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Ignoranz in Konstanz: Bodenlose Respektlosigkeit gegenüber Blinden am Bodensee

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Franz-Josef Hanke auf seinem Balkon
Franz-Josef Hanke auf seinem Balkon
Foto: privat

Marburg / Konstanz (kobinet) "Im Urlaub sollte man sich eigentlich entspannen. Doch diesen Sommer ist uns das am Bodensee nicht immer gelungen. Schon bei der Anreise gab es Probleme: Unser direkter ICE von Marburg nach Karlsruhe fiel aus. Also mussten wir in Frankfurt umsteigen, wo wir in einem vollbesetzten Ersatzzug Sitzplätze zugewiesen bekamen. Zweimal mussten wir diese Plätze jedoch räumen, weil die Inhaber der jeweiligen Reservierung die Plätze beanspruchten", schreibt der Marburger Journalist Franz-Josef Hanke u.a. in einem Bericht von seinem Urlaub in Konstanz mit dem Titel Ignoranz in Konstanz: "Bodenlose Respektlosigkeit gegenüber Blinden am Bodensee", den er den kobinet-nachrichten zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

„Dafür durften wir dann aber bis Offenburg durchfahren. Dort erreichten wir einen Regionalexpress nach Konstanz. In Singen kündigte der Zugführer Schienenersatzverkehr von Radolfzell bis Konstanz wegen eines Notarzteinsatzes an. In Radolfzell lautete der Grund dann ‚Personenschaden‘. Im Bahnhof Radolfzell stiegen wir also aus und gingen den anderen Fahrgästen hinterher, die sich über Treppen zum Bahnhofsvorplatz begaben. Mehrere hundert Menschen warteten dort eine Stunde lang ohne irgendwelche Auskünfte der Bahn. Nach gut einer Stunde kam schließlich ein Bus, auf den die Menge dann zudrängte und sich hineinquetschte“, berichtet Franz-Josef Hanke.

„Der Busfahrer forderte einige Fahrgäste auf, wieder auszusteigen und auf den nächsten Bus zu warten, damit ich mit meiner Begleiterin einsteigen konnte“, schildert der selbst blinde Journalist. „Es gab sogar einen Sitzplatz für mich vorne im Bus. Dann legten wir in der „rollenden Sauna“, wo sich die Fahrgäste dicht an dicht aneinanderdrängten, den Weg nach Konstanz zurück. Nach mehr als einer Dreiviertelstunde kamen wir dort endlich an. Vom Bahnhof in Konstanz brachte uns ein Linienbus ins gebuchte Hotel. Dort hieß es dann jedoch, für uns seien zwar Zimmer gebucht, aber kein Frühstück. Ich bestand jedoch darauf, dass ich telefonisch Zimmer mit Frühstück gebucht hatte. Der Hotelmanager versprach, das zu klären. Zudem waren unsere beiden Zimmer schmutzig. Offenbar war nur sehr oberflächlich gereinigt worden. Meine Begleiterin fotografierte den Schmutz.“

Für den ersten Morgen hatte der Hotelmanager sie dafür mit einem Bons für das Frühstück entschädigt. „An den folgenden Tagen vertröstete er uns wieder und wieder wegen der Klärung bezüglich des Frühstücks. Den Schmutz werde er innerhalb einer Viertelstunde beseitigen, versprach er. Wahrscheinlich hat der Hotelmanager geübt, wie er unsterblich werden könne. Jedenfalls dauerte sowohl die Beseitigung des Drecks in den Zimmern wie auch die Klärung der Bezahlung des Frühstücks länger als unser Aufenthalt in seinem Hotel. Seine ‚Viertelstunde‘ wuchs damit auf mehr als acht Tage an. Noch am ersten Abend verließen wir das Hotel, um uns in Konstanz umzusehen. Die Stadt war voll von Menschen. Überwiegend sprachen sie mit schweizerischem Akzent. Angesichts ihrer unmittelbaren Nähe zur Schweiz ist die Stadt am Bodensee ein beliebtes Einkaufsziel für Schweizerinnen und Schweizer. Für sie ist Deutschland billig, angesichts des Wechselkurses zwischen Euro und Franken sowie des Preisniveaus in der Eidgenossenschaft. Offenbar waren sie in Konstanz so richtig in Kauflaune und darum wenig geneigt, Rücksicht zu nehmen auf den Blinden und seine Begleiterin.“

„In keiner Stadt ist mir so viel Rücksichtslosigkeit begegnet, wie in Konstanz. Auch habe ich nirgends erlebt, das mir im Bus der Behindertenplatz verweigert wurde mit dem Hinweis, weiter hinten seien doch Plätze frei. Den Blindenstock müssten die Betreffenden gesehen haben, die Schiene für mein Bein wohl eher nicht. Mehrmals täglich wurde ich beim Gang durch die Stadt von Entgegenkommenden angerempelt. Dabei drehte es sich nicht nur um ‚Handyoten‘, die in ihr Mobiltelefon blicken, statt auf den Weg, sondern auch Passanten, die meiner Begleiterin direkt ins Gesicht geblickt haben und offenbar erwarteten, dass wir ihnen ausweichen würden. Zweimal lief jemand direkt durch meinen Blindenstock, sodass sowohl ich als auch er beinahe gestürzt wären. Auf der Insel Mainau sowie in Meersburg auf der anderen Seeseite war das schon anders. Noch entspannter war die Atmosphäre in Friedrichshafen und in Immenstadt am Bodensee. Konstanz hingegen schien überwiegend vom Ungeist neolieraler Egoisten überrant zu sein. Vor einem Restaurant am Bodanplatz sollten wir warten, bis Plätze frei werden. Eine fünfköpfige Gruppe ließ der Mann an der Tür dann vor uns ein, obwohl sie nach uns gekommen war. Uns ließ er draußen im Regen sehen“, berichtet Franz-Josef Hanke.

