Villmar-Weyer
Ich habe einen Herz-Schritt-Macher bekommen.
Das ist ein kleines Gerät.
Das Gerät hilft dem Herzen.
Es sorgt dafür: Das Herz schlägt richtig.
Seitdem messe ich oft meinen Blut-Druck.
Blut-Druck zeigt: wie stark das Herz pumpt.
Das Herz pumpt Blut durch den Körper.
Meine Therapeutin sagt: Das ist eine Herz-Neurose.
Eine Person hat Angst um ihr Herz.
Aber das Herz ist gesund.
Die Angst ist da ohne Grund.
Eine Neurose ist eine starke Angst.
Die Angst wird noch stärker durch meine Angst-Störung.
Eine Person hat sehr viel Angst.
Die Angst kommt oft ohne Grund.
Das ist eine Krankheit.
Manchmal lese ich einen bestimmten Satz.
Der Satz heißt: spezifische Interessen von Menschen mit Behinderungen.
Etwas funktioniert nicht so gut am Körper.
Deshalb ist manches schwerer zu machen.
Spezifische Interessen bedeutet: besondere Interessen.
Eine Person mag bestimmte Dinge sehr.
Die Person beschäftigt sich viel damit.
Dann wird mein Blut-Druck sehr hoch.
Warum ist das so?
Ist Blut-Druck messen mein spezifisches Interesse?
Ich kenne eine Geschichte dazu.
Ein Mann schenkte seiner Frau einen teuren Koch-Topf.
Das war zum Geburts-Tag.
Der Mann meinte: Das ist gut gemeint.
Aber die Frau war nicht froh.
Der Mann dachte: Meine Frau will schneller kochen.
Das ist ihr spezifisches Interesse.
Aber vielleicht wollte die Frau etwas ganz anderes.
Vielleicht wollte sie den Koch-Topf werfen.
Meine Familie sagt: Stephan ist schwer zu beschenken.
Ich finde: Ich bekomme selten gute Geschenke.
Einmal sagte ich: Ich mag Wein-Brand-Bohnen.
Das sind besondere Süßigkeiten.
Danach bekam ich sehr viele Wein-Brand-Bohnen.
Vielleicht habe ich deshalb jetzt Diabetes.
Das ist eine Krankheit mit Zucker.
Das Blut hat zu viel Zucker.
Ich habe in der Behinderten-Hilfe gearbeitet.
Dort leben Menschen mit Lern-Schwierigkeiten.
Viele Mitarbeiter sagen: Diese Menschen mögen Schlager-Musik.
Das ist eine Art von Musik.
Die Lieder sind einfach und fröhlich.
Man kann gut mit-singen.
Das ist ihr spezifisches Interesse.
Deshalb hören sie immer nur Schlager-Musik.
Aber stimmt das wirklich?
Stellen Sie sich vor: Sie leben in einem Wohn-Heim.
Sagen Sie nie: Ich mag Puzzle.
Sonst müssen Sie jeden Tag puzzeln.
Sie bekommen nur noch Puzzle geschenkt.
Das wollen Sie vielleicht gar nicht.
Ein Mensch im Roll-Stuhl braucht abgesenkte Bord-Steine.
Das ist kein Hobby.
Das ist eine Not-Wendigkeit.
Manche Menschen mit Autismus brauchen eine ruhige Umgebung.
Menschen denken anders.
Sie fühlen anders als andere Menschen.
Das ist kein besonderes Interesse.
Das ist wichtig für sie.
Menschen mit Behinderungen müssen für Barriere-Freiheit kämpfen.
Alle Menschen können etwas benutzen.
Es gibt keine Hindernisse.
Sie haben eine andere Sicht auf die Welt.
Diese Sicht ist wichtig für alle Menschen.
Alle sollen mit-reden können.
Das nennt man: Teil-Habe.
Bei etwas mit-machen können.
Alle sollen mit-machen dürfen.
Das Wort spezifisch kommt von Spezies.
Spezies bedeutet: besondere Art.
Spezies bedeutet: Art.
Das ist ein Fach-Wort aus der Biologie.
