Barsinghausen (kobinet)
Frau Deana Gunia erzählt ihre Erlebnisse.
Sie hat einen Elektro-Roll-stuhl.
Seit fast 2 Jahren brauche ich einen Elektro-Roll-stuhl.
Ich bin chronisch krank.
Chronisch bedeutet: Eine Krankheit dauert sehr lange.
Die Krankheit geht nicht weg.
Am Anfang war ich froh.
Endlich kann ich wieder mobil sein!
Aber das war nicht so.
Die Realität ist hart.
Menschen im Roll-stuhl müssen jeden Tag kämpfen.
Sie kämpfen gegen Straßen und Treppen.
Sie kämpfen gegen Technik und Unwissen.
Manchmal auch gegen andere Menschen.
Ein Roll-stuhl ohne Anleitung
Die Kranken-kasse hat den Roll-stuhl bewilligt.
Er wurde geliefert in einem großen Karton.
Niemand hat mir erklärt wie er funktioniert.
Niemand hat mir das Fahren gezeigt.
Wie soll ein kranker Mensch so einen Karton auspacken?
Wie soll er den Karton weg-werfen?
Ich habe mir das Fahren selbst bei-gebracht.
Nach ein paar Übungs-tagen bin ich raus-gefahren.
Das war ein Schock.
Der Joy-stick reagiert sehr empfindlich.
Ein Joystick ist ein Gerät für Computer-Spiele.
Man bewegt damit Figuren im Spiel.
Der Roll-stuhl fährt ruckartig.
Er stößt an Hecken.
Er rumpelt über Geh-weg-kanten.
Nach 30 Minuten war ich völlig müde.
Und frustriert.
Geh-wege sind gefährlich
Meine erste große Fahrt war zum Haus-arzt.
Das sind 5 Kilo-meter.
Die Geh-wege in Barsinghausen sind oft schief.
Sie sind brüchig und schmal.
An vielen Stellen hatte ich Angst.
Ich könnte mit dem Roll-stuhl auf die Straße kippen.
Bord-steine sind nicht abgesenkt.
Bord-steine sind hohe Steine am Straßen-rand.
Sie trennen die Straße vom Geh-weg.
Auto-fahrer können nicht auf den Geh-weg fahren.
Menschen im Roll-stuhl brauchen niedrige Bord-steine.
Übergänge sind schlecht markiert.
Manche Stellen kann man nicht passieren.
Ich musste aus-steigen und den Roll-stuhl anheben.
Das ist sehr anstrengend.
Und gefährlich.
Einige Geh-wege sind gut.
Aber wichtige Orte wie das Rat-haus sind schlecht.
Dort gibt es grobes Kopf-stein-pflaster.
Kopf-stein-pflaster sind kleine runde Steine auf der Straße.
Die Steine liegen dicht neben-einander.
Früher waren viele Straßen so gebaut.
Heute gibt es das noch in alten Stadt-teilen.
Hohe Bord-steine und tiefe Gully-deckel machen Wege zu Hindernissen.
Ein Gully-deckel ist ein runder Metall-deckel auf der Straße.
Unter dem Deckel ist ein Loch.
Das Regen-wasser fließt durch das Loch weg.
So entstehen keine Pfützen auf der Straße.
Das ist schlecht für Roll-stühle.
Auch für Rollatoren und Kinder-wagen.
Und für Menschen mit Seh-behinderung.
S-Bahn und Bus sind ein Glücks-spiel
Öffentliche Verkehrs-mittel sind für Roll-stuhl-fahrer kein Service.
Sie sind ein Abenteuer.
Lange habe ich mich nicht in die S-Bahn getraut.
Wo stellt man sich hin?
Wie kommt man rein?
Was ist wenn etwas schief geht?
Bei meiner ersten Fahrt nach Hannover wartete ich am Fahrrad-abteil.
Der Ein-stieg war sehr steil.
Ich wäre fast nach vorn gekippt.
Ich konnte mich nur mit dem Fuß ab-stützen.
In Hannover-Bismarck-straße war ein Höhen-unterschied von fast 10 Zenti-metern.
Das war zwischen Zug und Bahn-steig.
Mein Roll-stuhl konnte das nicht schaffen.
Ich musste mich mühsam raus-bewegen.
Ohne Hilfe.
S-Bahn-Toiletten kann ich nicht nutzen.
