Tür ist ein Hundehaufen, nicht, dass du reintrittst, weil du ihn ja nicht siehst.“ So warnte mich einmal eine Assistentin, und ich wunderte mich schon, wie umsichtig sie war im Hinblick auf meine Herausforderung, und dass sie daran dachte, mir das extra zu sagen. Nur sagte sie dann hastig mit veränderter Stimme: „Aber das kann uns Sehenden ja schließlich auch passieren.“ Also sie war ja immerhin schon mal nicht reingetreten. Eine andere Frau fragte mich, ob ich an meinen Türen zu Hause denn Markierungen hätte, um nicht dagegen zu stoßen. Ich erklärte ihr, dass ich meine Türen entweder ganz auflasse oder ganz zumache, um nicht gegen halboffene Türkanten zu laufen. Denn – das erzählte ich aber nicht noch dazu –, als Kind habe ich mir so manches Loch in den Kopf geschlagen, wenn ich zu schnell durch die Wohnung gefegt bin und die Tür zur Hälfte offen stand, sodass ich gegen die Kante lief. Da klärte mich dann die Dame auf, dass das Sehenden ja schließlich auch passiert. Ich hätte am liebsten gesagt: „Warum fragen Sie mich denn dann überhaupt? Bei mir liegt es am Sehen, woran es bei Ihnen liegt, darüber kann man jetzt spekulieren!“ In der Tat bin ich sehr schlagfertig, traue mich aber nicht, diese Sätze dann auch laut auszusprechen. Ich saß einmal im Taxi nach Hause, und der Taxifahrer fragte mich, ob ich noch etwas sehen könnte. Dann meinte er, er verstünde mich ja, denn im Dunkeln bräuchte er jetzt auch eine Lesebrille. Ich war drauf und dran zu sagen: „Also, wenn Sie so schlecht sehen, dann lassen Sie doch lieber mich fahren.“ Ich war allerdings zu sehr um meine eigene Sicherheit besorgt, als dass ich es tatsächlich gewagt hätte, ihm mitten im Feierabendverkehr so etwas entgegenzuschleudern.
Bei einer Ausstellung wurde sehr lauter Fabriklärm eingespielt, damit wir miterleben sollten, wie es damals für die Menschen war, die dem ausgesetzt wurden. Da ich aufgrund meines Autismus eine Reizfilterschwäche habe, konnte ich die Führerin nicht mehr verstehen und versuchte daher, ihr mein Problem zu erklären, damit sie für uns nur vier Besucher kurz mal den Lärm abstellen möge. „Es ist für uns alle anstrengend“, lautete ihre Entgegnung, und der Lärm blieb. Das Gehirn blendet ja so manches aus, und daran läge es wohl auch, dass auch Sehende ständig stundenlang krampfhaft nach etwas suchen, was direkt vor ihrer Nase liegt. Das ginge jedem so, wurde mir auch bereits erläutert. Wenn mir etwas runterfällt oder jemand etwas verstellt, habe ich dann eben auch einfach nur nicht die passende Wahrnehmung. Ich habe solche Dialoge bei anderen Menschen mit Behinderung auch mitverfolgt, aber die gingen dann oft ganz anders als bei mir. Man war oft überrascht, woran doch so manche Dinge scheitern und wie der Alltag eines Menschen mit Behinderung ist. Es wurde erst gar nicht darüber diskutiert, ob das Nichtbehinderten genauso geht. Man hat diese Schilderungen völlig erwachsen und auf Augenhöhe zur Kenntnis genommen.
