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„Barrierefreiheit“? – Mein Alltag im Rollstuhl

Freiheitsstatue im Rollstuhl vor dem Bundesjustizministerium am 10.9.2024
Freiheitsstatue im Rollstuhl vor dem Bundesjustizministerium am 10.9.2024
Foto: Martina Puschke

Barsinghausen (kobinet) Frau Deana Gunia schildert uns Ihre Erlebnisse mit Ihrem Elektrorollstuhl. Seit knapp zwei Jahren bin ich durch eine chronische Erkrankung auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Anfangs war ich erleichtert: Endlich wieder mobil! Doch diese Hoffnung wich schnell einer harten Realität. Denn: Mobilität bedeutet für Menschen im Rollstuhl einen täglichen Kampf – gegen Straßen, Treppen, Technik, Ignoranz – und manchmal auch gegen Menschen.

Ein Rollstuhl – ohne Anleitung, ohne Verständnis

Der Rollstuhl wurde mir von der Krankenkasse bewilligt. Geliefert wurde er – in einem riesigen Karton – ohne Einweisung, ohne Fahrtraining, ohne Rücksicht. Wie soll ein Mensch
mit Einschränkungen ein solches Gerät auspacken oder gar den Karton entsorgen?
Ich brachte mir das Fahren selbst bei. Nach einigen Übungstagen wagte ich mich vorsichtig ins Freie – und erlebte meinen ersten Schock. Der Joystick reagierte empfindlich, der
Rollstuhl fuhr ruckartig, touchierte Hecken, ratterte über Gehwegkanten. Nach 30 Minuten war ich völlig erschöpft – und frustriert.

Gehwege – ein Sicherheitsrisiko

Meine erste größere Fahrt führte mich zu meinem Hausarzt – 5 km entfernt. Die Gehwege in Barsinghausen bei Hannover sind oft abschüssig, brüchig und schmal. An vielen Stellen hatte ich Angst, mitsamt dem Rollstuhl in den Verkehr zu kippen. Bordsteine sind nicht abgesenkt, Übergänge schlecht markiert, manche Stellen sogar unpassierbar – ich musste aussteigen und den Rollstuhl mühsam anheben. Das ist nicht nur kräftezehrend, sondern gefährlich.
Einige Gehwege sind gut – doch ausgerechnet zentrale Orte wie das Rathaus oder die Einwohnermeldestelle sind mit grobem Kopfsteinpflaster versehen. Hohe Bordsteine, tiefe
Gullydeckel oder schlecht verlegte Kanten machen Wege zu Hindernisstrecken – für Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen oder Menschen mit Sehbehinderung.

S-Bahn und Bus – ein tägliches Glücksspiel

Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist für Rollstuhlfahrer kein Service, sondern ein Abenteuer. Lange habe ich mich nicht in die S-Bahn getraut. Wo steht man am besten? Wie
kommt man hinein? Was ist, wenn etwas nicht klappt?
Bei meiner ersten Fahrt nach Hannover wartete ich am Fahrradabteil. Der Einstieg war steil, fast kippte ich nach vorn. Ich konnte mich nur mit dem Fuß abstützen. In Hannover-
Bismarckstraße erwartete mich dann ein Höhenunterschied von fast 10 cm zwischen Zug und Bahnsteig – für meinen Rollstuhl nicht zu bewältigen. Ich musste mich mühsam
hinausmanövrieren – ohne Hilfe. Auch S-Bahn-Toiletten sind für mich unzugänglich – nicht, weil sie zu klein wären, sondern weil sie im Winkel so ungünstig gebaut sind, dass ein Rollstuhl nicht hineinkommt. Am Boden liegt zudem eine Schiene, die das Einfahren blockiert – vor allem für Elektrorollstühle ein No-Go.
In ganz Hannover kenne ich nur zwei öffentliche Toiletten, die ich nutzen kann: im Bahnhof und in der Ernst-August-Galerie. Viele andere Orte bleiben mir verschlossen.

Zugausfälle, Verspätungen, Stress

Mobilität ist für mich keine Freiheit, sondern ein Risiko. Arztbesuche gleichen einem Lottospiel. Seit einem Jahr versuche ich, eine Magen- und Darmspiegelung durchführen zu
lassen – dreimal wurde sie abgesagt, weil die S-Bahn ausfiel oder die Strecke gesperrt war. Busfahren ist für mich wegen starker Schwindelanfälle (Vertigo) unmöglich – ein Versuch
endete mit einer Übelkeit, die ich keinem wünsche. Ich musste mich im Bus übergeben – ein Erlebnis, das sich nie wiederholen soll. Die Folge: Die Untersuchung liegt auf Eis.
Auch MRT-Termine mussten wiederholt verschoben werden. Termine einhalten? Für Rollstuhlfahrer, die auf den ÖPNV angewiesen sind, fast unmöglich.