Nicht weil sie zu klein sind.
Sie sind im Winkel so ungünstig gebaut.
Ein Roll-stuhl kommt nicht hinein.
Am Boden liegt eine Schiene.
Die blockiert das Ein-fahren.
Besonders für Elektro-Roll-stühle ist das unmöglich.
In ganz Hannover kenne ich nur 2 öffentliche Toiletten.
Die kann ich nutzen.
Im Bahn-hof und in der Ernst-August-Galerie.
Viele andere Orte bleiben mir verschlossen.
Zug-ausfälle und Verspätungen machen Stress
Mobilität ist für mich keine Freiheit.
Sie ist ein Risiko.
Arzt-besuche sind wie Lotto spielen.
Seit einem Jahr versuche ich eine Magen- und Darm-spiegelung zu machen.
3 mal wurde sie abgesagt.
Die S-Bahn fiel aus.
Oder die Strecke war gesperrt.
Bus-fahren kann ich nicht.
Ich habe starke Schwindel-anfälle.
Ein Versuch endete mit Übelkeit.
Ich musste mich im Bus übergeben.
Das war schrecklich.
Das soll nie wieder passieren.
Deshalb liegt die Unter-suchung auf Eis.
Auch MRT-Termine mussten oft verschoben werden.
MRT bedeutet: Magnet-Resonanz-Tomografie.
Das ist eine Unter-suchung beim Arzt.
Der Arzt macht Bilder vom Körper-inneren.
Du liegst in einer großen Röhre.
Termine ein-halten ist für Roll-stuhl-fahrer fast unmöglich.
Wenn sie auf den ÖPNV angewiesen sind.
ÖPNV bedeutet: Bus und Bahn in der Stadt.
Damit fahren viele Menschen zusammen.
Ein-kaufen und Essen ist oft unmöglich
Arzt-praxen und Restaurants sind oft unerreichbar.
Auch Geschäfte.
Ein Besuch bei Zara ist undenkbar.
Der Zugang zur Galeria in Hannover geht nur mit Hilfe.
Selbst moderne Gebäude sind für Roll-stuhl-fahrer schwierig.
Barriere-freiheit gibt es meist nur auf dem Papier.
Barriere-freiheit bedeutet: Alle Menschen können etwas benutzen.
Es gibt keine Hindernisse.
Auf Gleis 1/2 in Hannover zu stehen ist traurig.
Dort warten Menschen-massen auf die S-Bahn.
Sie drängen und schieben.
Man wird über-sehen und über-rannt.
Man wird ignoriert.
Alles sieht anders aus wenn man sitzt.
Ich habe TransDev angeschrieben.
TransDev ist eine große Firma.
Die Firma fährt Busse und Bahnen.
TransDev arbeitet in vielen deutschen Städten.
Die Firma bringt Menschen von einem Ort zum anderen.
Das sind die Betreiber unserer S-Bahnen.
Auch die Deutsche Bahn und ÜSTRA.
Die Antworten waren schlecht.
Alle berufen sich auf DIN-Norm und Gesetze.
DIN-Norm bedeutet: Regeln für gute Qualität.
DIN ist eine Firma in Deutschland.
Die Firma macht Regeln für Produkte und Arbeiten.
Alle sollen die gleichen guten Standards haben.
Sie teilen mit dass jeder Bahn-hof unterschiedliche Bahn-steig-höhen hat.
Teilweise 30 Zenti-meter.
Roll-stuhl-fahrer sind oft auf Hilfe angewiesen.
Diese Hilfe muss man am Vor-tag an-melden.
Das geht nur telefonisch.
Mit viel Glück erreicht man jemanden.
Meine Erfahrungen mit der S-Bahn waren sehr negativ.
Die An-meldung wurde mit Problemen angenommen.
Vor Ort war aber niemand.
Auch Anfragen zum SEV wurden nicht beantwortet.
SEV bedeutet: Schienen-ersatz-verkehr.
Das sind Busse die fahren wenn die Bahn nicht kann.
Die Mitarbeiter sind völlig überfordert.
Bei der Deutschen Bahn klappt es besser.
Wenn der Fahr-stuhl ausfällt kann man per E-Mail um Hilfe bitten.
Das klappt zu 99 Prozent gut.
Die ÜSTRA ist keine Hilfe.
