Staufen (kobinet)
Danke Sascha für deinen Facebook-Post!
Du bist wie ein Igel.
Du zeigst deine Stacheln.
Du wehrst dich gegen die Kriegs-Macher.
Der Soziologe Hartmut Rosa sagt klare Worte.
Ein Soziologe ist ein Forscher.
Er untersucht Menschen und Gruppen.
Er fragt: Wie leben Menschen zusammen?
Er schreibt darüber Bücher und Berichte.
Kriegs-tüchtig sein bedeutet: Besser werden beim Menschen töten.
Zwei Menschen sprechen mutig.
Sie sind gegen den Wahnsinn.
Sie sind gegen die Militär-Macht in der Gesellschaft.
Militär-Macht bedeutet: Ein Land hat starke Soldaten.
Das Land hat viele Waffen und Panzer.
Andere Länder haben Respekt vor diesem Land.
Das Land kann sich gut verteidigen.
Das macht unser Leben brutaler.
Wir Menschen mit Behinderung leiden besonders.
Die Gesellschaft wird rauer.
Die Gesellschaft übt das Töten.
Das ist schlecht für uns.
Bei Maischberger fehlten solche klaren Worte.
Ich habe sie dort vermisst.
Hier ist der Facebook-Post von Sascha Lang.
Der Text ist vom Europa-Abgeordneten Martin Sonneborn:
Europa-Abgeordnete sind Politiker aus ganz Europa.
Sie treffen sich in Brüssel und Straßburg.
Sie machen Gesetze für alle Länder in Europa.
Die Bürger wählen diese Politiker alle 5 Jahre.
Sehr große Zahlen! Wirklich SEHR GROSSE ZAHLEN!
Ungarn und Tschechien machen nicht mit.
Frankreich und Italien machen auch nicht mit.
Das berichten Politico und La Stampa.
Deutschland plant eine neue Rüstungs-Offensive.
Rüstungs-Offensive bedeutet: Ein Land kauft viele neue Waffen.
Das Land baut sein Militär stark aus.
Es gibt viel Geld für Soldaten und Panzer aus.
Das Land will stärker werden.
Das sind Waffen-Käufe für die Ukraine.
Frankreich und Italien zahlen nicht mit.
Frankreich und Italien wollten etwas anderes.
Sie wollten Geld in Europa ausgeben.
Sie wollten eine europäische Waffen-Industrie aufbauen.
Deutschland lehnte das ab.
Merz und Pistorius haben heimlich geplant.
Sie arbeiten mit Rutte zusammen.
Sie arbeiten mit Leuten aus Trumps Team zusammen.
Sie haben einen Plan gemacht:
Die NATO bestellt Waffen.
NATO bedeutet: Eine Gruppe von Ländern.
Sie helfen sich bei Sicherheit.
Europa bezahlt die Waffen.
Amerika verdient das Geld.
Das gab es noch nie!
Jetzt soll alles anders laufen.
Die Waffen-Käufe laufen über die NATO.
Nicht mehr über einzelne Länder.
Das sind Milliarden von Euro.
So gibt es keine öffentliche Kontrolle mehr.
Niemand kann nachfragen.
Niemand weiß wo das Geld hingeht.
Die NATO versteckt alles.
Die NATO sagt: Wir sind ein Verteidigungs-Bündnis.
Ein Verteidigungs-Bündnis sind mehrere Länder zusammen.
Sie versprechen sich gegenseitig Hilfe.
Wenn ein Land angegriffen wird helfen die anderen.
Die NATO ist so ein Bündnis.
Aber die NATO wird immer aggressiver.
Die NATO hilft nur der Waffen-Industrie.
Die Waffen-Industrie verdient Milliarden.
Die USA haben zugestimmt.
Waffen-Lieferungen über die NATO sind okay.
Rutte freut sich im Oval Office.
Er sagt: Die Europäer bezahlen zu 100 Prozent.
Rutte hat nach Ländern gesucht.
Diese Länder sollen sofort mitmachen.
Das ist die erste Welle von US-Waffen-Käufen.
Hier geht es um RICHTIG DICKE ZAHLEN.
Deutschland spricht über dicke Zahlen.
Rutte ist glücklich darüber.
Trump hat mit Deutschland gesprochen.
Trump hat mit den größeren Ländern gesprochen.
Diese Länder sind wirklich begeistert.
Sie wollen SEHR WEIT gehen.
Wir fassen das zusammen:
Die USA liefern die Waffen.
Die europäischen Steuer-Zahler bezahlen.
Merz und Pistorius und Rutte reden schön.
Ukraine und Russland liefern die Toten.
Das nennt man eine Liefer-Kette.
Das wirft Fragen auf:
1. Warum arbeitet Merz gegen Europa?
Warum arbeitet er mit USA und NATO zusammen?
2. Merz ist zwanghaft trans-atlantisch.
Trans-atlantisch bedeutet: über den Atlantik hinweg.
Der Atlantik ist ein großer Ozean.
Er liegt zwischen Europa und Amerika.
Trans-atlantisch heißt: Europa und Amerika arbeiten zusammen.
Das heißt: Er hört immer auf Amerika.
Macht ihn das zu einem Anti-Europäer?
3. Warum erfahren wir von Rutte davon?
Rutte ist ein unerträglicher Schleimer.
Warum spricht Deutschland mit den USA über DICKE ZAHLEN?
4. Wir haben wenig Geld im Staats-Haushalt.
Um welche DICKEN ZAHLEN geht es?
7 Milliarden? 53 Milliarden?
Wie viele NULLEN hat diese Zahl?
5. Deutschland will sehr weit gehen.
Bis wohin genau?
Bis Moskau? Bis Stalingrad?
Für euch da draußen bedeutet das:
Ihr müsst die hohen Kosten bezahlen.
Ihr bleibt ganz allein damit.
Freut euch auf die nächste Episode:
Ein-schnitte im Geld.
Streichungen bei Leistungen.
Kürzungen überall.
Steuer-Erhöhungen.
Der Staat verweigert Leistungen.
Das Geld wird weniger wert.
Feiertage werden gestrichen.
Mehr Steuer-Erhöhungen.
Mehr Armut.
Der Mittel-Stand verschwindet.
Firmen wandern ab.
Noch mehr Steuer-Erhöhungen.
Als zweites das Gespräch mit Hartmut Rosa.
Das Interview steht in der Berliner Zeitung.
Hartmut Rosa: Kriegs-tüchtig sein heißt: Besser werden beim Menschen töten
Der Soziologe Hartmut Rosa warnt uns.
Er warnt vor einer Gesellschaft.
Diese Gesellschaft findet Krieg normal.
Er fordert eine neue Friedens-Vision.
Er fordert ein Ende der westlichen Doppel-Moral.
Doppelmoral bedeutet: Man hat zwei verschiedene Meinungen.
Andere sind schlecht, man selbst ist gut.
Hartmut Rosa ist ein bekannter Soziologe.
Er spricht mit der Berliner Zeitung.
Er spricht über die Verrohrung der Politik.
Er spricht über das Völker-Recht.
Das Völker-recht ist eine Sammlung von Regeln.
Länder müssen sich daran halten.
Er spricht über die Militär-Macht in der Gesellschaft.
Rosa kritisiert Aussagen des Bundes-Kanzlers.
Der Bundes-Kanzler spricht über Israel.
Rosa kritisiert die neue Sicherheits-Politik gegen Russland.
Rosa analysiert die großen Veränderungen.
Diese Veränderungen kamen mit der Zeit-Wende.
Zeit-Wende bedeutet: Eine große Änderung in der Welt.
Alles wird anders.
Rosa kritisiert die neue Kriegs-Sprache.
Er warnt vor einer Gesellschaft.
Diese Gesellschaft findet Krieg normal.
Er fordert eine Friedens-Politik.
Diese Politik setzt nicht auf Aufrüstung.
Diese Politik setzt nicht auf Feind-Bilder.
Diese Politik setzt auf Diplomatie.
Diese Politik setzt auf Selbst-Kritik.
Diese Politik denkt langfristig.