Mittlerweile vermute ich, dass ich verhext bin und dass eine magische Ausblendung vorliegt. Würde ich nun zu einem modernen Therapeuten gehen, würde dieser mir folgende Aufgabe stellen: „Ein Wunder geschieht. Woran merken Sie, wenn Sie morgen aufstehen, dass Sie nicht mehr verhext sind?“
Nun, dieser Aufgabe will ich nun nachkommen: Erst einmal wäre das Geflimmer und die Farbphänomene vor meinen Augen weg. Es gäbe hierfür endlich die passende medizinische Erklärung, man hätte mir das fehlende Mineral oder Vitamin gegeben, und seither hätte ich Ruhe. Die Ärzte hätten mit dem Kopf geschüttelt, wie jemand das so lange aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Dies wäre mir eine wohltuende Genugtuung. Auch die meisten anderen meiner Symptome wie die Tatsache, dass ich viel mehr Disziplin beim Essen aufbringen muss als andere Menschen und nicht einmal durch Bewegung eine Gewichtszunahme verhindern kann, ließen sich nun erklären und meinem Syndrom zuordnen. Endlich würde auch meine stärkere Infektneigung durch ein chronisches Müdigkeitssyndrom diagnostiziert werden sowie die damit einhergehenden wandernden Gelenkschmerzen, und auch hier würde man anerkennen, wie lange ich mich damit schon ohne Unterstützung durchgeschlagen hätte. Auch die traumatischen Erfahrungen im Internat und die Quälereien in der Schule, die ich ohne Schulbegleiter jahrelang habe durchhalten müssen, würden nun endlich als emotionaler Missbrauch anerkannt. Meine Reaktionen würden nicht wie damals als Zeichen meiner Übersensibilität gesehen, sondern als zwar ungewöhnliche, jedoch verständliche Reaktionen auf ungewöhnliche Belastungen validiert, und ich bekäme sogar eine richtige Psychoedukation, in der man mir darlegt, wie Menschen im Allgemeinen auf Übergriffe reagieren, bei denen sie weder fliehen noch angreifen können. Mich nun doch endlich nicht mehr selbst für verrückt halten zu müssen, sondern zu erfahren, dass solche Reaktionen allgemein menschlich und sogar gar nicht so selten sind, und es normal ist, nicht dauergeärgert, gejagt, verspottet und gemobbt werden zu wollen, und dies nicht mit meiner individuellen Besonderheit zu tun hat, und dass ich diese doch angeblich so normalen Reaktionen der Kinder nicht durch mein abweichendes Verhalten ja auch selbst verursacht hätte und somit schuld am Mobbing und ein typisches Opfer sei, würde für mich eine große Entlastung bedeuten. Es läge also nicht mehr an mir und meinem eigenwilligen Empfinden, dass ich diese falschen Übergriffe und Taten als so unerträglich empfand, sondern die Verantwortung läge bei den Tätern, deren Vergehen gemein gültig als nicht hinnehmbar von der Gesellschaft gesehen würden, ähnlich wie bei sexuellen und körperlichen Übergriffen. Ich würde nicht mehr ständig klischeehaft und rassistisch als feinfühlig bezeichnet, weil ich blind bin und alle Blinden ja schließlich alles viel intensiver über das Gehör aufnehmen, sondern es wäre sonnenklar, dass bestimmte Verhaltensweisen von Menschen einfach nicht in Ordnung sind. Auch würde man endlich die zahllosen Barrieren und Überbelastungen anerkennen, denen ich durch meine mehrfachen Einschränkungen im Alltag schutzlos ausgesetzt bin, und es würde endlich die passende Assistenz mit der entsprechenden Ausbildung gefunden, die meine Interessen anderen gegenüber besser vertreten kann als ich und die für meine Verhaltensweisen oder Reaktionen bei Überbelastung und Überforderung und Überstimulation Verständnis hätte und dementsprechend angemessen intervenieren könnte. Zusätzlich bekäme ich von einem durch das Wunder gefundenen Ergotherapeuten während