Zum Beispiel: Der Hund ist eine Spezies.
Die Katze ist eine andere Spezies.
Das Wort passt nicht zur Behinderten-Politik.
Es klingt so: Menschen mit Behinderungen sind eine andere Art.
Das ist falsch.
Das ist Menschen-verachtend.
Jemand behandelt andere Menschen sehr schlecht.
Die Person hat keinen Respekt.
Die Person findet: Andere Menschen sind weniger wert.
Das Institut für Menschen-Rechte benutzt dieses Wort.
Alle Menschen haben gleiche Rechte.
Diese Rechte gelten überall.
Das Institut gibt Empfehlungen für die Politik.
Aber das Wort ist nicht gut.
Es zeigt: Das Institut hat die UN-BRK nicht verstanden.
UN-BRK ist die Abkürzung für: UN-Behinderten-Rechts-Konvention.
Die UN-Behinderten-Konvention ist ein Vertrag.
Der Vertrag schützt Menschen mit Behinderung.
Manche Leute sagen vielleicht über mich:
Stephan hat ein spezifisches Interesse.
Er ärgert sich über bestimmte Wörter.
Aber ich tue das nicht freiwillig.
Ich muss das tun.
Sonst könnte ich meinen Blut-Druck messen.
Stephan Laux
Oktober 2025

Foto: Susanne Göbel
Villmar -Weyer (kobinet) Seit das deutsche Gesundheitssystem mir einen Herzschrittmacher spendiert hat, messe ich wie besessen meinen Blutdruck. Herzneurose nennt das meine Therapeutin. Diese Neurose verstärkt sich durch meine Angststörung, meint sie. Wenn ich die Formulierung "spezifische Interessen von Menschen mit Behinderungen" lese oder höre, misst mein Blutdruckgerät astronomische Werte. Woran liegt das nur? Und entspricht mein neues Hobby, das Blutdruckmessen, meinem spezifischen Interesse?
Der Freund eines Freundes hat seiner Gattin einmal zu einem runden Geburtstag einen sauteuren Schnellkochtopf geschenkt. Das war vielleicht gut gemeint. Ging aber ordentlich nach hinten los.
Der Freund meines Freundes handelte wohl in der Absicht, es sei im spezifischen Interesse seiner Angetrauten, ihm seine Leibspeise noch schneller zuzubereiten. Ob es im spezifischen Interesse der so Beschenkten war, den Schnellkochtopf als Waffe zu entfremden, ist nicht überliefert, aber denkbar.
Von mir selbst behauptet meine Familie, ich sei schwer zu beschenken. Was ich so nicht beurteilen kann und will, weil ich selten wirklich befriedigende Geschenke von meiner Familie bekommen habe.
In meiner Verzweiflung darüber hatte ich einmal leichtsinnigerweise mein spezifisches Interesse an Weinbrandbohnen (die mit der Zuckerkruste innen, die gibt es nur in ausgewählten Confiserien) erwähnt.
Ich bin mir nicht sicher, ob mein Diabetes mit der Tatsache zusammenhängt, dass ich eine Zeit lang mit Weinbrandbohnen überschüttet wurde.
In meiner Tätigkeit in der Behindertenhilfe beobachtete ich oft, dass angeblich geistig beeinträchtigten Erwachsenen ein spezifisches Interesse an Schlagermusik unterstellt wurde. Ein Umstand, der sie dazu verdammte, hauptsächlich mit flachem Gedudel, das eine Folge von drei verschiedenen Akkorden nie überschritt, beschallt zu werden.
Sollten Sie einmal in die Verlegenheit kommen, in eine besondere Wohnform der Behindertenhilfe untergebracht zu werden, empfehle ich Ihnen dringend, niemals ein spezifisches Interesse am Puzzeln zu bekunden. Sie werden fortan den Großteil Ihrer Tagesstruktur damit verbringen. Sie werden Puzzles zu Ihren Geburtstagen geschenkt bekommen, denn es gibt sie in allen Formen und Motiven und mit einer schier unendlichen Zahl an Teilen.