Interviewer
Herr Rosa, Bundes-Kanzler Friedrich Merz hat für Aufsehen gesorgt.
Er sagte etwas über Israel.
Er sagte: Israel macht für uns die Dreck-sarbeit.
Israel bombardiert den Iran.
Wie bewerten Sie diese Aussage?
Hartmut Rosa
Das ist eine Verrohrung der Sprache.
Das erinnert an die Nazi-Zeit.
Das ist bedrückend.
Ich habe mich gefragt:
Was wäre passiert bei der AfD?
Was wäre passiert, wenn die AfD das gesagt hätte?
Man muss sich klar machen:
Der Bundes-Kanzler hat Nazi-Sprache verwendet.
Aber die Wort-Wahl ist nicht das Schlimmste.
Das Denken dahinter ist schlimmer.
Die Sprache wird roh.
Das Denken wird auch roh.
Merz ist nicht allein schuld daran.
Schon Angela Merkel freute sich.
Sie freute sich über die Tötung von Bin Laden.
Das hatte ich schon damals ungut gefunden.
Solche Sätze hätten wir früher nicht gesagt.
Es ist eine gefährliche Entwicklung.
Wir finden Krieg normal.
Aber Krieg bedeutet: Menschen töten.
Wir töten nicht, weil es gut ist.
Wir töten, weil es angeblich sein muss.
Ich lehne mich mit meiner ganzen Existenz auf.
Ich bin gegen diese Art zu denken.
Ich bin gegen diese Art zu fühlen.
Interviewer
Nach dem Angriff der USA auf den Iran sagten viele:
Das Völker-Recht ist zweit-rangig.
Man muss sich der Realität anpassen.
Hat das Völker-Recht noch eine Zukunft?
Hartmut Rosa
Das Völker-Recht wird im Westen missbraucht.
Wir nutzen es nur für unsere Interessen.
Diese Doppel-Moral wird schlimmer.
Merz sagte zum US-Angriff auf den Iran:
Daran gibt es nichts zu kritisieren.
Damit sagt er: Das Völker-Recht ist mir egal.
Das versteht die ganze Welt so.
Europa sieht sich als moralische Instanz.
Aber Europa macht sich lächerlich.
Wir nutzen Menschen-Rechte und Völker-Rechte selektiv.
Das heißt: Nur wenn es uns passt.
Das schadet unserem Ansehen.
Deutschland hatte früher hohes Ansehen.
Wir waren keine Militär-Macht.
Wir setzten uns für Regeln ein.
Wir wollten eine regel-basierte Ordnung.
Aber in den letzten Jahren zeigen wir:
Diese Prinzipien interessieren uns nur.
Nur wenn sie uns nützen.
Interviewer
Wäre es ehrlicher das Völker-Recht aufzugeben?
Hartmut Rosa
Das wäre schlimm.
Wir müssen daran festhalten.
Sonst sind wir völlig verloren.
Die Alternative wären neue Kriege.
Immer wieder Kriege.
Die Geschichte zeigt uns etwas:
Die letzten Zeit-Zeugen großer Kriege sterben.
Dann scheint Krieg wieder möglich.
Genau an diesem Punkt stehen wir heute.
Viele denken: So schlimm ist das nicht.
Da werfen wir wieder Bomben.
Da bringen wir wieder Leute um.
Aber diese Vorstellung ist falsch.
Konflikte löst man nicht mit Bomben.
Das führt ins nächste Desaster.
Wir können uns solche Katastrophen nicht leisten.
Deshalb müssen wir die regel-basierte Ordnung bewahren.
Wir müssen sie konsequent anwenden.
Wir dürfen sie nicht missbrauchen.
Interviewer
Begriffe wie Kriegs-tüchtigkeit prägen die Debatte.
Begriffe wie Feind-staat prägen die Debatte.
Was macht diese Sprache mit unserer Gesellschaft?
Hartmut Rosa
In meiner Soziologie habe ich etwas geschrieben.
Ich schrieb über die Welt-Beziehung.
Ich sagte: Menschen-Rechte kann man nicht dauerhaft schützen.
Man kann sie nur nach innen schützen.
Wenn man sie nach außen schützt.
Demokratische Werte sind genauso.
Ein wichtiger Begriff bei mir ist Resonanz-Fähigkeit.
Resonanz-Fähigkeit bedeutet: gut mit anderen Menschen fühlen können.
Man spürt dann: Wie geht es anderen Menschen?
Man kann ihre Gefühle verstehen.
Man kann gut auf andere Menschen eingehen.
Das bedeutet: Auf andere hören und antworten.
Dabei geht es nicht um Kontrolle.
Dabei geht es nicht um Beherrschung.
Dabei geht es nicht um Dominanz.
Wenn wir nach innen resonant sein wollen:
Dann müssen wir auch nach außen resonant sein.
Wir können nicht die Menschen in Bangladesch ignorieren.
Diese Menschen nähen unsere T-Shirts.
Wir können nicht die Russen als Feinde sehen.
Das führt zu einer mentalen Schließung.
Dann können wir auch nach innen nicht resonant sein.
Das Denken wird schlecht:
Der Feind ist das Böse.
Der Feind muss vernichtet werden.
Dieses Denken überträgt sich schnell.
Dann gilt es auch für innen-politische Feinde.
Interviewer
Sie meinen: Außen-Politik hat Folgen für Innen-Politik?
Hartmut Rosa
Ja, die Militär-Macht kommt auch nach innen.
Ich sehe mit Sorge welche Signale gesendet werden.
Diese Signale gehen an Kinder.
Diese Signale gehen an Jugendliche.
Diese Signale gehen an die ganze Gesellschaft.
Die Signale sagen:
Politische Probleme löst man mit dem Hammer.
Im Moment höre ich nur noch von Gewalt.
Bei internationalen Beziehungen geht es nur um:
Aufrüstung, bunker-brechende Bomben, Kriegs-tüchtigkeit.
Pistorius redet Tag und Nacht davon.
Man hat nur noch den Hammer im Blick.
Es gibt einen schönen Spruch.
Oft wird er Mark Twain zugeschrieben.
Aber er ist glaube ich nicht von ihm:
Wenn das einzige Werkzeug ein Hammer ist.
Dann sehen alle Probleme wie Nägel aus.
Das heißt: Da ist das Problem.
Also hauen wir drauf.
Da sind die Huthis.
Also senden wir die Fregatte Hessen hin.
Da gibt es Probleme zwischen China und Taiwan.
Also schicken wir ein Kriegs-Schiff durch.
Der Iran hat vielleicht Atom-Waffen.
Also werfen wir bunker-brechende Bomben drauf.
Da gibt es ein Problem mit der Ukraine.
Also senden wir Taurus-Raketen hin.
Diese Methode des Hammers ist gefährlich.
Mental kann man dann nicht mehr unterscheiden.
Ist das Innen-Politik oder Außen-Politik?
Die Militär-Macht der Gesellschaft greift um sich.
Sie erfasst auch das Innere der Gesellschaft.
Wenn das die Zukunfts-Vision einer Gesellschaft ist:
Das führt ins Desaster.
Interviewer
Die Zeit-Wende steht für diese neue Mentalität.
Sie haben den Begriff früh kritisiert.
Was ist daran problematisch?
Hartmut Rosa
Zeit-Wende bedeutet nicht:
Jetzt gibt es plötzlich wieder Krieg.
Es gab immer Krieg.
Wir hatten den Jugoslawien-Krieg in Europa.
Wir hatten den Irak-Krieg.
Wir hatten den Afghanistan-Krieg.
Wir waren militärisch brutal in Libyen aktiv.
Die Zeit-Wende bedeutet eine neue Haltung.
Zuvor gab es ein Bewusstsein.
Es gab ein Selbst-Verständnis:
Es gibt leider noch Krieg.
Wir wollen diesen Krieg überwinden.
Die Zeit-Wende sagt:
Das war eine Illusion.
Das Einzige worauf wir uns verlassen können:
Das ist der Hammer.
Interviewer
Was folgt aus dieser neuen Haltung?
Hartmut Rosa
Ich hatte eine Diskussion mit Carlo Masala.