eines aufklärenden Gespräches und während der Therapiesitzungen Informationen über mein Krankheitsbild und über die hierfür klassischen Schwierigkeiten, dass eben meine sogenannte Ungeschicklichkeit und meine Probleme mit dem Gleichgewicht und der Sensomotorik schließlich ganz typisch für meine Störung seien und daher gut einzuordnen. Dies würde sicher sehr beruhigend auf mich wirken, sodass ich anfangen könnte, mich nicht ständig selbst für meine Tollpatschigkeit zu hassen, und kein Ergotherapeut würde es mehr wagen, mir eine geringe Frustrationstoleranz zu attestieren, wenn ich die Geduld verliere, sondern jeder hätte Verständnis, dass ich, die ich schon so viele Niederlagen eingesteckt habe und im Alltag für jeden Handgriff so extrem viel Konzentration benötige und dennoch so viel schiefgeht, dann auch manchmal einfach nicht mehr kann und wütend werde. Meine Erklärungen, warum ich bestimmte Dinge nicht so hinbekomme wie andere, würden nicht länger so interpretiert, als ob ich meine Behinderungen als faule Ausreden benutze. Ich hätte durch eine angemessene Aufklärung hinsichtlich meines Krankheitsbildes genügend argumentative Munition, dass ich vor allem den Trostfloskeln und Bagatellisierungen, die mir andere oft ziemlich ungnädig entgegenschleudern, endlich mit der diagnostischen Einschätzung im Rücken etwas sehr Überzeugendes entgegenzusetzen hätte. Alle anderen Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld und auch ich wären mit meinen Schwierigkeiten im Alltag versöhnt. Ich wäre nicht mehr das kleine, lebensuntüchtige, unerfahrene und ungeschickte Ding, was von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, nur weil ich keine Arbeit, keinen Partner, keine Kinder und keine eigene Familie aufgebaut habe. Wenn sich jemand mir gegenüber diskriminierend verhielte, würde man in erster Linie und als allererstes Empathie und Mitgefühl mit mir haben und mir nicht nur belehrende Vorträge darüber halten, warum andere Menschen so sind, weil sie ja schließlich unwissend, hilflos und unsicher seien, Zeitmangel, Geldmangel oder schlechte Bezahlung erdulden müssten, und man würde nicht automatisch nur mein Verständnis für die andere Seite, die einfach nur Gefangene des Systems ist, einfordern, sondern mindestens genauso viel Verständnis für die anwesende Person, nämlich mich, haben. Dies würde nicht bedeuten, dass mein Gegenüber dann anfängt, auf die anderen Personen zu schimpfen, sondern man bliebe einfach einmal bei mir und hätte Anteilnahme daran, wie es mir wohl mit bestimmten Situationen geht, und ich würde in meinen Gefühlen bestärkt und verstanden.
Man würde mir nicht ständig die Welt erklären wie einem unerfahrenen und trotzigen Kind, welchem man jetzt endlich auch einmal die andere Seite zeigen muss. Die Leute wüssten, wen sie da vor sich haben. Ich würde gesehen werden mit meinem Universitätsdiplom und den Kenntnissen und Erfahrungen, die ich – nicht zuletzt durch meine früheren Erlebnisse in Familie und Internat und durch die stattgehabten Erkrankungen, Behandlungen und Krankenhausaufenthalte, Dialyse und Transplantation – mitbringe, und auch meine vielen Reisen, die Auslandsaufenthalte, mein Studienjahr in England im Rahmen eines Stipendiums, mein Aufenthalt in Amerika und die vielen Umschulungsversuche und meine zahlreichen Begegnungen mit Ämtern und Behörden würden als Lebenserfahrung angerechnet. Wenn ich etwas aus meinem Fachgebiet erzählen würde, würde niemand heimlich aufs Handy schauen, weil ich das ja nicht merke, sondern sich einfach aufklären lassen wie bei anderen auch. Es gäbe dann auch Menschen, die