Mainz (kobinet)
Vom 8. bis 15. Oktober 2025 ist die Woche des Sehens.
Nina Becker hat dazu auf Facebook geschrieben.
Nina Becker arbeitet beim Zentrum für selbst-bestimmtes Leben in Mainz.
Ein Zentrum für selbst-bestimmtes Leben ist eine Beratungs-Stelle.
Dort bekommen Menschen mit Behinderung Hilfe.
Die Menschen können dort lernen: Wie lebe ich so wie ich will?
Wie entscheide ich selbst über mein Leben?
Selbst-bestimmtes Leben bedeutet: Menschen mit Behinderung entscheiden selbst über ihr Leben.
Nina Becker ist blind.
Sie hat einen Text über Bus-Fahren geschrieben.
Die alltäglichen Freuden vom Bus-Fahren als blinde Person
Ein Bericht von Nina Becker
Ich bin schon oft mit dem Bus gefahren.
Trotzdem habe ich jedes Mal Angst.
Bus-Fahren macht mich nicht ruhig.
Ruhig bedeutet: Du hast keine Angst.
Du fühlst dich wohl.
Du bist nicht aufgeregt.
Ich muss sehr gut aufpassen.
Aufpassen bedeutet: Du schaust und hörst genau hin.
Du achtest auf alles.
Du willst nichts verpassen.
Viele Wege kann ich nicht zu Fuß gehen.
Deshalb muss ich den Bus nehmen.
Die meisten Busse haben keine Ansagen außen.
Ich muss den Bus-Fahrer fragen: Welche Linie ist das?
Eine Linie ist eine Bus-Linie oder Bahn-Linie.
Jede Linie hat eine Nummer.
Die Linie fährt immer den gleichen Weg.
Sie hält an den gleichen Halte-Stellen.
Manchmal muss ich zehn Mal fragen.
Dann kann ich erst in den richtigen Bus einsteigen.
Ich muss also immer mit fremden Menschen sprechen.
An großen Halte-Stellen ist es schwierig.
Eine Halte-Stelle ist ein Ort an der Straße.
Dort hält der Bus oder die Bahn.
Menschen können dort ein-steigen.
Oder die Menschen können dort aus-steigen.
Dort stehen oft mehrere Busse hinter-einander.
Ich weiß nicht, welcher Bus wo steht.
Ich kann nicht zu allen Bussen laufen.
Oft fährt mein Bus dann schon weg.
Das merke ich aber erst später.
Im Bus muss ich einen freien Platz finden.
Ich kann nicht gut sehen, wo Plätze frei sind.
Ich taste mit meinem Blinden-Stock.
Ein Blinden-Stock hilft blinden Menschen beim Gehen.
Sie fühlen damit den Weg.
Dabei will ich niemanden treffen.
Aber das ist besser als auf jemanden zu fallen.
Es hilft mir sehr, wenn Menschen mit mir reden.
Sie können mir ihren Platz anbieten.
Oder sie können mir sagen: Hier ist ein freier Platz.
Aber bitte genau sagen, wo der Platz ist.
Nur "hier" zu sagen, hilft mir nicht.
Wenn ich sitze, habe ich immer noch Angst.
Ich hoffe dann: Es gibt Ansagen im Bus.
Die Ansagen sagen die nächste Halte-Stelle an.
Wenn die erste Ansage kommt, fühle ich mich besser.
Besser fühlen bedeutet: Vorher hattest du Sorgen oder Angst.
Jetzt ist alles gut.
Du bist froh und entspannt.
Dann kann ich tief ein-atmen und aus-atmen.
Tief ein-atmen und aus-atmen bedeutet: Du holst Luft.
Das machst du wenn du aufgeregt bist.
Oder wenn du gestresst bist.
Dann kannst du ruhiger werden.
Ich muss aber weiter gut aufpassen.
Ich versuche, ruhig zu bleiben.
Aber ich habe jedes Mal Angst.
Ich sorge mich: Was könnte schief-gehen?
Es gibt viele Dinge, die ich nicht bestimmen kann.
Bestimmen bedeutet: Du entscheidest selbst.
Du kannst sagen: Das soll so sein.
Niemand anders entscheidet für dich.
Ich muss fremden Menschen vertrauen.
Gibt es keine Ansagen im Bus?