Ein rollstuhlfahrender Mensch hat nicht freiwillig ein Interesse an abgesenkten Bordsteinen. Manche Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen engagieren sich nicht aus Langeweile für eine reizarme Umgebung. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Menschen mit Beeinträchtigungen werden gezwungen, sich für Barrierefreiheit einzusetzen.
Ihre Beeinträchtigung versetzt sie jedoch in eine andere Perspektive. Diese Perspektive ist eine Bereicherung für alle gesellschaftlichen und politischen Prozesse. Deren Einbeziehung bedeutet Teilhabe.
Das Wort „spezifisch“ leitet sich von Spezies ab (Spe·zi·es, besondere, bestimmte Art, Sorte von etwas, einer Gattung) und ist deshalb im behindertenpolitischen Kontext mehr als unangebracht.
Eine Politik, die es dennoch, vielleicht auf Empfehlung des Instituts für Menschenrechte, „in den Mund nimmt“, offenbart eine tief verwurzelte Menschenverachtung und hat wieder einmal die UN-BRK nicht verstanden.
„Stephan Laux hat ein spezifisches Interesse daran, sich an bestimmten Formulierungen und Definitionen abzuarbeiten“, könnte man nicht erst nach dieser Kolumne analysieren.
Wenn ein renommiertes Institut wie das Institut für Menschenrechte solche Begriffe in seinen Empfehlungen für die Politik benutzt, dann komme ich einfach nicht darum herum. Ich tue das nicht freiwillig. Ich könnte in der Zeit auch meinen Blutdruck messen.
Stephan Laux Oktober 2025

Foto: Susanne Göbel
Villmar -Weyer (kobinet) Seit das deutsche Gesundheitssystem mir einen Herzschrittmacher spendiert hat, messe ich wie besessen meinen Blutdruck. Herzneurose nennt das meine Therapeutin. Diese Neurose verstärkt sich durch meine Angststörung, meint sie. Wenn ich die Formulierung "spezifische Interessen von Menschen mit Behinderungen" lese oder höre, misst mein Blutdruckgerät astronomische Werte. Woran liegt das nur? Und entspricht mein neues Hobby, das Blutdruckmessen, meinem spezifischen Interesse?
Der Freund eines Freundes hat seiner Gattin einmal zu einem runden Geburtstag einen sauteuren Schnellkochtopf geschenkt. Das war vielleicht gut gemeint. Ging aber ordentlich nach hinten los.
Der Freund meines Freundes handelte wohl in der Absicht, es sei im spezifischen Interesse seiner Angetrauten, ihm seine Leibspeise noch schneller zuzubereiten. Ob es im spezifischen Interesse der so Beschenkten war, den Schnellkochtopf als Waffe zu entfremden, ist nicht überliefert, aber denkbar.
Von mir selbst behauptet meine Familie, ich sei schwer zu beschenken. Was ich so nicht beurteilen kann und will, weil ich selten wirklich befriedigende Geschenke von meiner Familie bekommen habe.
In meiner Verzweiflung darüber hatte ich einmal leichtsinnigerweise mein spezifisches Interesse an Weinbrandbohnen (die mit der Zuckerkruste innen, die gibt es nur in ausgewählten Confiserien) erwähnt.
Ich bin mir nicht sicher, ob mein Diabetes mit der Tatsache zusammenhängt, dass ich eine Zeit lang mit Weinbrandbohnen überschüttet wurde.
In meiner Tätigkeit in der Behindertenhilfe beobachtete ich oft, dass angeblich geistig beeinträchtigten Erwachsenen ein spezifisches Interesse an Schlagermusik unterstellt wurde. Ein Umstand, der sie dazu verdammte, hauptsächlich mit flachem Gedudel, das eine Folge von drei verschiedenen Akkorden nie überschritt, beschallt zu werden.
Sollten Sie einmal in die Verlegenheit kommen, in eine besondere Wohnform der Behindertenhilfe untergebracht zu werden, empfehle ich Ihnen dringend, niemals ein spezifisches Interesse am Puzzeln zu bekunden. Sie werden fortan den Großteil Ihrer Tagesstruktur damit verbringen. Sie werden Puzzles zu Ihren Geburtstagen geschenkt bekommen, denn es gibt sie in allen Formen und Motiven und mit einer schier unendlichen Zahl an Teilen.