einmal die Größe besitzen, sich für gemachte Fehler zu entschuldigen oder einmal zuzugeben, dass ich ihnen in einigen Dingen die Augen geöffnet habe, dass sie jetzt auch mal die Dinge so sehen, wie sie sie zuvor vielleicht noch nicht gesehen hatten, ohne dass gleich wieder beteuert würde, man habe das doch ganz anders gemeint oder man wolle das doch gar nicht gesagt haben. Vielmehr würden Menschen aus der Begegnung ihr Lehrstück ziehen und vielleicht auch einmal anfangen, umzudenken. Die jungen Assistentinnen würden mit mir auf Augenhöhe reden und nicht so, als sei ich wegen meiner nun endlich offiziell diagnostizierten Teilleistungsstörungen auf allen Gebieten beschränkt. Meine früheren Leistungen wie Abschlüsse etc. wären nicht verwirkt, nur weil ich durch meine zahlreichen Erkrankungen nun sehr viel an geistiger Leistungsfähigkeit eingebüßt habe, sondern man würde mich weiterhin respektieren als jemanden, die ein hohes Bildungsniveau erreicht hat. Die Putzfrau würde nicht zwei Stunden vor Termin erst auf Nachfrage absagen, dass sie gar nicht mehr kommt. Man würde eine zuverlässige Frau finden, und die wäre dann sogar halbwegs pünktlich. Wenn ich nach etwas suchen würde, würde sie es schnell finden, und wenn ich ganz harmlos und ohne Hintergedanken ausriefe: „Mensch, das Teil habe ich jetzt seit drei Tagen gesucht“, würde ich keine Vorlesung über Wahrnehmung und das Gehirn und alltägliche Phänomene erhalten, die schließlich bei Sehenden genauso wären wie bei mir, sondern sie würde entweder schweigen oder vielleicht sogar sagen: „Ja, wenn man es halt nicht so sieht, dafür sind wir ja da.“
Wenn ich auf die Straße ginge, würde niemand sagen: „Na, Wackerle, wohin gehst du denn?“ Und die Leute würden nicht wie angewurzelt stehen bleiben und mich um sich herumgehen lassen und mir danach auf die Schulter klopfen und rufen: „Prima gemacht!“ Wenn ich in einen Laden ginge, würde ich nicht wahlweise mit „junge Frau“ oder „junge Dame“ angeredet, sondern einfach entweder mit Namen oder mit „Bitteschön, Sie sind dran!“ Vor allem würde ich mit Sie angesprochen werden! Wenn ich mit Begleitung unterwegs wäre, würde man mich als Kundin ansprechen, oder ich hätte gar eine couragierte Begleitung dabei, die sagen würde, dass die Person ruhig mit mir reden kann. Wir würden nicht ständig von allen möglichen Leuten angestarrt, und die Begleitung würde mir auch keinen psychologischen Belehrungsvortrag darüber halten, dass dies nun mal in der Natur des Menschen läge, jemanden, der auffällt, anzustarren. Es würde nicht mehr auf meinen Körper und mein Anderssein geschoben, sondern auf die Ungezogenheit der Leute, wenn sie mich zur Seite schubsen oder aggressiv anmeckern, doch gefälligst aus dem Weg zu gehen, weil sie meinen Stock nämlich sehen. Und meine Begleitung würde mir bei Rempeleien oder Anschreien nicht erklären, dass schließlich nicht jeder Mensch mit einer Behinderten klarkäme und ihre Freunde sich darüber wunderten, dass sie bei solchen Leuten arbeitet, und ich daher eben verstehen müsste, dass Menschen so auf mich reagieren. Niemand mehr würde mir Verständnis für meine eigene Diskriminierung abverlangen. Vielmehr wäre ich es, die getröstet oder vielleicht sogar – ich wage es ohne Bekreuzigung gar nicht zu schreiben – in den Arm genommen würde, wenn mir solche Dinge angetan werden. Ich könnte in einem Geschäft mein Anliegen vortragen und würde nicht spürbar abschätzig von oben bis unten gemustert, und keiner wäre brüskiert, wenn so ein kleines Persönchen energisch kundtut, was es will, und keiner würde mit Unwillen oder ungehalten reagieren.
