Menu Close

Diskriminierende Sprache ist nicht gleich Ableismus – Warum das neue Aktion-Mensch-Tool ABLE am Kern vorbeigeht

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
roter Schriftzug
Ein Los für das gute Gewissen
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Jüngst hat Aktion Mensch die KI-Anwendung ABLE vorgestellt. Das Tool soll Chatbots auf ableistische Sprache überprüfen und damit digitale Kommunikation inklusiver machen. Der Ansatz klingt vielversprechend, enthält jedoch einen gravierenden Kategorienfehler. Es wird so getan, als sei die Analyse diskriminierender Sprache gleichbedeutend mit dem Erkennen von Ableismus. Genau das ist falsch und führt zu einem verzerrten Bild. Diskriminierende Sprache beschreibt Formulierungen, die herabsetzen, ausschließen oder stereotype Zuschreibungen enthalten. Solche Marker sind technisch vergleichsweise leicht erkennbar. Ableismus dagegen ist ein strukturelles Machtverhältnis. Er wirkt auch dann, wenn Sprache äußerlich neutral erscheint.

Die Beispiele und Erklärungen zum Begriff Ableismus, die Aktion Mensch anführt, stammen überwiegend aus journalistischen und alltäglichen Erzählungen, etwa die Formulierung „trotz seiner Behinderung“. Solche Phrasen sind zwar ableistisch, in Chatbots von Behörden oder Online-Shops aber kaum zu erwarten. Dort geht es um Service-Dialoge, Auskünfte oder einfache Anliegen. Das Tool richtet sich ausdrücklich an institutionelle und kommerzielle Chatbots, die in Verwaltungen, Serviceportalen oder Online-Shops eingesetzt werden. Es geht um standardisierte Dialoge, bei denen Bürgerinnen oder Kundinnen Informationen abfragen oder Anliegen bearbeiten. Im privaten Bereich, etwa bei KI-Assistenten wie ChatGPT, in sozialen Medien oder im persönlichen Austausch, kann ABLE gar nicht eingesetzt werden. Gerade dort, wo erfahrungsgemäß deutlich häufiger ableistische Zuschreibungen und stereotype Redewendungen auftreten, greift das Tool also nicht. Relevant sind eher unklare Antworten, unverständliche Fachsprache oder fehlende Barrierefreiheit.

Damit zeigt sich ein Widerspruch. Zunächst heißt es, Service-Chatbots könnten ableistisch sein. Dann wird Ableismus mit Zuschreibungen wie „trotz Behinderung gute Leistung“ erklärt. Am Ende präsentiert man ein Tool, das lediglich diskriminierende Sprache erkennt. Strukturelle Zuschreibungen, die den Kern des Ableismus ausmachen, bleiben außen vor.

Dass Aktion Mensch hier Begriffe vermischt, ist kein Zufall. Der Verein ist geübt darin, Deutungshoheit über zentrale Begriffe zu beanspruchen und sie kommunikativ so zu besetzen, dass der ursprüngliche Sinn verloren geht. Aufmerksamkeit wird erzeugt, ohne dass die tieferen Machtstrukturen, die echte Teilhabe verhindern, ernsthaft adressiert würden.

ABLE mag hilfreich sein, um grobe sprachliche Diskriminierungen in Chatbot-Dialogen sichtbar zu machen. Doch es ist irreführend, daraus abzuleiten, dass damit Ableismus bekämpft wird. Wer Diskriminierung und Ableismus gleichsetzt, verfehlt den Kern der Problematik und trägt zur Verwässerung des Begriffs bei.

Disclaimer: Dieser Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht ggf. nicht der Haltung der Redaktion der kobinet-nachrichten.

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
2 Lesermeinungen
Neueste
Älteste
Inline Feedbacks
Alle Lesermeinungen ansehen
Perry Walczok
22.08.2025 11:42

Fakt ist, dass der Ableismus seit Jahrzehnten tief in der Gesellschaft zu finden ist. Dabei wird er nicht nur gegen Menschen mit Behinderungen eingesetzt. In den zwanziger Jahren war es eine Clara Josephine Zetkin, welche sich für die Rechte der Frauen einsetzte. Aber auch in den sechziger Jahren, wurden ihnen Leistungen wie Autofahren aberkannt. Das gleiche galt, eigene Entscheidungen über ihr Leben treffen zu können. Wie richtig angemerkt geht es um Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen. Selbstbewusste Menschen sind in solchen Gefügen unerwünscht.

Daniela Melzner
21.08.2025 16:01

Hm, ist das nicht auch das Geschäftsmodell der Sozialhelden/Leidmedien? Irgendwelche Leute anprangern, die halt nicht so gut mit Sprache umgehen können wie sie und denen Diskrminierung unterstellen, während die echten Diskriminierer davon kommen?