Weder per E-Mail noch telefonisch.
Neue Roll-stuhl-fahrer bräuchten einen Plan.
Wo sind Fahr-stühle zu den Stadt-bahn-gleisen?
Aber da gibt es keine Hilfe.
Auch nicht online.
Ich habe über ein halbes Jahr gebraucht.
Um heraus-zu-finden dass es für beide Gleis-seiten am Bahn-hof einen Fahr-stuhl gibt.
Beide sind ständig defekt.
Auch an anderen Halte-stellen ist es schwer.
Ein Roll-stuhl-fahrer weiß nicht wie er wohin kommt.
Die ÜSTRA sagt: Wir bieten Menschen an die mit-fahren.
Diese Antwort bekam ich für den erschwerten Ein-stieg.
An manchen Halte-stellen ist die Entfernung der Bahn-steig-kanten nicht genormt.
Auch wenn es einen Fahr-stuhl gibt heißt das nicht dass ich Zugang zur Bahn habe.
Ältere Bahnen liegen circa 30 Zenti-meter höher.
Dann hilft auch die freundlich angebotene Begleitung nicht.
Einen Elektro-Roll-stuhl kann man nicht kippen.
Wegen des Kipp-schutzes.
Man sieht dass viele angebotene Lösungen gut aussehen.
Auf dem Papier.
In der Realität helfen sie wenig.
Es ist als ob wir den Eindruck bekommen sollen.
Dass etwas getan wird.
Obwohl eigentlich nichts passiert.
Was sich ändern muss
Ich ziehe den Hut vor allen Menschen mit Behinderung.
Die diese Mühen von klein auf kennen.
Wir leben im Jahr 2025.
Und doch ist vieles immer noch nicht barriere-frei.
Wie muss es erst vor 10 oder 20 Jahren gewesen sein?
Oder vor 30 Jahren?
Manches hat sich gebessert.
Vieles ist Stück-werk geblieben.
Viel zu oft wird Barriere-freiheit als schön-zu-haben betrachtet.
Nicht als Menschen-recht.
Ich könnte noch viel erzählen.
Von Menschen die gegen meinen Roll-stuhl traten.
Aus Ungeduld oder Aggression.
Aber auch von denen die anhalten.
Die helfen und mich mit Respekt behandeln.
Ihnen gilt mein Dank.
Ein Appell an Städte und Gemeinden
Wenn ihr verschönert und modernisiert denkt an uns.
Wenn ihr saniert denkt an uns.
Pflaster-steine mögen hübsch aussehen.
Für viele von uns sind sie ein Alptraum.
Denkt an Roll-stuhl-fahrer und Rollator-nutzer.
Denkt an Kinder-wagen.
Barriere-freiheit ist keine Neben-sache.
Sie ist Teil einer gerechten Gesellschaft.
Einer menschen-freundlichen Gesellschaft.

Foto: Martina Puschke
Barsinghausen (kobinet) Frau Deana Gunia schildert uns Ihre Erlebnisse mit Ihrem Elektrorollstuhl. Seit knapp zwei Jahren bin ich durch eine chronische Erkrankung auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Anfangs war ich erleichtert: Endlich wieder mobil! Doch diese Hoffnung wich schnell einer harten Realität. Denn: Mobilität bedeutet für Menschen im Rollstuhl einen täglichen Kampf – gegen Straßen, Treppen, Technik, Ignoranz – und manchmal auch gegen Menschen.
Ein Rollstuhl – ohne Anleitung, ohne Verständnis
Der Rollstuhl wurde mir von der Krankenkasse bewilligt. Geliefert wurde er – in einem riesigen Karton – ohne Einweisung, ohne Fahrtraining, ohne Rücksicht. Wie soll ein Mensch
mit Einschränkungen ein solches Gerät auspacken oder gar den Karton entsorgen?
Ich brachte mir das Fahren selbst bei. Nach einigen Übungstagen wagte ich mich vorsichtig ins Freie – und erlebte meinen ersten Schock. Der Joystick reagierte empfindlich, der
Rollstuhl fuhr ruckartig, touchierte Hecken, ratterte über Gehwegkanten. Nach 30 Minuten war ich völlig erschöpft – und frustriert.