Ich würde auch nicht ständig gefragt, was ich noch sehe, und dann darauf hingewiesen, dass das doch noch ganz schön viel sei – schließlich könnten ja Blinde gar nichts mehr sehen. Auch würde ich keine Tests mehr machen müssen, bei denen Ärzte mich fragen, ob ich ihre schöne Frisur sehe, ich wegen des Autismus nicht merke, dass hier ein subtiler Sehtest stattfindet, und mir Mühe gebe, das Richtige zu sagen, und sich die Frisur, wie sie mir hinterher verraten, eigentlich als Glatze herausstellt. Und wenn ich solche Dinge anderen erzählte, würden die Leute sich ob dieser demütigenden Vorführung empören und nicht immer nur sagen: „Das hat der doch nicht böse gemeint!“ Bei einer Telefonhotline würde ich nicht dauernd 30 Minuten warten, sondern ich hätte mal mehr Glück und käme schneller dran. Ich dürfte auch ausreden und nochmal nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden hätte. Die Leute dort hätten mehr Geduld und würden berücksichtigen, dass ich besondere Herausforderungen habe. Keiner in meinem engsten Umfeld würde mir hinterher einen Belehrungsvortrag halten, dass diese Leute halt überarbeitet sind und ihren Frust dann halt am Schwächeren auslassen, und ich würde von meinen halb so alten Assistentinnen keine betriebswirtschaftliche Vorlesung für Weltfremde über die miesen Arbeitsbedingungen bei Post, Bahn und Telefonhotlines mehr erhalten, für die ich genauso wenig kann wie die Leute dort selbst. Vielleicht würde dann mein Zuhörer zur Abwechslung sogar mal an mich denken und zurückgeben, dass er sich das ganz schön anstrengend vorstellt, unter welcher Anspannung und Frustration für mich diese Interaktionen ablaufen. Wenn ich etwas zu meinem Autismus sagen würde, würde man mich fragen, wie sich das äußert. Danach käme aber dann nicht wie sonst die Aussage: „Das habe ich auch oft, dann wäre ich ja auch Autist“, und es würde mir auch nicht jeder erklären, dass er eigentlich auch leichten Autismus hätte, aber ganz ohne Hilfe klarkäme und im Gegensatz zu mir auch keine offizielle Diagnose bräuchte und sich einfach selbst diagnostiziert hätte – das würde doch reichen, er bräuchte keine offizielle Diagnose. Nach diesem Wunder hörte ich auf einmal wie alle anderen von dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung Betroffenen auch den Satz: „Danke, jetzt weiß ich Bescheid, jetzt kann ich einiges besser einordnen.“ Und würde ich mich irgendwo nicht durchsetzen können, hagelte es nicht haufenweise Ratschläge mit dem Tenor: „Das kenne ich auch, aber ich wehre mich dann eben! Ich störe mich da nicht dran! Mir ist egal, was dann die Leute sagen, ich setze mich da schon durch.“ Vielmehr würden sich die Menschen freuen, dass sie günstigere Voraussetzungen für die nonverbale Kommunikation und mehr Autorität haben als ich, und mir eventuell sogar anbieten, mir das nächste Mal bei der Durchsetzung meiner Interessen zu helfen. Sie würden sich nicht über mich stellen und signalisieren, wie viel weiter, unabhängiger, mutiger und stärker sie sind, sondern sie würden sich gedanklich mit mir auf dieselbe Stufe stellen und sich neben mich setzen und bescheiden denken: Wer weiß, wie ich wäre, wenn ich solche Herausforderungen hätte – dann könnte ich das alles ja auch nicht. Auch bei der täglichen Unbill, den vielen Kämpfen um banale Dinge, denen ich nachlaufen muss, den vielen Bestellungen, die komischerweise immer bei mir untergehen und bei denen ich dann abermals nachfragen muss, den zahlreichen Pleiten, Pech und Pannen, die ich durch meine schlechte Feinmotorik, Koordination und den Mangel beim Gleichgewicht erlebe, käme nicht gleich jeder mit der Moralkeule heraus und würde mit Sprüchen auf mich einprügeln wie: „Das Leben ist halt nun mal kein Ponyhof, es wäre doch langweilig, wenn immer alles klappen würde. Da darf man nicht gleich so in Panik verfallen, da muss man eben auch mal gelassen bleiben. Das ist eben im Leben nun mal so, sieh mal, mir geht es auch so, da muss man halt auch mal Ruhe bewahren, in der Ruhe liegt die Kraft. So ist das eben, im Leben kann halt auch mal etwas schiefgehen!