Menu Close

Die uralte Blutspur der Herrschenden

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
Dem roten Teppich auf der Spur und was ein Blinder erzählt.
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Was hat es eigentlich mit dem roten Teppich auf sich, über den hohe Herrschaften so gerne schreiten wie dieser Tage in Alaska? Um an den Ursprung des roten Teppichs zu gelangen, muss man zu den mythischen Anfängen der Herrschaftsgeschichte zurückgehen. Von dort berichtet uns ein Behinderter, der blinde Erzähler Homer unter anderem folgendes.

Der siegreiche Heerführer der Griechen Agamemnon kehrt nach dem Endes des trojanischen Krieges nach Griechenland zurück. Als Beute und Bettschatz führt er die trojanische Seherin Kassandra mit sich. Im heimischen Palast zu Mykene empfängt ihn seine Gattin Klytaimnestra. Sie zürnt ihm, seitdem er vor seiner Abreise nach Troja die gemeinsame Tochter Iphigenie dem Meeresgott Poseidon geopfert hat. Und nun zürnt sie ihm einmal mehr wegen der mitgeführten Beute. Sobald der Heimgekehrte in das ihm bereitete Bad gestiegen ist, nimmt Klytaimnestra Rache an ihm. Zusammen mit ihren Geliebten erschlägt sie ihren Gatten Agamemnon mit dem Beil. Das Blut des im Bad Getöteten rinnt nach draußen über die Stufen des Palastes hinab.

Die Erinnerung an diese aus den Herrscherpalästen rinnende Blutspur hat sich in verdeckter Weise bis auf den heutigen Tag im roten Teppich erhalten, wie er aller Orten den Herrschenden entrollt wird. So der Geschichtenerzähler Alexander Kluge. Es gibt keine unblutige Herrschaft. Blut in unterschiedlichen Mengen klebt an den Händen sämtlicher Herrschenden.

Der ebenfalls aus Troja in seinen Palast auf Ithaka  nach jahrzehntelanger Abwesenheit zurückkehrende Odysseus (ein weiterer Heerführer aus der panhellenistischen Koalition der zu kriegerischem Blutvergießen Willigen), ehe er sich seiner treuen Gattin Penelope zu erkennen gibt und mit ihr das Ehelager besteigt, richtet unter den zahlreich im Palast versammelten Brautwerbern zunächst ein Massaker an. Auch hier fließt das Blut einem roten Teppich gleich die Stufen des Palastes hinab.

Eingedenk unserer Altvorderen, allen voran der Blinde Homer, sollten wir heutige Behinderte uns nicht ohne Not dumm und stumm stellen, sondern darüber nachdenken, ob und wie wir vermeiden können, den heute Herrschenden beim Anrichten von Blutbädern nicht Vorschub zu leisten. Einen Versuch wenigstens sollte es uns wert sein.