Gehwege – ein Sicherheitsrisiko
Meine erste größere Fahrt führte mich zu meinem Hausarzt – 5 km entfernt. Die Gehwege in Barsinghausen bei Hannover sind oft abschüssig, brüchig und schmal. An vielen Stellen hatte ich Angst, mitsamt dem Rollstuhl in den Verkehr zu kippen. Bordsteine sind nicht abgesenkt, Übergänge schlecht markiert, manche Stellen sogar unpassierbar – ich musste aussteigen und den Rollstuhl mühsam anheben. Das ist nicht nur kräftezehrend, sondern gefährlich.
Einige Gehwege sind gut – doch ausgerechnet zentrale Orte wie das Rathaus oder die Einwohnermeldestelle sind mit grobem Kopfsteinpflaster versehen. Hohe Bordsteine, tiefe
Gullydeckel oder schlecht verlegte Kanten machen Wege zu Hindernisstrecken – für Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen oder Menschen mit Sehbehinderung.
S-Bahn und Bus – ein tägliches Glücksspiel
Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist für Rollstuhlfahrer kein Service, sondern ein Abenteuer. Lange habe ich mich nicht in die S-Bahn getraut. Wo steht man am besten? Wie
kommt man hinein? Was ist, wenn etwas nicht klappt?
Bei meiner ersten Fahrt nach Hannover wartete ich am Fahrradabteil. Der Einstieg war steil, fast kippte ich nach vorn. Ich konnte mich nur mit dem Fuß abstützen. In Hannover-
Bismarckstraße erwartete mich dann ein Höhenunterschied von fast 10 cm zwischen Zug und Bahnsteig – für meinen Rollstuhl nicht zu bewältigen. Ich musste mich mühsam
hinausmanövrieren – ohne Hilfe. Auch S-Bahn-Toiletten sind für mich unzugänglich – nicht, weil sie zu klein wären, sondern weil sie im Winkel so ungünstig gebaut sind, dass ein Rollstuhl nicht hineinkommt. Am Boden liegt zudem eine Schiene, die das Einfahren blockiert – vor allem für Elektrorollstühle ein No-Go.
In ganz Hannover kenne ich nur zwei öffentliche Toiletten, die ich nutzen kann: im Bahnhof und in der Ernst-August-Galerie. Viele andere Orte bleiben mir verschlossen.
Zugausfälle, Verspätungen, Stress
Mobilität ist für mich keine Freiheit, sondern ein Risiko. Arztbesuche gleichen einem Lottospiel. Seit einem Jahr versuche ich, eine Magen- und Darmspiegelung durchführen zu
lassen – dreimal wurde sie abgesagt, weil die S-Bahn ausfiel oder die Strecke gesperrt war. Busfahren ist für mich wegen starker Schwindelanfälle (Vertigo) unmöglich – ein Versuch
endete mit einer Übelkeit, die ich keinem wünsche. Ich musste mich im Bus übergeben – ein Erlebnis, das sich nie wiederholen soll. Die Folge: Die Untersuchung liegt auf Eis.
Auch MRT-Termine mussten wiederholt verschoben werden. Termine einhalten? Für Rollstuhlfahrer, die auf den ÖPNV angewiesen sind, fast unmöglich.
Einkaufen, Essen, Teilhabe? Für viele unmöglich
Arztpraxen, Restaurants, Geschäfte – oft unerreichbar. Ein Besuch bei Zara? Undenkbar. Der Zugang zur Galeria in Hannover? Nur mit Hilfe. Selbst vermeintlich moderne Gebäude sind für Menschen im Rollstuhl eine Herausforderung. Barrierefreiheit? Meist nur auf dem Papier.
Auf Gleis 1/2 in Hannover zu stehen und auf die S-Bahn zu warten – umgeben von Menschenmassen, die drängen und schieben – ist bedrückend. Man wird übersehen,
überrannt, ignoriert. Alles sieht anders aus – wenn man sitzt. Natürlich habe ich sowohl TransDev, die unsere S-Bahnen betreiben, als auch an die Deutsche Bahn und ÜSTRA gewandt.