Er meinte: Kriegs-tüchtigkeit ist dasselbe wie Verteidigungs-Fähigkeit.
Aber ich widerspreche: Nein, das ist es nicht.
Kriegs-tüchtigkeit bedeutet etwas anderes.
Man bereitet sich darauf vor Krieg zu führen.
Das heißt: Töten und getötet werden.
Dafür muss die Hemmung überwunden werden.
Menschen haben normalerweise eine Hemmung.
Sie wollen andere nicht umbringen.
Soldaten werden gezielt trainiert.
Es soll ihnen im Zweifel leicht-fallen.
Sie sollen Menschen töten können.
Kriegs-tüchtigkeit heißt:
Unsere Gesellschaft denkt darüber nach.
Wie entwickeln wir bessere Instrumente?
Diese Instrumente sollen andere Menschen umbringen.
Zeit-Wende bedeutet also:
Wir werden besser in der Tötungs-Technologie.
Das ist materiell und kulturell.
Wir müssen bereit sein sie anzuwenden.
Das ist eine Katastrophe.
Interviewer
Wie konnte es so weit kommen?
Hartmut Rosa
Ich denke das hat viel mit dem Generationen-Umbruch zu tun.
Die älteren Generationen sind noch geprägt.
Sie sind geprägt von den Erfahrungen ihrer Eltern.
Sie sind geprägt von den Erfahrungen ihrer Groß-Eltern.
Diese erlebten das Grauen des 2. Welt-Kriegs.
Für sie ist das Nie wieder sehr stark.
Das ist eine starke Denk-Form.
Das ist eine starke Seins-Form.
Aber das verblasst nun.
Das kommunikative Gedächtnis reicht nicht so weit zurück.
Es sind neue Generationen in Verantwortungs-Positionen.
Sie sind mit Computer-Spielen aufgewachsen.
Sie sehen den Krieg als sauberes Abend-Vergnügen.
In der Tagesschau liegt ein gewisser Thrill darin.
Man guckt wo heute wieder Bomben gefallen sind.
Das meine ich nicht zynisch.
Die menschliche Psyche ist leider so.
Zeit-Wende bedeutet also auch:
Ein völlig anderes Verhältnis zu Kriegen.
Ein anderes Verständnis davon.
Interviewer
Zeit-Wende bedeutet auch etwas anderes.
Die NATO gibt ein neues Ziel aus.
In Zukunft sollen 5 Prozent des BIP in die Aufrüstung fließen.
BIP bedeutet: Brutto-Inlands-Produkt.
Das ist alles was Deutschland erwirtschaftet.
Welche Folgen befürchten Sie?
Wird das Geld an anderer Stelle fehlen?
Hartmut Rosa
5 Prozent des BIP sind enorm.
Das entspricht ungefähr der Hälfte des Staats-Haushalts.
Natürlich wird es dann weniger Geld geben.
Weniger Geld für Bildung.
Weniger Geld für Soziales.
Weniger Geld für Klima.
Aber ich bin kein Freund von solchen Rechnereien.
Die Frage ist fundamental anders.
Wie viel geben wir fürs Töten aus?
Das ist anders als die Frage:
Wie viel geben wir für Konjunktur-Programme aus?
Wenn eine Gesellschaft fast die Hälfte ihres Haushalts steckt:
Wenn sie das in Mord-Instrumente steckt.
Dann haben wir ein grund-legendes Problem.
Das geht über haushalts-politische Fragen hinaus.
Interviewer
Verteidigungs-Minister Pistorius fordert etwas.
Deutschland soll in 5 Jahren kriegs-fähig sein.
Kriegs-fähig gegenüber Russland.
Welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft?
Hartmut Rosa
Man kann historische Daten zur Lebens-Zufriedenheit betrachten.
Man stellt weltweit eine Tendenz fest.
Zufriedene Menschen sagten früher:
Wir haben nicht viel.
Wir arbeiten hart.
Aber unsere Kinder werden es einmal besser haben.
Dieses besser haben war nicht nur wirtschaftlich gemeint.
Sie dachten:
Ihre Kinder würden in einer friedlicheren Welt leben.
Eine bessere Bildung und Gesundheits-Versorgung bekommen.
Freier sein.
Ihr Leben selbst gestalten können.
Dieses Versprechen hat Menschen dazu gebracht:
Ihr eigenes Leben als gut zu empfinden.
Sie blickten in eine helle lebenswerte Zukunft.
Heute ist das Gegenteil der Fall.
Europäer sagen heute:
Wahrscheinlich auch Amerikaner.
Viele Menschen im Mittel-Stand sagen heute:
Wir haben viel.
Wir arbeiten hart.
Aber unseren Kindern wird es einmal schlechter gehen.
Wenn wir unseren Jugendlichen sagen:
In 5 oder 10 Jahren werdet ihr Krieg erleben.
Dann bricht auch noch eine Klima-Katastrophe über euch herein.
Dann bewegen wir uns auf einen gesellschaftlichen Abgrund zu.
Interviewer
Wie könnte ein Gegen-Entwurf aussehen?
Ein Gegen-Entwurf zu dieser Aufrüstungs-Politik?
Ein Gegen-Entwurf zu dieser Angst-Politik?
Hartmut Rosa
Ich beharre darauf:
Wir müssen unablässig daran arbeiten.
Wir müssen Alternativen zum Krieg entwickeln.
Was die Ukraine und Russland betrifft:
Wir müssen überlegen wie eine neue europäische Sicherheits-Architektur aussehen könnte.
Die meisten deutschen Politiker sagen:
Das kann nur gegen Russland sein.
Ich sehe das überhaupt nicht so.
Das empört mich.
Wenn man sich die Geschichte anschaut:
Wir Deutsche haben die Russen in den letzten 200 Jahren mindestens 3-mal überfallen.
Jedes Mal mit dem Gefühl:
Wir müssen den Barbaren da drüben Zivilisation beibringen.
Deshalb finde ich die Idee empörend.
Die europäische Sicherheits-Architektur langfristig nur gegen Russland ausrichten.
Genauso das Argument: Der Russe ist sowieso gewalttätig.
Das ist meiner Meinung nach eine Rückkehr des Rassismus.
Ich finde das unerträglich.
Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte.
Putin ist nicht der Russe.
Wir sollten Russland eine Perspektive eröffnen.
Eine Perspektive für die Zeit nach Putin.
Interviewer
Was meinen Sie damit konkret?
Hartmut Rosa
Was wir brauchen ist eine Vision.
Es wird immer gesagt:
Die Aufrüstung hat schon mal super funktioniert.
Im Kalten Krieg.
Das mag stimmen.
Aber erstens waren wir 1962 und 1983 kurz vor einem Atom-Krieg.
Zwei-mal kurz.
Es hat nur deshalb funktioniert:
Nach der Kuba-Krise hat man eingesehen.
Wechselseitig vertrauens-bildende Maßnahmen sind nötig.
Heute brauchen wir wieder eine Vision.
Eine Vision für solche Dinge.
Zum Beispiel Abrüstungs-Verträge.
Die Stärkung der UNO.
UNO bedeutet: Ein anderer Name für Vereinte Nationen.
Wir brauchen Visionen für die großen Konflikte.
Die Konflikte im Nahen Osten.
Die Konflikte in der Ukraine.
Ich finde es ist nicht schwer.
Man kann sich Möglichkeiten ausdenken.
Wie es dort weitergehen kann.
Selbst Carlo Masala sagt:
Wir müssen irgendwann verhandeln.
Also überlegen wir doch:
Wie könnte ein solches Verhandlungs-Ergebnis aussehen?
Derzeit entwickelt leider niemand eine Vision.
Alle reden nur noch davon:
Wie wir aufrüsten wollen.
Ich halte das für pervers.
Pervers bedeutet: Verdreht und falsch.
Interviewer
Würden Sie sagen:
Es ist Zeit für eine neue Friedens-Bewegung in Deutschland?
Hartmut Rosa
Ja, gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte.
Das ist heute unbedingt notwendig.