Einkaufen, Essen, Teilhabe? Für viele unmöglich

Arztpraxen, Restaurants, Geschäfte – oft unerreichbar. Ein Besuch bei Zara? Undenkbar. Der Zugang zur Galeria in Hannover? Nur mit Hilfe. Selbst vermeintlich moderne Gebäude sind für Menschen im Rollstuhl eine Herausforderung. Barrierefreiheit? Meist nur auf dem Papier.
Auf Gleis 1/2 in Hannover zu stehen und auf die S-Bahn zu warten – umgeben von Menschenmassen, die drängen und schieben – ist bedrückend. Man wird übersehen,
überrannt, ignoriert. Alles sieht anders aus – wenn man sitzt. Natürlich habe ich sowohl TransDev, die unsere S-Bahnen betreiben, als auch an die Deutsche Bahn und ÜSTRA gewandt.
Die Antworten sind absolut ernüchternd. Alle berufen sich auf DIN-Norm und gesetzlich vorgeschrieben, teilen dennoch auch mit, das jeder Bahnhof unterschiedliche Bahnsteighöhen hat (teilweise 30cm), sodass Rollstuhlfahrer sehr oft auf Hilfe angewiesen sind. Diese Hilfe muss man am Vortag anmelden – telefonisch – und mit viel Glück erreicht man auch jemanden. Meine Erfahrungen diesbezüglich mit der S-Bahn (TransDev) war überaus negativ, denn die Anmeldung wurde mit erheblichen Problemen ( im digitalen Bereich der Eingabe) zwar abgenommen, vor Ort war jedoch niemand. Auch Anfragen, ob der SEV Rollstühle mitnimmt wurde mir weder schriftlich (mehrere Anfragen perE-Mail), noch telefonisch beantwortet. Die Mitarbeiter sind völlig überfordert bei Fragen diesbezüglich.
Bei der Deutschen Bahn, fällt mal der Fahrstuhl aus, ist auch eine Absprache bezüglich Hilfestellung am Gleis per E-Mail möglich und klappt zu 99% gut.
Die ÜSTRA ist keine Hilfe, weder per E- Mail, noch telefonisch. Neuzugezogene Rollstuhlfahrer beispielsweise, bräuchten einen Plan, wo sich Fahrstühle befinden, um
Zugang zu den Stadtbahngleisen zu bekommen, doch da gibt es keinerlei Hilfe, auch online nicht. Ich habe über ein halbes Jahr gebraucht, um herauszufinden, das es für beide
Gleisseiten am Bahnhof einen Fahrstuhl gibt, wobei beide ständig defekt sind. Doch auch an anderen Haltestellen hat ein Rollstuhlfahrer es schwer herauszufinden wie er wohin kommt. ,Wir bieten Menschen an, die mitfahren.‘ diese Antwort erhielt ich auch für den erschwerten Einstieg an manchen Haltestellen, da die Entfernung der Bahnsteigkanten natürlich auch nicht genormt ist. Also auch wenn es einen Fahrstuhl an vielen Stationen gibt, heißt es noch lange nicht, das ich auch Zugang zur Bahn habe. Handelt es sich um ‚ältere‘ Bahnen, die ca 30cm höher liegen, würde mir auch die freundlich angebotene Begleitung nicht helfen können – einen Elektrorollstuhl kann man nicht kippen, wegen des Kippschutzes –
Da sieht man einseitig, das viele angebotene Lösungen gut aussehen auf dem Papier, in der Realität jedoch wenig hilfreich sind. Es ist, als ob wir den Eindruck erhalten sollen, das etwas getan wird, obwohl eigentlich nichts passiert.

Was sich ändern muss

Ich ziehe den Hut vor allen Menschen mit Behinderung, die diese Mühen von klein auf kennen. Wir leben im Jahr 2025 – und doch ist vieles immer noch nicht barrierefrei. Wie
muss es erst vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen sein?
Manches hat sich gebessert – vieles ist Stückwerk geblieben. Und viel zu häufig wird Barrierefreiheit als „nice to have“ betrachtet, nicht als Menschenrecht.
Ich könnte noch viel erzählen – von Menschen, die gegen meinen Rollstuhl traten, aus Ungeduld oder Aggression. Aber auch von denen, die anhalten, helfen, mich mit Respekt
behandeln. Ihnen gilt mein Dank.

Ein Appell an Städte, Kommunen, Planer

Wenn ihr verschönert, modernisiert, saniert – denkt an uns. Pflastersteine mögen hübsch aussehen, doch für viele von uns sind sie ein Alptraum. Denkt an Rollstuhlfahrer,
Rollatornutzer, Kinderwagen. Barrierefreiheit ist keine Nebensache. Sie ist Teil einer gerechten, menschenfreundlichen Gesellschaft.