“ Wenn mir gerade meine Assistenz abgesagt hat, sodass ich meine Vorhaben, bei denen ich auf sie angewiesen bin, wieder vollkommen neu organisieren muss, vor allem wenn schon alles drumherum so geplant ist und dann auch andere mit drinhängen, dann würde nach einem Wunder niemand mehr auf die Idee kommen, mich in meinem Alter und nach all dem, was ich schon durchhabe, so schulmeisterlich über die üblichen Widerfährnisse des Lebens zurechtzuweisen. Vielmehr würde man sagen, wie erstaunlich es doch bei all diesen täglichen Kämpfen und Herausforderungen ist, da noch halbwegs denken zu können und wieder flexibel alles umzustellen. Ich würde nie wieder den Spruch hören: „In der Ruhe liegt die Kraft!“ Von Anerkennung und Würdigung kann ich mir zwar nichts kaufen, aber die zusätzlichen Verletzungen durch diese blöden Sprüche bleiben dann wenigstens aus, die die Situation noch unerträglicher machen. Zusätzlich zu der alltäglichen Quälerei kommt nämlich dann auch noch die Scham hinzu, nicht so reif, gelassen und weise wie alle anderen zu sein. Bei den zahlreichen Barrieren, die ich am Computer mangels Verständnis und durch meine kognitiven Defizite und durch die Blindheit habe und weswegen ich oft stundenlang sitzen muss, um irgendeine Transaktion auszuführen, würde mich nicht jeder der Ungeduld zeihen oder mir vorwerfen, ich würde nur nicht genügend probieren, sondern die Leute würden sagen, dass sie wahnsinnig würden, wenn sie auf so viele Barrieren im Internet, bei Apps oder anderen Computerprogrammen stoßen würden und dann ständig ohne fremde Hilfe nicht zurechtkämen. Ich würde gesehen, die magische Ausblendung wäre weg, es gäbe Würdigung und Anerkennung. Ich wäre nicht länger das kleine Dummchen, die sich die anderen doch mal zum Vorbild nehmen sollte, die doch schließlich die gleichen Probleme haben und trotzdem nicht so sind wie ich, und ich würde nicht mehr von Leuten auf diese Weise zurechtgewiesen, die im Übrigen meistens viel jünger sind als ich und mit mir reden, als sei ich ihr Kind oder als seien sie meine Erzieher wie damals im Blindi-Heim. Ich wäre eine erwachsene Person, die schon einiges durchhat und im Leben einiges zu stemmen hat, und nicht länger der Schwächling, die Übernervöse, Hysterische und frustrationstolerante Person, die sofort losplärrt, wenn es mal nicht so läuft, wie sie es gewohnt ist. Ich wäre nicht mehr das weltfremde, verwöhnte und lebensuntüchtige Ding, sondern jemand, die viele bislang noch nicht anerkannte Herausforderungen vom Aufstehen an zu bewältigen hat: den Kampf mit den Knöpfen, Reißverschlüssen, Verpackungen, Geräten, Hindernissen und der Elektronik, die Quälerei mit der alltäglichen Kommunikation, das Durchsetzen von Dienstleistungen und das Management von zwölf Medikamenten oder die Durchsetzung von Krankenhausaufenthalten, Untersuchungen und den Kampf, von Ärzten ernst genommen zu werden. Es gäbe auch niemanden mehr in meinem engsten Umfeld, der, wenn ich mal laut würde und schimpfte, mich gleich zur Geduld mahnt und dann noch seine eigene Gelassenheit preist, sondern Empathie wäre angesagt, von Schweigen bis hin zu: „Ja, ganz schön schwer, gar nicht so leicht, da kann man schon mal aus der Haut fahren!