Interviewer
Welche Rolle sehen Sie für sich selbst?
Welche Verantwortung haben die Geistes-Wissenschaften?
Welche Verantwortung haben die Sozial-Wissenschaften?
Hartmut Rosa
Um ehrlich zu sein:
Ich habe keine große Lust auf Interviews wie dieses.
Ich ahne schon welche Konsequenzen sie haben werden.
Es gibt wieder einen gewaltigen Shitstorm.
Shitstorm bedeutet: Viele böse Kommentare im Internet.
Ich werde dann bezeichnet als:
Putin-Freund, Naivling, Ewiggestriger.
Wer hat schon Lust sich dem auszusetzen?
Deshalb frage ich mich immer:
Soll ich das eigentlich machen?
Ich komme zu dem Ergebnis: Ja.
Ich glaube es gibt eine Pflicht dazu.
Ich werde dafür bezahlt.
Interviewer
Wie meinen Sie das?
Hartmut Rosa
Menschen sind selbst-interpretierende Wesen.
Das bedeutet:
Was wir sind hängt davon ab wie wir uns verstehen.
Wer wir sind hängt davon ab.
Wo wir hinwollen hängt davon ab.
In welcher Gesellschaft wir leben hängt davon ab.
Unsere Wirklichkeit wird geprägt von unserem Selbst-Verständnis.
Wer wir sind hängt davon ab:
Wie wir uns und die Welt deuten.
In unserem Zeit-Alter sind Medien wichtig.
Wissenschaften sind wichtig.
Besonders die Sozial-Wissenschaften.
Sie sind ein zentraler Ort der Selbst-Verständigung.
Als Soziologe versuche ich Selbst-Deutungen zu entwickeln.
Ich behaupte daher gerade nicht:
Ich produziere unbestreitbares Wissen.
In diesem Interview trete ich nicht auf:
Als derjenige der alles weiß.
Ich bin jemand der versucht:
Den bestmöglichen Vorschlag zu machen.
Wie können wir uns in dieser Situation verstehen?
Wir leben im frühen 21. Jahrhundert.
Ein 3. Welt-Krieg droht.
Sich selbst verstehen heißt:
Wie sind wir hierhin geraten?
Was ist unsere Lage?
Wie können wir wieder daraus herauskommen?
Da sehe ich eine Aufgabe:
Für die Geistes-Wissenschaften.
Für die Sozial-Wissenschaften.
Wir müssen Vorschläge machen.
Vorschläge für diese Selbst-Interpretation.
Aber nicht mit dem Anspruch es besser zu wissen.
Sondern um in den Dialog zu treten.
Mit den Bürgerinnen und Bürgern.
Hier ist der Link zum vollständigen Interview
Dieser Text ist in Leichter Sprache nach DIN SPEC 33429 geschrieben.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Danke Sascha für deinen Facebook-Post! Ein echter Igel, der den Meistern des Tötens und ihrem mörderischen Geschäft seine Stacheln zeigt. Dank den klaren Worten des Soziologen Hartmut Rosa, "Kriegstüchtigkeit heißt, besser darin zu werden, Menschen umzubringen". Zwei Stimmen, die sich energisch gegen die grassierende Normalisierung des Wahnsinns wenden, gegen die Militarisierung der Gesellschaft mit der Folge, dass unser alltägliches Leben immer noch brutaler wird. Wir behinderte Menschen zählen zu den besonders Leidtragenden der atmosphärischen und tatsächlichen Verrohrung einer sich auf Kriegstüchtigkeit trimmenden und das Tötungshandwerk normalisierenden Gesellschaft. Hier endlich die Worte, die ich mir unlängst bei Maischberger gewünscht hätte und dort schmerzlich vermisst habe.
Zuerst der Facebook-Post von Sascha Lang, ein Text des fraktionslosen Europa-Abgeordneten Martin Sonneborn:
Big numbers! Really BIG NUMBERS!
Ungarn und Tschechien sind sowieso schon raus. Nun melden Politico und La Stampa, dass auch Frankreich und Italien in dieser neuesten von Deutschland ausbaldowerten „Rüstungsoffensive“ für die Ukraine nicht mitziehen – vielmehr nicht mitzahlen werden.
Frankreich und Italien hatten (vernünftigerweise) auf einem zumindest teilweisen Mitteleinsatz in Europa zum Aufbau einer europäischen Waffenindustrie bestanden, was Deutschland ablehnte.
Merz & Pistorius hatten (in klandestiner Kollaboration mit Rutte & paar Typen aus der Trump-Administration) nämlich schon extra einen zu ihrer Politik passenden und daher hochgradig unseriösen Finanzierungsmechanismus entwickelt:
Die NATO bestellt, Europa bezahlt, Amerika verdient. WELTNEUHEIT, das gab’s noch nie!
Was es wirklich noch nie gab, ist dies: Diese Rüstungskäufe sollen nun nämlich erstmals nicht über einzelne Staaten, sondern über die NATO abgewickelt werden. Milliardenbeträge werden so an jeder öffentlichen Kontrolle und demokratischen Rechenschaftspflicht vorbei unter den undurchsichtigen Deckmantel der NATO geschoben – jener sich selbst als „Verteidigungsbündnis“ vermarktenden, global immer aggressiver auftretenden Organisation, die noch nie für etwas anderes gut war, als die Fantastilliarden-Umsätze der mit ihr verbundenen Zerstörungs- und Tötungsindustrie weiter in die Höhe zu treiben.
Die USA hätten Waffenlieferungen via NATO zugestimmt, „die Europäer bezahlen das zu 100%“ („europeans are paying 100%“)“, freut sich Rutte im Oval Office. Er habe nach Staaten gesucht, die alle sofort mitmachen wollten in dieser „ersten Welle“ von europäischen US-Waffenkäufen. Und hier spreche man wirklich über RICHTIG DICKE ZAHLEN, ist Rutte glücklich, Deutschland spreche über dicke Zahlen. („And then you are really talking about big numbers. Take Germany visiting today. They’re talking about BIG NUMBERS.“)
Trump habe mit Deutschland und den größeren Staaten gesprochen, die „wirklich enthusiastisch“ und bereit seien, „sehr weit zu gehen. Sie wollen SEHR WEIT gehen.“ („they are really enthusiastic about this (…) they’re willing to go very far, they want to go very far.“)
Wir fassen das alles mal wie folgt zusammen:
Die Vereinigten Staaten liefern die Waffen, die europäischen Steuerzahler liefern das Geld. Merz, Pistolius und Rutte liefern hohle Phrasen, Ukraine und Russland liefern die Leichen. Man nennt das eine Lieferkette.
Ein Gesamtbild, das (aus unserer Sicht) gleich mehrere Fragen aufwirft.
- Warum kollaboriert Merz mit USA & NATO gegen EU-Mitgliedsstaaten und europäische Interessen?
- Macht sein zwanghafter Transatlantizismus der Marke Blackrock diesen Merz nicht zu einem dieser abscheulichen Antieuropäer?
- Warum müssen wir (ausgerechnet) von dem unerträglichsten Schleimer, den Europas diesbezügliche Vielfalt je hervorgebracht hat (Rutte), erfahren, dass „Deutschland“ und Pistorius bei ihrem US-Waffenshopping – mit Fremden – über „RICHTIG DICKE ZAHLEN“ sprechen?
- Dürften wir angesichts klammen Staatshaushaltes einmal höflich bei den Schnapsnasen nachfragen, um was für DICKE ZAHLEN es hier geht? Um die 7? 53? 9388833300? Uns interessiert auf jeden Fall die Anzahl der NULLEN!!!
- Deutschland wolle echt „sehr weit gehen“, hören wir da. Dürfen wir unser deutsches Ohrfeigensicht einmal fragen, bis wohin genau? Moskau? Oder Stalingrad?