Dann kann ich den Bus-Fahrer fragen.
Er kann mir bei meiner Halte-Stelle Bescheid sagen.
Aber das kostet viel Mut.
Und ich muss mich sehr anstrengen.
Anstrengen bedeutet: Du denkst nur an eine Sache.
Du lässt dich nicht ablenken.
Du machst eine Sache zu Ende.
Dann kannst du die Sache gut machen.
Manchmal bin ich müde.
Ich muss auf alles achten.
Ich denke immer: Was kann passieren?
Ich würde gerne ohne Angst Bus fahren.
So wie viele andere Menschen.
Aber die Angst bleibt.
Trotzdem fahre ich jeden Tag Bus.
Ich nehme all meinen Mut zusammen.
Denn Teil-Haben ist wichtig.
Teil-Haben bedeutet: bei etwas mit-machen können.
Alle sollen mit-machen dürfen.
Ich kann überall dabei sein.
Das ist mehr wert als die Angst.
Nina Becker wird noch mehr berichten.
Sie wird erzählen: Was kann man im ÖPNV besser machen?
ÖPNV bedeutet: Öffentlicher Personen-nah-verkehr.
Bus, Bahn und Straßen-bahn fahren.
Alle Menschen können mit-fahren.

Foto: ISL
Mainz (kobinet) Passend zur Woche des Sehens, die vom 8. bis 15. Oktober 2025 begangen wird, hat sich Nina Becker vom Mainzer Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen auf Facebook mit einem Beitrag mit dem Titel "Die alltäglichen Freuden des Busfahrens als blinde Person" zu Wort gemeldet. Unzuverlässige Ansagen, Probleme bei der Platzsuche im Bus, die Unsicherheit, ob die Haltestellen durchgesagt werden – das sind nur einige Aspekte, die Nina Becker bei einer Busfahrt begleiten und die sie in ihrem Beitrag beschreibt.
Die alltäglichen Freuden des Busfahrens als blinde Person
Bericht von Nina Becker
Tatsächlich sollte man meinen, dass ich mittlerweile so oft in meinem Leben allein mit dem Bus gefahren bin, dass es nichts Besonderes mehr für mich ist. In Wahrheit bin ich jedoch selbst immer wieder überrascht, wie viel Angst mir diese alltägliche Aufgabe nach wie vor macht und wie verunsichert ich in vielen Situationen bin. Busfahren ist für mich keine gemütliche Alternative zum Zu-Fuß-Gehen, bei der ich z. B. auf dem Weg zur Arbeit entspannt wach werden kann. Es ist vielmehr eine Notwendigkeit, um von A nach B zu kommen, da viele Wege für mich zu Fuß einfach zu kompliziert sind und ich mir nicht unendlich viele Strecken merken kann.
Dabei ist Busfahren meist nicht weniger fehleranfällig und herausfordernd. Da es größtenteils keine Lautsprecheransagen außen an den Fahrzeugen gibt, muss ich jeden Busfahrer erst einmal fragen, welche Linie da gerade vor mir steht. An manchen Tagen habe ich dann schon zehnmal gefragt: „Welche Linie ist das?“, bevor ich in den richtigen Bus einsteigen kann. Also kein Platz für Schüchternheit oder die Vermeidung sozialer Kontakte am frühen Morgen 
Besonders lustig wird es dann an großen Haltestellen, wenn mehrere Busse hintereinander stehen. Ich habe ja keine Ahnung, ob meine gewünschte Linie gerade als zweiter in der Reihe steht und auch nicht die Zeit, immer extra zu allen Bussen zu laufen und nachzufragen. Wie oft ist mir dadurch schon mein Bus vor der Nase weggefahren, weil ich ganz vorne an der Haltestelle stand und der hintere Bus dort nicht noch einmal angehalten hat. Dass mir das wieder passiert ist, merke ich dann auch erst, wenn ich vergeblich lange auf den nächsten Bus gewartet habe und mir zusammenreime, dass er schon vorbeigefahren sein muss.