Die Antworten sind absolut ernüchternd. Alle berufen sich auf DIN-Norm und gesetzlich vorgeschrieben, teilen dennoch auch mit, das jeder Bahnhof unterschiedliche Bahnsteighöhen hat (teilweise 30cm), sodass Rollstuhlfahrer sehr oft auf Hilfe angewiesen sind. Diese Hilfe muss man am Vortag anmelden – telefonisch – und mit viel Glück erreicht man auch jemanden. Meine Erfahrungen diesbezüglich mit der S-Bahn (TransDev) war überaus negativ, denn die Anmeldung wurde mit erheblichen Problemen ( im digitalen Bereich der Eingabe) zwar abgenommen, vor Ort war jedoch niemand. Auch Anfragen, ob der SEV Rollstühle mitnimmt wurde mir weder schriftlich (mehrere Anfragen perE-Mail), noch telefonisch beantwortet. Die Mitarbeiter sind völlig überfordert bei Fragen diesbezüglich.
Bei der Deutschen Bahn, fällt mal der Fahrstuhl aus, ist auch eine Absprache bezüglich Hilfestellung am Gleis per E-Mail möglich und klappt zu 99% gut.
Die ÜSTRA ist keine Hilfe, weder per E- Mail, noch telefonisch. Neuzugezogene Rollstuhlfahrer beispielsweise, bräuchten einen Plan, wo sich Fahrstühle befinden, um
Zugang zu den Stadtbahngleisen zu bekommen, doch da gibt es keinerlei Hilfe, auch online nicht. Ich habe über ein halbes Jahr gebraucht, um herauszufinden, das es für beide
Gleisseiten am Bahnhof einen Fahrstuhl gibt, wobei beide ständig defekt sind. Doch auch an anderen Haltestellen hat ein Rollstuhlfahrer es schwer herauszufinden wie er wohin kommt. ,Wir bieten Menschen an, die mitfahren.‘ diese Antwort erhielt ich auch für den erschwerten Einstieg an manchen Haltestellen, da die Entfernung der Bahnsteigkanten natürlich auch nicht genormt ist. Also auch wenn es einen Fahrstuhl an vielen Stationen gibt, heißt es noch lange nicht, das ich auch Zugang zur Bahn habe. Handelt es sich um ‚ältere‘ Bahnen, die ca 30cm höher liegen, würde mir auch die freundlich angebotene Begleitung nicht helfen können – einen Elektrorollstuhl kann man nicht kippen, wegen des Kippschutzes –
Da sieht man einseitig, das viele angebotene Lösungen gut aussehen auf dem Papier, in der Realität jedoch wenig hilfreich sind. Es ist, als ob wir den Eindruck erhalten sollen, das etwas getan wird, obwohl eigentlich nichts passiert.
Was sich ändern muss
Ich ziehe den Hut vor allen Menschen mit Behinderung, die diese Mühen von klein auf kennen. Wir leben im Jahr 2025 – und doch ist vieles immer noch nicht barrierefrei. Wie
muss es erst vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen sein?
Manches hat sich gebessert – vieles ist Stückwerk geblieben. Und viel zu häufig wird Barrierefreiheit als „nice to have“ betrachtet, nicht als Menschenrecht.
Ich könnte noch viel erzählen – von Menschen, die gegen meinen Rollstuhl traten, aus Ungeduld oder Aggression. Aber auch von denen, die anhalten, helfen, mich mit Respekt
behandeln. Ihnen gilt mein Dank.
Ein Appell an Städte, Kommunen, Planer
Wenn ihr verschönert, modernisiert, saniert – denkt an uns. Pflastersteine mögen hübsch aussehen, doch für viele von uns sind sie ein Alptraum. Denkt an Rollstuhlfahrer,
Rollatornutzer, Kinderwagen. Barrierefreiheit ist keine Nebensache. Sie ist Teil einer gerechten, menschenfreundlichen Gesellschaft.

Foto: Martina Puschke
Barsinghausen (kobinet) Frau Deana Gunia schildert uns Ihre Erlebnisse mit Ihrem Elektrorollstuhl. Seit knapp zwei Jahren bin ich durch eine chronische Erkrankung auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Anfangs war ich erleichtert: Endlich wieder mobil! Doch diese Hoffnung wich schnell einer harten Realität. Denn: Mobilität bedeutet für Menschen im Rollstuhl einen täglichen Kampf – gegen Straßen, Treppen, Technik, Ignoranz – und manchmal auch gegen Menschen.