P.S.: Für Sie da draußen bedeutet das, dass Sie auf den exorbitanten Kosten, die hier erzeugt werden, wie immer sitzen bleiben werden. Ganz allein! Freuen Sie sich schon mal auf die nächste Episode der diesem außenpolitischen Teil notwendigerweise folgenden „Innenpolitik“: Einschnitte, Streichungen, Kürzungen, Steuererhöhungen, staatliche Leistungsverweigerungen, Geldentwertungen, Eliminierung von Feiertagen, Steuererhöhungen, Armutsanstiege, Mittelstandserosionen, Wirtschaftsabwanderungen und Steuererhöhungen.
Als zweites das Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa aus der Berliner Zeitung
Hartmut Rosa: „Kriegstüchtigkeit heißt, besser darin zu werden, Menschen umzubringen“
Der Soziologe Hartmut Rosa warnt vor einer Gesellschaft, die Krieg als Normalität akzeptiert. Er fordert eine neue Friedensvision und ein Ende westlicher Doppelmoral.
Ein Interview
Hartmut Rosa zählt zu den international renommiertesten Soziologen unserer Zeit. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung spricht er über die zunehmende Verrohung politischer Debatten, die Rolle des Völkerrechts und die wachsende Militarisierung westlicher Gesellschaften.
Ausgehend von umstrittenen Aussagen des Bundeskanzlers zur Rolle Israels im Nahen Osten bis hin zur sicherheitspolitischen Ausrichtung gegenüber Russland analysiert Rosa die tiefgreifenden Verschiebungen im politischen Denken seit der sogenannten Zeitenwende. Er kritisiert die neue Kriegsrhetorik und warnt vor einer Gesellschaft, die Krieg als Normalität akzeptiert. Stattdessen plädiert er für eine Friedenspolitik, die nicht auf Aufrüstung und Feindbilder setzt, sondern auf Diplomatie, Selbstreflexion und langfristige Perspektiven.
Herr Rosa, Bundeskanzler Friedrich Merz hat kürzlich für Aufsehen gesorgt, als er sagte, Israel übernehme für uns die „Drecksarbeit“, wenn es den Iran bombardiert. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Das ist eine Verrohung der Sprache mit bedrückenden historischen Anklängen. Ich habe mich gefragt, was passiert wäre, wenn jemand von der AfD so etwas gesagt hätte. Man muss sich klarmachen: Der Bundeskanzler hat Nazi-Jargon verwendet. Doch mehr als die Wortwahl beunruhigt mich die dahinterliegende Denkweise. Diese sprachliche Verrohung spiegelt eine Verrohung des Denkens wider, für die Merz nicht allein verantwortlich ist. Schon als Angela Merkel sich über die Tötung Bin Ladens freute, hatte ich ein ungutes Gefühl. Solche Sätze hätten wir früher nicht gesagt. Es ist eine gefährliche Entwicklung, wenn wir Krieg als Normalität akzeptieren. Denn Krieg bedeutet, Menschen zu töten, nicht, weil es gut ist, sondern weil es angeblich sein muss. Ich lehne mich mit meiner ganzen Existenz gegen diese Art des Denkens und Fühlens auf.
Nach dem Angriff der USA auf den Iran erklärten viele Politiker und Medien, das Völkerrecht sei zweitrangig, man müsse sich der Realität anpassen. Hat das Völkerrecht noch eine Zukunft?
Das Völkerrecht wird im Westen oft nur dann bemüht, wenn es den eigenen Interessen dient. Diese Doppelmoral radikalisiert sich derzeit. Merz sagte, am US-Angriff auf den Iran gebe es nichts zu kritisieren. Damit signalisiert er: „Das Völkerrecht ist mir egal.“ Das wird weltweit genau so verstanden. Europa, das sich gerne als moralische Instanz sieht, macht sich zunehmend lächerlich. Unsere selektive Anwendung von Menschen- und Völkerrechten diskreditiert uns. Deutschland genoss einst hohes Ansehen, da wir keine Militärmacht waren und uns für eine regelbasierte Ordnung einsetzten. Doch in den letzten Jahren zeigen wir, dass uns diese Prinzipien nur dann interessieren, wenn sie uns nützen.
Wäre es nicht ehrlicher, wenn wir das Völkerrecht einfach aufgeben würden?
Das wäre fatal. Wir müssen daran festhalten, wenn wir nicht völlig verloren sein wollen. Die Alternative wäre ein Rückfall in zyklische Kriege. Die Geschichte zeigt: Wenn die letzten Zeitzeugen großer Kriege gestorben sind, scheint Krieg wieder eine realistische Option zu werden. Genau an diesem Punkt stehen wir heute, wo viele denken: „So schlimm ist das doch auch nicht. Da werfen wir wieder ein paar Bomben und bringen ein paar Leute um“. Doch diese Vorstellung, Konflikte mit Bomben zu lösen, führt ins nächste Desaster. Wir können uns solche Katastrophen nicht mehr leisten. Deshalb müssen wir die regelbasierte Ordnung bewahren und konsequent anwenden, statt sie zu missbrauchen.
Begriffe wie Kriegstüchtigkeit und Feindstaat prägen heute die öffentliche Debatte. Was macht diese Sprache mit unserer Gesellschaft?
In meiner Soziologie der Weltbeziehung habe ich bereits vor einiger Zeit den Gedanken formuliert, dass man Menschenrechte und demokratische Werte auf Dauer nach innen nicht aufrechterhalten kann, wenn man sie nach außen missachtet. Ein zentraler Begriff meines Denkens ist der der Resonanzfähigkeit: auf andere zu hören und zu antworten, ohne dabei auf Kontrolle, Beherrschung und Dominanz abzuzielen. Wenn wir nach innen eine resonante Gesellschaft sein wollen, nach außen aber zum Beispiel die Menschen in Bangladesch, die unsere T-Shirts weben, ignorieren und die Russen als Feinde betrachten, führt das zu einer mentalen Schließung, die es uns auch nach innen unmöglich macht, resonant zu sein. Das Denken, der Feind sei das Böse und müsse potenziell vernichtet werden, lässt sich ganz schnell auch auf den innenpolitischen Feind übertragen.
Sie meinen, wie wir Außenpolitik betreiben, hat auch Folgen für die Innenpolitik?
Ja, die Militarisierung findet dann auch im Inneren statt. Ich sehe mit Besorgnis, welche Signale derzeit an Kinder, Jugendliche und allgemein die Gesellschaft gesendet werden: Politische Probleme löst man am besten mit dem Hammer. Im Moment höre ich, wenn es um internationale Beziehungen geht, nur noch von Gewalt reden: Aufrüstung, bunkerbrechende Bomben, Kriegstüchtigkeit – davon redet Pistorius Tag und Nacht. Man hat nur noch den Hammer im Blick. Es gibt diesen schönen Spruch, der oft Mark Twain zugeschrieben wird, obwohl er, glaube ich, gar nicht von ihm stammt: „Wenn das einzige Werkzeug, das man führt, ein Hammer ist, sehen alle Probleme wie Nägel aus.“ Das heißt, man hat dann das Gefühl: Da ist das Problem, also hauen wir drauf. Das sind die Huthis, also senden wir die Fregatte Hessen hin. Da gibt es Probleme zwischen China und Taiwan, also schicken wir ein Kriegsschiff durch. Der Iran hat vielleicht Atomwaffen, also werfen wir mal bunkerbrechende Bomben drauf. Da gibt es ein Problem mit der Ukraine, also senden wir mal Taurus-Raketen hin. Diese Methode des Hammers ist etwas, bei der man mental irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, ob es sich um Innen- oder Außenpolitik handelt. Die Militarisierung der Gesellschaft greift um sich und erfasst dann auch das Innere der Gesellschaft. Wenn das die Zukunftsvision einer Gesellschaft ist, führt das ins Desaster.
Die Zeitenwende steht für diese neue Mentalität. Sie haben den Begriff sehr früh kritisiert. Was halten Sie daran für problematisch?
Zeitenwende signalisiert nicht, dass es jetzt plötzlich wieder Krieg gibt, denn es gab immer Krieg. Wir hatten den Jugoslawienkrieg in Europa, den Irakkrieg, den Afghanistankrieg und waren militärisch brutal in Libyen aktiv. Die Zeitenwende bedeutet eine neue Haltung. Zuvor gab es das Bewusstsein und das Selbstverständnis, dass es leider noch Krieg gibt und dass wir diesen überwinden wollen. Die Zeitenwende sagt, das sei eine Illusion gewesen und das Einzige, worauf wir uns verlassen können, sei der Hammer.