„Es gab allerdings auch die positiven Erlebnisse, wie beispielsweise eine Busfahrerin, die mir Liniennummer und Fahrtziel ansagte und uns dann aufforderte: ‚Nehmen Sie Platz! Auf beiden Seiten ist vorne frei.‘ Auf dem Münsterplatz war zudem ein Tastmodell der Innenstadt für Blinde. Das war dann doch das Konstanz, das ich von früheren Zeiten noch in guter Erinnerung hatte. Auch der hohe Anteil elektrischer Gelenkbusse ist mir positiv aufgefallen, ebenso wie der Hinweis eines Busfahrers: ‚Wegen des Regens sollten sie vorsichtig sein beim Aussteigen!‘ Ein Trostpflaster war auch die Freifahrt für Inhaber des Schwerbehindertenausweises mit Begleitung auf den deutschen Schiffen über den Bodensee. Für österreichische und schweizerische Schiffe leider nicht. Rege machten wir aber Gebrauch von dieser Regelung und erkundeten die gegenüberliegende Seeseite. Meine früheren Besuche in Konstanz und in der Schweiz hatten mir ein ganz anderes Bild vermittelt: Damals waren die Menschen überwiegend freundlich und hilfsbereit. Im Sommer 2025 war unser Eindruck jedoch leider ein Anderer“, heißt es weiter im Bericht von Franz-Josef Hanke.

Sein Fazit: „Sicherlich ist es überall ruppiger geworden in den letzten Jahren. Doch nirgendwo ist mir das so deutlich aufgefallen, wie in Konstanz. Dass meine Begleiterin eine dunklere Hautfarbe hat, mag möglicherweise ein weiterer Grund für die Respektlosigkeit dort sein; doch bei gemeinsamen Reisen nach Berlin, Bonn und Köln oder anderswohin haben wir eine solche Rücksichtslosigkeit aber nie erlebt! ‚Seid Menschen!‘ Diese Aufforderung von Margot Friedländer betont die Universalität von Rücksichtnahme und Respekt. Bedauerlich ist, dass sich so viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen ihrer eigenen Menschlichkeit entledigen, nur um einen kurzen kleinen Vorteil zu erhaschen, der weder sie selber noch andere glücklich machen wird.“

Lesermeinungen

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Silvia Hauser
17.08.2025 11:50

Lieber Franz-Josef Hanke,
kann ich sehr mitfühlen, macht mich traurig und besorgt. Traurig, weil ich an meine letzten Bodenseeaufenthalte vor vielen Jahren denke, gute Erinnerungen im Großen und Ganzen, rabiate Rücksichtslosigkeiten sind uns damals „noch“ nicht begegnet.

Doch die Zeiten haben sich geändert und ändern sich weiter rapide und das ist der Grund meiner Besorgnis. Die Risse im dünnen Firnis der Zivilität und humaner Umgangsformen nehmen erschreckend schnell und deutlich zu.

Ein mächtiger Treiber der Negativ-Entwicklung scheint mir jetzt noch hinzugekommen: Dass wir unsere Freiheit und Demokratie, zu der auch die Standards humaner und zivilisierter Umgangsweisen gehören, auf die wir Behinderte besonders angewiesen sind, gegen Bedrohungen von innen und außen verteidigen müssen, steht auch für mich außerFrage.
Jedoch sobald diese Verteidigung, wie es derzeit geschieht, als eine sich hauptsächlich auf Gewaltandrohung und militärisch setzende Verteidigung verstanden wird, bleiben negative Auswirkungen auf unser Alltagsleben gar nicht aus.
Denn das Denken in Gewaltkategorien und die militärisch manifeste Vorbeitung auf eigene Gewaltanwendung, ist nur ganz schwer eingrenzbar und einhegbar. Kriegstüchtig werden heißt, wie der Soziologe Hartmut Rosa richtig bemerkt, dass wir im Töten von Menschen besser werden sollen, gemeint ist im „Ernstfall“.
Meine Befürchtgung im Zusammenhang dieser Militarisierung unserer Köpfe und der dabei bewusst angestrebten Überwindung unserer bisherigen postheroischen Mentalität und Zivilität: Etliche Menschen könnten die ihnen politisch nahegelegte mentale Umorientierung in Richtung Kriegsbereitschaft und Selbstertüchtigung zu auch gewaltsamer, bewaffneter Selbstbehauptung schon einmal im Alltag und im alltäglichen Umgang einüben. Z.B. im noch vergleichsweise harmlosen „Kleinkrieg“ des neoliberalen Ellbogenverhaltens auch in der Öffentlichkeit. Dass dies bei vielen weitgehend unbewusst geschieht, macht die Sache nicht weniger dramatisch.
Ihr Hans-Willi Weis