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Nachrichten aus der Provinz

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Baustelleschild in gelb mit der Aufschrift
Dauerbaustelle "Inklusion"
Foto: Ralph Milewski

Villmar - Weyer (kobinet) In den kobinet Nachrichten finden sich überwiegend Berichte, Ankündigungen und Termine aus den Metropolen der Republik. Berlin, München und Bremen oder behindertenpolitischen Hotspots, wie Marburg, Kassel und Hannover. Hier steppt der aktivistische Bär der Behindertenbewegung.

Aber wie lebt es sich als beeinträchtigter Mensch und/oder Aktivist z.B. im nördlichsten Landkreis des Freistaats Bayern, eingeklemmt zwischen Hessen und Thüringen, wo sich CSU und AFD gute Nacht sagen oder in einer Kleinstadt im Breisgau, in der das größte Kompliment an eine Hausfrau „siehst abgeschafft aus!“ sein soll?

Das kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, wenn ich zwischen den Zeilen der Berichte von Ralph Milewski oder Hans – Willi Weis lese.

Ignoranz, Ausgrenzung und Verunglimpfung scheinen da noch die harmlosen Begleiterscheinungen zu sein. Anfeindungen, Bedrohungen und sogar tätliche Angriffe habe ich persönlich bis jetzt in meiner mittelhessischen, behindertenpolitischen Diaspora noch nicht erlebt.

In Mittelhessen empfinde ich alles, wie der Name schon sagt: so mittel!

Hessen liegt etwa in der Mitte Deutschlands. Das Bundesland ist weder ein Musterländle noch besonders selbstbewusst.

Hessen hat es sich in der Mitte Deutschlands gemütlich gemacht. „Unser David Bowie heißt Heinz Schenk“ singen die Rodgau Monotones nun schon seit 1977, obwohl der aus dem rheinland-pfälzischen Mainz stammte.

„Erbarmen, die Hessen kommen?“

Von uns Hessen geht weder eine Vorreiterrolle noch eine Gefahr aus.

Der Stand der kommunalpolitischen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der mittelhessischen Provinz bewegt sich, Sie ahnen es, im Vergleich zum Rest der Republik, so im unteren Mittelfeld.

Wie auch die Rangfolge dieses Themas auf der Prioritätenliste der politisch Verantwortlichen. Es gibt ein paar Arbeitskreise zum Thema, und in einigen Landkreisen, Städten und Gemeinden wurden Behindertenvertretungen und Beiräte ernannt.

Von denen sind unlängst einige von Ihren Ämtern zurückgetreten oder haben Ihren Rücktritt angekündigt. Noch äußern sie sich offiziell nicht dazu. Es ist jedoch von mangelnder Wertschätzung und Kooperationsbereitschaft seitens der Kommunen die Rede.

Auch die Notwendigkeit und vor allem das Antragsrecht solcher Beiräte und Vertretungen in kommunalen Parlamenten würden stark infrage gestellt.

„Jede Bürgerin und jeder Bürger hat das Recht, seine Anliegen einem oder einer Abgeordneten des Parlaments vorzutragen und sie oder ihn von der Notwendigkeit eines Antrages zu überzeugen. Egal, ob behindert oder nicht!“ entgegnete mir vor Kurzem ein Kommunalpolitiker von der SPD zum Thema.

„Und weil das so ist und eher ‚so mittel‘ läuft, brauchen wir auch keine UN-BRK!“ war meine Antwort, bevor er zu einem anderen wichtigen Termin aufbrechen musste.

Ich frage mich, ob solche Diskussionen typisch mittelhessisch sind oder ob es sie auch in Berlin, Bremen oder München gibt?

Und ob sich das mit der Mittelmäßigkeit in Hessen ändert, wenn Eintracht Frankfurt im nächsten Jahr Deutscher Fußballmeister wird?

Stephan Laux August 2025

Lesermeinungen

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Silvia Hauser
17.08.2025 19:22

Das Beunruhigende hinsichtlich dessen, was wir Behinderte wo und wie landauf landab, gegenwärtig erleben, sehe ich darin:
Nach dem Ende des für uns formalrechtlich (zuletzt der UN-BRK) und bewusstseinsfortschrittlich (Inklusion als Label für Behindertengleichstellung ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen) relativ erfolgreichen halben Jahrhunderts beobachte ich mit der politischen „Zeitenwende“ und der speziell behindertenpolitischen Zäsur, die ich mit „After Inclusion“ kennzeichne, nunmehr eine generelle Einschränkung demokratischer Mitwirkungsmöglichkeiten und eine Zunahme milieu- und klassenegoistischer Selbstbehauptungskämpfe.
Dies sind Rahmenbedingungen innerhalb derer die gesellschaftlich Schwächeren und Marginalisierten sehr schlechte Karten haben. Desto mehr, wenn sich die Verhärtung rings um uns her auch im Innern des eigenen Milieus durchsetzt. „Deliberation“ als das Herzstück von Demokratie meint sprachliche Aushandlung, die wiederum Kritik, Dissens und Konfliktaustragung auf herrschftsfreier und gleichrangiger Begegnungsebene miteinschließt.
Was ich nun unter behindertenpolitischen Akteuren mit Besorgnis registriere, ist die Bereitschaft auch intern dieses demokratische Kernprinzip der Deliberation einzuschränken. Raul Krauthausen hat sich bereits explizit für die interne Abschaffung der Deliberation ausgesprochen, indem er öffentliche Kritik an Peers für Tabu erklärt (sie als „angekackt werden“ diskreditiert).
Noch hoffe ich, eine solche Absage an die offene behindertenpolitische Debatte setzt sich bei den kobinet-Nachrichten nicht durch. Versuchen wir unser Bestes!

Hans-Willi Weis