Was folgt aus dieser neuen Haltung konkret?
Ich hatte neulich eine Diskussion mit Carlo Masala. Er meinte, Kriegstüchtigkeit sei das Gleiche wie Verteidigungsfähigkeit. Aber ich widerspreche: Nein, das ist es nicht. Kriegstüchtigkeit bedeutet, dass man sich darauf vorbereitet, Krieg zu führen, also zu töten und getötet zu werden. Dafür muss die Hemmung überwunden werden, die Menschen normalerweise gegenüber der Idee haben, andere umzubringen. Soldaten werden gezielt so trainiert, dass es ihnen im Zweifelsfall leichtfällt, Menschen zu töten. Kriegstüchtigkeit heißt, dass sich unsere Gesellschaft darüber Gedanken macht, wie wir bessere Instrumente entwickeln, um andere Menschen umzubringen. Zeitenwende bedeutet also, dass wir besser in der materiellen und kulturellen Tötungstechnologie werden und bereit sein müssen, sie anzuwenden – das ist eine Katastrophe.
Wie konnte es so weit kommen?
Ich denke, das hat viel mit dem Generationsumbruch zu tun. Die älteren Generationen sind noch geprägt von den Erfahrungen ihrer Eltern oder Großeltern mit dem Grauen des Zweiten Weltkriegs. Für sie ist das „Nie wieder“ noch eine sehr starke Denk- und Seinsform, die nun verblasst, weil das kommunikative Gedächtnis nicht so weit zurückreicht. Es sind neue Generationen in Verantwortungspositionen, die mit Computerspielen aufgewachsen sind und den Krieg als aseptisches Abendvergnügen in der Tagesschau sehen. Da liegt ja sozusagen ein gewisser Thrill darin, zu gucken, wo heute wieder Bomben gefallen sind. Das meine ich nicht zynisch, die menschliche Psyche ist leider so beschaffen. Zeitenwende bedeutet also auch ein völlig anderes Verhältnis zu Kriegen und ein anderes Verständnis davon.
Zeitenwende bedeutet auch, dass die Nato ein neues Ziel ausgibt. In Zukunft sollen fünf Prozent des BIP in die Aufrüstung fließen. Welche Folgen befürchten Sie? Wird das Geld an anderer Stelle fehlen?
Fünf Prozent des BIP sind enorm und entsprechen ungefähr der Hälfte des aktuellen Staatshaushalts. Natürlich wird es dann weniger Geld für Bildung, Soziales oder Klima geben. Aber ich bin kein Freund von solchen Rechnereien. Ich finde, die Frage „Wie viel geben wir fürs Töten aus?“ ist fundamental anders als die Frage „Wie viel geben wir für Konjunkturprogramme oder Ähnliches aus?“. Wenn eine Gesellschaft fast die Hälfte ihres Haushalts in Mordinstrumente steckt, dann haben wir ein grundlegendes Problem, das über haushaltspolitische Fragen hinausgeht.
Verteidigungsminister Pistorius fordert, dass Deutschland in fünf Jahren kriegsfähig gegenüber Russland sein müsse. Welche Auswirkungen hat eine solche Aussage auf die Gesellschaft?
Betrachtet man historische Daten zur Lebenszufriedenheit, stellt man weltweit eine Tendenz fest: Zufriedene Menschen sagten: „Wir haben nicht viel, wir arbeiten hart, aber unsere Kinder werden es einmal besser haben.“ Und dieses „Besser haben“ war nicht nur ökonomisch gemeint. Sie dachten, ihre Kinder würden in einer friedlicheren Welt leben, eine bessere Bildung und Gesundheitsversorgung erhalten und freier sein, sie würden ihr Leben selbst gestalten können. Dieses Versprechen hat Menschen dazu gebracht, ihr eigenes Leben als gut zu empfinden, weil sie in eine helle, lebenswerte Zukunft blickten.
Heute ist das Gegenteil der Fall. Europäer, wahrscheinlich auch Amerikaner, und übrigens viele Menschen im Mittelstand, sagen heute: „Wir haben viel, wir arbeiten hart, aber unseren Kindern wird es einmal schlechter gehen.“ Wenn wir unseren Jugendlichen sagen, dass sie in fünf oder zehn Jahren Krieg erleben werden und dass dann auch noch eine Klimakatastrophe über sie hereinbricht, bewegen wir uns auf einen gesellschaftlichen Abgrund zu.
Wie könnte ein Gegenentwurf zu dieser Aufrüstungs- und Angstpolitik aussehen?
Ich beharre darauf, dass wir unablässig daran arbeiten müssen, Alternativen zum Krieg zu entwickeln. Was die Ukraine und Russland betrifft, müssen wir zum Beispiel überlegen, wie eine neue europäische Sicherheitsarchitektur aussehen könnte. Die meisten deutschen Politiker sagen, das könne nur gegen Russland sein. Ich sehe das überhaupt nicht so. Das empört mich, denn wenn man sich die Geschichte anschaut, haben wir Deutschen die Russen in den letzten 200 Jahren mindestens dreimal überfallen. Jedes Mal mit dem Gefühl, wir müssten den „Barbaren“ da drüben mal Zivilisation beibringen. Deshalb finde ich die Idee empörend, die europäische Sicherheitsarchitektur langfristig nur gegen Russland auszurichten, genauso wie das Argument, der Russe sei sowieso gewalttätig. Das ist meiner Meinung nach eine Rückkehr des Rassismus, die ich unerträglich finde – gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Putin ist nicht „der Russe“, wir sollten Russland vielmehr eine Perspektive für die Zeit nach Putin eröffnen.
Was konkret meinen Sie damit?
Was wir brauchen, ist eine Vision. Es wird ja immer gesagt: Die Aufrüstung hat doch schon mal super funktioniert im Kalten Krieg. Das mag stimmen, aber erstens waren wir 1962 und 1983 zweimal kurz vor einem Atomkrieg. Und es hat nur deshalb funktioniert, weil man nach der Kubakrise eingesehen hat, dass wechselseitig vertrauensbildende Maßnahmen nötig waren.
Heute brauchen wir wieder eine Vision für solche Dinge, zum Beispiel Abrüstungsverträge und die Stärkung der Uno. Wir brauchen Visionen für die großen Konflikte, die wir im Moment im Nahen Osten und in der Ukraine haben. Ich finde, es ist nicht schwer, sich Möglichkeiten auszudenken, wie es dort weitergehen kann. Selbst Carlo Masala sagt, dass wir irgendwann verhandeln müssen. Also überlegen wir doch, wie ein solches Verhandlungsergebnis aussehen könnte. Derzeit entwickelt jedoch leider niemand eine Vision, sondern alle reden nur noch davon, wie wir aufrüsten wollen. Ich halte das für pervers.
Würden Sie sagen, dass es in Deutschland an der Zeit für eine neue Friedensbewegung ist?
Ja, gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte ist das heute unbedingt notwendig.
Welche Rolle und Verantwortung sehen Sie für sich selbst sowie für die Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt in dieser aktuellen Lage?
Um ehrlich zu sein, habe ich keine große Lust auf Interviews wie dieses, da ich bereits ahne, welche Konsequenzen sie haben werden. Es gibt wieder einen gewaltigen Shitstorm. Ich werde dann als Putin-Freund, Naivling, Ewiggestriger usw. bezeichnet. Wer hat schon Lust, sich dem freiwillig auszusetzen? Deshalb frage ich mich immer: Soll ich das eigentlich machen? Und ich komme zu dem Ergebnis: Ja, ich glaube, es gibt eine Pflicht dazu. In gewisser Weise würde ich sagen, ich werde dafür bezahlt.
Wie meinen Sie das?