Wenn ich dann endlich im richtigen Bus bin, beginnt die Suche nach einem leeren Platz. Die Lichtverhältnisse und Schatten machen es mir fast unmöglich zu erkennen, ob Sitze bereits besetzt sind. Deshalb versuche ich, leicht mit dem Blindenstock zu ertasten, ohne dabei jemanden zu erschlagen. Aber das ist wahrscheinlich weniger peinlich, als plötzlich bei jemandem auf dem Schoß zu landen 
Es hilft mir sehr, wenn die Menschen im Bus einfach mit mir reden, mir entweder ihren Platz anbieten oder mich auf einen freien Sitz hinweisen. Unkonkrete Aussagen wie „hier ist noch frei“ helfen mir leider gar nicht, wenn sie von irgendwo aus dem überfüllten Bus gerufen werden und ich keine Ahnung habe, wo genau „hier“ eigentlich sein soll. 
Selbst wenn ich dann endlich im Bus sitze, ist die Angst noch nicht vorbei. Ich ertappe mich jedes Mal dabei, dass ich die ersten zwei Minuten schon fast panisch im Bus sitze und mir der Gedanke im Kopf kreist, dass es hoffentlich bitte akustische Ansagen der nächsten Stops geben soll. Sobald die erste Ansage ertönt, fällt einiges der Anspannung von mir ab und ich kann erst mal durchatmen. Nun heißt es nur noch, den Stopknopf zu finden und aufmerksam zu bleiben, um an der richtigen Haltestelle auszusteigen.
Ich versuche immer, mich selbst während der Busfahrten zu beruhigen, aber jedes Mal spüre ich wieder diese Anspannung und die irrationalen Sorgen, was alles schiefgehen könnte. Es gibt einfach viel zu viele Komponenten, die ich nicht selbst beeinflussen kann und bei denen ich Unbekannten vertrauen muss. Ich sage mir immer wieder, dass es für alles eine Lösung gibt – gibt es keine akustischen Ansagen, kann ich z. B. den Fahrer bitten, mir bei meiner Haltestelle Bescheid zu sagen. Aber all das kostet immer wieder so viel Überwindung, Mut und Konzentration.
Manchmal bin ich so müde davon, auf alles zu achten und jedes Szenario in meinem Kopf immer wieder durchzuspielen. Wie gerne würde ich diese Ängste einfach mal abschalten und so vertrauensvoll Bus fahren können wie viele andere. Aber die Angst bleibt mein täglicher Begleiter und sitzt neben mir, egal wie oft ich diese Erfahrung mache und wie viele positive Erlebnisse ich habe. Und trotzdem kratze ich immer wieder all meinen Mut zusammen und überwinde mich jeden Tag aufs Neue. Denn echte Teilhabe ist so viel mehr wert als ein paar Minuten Angst und ein paar Schritte raus aus der Komfortzone 
In den nächsten Beiträgen werde ich noch mehr von meinen Erlebnissen im ÖPNV erzählen und wie man in diesen Situationen sinnvoll helfen kann.

Foto: ISL
Mainz (kobinet) Passend zur Woche des Sehens, die vom 8. bis 15. Oktober 2025 begangen wird, hat sich Nina Becker vom Mainzer Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen auf Facebook mit einem Beitrag mit dem Titel "Die alltäglichen Freuden des Busfahrens als blinde Person" zu Wort gemeldet. Unzuverlässige Ansagen, Probleme bei der Platzsuche im Bus, die Unsicherheit, ob die Haltestellen durchgesagt werden – das sind nur einige Aspekte, die Nina Becker bei einer Busfahrt begleiten und die sie in ihrem Beitrag beschreibt.
Die alltäglichen Freuden des Busfahrens als blinde Person
Bericht von Nina Becker
Tatsächlich sollte man meinen, dass ich mittlerweile so oft in meinem Leben allein mit dem Bus gefahren bin, dass es nichts Besonderes mehr für mich ist. In Wahrheit bin ich jedoch selbst immer wieder überrascht, wie viel Angst mir diese alltägliche Aufgabe nach wie vor macht und wie verunsichert ich in vielen Situationen bin. Busfahren ist für mich keine gemütliche Alternative zum Zu-Fuß-Gehen, bei der ich z. B. auf dem Weg zur Arbeit entspannt wach werden kann. Es ist vielmehr eine Notwendigkeit, um von A nach B zu kommen, da viele Wege für mich zu Fuß einfach zu kompliziert sind und ich mir nicht unendlich viele Strecken merken kann.
