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Von spezifischem Interesse

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Fragezeichen aus Blumen
Fragezeichen
Foto: Susanne Göbel

Villmar -Weyer (kobinet) Seit das deutsche Gesundheitssystem mir einen Herzschrittmacher spendiert hat, messe ich wie besessen meinen Blutdruck. Herzneurose nennt das meine Therapeutin. Diese Neurose verstärkt sich durch meine Angststörung, meint sie. Wenn ich die Formulierung "spezifische Interessen von Menschen mit Behinderungen" lese oder höre, misst mein Blutdruckgerät astronomische Werte. Woran liegt das nur? Und entspricht mein neues Hobby, das Blutdruckmessen, meinem spezifischen Interesse?

Der Freund eines Freundes hat seiner Gattin einmal zu einem runden Geburtstag einen sauteuren Schnellkochtopf geschenkt. Das war vielleicht gut gemeint. Ging aber ordentlich nach hinten los.

Der Freund meines Freundes handelte wohl in der Absicht, es sei im spezifischen Interesse seiner Angetrauten, ihm seine Leibspeise noch schneller zuzubereiten. Ob es im spezifischen Interesse der so Beschenkten war, den Schnellkochtopf als Waffe zu entfremden, ist nicht überliefert, aber denkbar.

Von mir selbst behauptet meine Familie, ich sei schwer zu beschenken. Was ich so nicht beurteilen kann und will, weil ich selten wirklich befriedigende Geschenke von meiner Familie bekommen habe.

In meiner Verzweiflung darüber hatte ich einmal leichtsinnigerweise mein spezifisches Interesse an Weinbrandbohnen (die mit der Zuckerkruste innen, die gibt es nur in ausgewählten Confiserien) erwähnt.

Ich bin mir nicht sicher, ob mein Diabetes mit der Tatsache zusammenhängt, dass ich eine Zeit lang mit Weinbrandbohnen überschüttet wurde.

In meiner Tätigkeit in der Behindertenhilfe beobachtete ich oft, dass angeblich geistig beeinträchtigten Erwachsenen ein spezifisches Interesse an Schlagermusik unterstellt wurde. Ein Umstand, der sie dazu verdammte, hauptsächlich mit flachem Gedudel, das eine Folge von drei verschiedenen Akkorden nie überschritt, beschallt zu werden.

Sollten Sie einmal in die Verlegenheit kommen, in eine besondere Wohnform der Behindertenhilfe untergebracht zu werden, empfehle ich Ihnen dringend, niemals ein spezifisches Interesse am Puzzeln zu bekunden. Sie werden fortan den Großteil Ihrer Tagesstruktur damit verbringen. Sie werden Puzzles zu Ihren Geburtstagen geschenkt bekommen, denn es gibt sie in allen Formen und Motiven und mit einer schier unendlichen Zahl an Teilen.

Ein rollstuhlfahrender Mensch hat nicht freiwillig ein Interesse an abgesenkten Bordsteinen. Manche Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen engagieren sich nicht aus Langeweile für eine reizarme Umgebung. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Menschen mit Beeinträchtigungen werden gezwungen, sich für Barrierefreiheit einzusetzen.

Ihre Beeinträchtigung versetzt sie jedoch in eine andere Perspektive. Diese Perspektive ist eine Bereicherung für alle gesellschaftlichen und politischen Prozesse. Deren Einbeziehung bedeutet Teilhabe.

Das Wort „spezifisch“ leitet sich von Spezies ab (Spe·zi·es, besondere, bestimmte Art, Sorte von etwas, einer Gattung) und ist deshalb im behindertenpolitischen Kontext mehr als unangebracht.

Eine Politik, die es dennoch, vielleicht auf Empfehlung des Instituts für Menschenrechte, „in den Mund nimmt“, offenbart eine tief verwurzelte Menschenverachtung und hat wieder einmal die UN-BRK nicht verstanden.

„Stephan Laux hat ein spezifisches Interesse daran, sich an bestimmten Formulierungen und Definitionen abzuarbeiten“, könnte man nicht erst nach dieser Kolumne analysieren.

Wenn ein renommiertes Institut wie das Institut für Menschenrechte solche Begriffe in seinen Empfehlungen für die Politik benutzt, dann komme ich einfach nicht darum herum. Ich tue das nicht freiwillig. Ich könnte in der Zeit auch meinen Blutdruck messen.

Stephan Laux Oktober 2025

Lesermeinungen

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2 Lesermeinungen
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Silvia Hauser
13.10.2025 15:10

Stephan, beruhige Dich!

Wir leben in keiner gerechten, freiheitlichen, oder gar brüderlich/schwesterlichen Gesellschaft.
Wie es einst die französischen Revolutionäre von 1789 einforderten.
Gier, Habsucht, Macht und Lüge haben Hochkonjunktur!

Ralph Milewski
12.10.2025 16:21

Lieber Stephan, du siehst das falsch. Wenn du nicht im Stadtrat sitzt, liegt das bestimmt nicht daran, dass du im gesellschaftlichen Leben kaum vorkommst. Nein, das liegt an dir. Hättest du dich halt etwas besser vernetzt zwischen all den Empfängen, Stammtischen, Vereinsabenden, Wahlkampfcocktails und Spontanmeetings in der Altstadtkneipe, zu denen du natürlich problemlos und barrierefrei hinkommst – dann wärst du jetzt sicher Fraktionssprecher oder wenigstens im Bauausschuss.

Aber du weißt ja: Zugänglichkeit ist längst Realität. Alle dürfen mitreden – vorausgesetzt, sie können hingehen, aufstehen, sprechen, spontan bleiben, unabhängig mobil sein und jederzeit präsent wirken. Wenn man das nicht schafft, ist das natürlich kein strukturelles Problem, sondern ein Charakterdefizit.

Und weil das alles schon so wunderbar funktioniert, braucht es dich gar nicht im Stadtrat. Ein oder zwei Behinderten-Beauftragte mit freundlichem Lächeln und kleinem Etat reichen völlig, um den Anschein zu wahren. Die sitzen da als Beweis, dass man „es schaffen kann“ – und dienen gleichzeitig als Mahnung an alle anderen: Wer draußen bleibt, ist wohl selbst schuld.

Also bitte, mecker nicht rum. Das Institut für Menschenrechte redet ja nur zusätzlich von den „spezifischen Interessen“ zur bereits erreichten, vollkommenen Teilhabe. Das ist doch großzügig gemeint – eine kleine Beigabe, eine symbolische Bonusrunde für die, die’s noch nicht kapiert haben, dass sie längst integriert sind. Für jeden was dabei, egal ob laufend oder rollend. Und wer das nicht als Fortschritt erkennt, ist eben die beleidigte Extrawurst.