Mein grundsätzliches Selbstverständnis ist das folgende: Menschen sind selbstinterpretierende Wesen. Das bedeutet, dass das, was wir sind, wer wir sind, wo wir hinwollen und in welcher Gesellschaft wir leben, immer auch davon abhängt, wie wir uns verstehen. Unsere Wirklichkeit wird maßgeblich von unserem Selbstverständnis geprägt. Wer wir sind, hängt davon ab, wie wir uns und die Welt deuten. In unserem Zeitalter sind Medien und Wissenschaften, insbesondere die Sozialwissenschaften, ein zentraler Ort der Selbstverständigung. Als Soziologe versuche ich, Selbstdeutungen zu entwickeln. Ich behaupte daher gerade nicht, unbestreitbares Wissen zu produzieren. In diesem Interview trete ich nicht als derjenige auf, der alles weiß, sondern als jemand, der versucht, den ihm bestmöglichen Vorschlag zu machen, wie wir uns in dieser Situation im frühen 21. Jahrhundert, in der ein Dritter Weltkrieg droht, selbst verstehen können. Sich selbst zu verstehen heißt: Wie sind wir hierhin geraten? Was ist unsere Lage, und wie können wir wieder daraus herauskommen? Und da sehe ich eine Aufgabe für die Geistes- und Sozialwissenschaften: Wir müssen Vorschläge für diese Selbstinterpretation machen, aber nicht mit dem Anspruch, es besser zu wissen, sondern um in den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern zu treten.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Danke Sascha für deinen Facebook-Post! Ein echter Igel, der den Meistern des Tötens und ihrem mörderischen Geschäft seine Stacheln zeigt. Dank den klaren Worten des Soziologen Hartmut Rosa, "Kriegstüchtigkeit heißt, besser darin zu werden, Menschen umzubringen". Zwei Stimmen, die sich energisch gegen die grassierende Normalisierung des Wahnsinns wenden, gegen die Militarisierung der Gesellschaft mit der Folge, dass unser alltägliches Leben immer noch brutaler wird. Wir behinderte Menschen zählen zu den besonders Leidtragenden der atmosphärischen und tatsächlichen Verrohrung einer sich auf Kriegstüchtigkeit trimmenden und das Tötungshandwerk normalisierenden Gesellschaft. Hier endlich die Worte, die ich mir unlängst bei Maischberger gewünscht hätte und dort schmerzlich vermisst habe.
Zuerst der Facebook-Post von Sascha Lang, ein Text des fraktionslosen Europa-Abgeordneten Martin Sonneborn:
Big numbers! Really BIG NUMBERS!
Ungarn und Tschechien sind sowieso schon raus. Nun melden Politico und La Stampa, dass auch Frankreich und Italien in dieser neuesten von Deutschland ausbaldowerten „Rüstungsoffensive“ für die Ukraine nicht mitziehen – vielmehr nicht mitzahlen werden.
Frankreich und Italien hatten (vernünftigerweise) auf einem zumindest teilweisen Mitteleinsatz in Europa zum Aufbau einer europäischen Waffenindustrie bestanden, was Deutschland ablehnte.
Merz & Pistorius hatten (in klandestiner Kollaboration mit Rutte & paar Typen aus der Trump-Administration) nämlich schon extra einen zu ihrer Politik passenden und daher hochgradig unseriösen Finanzierungsmechanismus entwickelt:
Die NATO bestellt, Europa bezahlt, Amerika verdient. WELTNEUHEIT, das gab’s noch nie!
Was es wirklich noch nie gab, ist dies: Diese Rüstungskäufe sollen nun nämlich erstmals nicht über einzelne Staaten, sondern über die NATO abgewickelt werden. Milliardenbeträge werden so an jeder öffentlichen Kontrolle und demokratischen Rechenschaftspflicht vorbei unter den undurchsichtigen Deckmantel der NATO geschoben – jener sich selbst als „Verteidigungsbündnis“ vermarktenden, global immer aggressiver auftretenden Organisation, die noch nie für etwas anderes gut war, als die Fantastilliarden-Umsätze der mit ihr verbundenen Zerstörungs- und Tötungsindustrie weiter in die Höhe zu treiben.
Die USA hätten Waffenlieferungen via NATO zugestimmt, „die Europäer bezahlen das zu 100%“ („europeans are paying 100%“)“, freut sich Rutte im Oval Office. Er habe nach Staaten gesucht, die alle sofort mitmachen wollten in dieser „ersten Welle“ von europäischen US-Waffenkäufen. Und hier spreche man wirklich über RICHTIG DICKE ZAHLEN, ist Rutte glücklich, Deutschland spreche über dicke Zahlen. („And then you are really talking about big numbers. Take Germany visiting today. They’re talking about BIG NUMBERS.“)
Trump habe mit Deutschland und den größeren Staaten gesprochen, die „wirklich enthusiastisch“ und bereit seien, „sehr weit zu gehen. Sie wollen SEHR WEIT gehen.“ („they are really enthusiastic about this (…) they’re willing to go very far, they want to go very far.“)
Wir fassen das alles mal wie folgt zusammen:
Die Vereinigten Staaten liefern die Waffen, die europäischen Steuerzahler liefern das Geld. Merz, Pistolius und Rutte liefern hohle Phrasen, Ukraine und Russland liefern die Leichen. Man nennt das eine Lieferkette.
Ein Gesamtbild, das (aus unserer Sicht) gleich mehrere Fragen aufwirft.
- Warum kollaboriert Merz mit USA & NATO gegen EU-Mitgliedsstaaten und europäische Interessen?
- Macht sein zwanghafter Transatlantizismus der Marke Blackrock diesen Merz nicht zu einem dieser abscheulichen Antieuropäer?
- Warum müssen wir (ausgerechnet) von dem unerträglichsten Schleimer, den Europas diesbezügliche Vielfalt je hervorgebracht hat (Rutte), erfahren, dass „Deutschland“ und Pistorius bei ihrem US-Waffenshopping – mit Fremden – über „RICHTIG DICKE ZAHLEN“ sprechen?
- Dürften wir angesichts klammen Staatshaushaltes einmal höflich bei den Schnapsnasen nachfragen, um was für DICKE ZAHLEN es hier geht? Um die 7? 53? 9388833300? Uns interessiert auf jeden Fall die Anzahl der NULLEN!!!
- Deutschland wolle echt „sehr weit gehen“, hören wir da. Dürfen wir unser deutsches Ohrfeigensicht einmal fragen, bis wohin genau? Moskau? Oder Stalingrad?
P.S.: Für Sie da draußen bedeutet das, dass Sie auf den exorbitanten Kosten, die hier erzeugt werden, wie immer sitzen bleiben werden. Ganz allein! Freuen Sie sich schon mal auf die nächste Episode der diesem außenpolitischen Teil notwendigerweise folgenden „Innenpolitik“: Einschnitte, Streichungen, Kürzungen, Steuererhöhungen, staatliche Leistungsverweigerungen, Geldentwertungen, Eliminierung von Feiertagen, Steuererhöhungen, Armutsanstiege, Mittelstandserosionen, Wirtschaftsabwanderungen und Steuererhöhungen.
Als zweites das Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa aus der Berliner Zeitung
Hartmut Rosa: „Kriegstüchtigkeit heißt, besser darin zu werden, Menschen umzubringen“
Der Soziologe Hartmut Rosa warnt vor einer Gesellschaft, die Krieg als Normalität akzeptiert. Er fordert eine neue Friedensvision und ein Ende westlicher Doppelmoral.
Ein Interview
Hartmut Rosa zählt zu den international renommiertesten Soziologen unserer Zeit. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung spricht er über die zunehmende Verrohung politischer Debatten, die Rolle des Völkerrechts und die wachsende Militarisierung westlicher Gesellschaften.
Ausgehend von umstrittenen Aussagen des Bundeskanzlers zur Rolle Israels im Nahen Osten bis hin zur sicherheitspolitischen Ausrichtung gegenüber Russland analysiert Rosa die tiefgreifenden Verschiebungen im politischen Denken seit der sogenannten Zeitenwende. Er kritisiert die neue Kriegsrhetorik und warnt vor einer Gesellschaft, die Krieg als Normalität akzeptiert. Stattdessen plädiert er für eine Friedenspolitik, die nicht auf Aufrüstung und Feindbilder setzt, sondern auf Diplomatie, Selbstreflexion und langfristige Perspektiven.