Dabei ist Busfahren meist nicht weniger fehleranfällig und herausfordernd. Da es größtenteils keine Lautsprecheransagen außen an den Fahrzeugen gibt, muss ich jeden Busfahrer erst einmal fragen, welche Linie da gerade vor mir steht. An manchen Tagen habe ich dann schon zehnmal gefragt: „Welche Linie ist das?“, bevor ich in den richtigen Bus einsteigen kann. Also kein Platz für Schüchternheit oder die Vermeidung sozialer Kontakte am frühen Morgen 
Besonders lustig wird es dann an großen Haltestellen, wenn mehrere Busse hintereinander stehen. Ich habe ja keine Ahnung, ob meine gewünschte Linie gerade als zweiter in der Reihe steht und auch nicht die Zeit, immer extra zu allen Bussen zu laufen und nachzufragen. Wie oft ist mir dadurch schon mein Bus vor der Nase weggefahren, weil ich ganz vorne an der Haltestelle stand und der hintere Bus dort nicht noch einmal angehalten hat. Dass mir das wieder passiert ist, merke ich dann auch erst, wenn ich vergeblich lange auf den nächsten Bus gewartet habe und mir zusammenreime, dass er schon vorbeigefahren sein muss.
Wenn ich dann endlich im richtigen Bus bin, beginnt die Suche nach einem leeren Platz. Die Lichtverhältnisse und Schatten machen es mir fast unmöglich zu erkennen, ob Sitze bereits besetzt sind. Deshalb versuche ich, leicht mit dem Blindenstock zu ertasten, ohne dabei jemanden zu erschlagen. Aber das ist wahrscheinlich weniger peinlich, als plötzlich bei jemandem auf dem Schoß zu landen 
Es hilft mir sehr, wenn die Menschen im Bus einfach mit mir reden, mir entweder ihren Platz anbieten oder mich auf einen freien Sitz hinweisen. Unkonkrete Aussagen wie „hier ist noch frei“ helfen mir leider gar nicht, wenn sie von irgendwo aus dem überfüllten Bus gerufen werden und ich keine Ahnung habe, wo genau „hier“ eigentlich sein soll. 
Selbst wenn ich dann endlich im Bus sitze, ist die Angst noch nicht vorbei. Ich ertappe mich jedes Mal dabei, dass ich die ersten zwei Minuten schon fast panisch im Bus sitze und mir der Gedanke im Kopf kreist, dass es hoffentlich bitte akustische Ansagen der nächsten Stops geben soll. Sobald die erste Ansage ertönt, fällt einiges der Anspannung von mir ab und ich kann erst mal durchatmen. Nun heißt es nur noch, den Stopknopf zu finden und aufmerksam zu bleiben, um an der richtigen Haltestelle auszusteigen.
Ich versuche immer, mich selbst während der Busfahrten zu beruhigen, aber jedes Mal spüre ich wieder diese Anspannung und die irrationalen Sorgen, was alles schiefgehen könnte. Es gibt einfach viel zu viele Komponenten, die ich nicht selbst beeinflussen kann und bei denen ich Unbekannten vertrauen muss. Ich sage mir immer wieder, dass es für alles eine Lösung gibt – gibt es keine akustischen Ansagen, kann ich z. B. den Fahrer bitten, mir bei meiner Haltestelle Bescheid zu sagen. Aber all das kostet immer wieder so viel Überwindung, Mut und Konzentration.
Manchmal bin ich so müde davon, auf alles zu achten und jedes Szenario in meinem Kopf immer wieder durchzuspielen. Wie gerne würde ich diese Ängste einfach mal abschalten und so vertrauensvoll Bus fahren können wie viele andere. Aber die Angst bleibt mein täglicher Begleiter und sitzt neben mir, egal wie oft ich diese Erfahrung mache und wie viele positive Erlebnisse ich habe. Und trotzdem kratze ich immer wieder all meinen Mut zusammen und überwinde mich jeden Tag aufs Neue. Denn echte Teilhabe ist so viel mehr wert als ein paar Minuten Angst und ein paar Schritte raus aus der Komfortzone 
In den nächsten Beiträgen werde ich noch mehr von meinen Erlebnissen im ÖPNV erzählen und wie man in diesen Situationen sinnvoll helfen kann.