Ein Rollstuhl – ohne Anleitung, ohne Verständnis
Der Rollstuhl wurde mir von der Krankenkasse bewilligt. Geliefert wurde er – in einem riesigen Karton – ohne Einweisung, ohne Fahrtraining, ohne Rücksicht. Wie soll ein Mensch
mit Einschränkungen ein solches Gerät auspacken oder gar den Karton entsorgen?
Ich brachte mir das Fahren selbst bei. Nach einigen Übungstagen wagte ich mich vorsichtig ins Freie – und erlebte meinen ersten Schock. Der Joystick reagierte empfindlich, der
Rollstuhl fuhr ruckartig, touchierte Hecken, ratterte über Gehwegkanten. Nach 30 Minuten war ich völlig erschöpft – und frustriert.
Gehwege – ein Sicherheitsrisiko
Meine erste größere Fahrt führte mich zu meinem Hausarzt – 5 km entfernt. Die Gehwege in Barsinghausen bei Hannover sind oft abschüssig, brüchig und schmal. An vielen Stellen hatte ich Angst, mitsamt dem Rollstuhl in den Verkehr zu kippen. Bordsteine sind nicht abgesenkt, Übergänge schlecht markiert, manche Stellen sogar unpassierbar – ich musste aussteigen und den Rollstuhl mühsam anheben. Das ist nicht nur kräftezehrend, sondern gefährlich.
Einige Gehwege sind gut – doch ausgerechnet zentrale Orte wie das Rathaus oder die Einwohnermeldestelle sind mit grobem Kopfsteinpflaster versehen. Hohe Bordsteine, tiefe
Gullydeckel oder schlecht verlegte Kanten machen Wege zu Hindernisstrecken – für Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen oder Menschen mit Sehbehinderung.
S-Bahn und Bus – ein tägliches Glücksspiel
Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist für Rollstuhlfahrer kein Service, sondern ein Abenteuer. Lange habe ich mich nicht in die S-Bahn getraut. Wo steht man am besten? Wie
kommt man hinein? Was ist, wenn etwas nicht klappt?
Bei meiner ersten Fahrt nach Hannover wartete ich am Fahrradabteil. Der Einstieg war steil, fast kippte ich nach vorn. Ich konnte mich nur mit dem Fuß abstützen. In Hannover-
Bismarckstraße erwartete mich dann ein Höhenunterschied von fast 10 cm zwischen Zug und Bahnsteig – für meinen Rollstuhl nicht zu bewältigen. Ich musste mich mühsam
hinausmanövrieren – ohne Hilfe. Auch S-Bahn-Toiletten sind für mich unzugänglich – nicht, weil sie zu klein wären, sondern weil sie im Winkel so ungünstig gebaut sind, dass ein Rollstuhl nicht hineinkommt. Am Boden liegt zudem eine Schiene, die das Einfahren blockiert – vor allem für Elektrorollstühle ein No-Go.
In ganz Hannover kenne ich nur zwei öffentliche Toiletten, die ich nutzen kann: im Bahnhof und in der Ernst-August-Galerie. Viele andere Orte bleiben mir verschlossen.
Zugausfälle, Verspätungen, Stress
Mobilität ist für mich keine Freiheit, sondern ein Risiko. Arztbesuche gleichen einem Lottospiel. Seit einem Jahr versuche ich, eine Magen- und Darmspiegelung durchführen zu
lassen – dreimal wurde sie abgesagt, weil die S-Bahn ausfiel oder die Strecke gesperrt war. Busfahren ist für mich wegen starker Schwindelanfälle (Vertigo) unmöglich – ein Versuch
endete mit einer Übelkeit, die ich keinem wünsche. Ich musste mich im Bus übergeben – ein Erlebnis, das sich nie wiederholen soll. Die Folge: Die Untersuchung liegt auf Eis.
Auch MRT-Termine mussten wiederholt verschoben werden. Termine einhalten? Für Rollstuhlfahrer, die auf den ÖPNV angewiesen sind, fast unmöglich.
Einkaufen, Essen, Teilhabe? Für viele unmöglich
Arztpraxen, Restaurants, Geschäfte – oft unerreichbar. Ein Besuch bei Zara? Undenkbar. Der Zugang zur Galeria in Hannover? Nur mit Hilfe. Selbst vermeintlich moderne Gebäude sind für Menschen im Rollstuhl eine Herausforderung. Barrierefreiheit? Meist nur auf dem Papier.