Ein rollstuhlfahrender Mensch hat nicht freiwillig ein Interesse an abgesenkten Bordsteinen. Manche Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen engagieren sich nicht aus Langeweile für eine reizarme Umgebung. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Menschen mit Beeinträchtigungen werden gezwungen, sich für Barrierefreiheit einzusetzen.
Ihre Beeinträchtigung versetzt sie jedoch in eine andere Perspektive. Diese Perspektive ist eine Bereicherung für alle gesellschaftlichen und politischen Prozesse. Deren Einbeziehung bedeutet Teilhabe.
Das Wort „spezifisch“ leitet sich von Spezies ab (Spe·zi·es, besondere, bestimmte Art, Sorte von etwas, einer Gattung) und ist deshalb im behindertenpolitischen Kontext mehr als unangebracht.
Eine Politik, die es dennoch, vielleicht auf Empfehlung des Instituts für Menschenrechte, „in den Mund nimmt“, offenbart eine tief verwurzelte Menschenverachtung und hat wieder einmal die UN-BRK nicht verstanden.
„Stephan Laux hat ein spezifisches Interesse daran, sich an bestimmten Formulierungen und Definitionen abzuarbeiten“, könnte man nicht erst nach dieser Kolumne analysieren.
Wenn ein renommiertes Institut wie das Institut für Menschenrechte solche Begriffe in seinen Empfehlungen für die Politik benutzt, dann komme ich einfach nicht darum herum. Ich tue das nicht freiwillig. Ich könnte in der Zeit auch meinen Blutdruck messen.
Stephan Laux Oktober 2025





Stephan, beruhige Dich!
Wir leben in keiner gerechten, freiheitlichen, oder gar brüderlich/schwesterlichen Gesellschaft.
Wie es einst die französischen Revolutionäre von 1789 einforderten.
Gier, Habsucht, Macht und Lüge haben Hochkonjunktur!
Lieber Stephan, du siehst das falsch. Wenn du nicht im Stadtrat sitzt, liegt das bestimmt nicht daran, dass du im gesellschaftlichen Leben kaum vorkommst. Nein, das liegt an dir. Hättest du dich halt etwas besser vernetzt zwischen all den Empfängen, Stammtischen, Vereinsabenden, Wahlkampfcocktails und Spontanmeetings in der Altstadtkneipe, zu denen du natürlich problemlos und barrierefrei hinkommst – dann wärst du jetzt sicher Fraktionssprecher oder wenigstens im Bauausschuss.
Aber du weißt ja: Zugänglichkeit ist längst Realität. Alle dürfen mitreden – vorausgesetzt, sie können hingehen, aufstehen, sprechen, spontan bleiben, unabhängig mobil sein und jederzeit präsent wirken. Wenn man das nicht schafft, ist das natürlich kein strukturelles Problem, sondern ein Charakterdefizit.
Und weil das alles schon so wunderbar funktioniert, braucht es dich gar nicht im Stadtrat. Ein oder zwei Behinderten-Beauftragte mit freundlichem Lächeln und kleinem Etat reichen völlig, um den Anschein zu wahren. Die sitzen da als Beweis, dass man „es schaffen kann“ – und dienen gleichzeitig als Mahnung an alle anderen: Wer draußen bleibt, ist wohl selbst schuld.
Also bitte, mecker nicht rum. Das Institut für Menschenrechte redet ja nur zusätzlich von den „spezifischen Interessen“ zur bereits erreichten, vollkommenen Teilhabe. Das ist doch großzügig gemeint – eine kleine Beigabe, eine symbolische Bonusrunde für die, die’s noch nicht kapiert haben, dass sie längst integriert sind. Für jeden was dabei, egal ob laufend oder rollend. Und wer das nicht als Fortschritt erkennt, ist eben die beleidigte Extrawurst.