“ Und all das würde nicht mehr als Bemitleiden oder Bedauern betrachtet, was mir ja schließlich auch nichts helfe und mich nicht weiterbrächte, sondern als ganz normale Anteilnahme, Mitmenschlichkeit, für die man nicht erst Psychologie studiert haben muss, wie mir häufig erklärt wird, wenn ich etwas mehr Einfühlungsvermögen und weniger herablassende Belehrungen und Überheblichkeit einfordere. Es gäbe Menschen, die einfach Herzensbildung besitzen und anerkennen, dass eben nicht „jeder sein Päckchen“ zu tragen hätte, sondern – wie man es bei anderen behinderten und kranken Menschen auch tut – durch das „Wunder“ auch bei mir eingesehen würde, dass eben nicht alle Päckchen gleich groß sind, und man würde mir zubilligen, dass es sehr wohl Unterschiede gibt, die sich dann eben im Alltag auch dementsprechend auswirken, und dass mein Verhalten oder meine geringeren Errungenschaften und meine manchmal kürzere Zündschnur eben nichts mit Ungeduld, Unreife, Schwäche oder einem schlechteren Charakter zu tun haben. Niemand hat Grund dazu, mit einer Krankheit anzugeben oder stolz darauf zu sein, und keiner brüstet sich damit: „Schau mal, was ich alles habe!“ Aber ich würde dann auch nicht mehr von oben herab eingeschätzt und dementsprechend ungnädig behandelt, sondern gesehen, anerkannt und ernst genommen als Erwachsene und nicht als unerfahrenes Kind, das halt all das noch lernen und erfahren muss, was andere längst schon wissen. Mir bräuchte dann wahrlich niemand mehr zu erklären, dass das Leben kein Ponyhof ist und nicht immer alles klappen kann. Das brächte dann keiner mehr über die Lippen, und diese Sätze würden den Menschen im Halse steckenbleiben. Eine Behinderung ist kein Freibrief für schlechtes Benehmen, aber dann wiederum benehme ich mich ja auch nicht schlecht, sondern nur anders. Ich reiße mich nicht darum, etwas Besonderes zu sein, ich wäre lieber ganz normal, was ich jeden Tag hundertmal merke, wenn ich wieder an eine Barriere gestoßen bin. Aber wenn es so ist, dann möchte ich das auch nicht bescheiden verschweigen müssen, sondern danach leben dürfen und so behindert sein, wie ich eben bin. Wenn ein Wunder geschähe, gäbe es auch mal Menschen, die sagen: Ich bin nicht blind, ich habe keinen Autismus, keine ADHS, keine Probleme mit Feinmotorik, Gleichgewicht und Koordination, ich habe keine Wahrnehmungsstörungen und bin auch nicht nierentransplantiert, ich kann da nicht mitreden und das nicht beurteilen, da rede ich mich vielleicht sonst leicht. Und ich würde dementsprechend gerecht beurteilt werden. Wenn ohne dieses Wunder meine speziellen Herausforderungen keiner sieht, muss ich eben auch öfter daran erinnern. Ich sage niemals, dass andere Menschen keine Probleme haben, aber wer ein Problem damit hat, dass ich für mich in Anspruch nehme, überdurchschnittlich viele Herausforderungen zu haben, kann ja gerne mal mit mir tauschen. Aber nun geschieht eben dieses Wunder nicht, und ich bin nun mal verhext, und daher werden diese Interaktionen, die – so weltfremd bin ich nicht – anderen Behinderten größtenteils vergönnt sind, in meinem Leben niemals stattfinden. Und ohne dieses Wunder werden wahrscheinlich stattdessen all die anderen von mir zitierten Sprüche, Sätze, gut gemeinten Ratschläge, Ermahnungen, Belehrungen und Vergleiche ewig so weitergehen. Ein moderner Therapeut würde mir dann wahrscheinlich genau dies erklären, und dann käme wahrscheinlich wieder der Satz: „Sie können die anderen nicht ändern, Sie können nur sich selbst ändern.“ Das würde mir ohne eine Familienpackung Valium wahrscheinlich eher nicht gelingen, denn so viel Gelassenheit, die dafür nötig wäre, wäre nur auf synthetischem Wege herzustellen. Und meinen Körper und meine Behinderungen kann ich ebenfalls nicht verändern.