Auf Gleis 1/2 in Hannover zu stehen und auf die S-Bahn zu warten – umgeben von Menschenmassen, die drängen und schieben – ist bedrückend. Man wird übersehen,
überrannt, ignoriert. Alles sieht anders aus – wenn man sitzt. Natürlich habe ich sowohl TransDev, die unsere S-Bahnen betreiben, als auch an die Deutsche Bahn und ÜSTRA gewandt.
Die Antworten sind absolut ernüchternd. Alle berufen sich auf DIN-Norm und gesetzlich vorgeschrieben, teilen dennoch auch mit, das jeder Bahnhof unterschiedliche Bahnsteighöhen hat (teilweise 30cm), sodass Rollstuhlfahrer sehr oft auf Hilfe angewiesen sind. Diese Hilfe muss man am Vortag anmelden – telefonisch – und mit viel Glück erreicht man auch jemanden. Meine Erfahrungen diesbezüglich mit der S-Bahn (TransDev) war überaus negativ, denn die Anmeldung wurde mit erheblichen Problemen ( im digitalen Bereich der Eingabe) zwar abgenommen, vor Ort war jedoch niemand. Auch Anfragen, ob der SEV Rollstühle mitnimmt wurde mir weder schriftlich (mehrere Anfragen perE-Mail), noch telefonisch beantwortet. Die Mitarbeiter sind völlig überfordert bei Fragen diesbezüglich.
Bei der Deutschen Bahn, fällt mal der Fahrstuhl aus, ist auch eine Absprache bezüglich Hilfestellung am Gleis per E-Mail möglich und klappt zu 99% gut.
Die ÜSTRA ist keine Hilfe, weder per E- Mail, noch telefonisch. Neuzugezogene Rollstuhlfahrer beispielsweise, bräuchten einen Plan, wo sich Fahrstühle befinden, um
Zugang zu den Stadtbahngleisen zu bekommen, doch da gibt es keinerlei Hilfe, auch online nicht. Ich habe über ein halbes Jahr gebraucht, um herauszufinden, das es für beide
Gleisseiten am Bahnhof einen Fahrstuhl gibt, wobei beide ständig defekt sind. Doch auch an anderen Haltestellen hat ein Rollstuhlfahrer es schwer herauszufinden wie er wohin kommt. ,Wir bieten Menschen an, die mitfahren.‘ diese Antwort erhielt ich auch für den erschwerten Einstieg an manchen Haltestellen, da die Entfernung der Bahnsteigkanten natürlich auch nicht genormt ist. Also auch wenn es einen Fahrstuhl an vielen Stationen gibt, heißt es noch lange nicht, das ich auch Zugang zur Bahn habe. Handelt es sich um ‚ältere‘ Bahnen, die ca 30cm höher liegen, würde mir auch die freundlich angebotene Begleitung nicht helfen können – einen Elektrorollstuhl kann man nicht kippen, wegen des Kippschutzes –
Da sieht man einseitig, das viele angebotene Lösungen gut aussehen auf dem Papier, in der Realität jedoch wenig hilfreich sind. Es ist, als ob wir den Eindruck erhalten sollen, das etwas getan wird, obwohl eigentlich nichts passiert.
Was sich ändern muss
Ich ziehe den Hut vor allen Menschen mit Behinderung, die diese Mühen von klein auf kennen. Wir leben im Jahr 2025 – und doch ist vieles immer noch nicht barrierefrei. Wie
muss es erst vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen sein?
Manches hat sich gebessert – vieles ist Stückwerk geblieben. Und viel zu häufig wird Barrierefreiheit als „nice to have“ betrachtet, nicht als Menschenrecht.
Ich könnte noch viel erzählen – von Menschen, die gegen meinen Rollstuhl traten, aus Ungeduld oder Aggression. Aber auch von denen, die anhalten, helfen, mich mit Respekt
behandeln. Ihnen gilt mein Dank.
Ein Appell an Städte, Kommunen, Planer
Wenn ihr verschönert, modernisiert, saniert – denkt an uns. Pflastersteine mögen hübsch aussehen, doch für viele von uns sind sie ein Alptraum. Denkt an Rollstuhlfahrer,
Rollatornutzer, Kinderwagen. Barrierefreiheit ist keine Nebensache. Sie ist Teil einer gerechten, menschenfreundlichen Gesellschaft.