Herr Rosa, Bundeskanzler Friedrich Merz hat kürzlich für Aufsehen gesorgt, als er sagte, Israel übernehme für uns die „Drecksarbeit“, wenn es den Iran bombardiert. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Das ist eine Verrohung der Sprache mit bedrückenden historischen Anklängen. Ich habe mich gefragt, was passiert wäre, wenn jemand von der AfD so etwas gesagt hätte. Man muss sich klarmachen: Der Bundeskanzler hat Nazi-Jargon verwendet. Doch mehr als die Wortwahl beunruhigt mich die dahinterliegende Denkweise. Diese sprachliche Verrohung spiegelt eine Verrohung des Denkens wider, für die Merz nicht allein verantwortlich ist. Schon als Angela Merkel sich über die Tötung Bin Ladens freute, hatte ich ein ungutes Gefühl. Solche Sätze hätten wir früher nicht gesagt. Es ist eine gefährliche Entwicklung, wenn wir Krieg als Normalität akzeptieren. Denn Krieg bedeutet, Menschen zu töten, nicht, weil es gut ist, sondern weil es angeblich sein muss. Ich lehne mich mit meiner ganzen Existenz gegen diese Art des Denkens und Fühlens auf.
Nach dem Angriff der USA auf den Iran erklärten viele Politiker und Medien, das Völkerrecht sei zweitrangig, man müsse sich der Realität anpassen. Hat das Völkerrecht noch eine Zukunft?
Das Völkerrecht wird im Westen oft nur dann bemüht, wenn es den eigenen Interessen dient. Diese Doppelmoral radikalisiert sich derzeit. Merz sagte, am US-Angriff auf den Iran gebe es nichts zu kritisieren. Damit signalisiert er: „Das Völkerrecht ist mir egal.“ Das wird weltweit genau so verstanden. Europa, das sich gerne als moralische Instanz sieht, macht sich zunehmend lächerlich. Unsere selektive Anwendung von Menschen- und Völkerrechten diskreditiert uns. Deutschland genoss einst hohes Ansehen, da wir keine Militärmacht waren und uns für eine regelbasierte Ordnung einsetzten. Doch in den letzten Jahren zeigen wir, dass uns diese Prinzipien nur dann interessieren, wenn sie uns nützen.
Wäre es nicht ehrlicher, wenn wir das Völkerrecht einfach aufgeben würden?
Das wäre fatal. Wir müssen daran festhalten, wenn wir nicht völlig verloren sein wollen. Die Alternative wäre ein Rückfall in zyklische Kriege. Die Geschichte zeigt: Wenn die letzten Zeitzeugen großer Kriege gestorben sind, scheint Krieg wieder eine realistische Option zu werden. Genau an diesem Punkt stehen wir heute, wo viele denken: „So schlimm ist das doch auch nicht. Da werfen wir wieder ein paar Bomben und bringen ein paar Leute um“. Doch diese Vorstellung, Konflikte mit Bomben zu lösen, führt ins nächste Desaster. Wir können uns solche Katastrophen nicht mehr leisten. Deshalb müssen wir die regelbasierte Ordnung bewahren und konsequent anwenden, statt sie zu missbrauchen.
Begriffe wie Kriegstüchtigkeit und Feindstaat prägen heute die öffentliche Debatte. Was macht diese Sprache mit unserer Gesellschaft?
In meiner Soziologie der Weltbeziehung habe ich bereits vor einiger Zeit den Gedanken formuliert, dass man Menschenrechte und demokratische Werte auf Dauer nach innen nicht aufrechterhalten kann, wenn man sie nach außen missachtet. Ein zentraler Begriff meines Denkens ist der der Resonanzfähigkeit: auf andere zu hören und zu antworten, ohne dabei auf Kontrolle, Beherrschung und Dominanz abzuzielen. Wenn wir nach innen eine resonante Gesellschaft sein wollen, nach außen aber zum Beispiel die Menschen in Bangladesch, die unsere T-Shirts weben, ignorieren und die Russen als Feinde betrachten, führt das zu einer mentalen Schließung, die es uns auch nach innen unmöglich macht, resonant zu sein. Das Denken, der Feind sei das Böse und müsse potenziell vernichtet werden, lässt sich ganz schnell auch auf den innenpolitischen Feind übertragen.
Sie meinen, wie wir Außenpolitik betreiben, hat auch Folgen für die Innenpolitik?
Ja, die Militarisierung findet dann auch im Inneren statt. Ich sehe mit Besorgnis, welche Signale derzeit an Kinder, Jugendliche und allgemein die Gesellschaft gesendet werden: Politische Probleme löst man am besten mit dem Hammer. Im Moment höre ich, wenn es um internationale Beziehungen geht, nur noch von Gewalt reden: Aufrüstung, bunkerbrechende Bomben, Kriegstüchtigkeit – davon redet Pistorius Tag und Nacht. Man hat nur noch den Hammer im Blick. Es gibt diesen schönen Spruch, der oft Mark Twain zugeschrieben wird, obwohl er, glaube ich, gar nicht von ihm stammt: „Wenn das einzige Werkzeug, das man führt, ein Hammer ist, sehen alle Probleme wie Nägel aus.“ Das heißt, man hat dann das Gefühl: Da ist das Problem, also hauen wir drauf. Das sind die Huthis, also senden wir die Fregatte Hessen hin. Da gibt es Probleme zwischen China und Taiwan, also schicken wir ein Kriegsschiff durch. Der Iran hat vielleicht Atomwaffen, also werfen wir mal bunkerbrechende Bomben drauf. Da gibt es ein Problem mit der Ukraine, also senden wir mal Taurus-Raketen hin. Diese Methode des Hammers ist etwas, bei der man mental irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, ob es sich um Innen- oder Außenpolitik handelt. Die Militarisierung der Gesellschaft greift um sich und erfasst dann auch das Innere der Gesellschaft. Wenn das die Zukunftsvision einer Gesellschaft ist, führt das ins Desaster.
Die Zeitenwende steht für diese neue Mentalität. Sie haben den Begriff sehr früh kritisiert. Was halten Sie daran für problematisch?
Zeitenwende signalisiert nicht, dass es jetzt plötzlich wieder Krieg gibt, denn es gab immer Krieg. Wir hatten den Jugoslawienkrieg in Europa, den Irakkrieg, den Afghanistankrieg und waren militärisch brutal in Libyen aktiv. Die Zeitenwende bedeutet eine neue Haltung. Zuvor gab es das Bewusstsein und das Selbstverständnis, dass es leider noch Krieg gibt und dass wir diesen überwinden wollen. Die Zeitenwende sagt, das sei eine Illusion gewesen und das Einzige, worauf wir uns verlassen können, sei der Hammer.
Was folgt aus dieser neuen Haltung konkret?
Ich hatte neulich eine Diskussion mit Carlo Masala. Er meinte, Kriegstüchtigkeit sei das Gleiche wie Verteidigungsfähigkeit. Aber ich widerspreche: Nein, das ist es nicht. Kriegstüchtigkeit bedeutet, dass man sich darauf vorbereitet, Krieg zu führen, also zu töten und getötet zu werden. Dafür muss die Hemmung überwunden werden, die Menschen normalerweise gegenüber der Idee haben, andere umzubringen. Soldaten werden gezielt so trainiert, dass es ihnen im Zweifelsfall leichtfällt, Menschen zu töten. Kriegstüchtigkeit heißt, dass sich unsere Gesellschaft darüber Gedanken macht, wie wir bessere Instrumente entwickeln, um andere Menschen umzubringen. Zeitenwende bedeutet also, dass wir besser in der materiellen und kulturellen Tötungstechnologie werden und bereit sein müssen, sie anzuwenden – das ist eine Katastrophe.
Wie konnte es so weit kommen?
Ich denke, das hat viel mit dem Generationsumbruch zu tun. Die älteren Generationen sind noch geprägt von den Erfahrungen ihrer Eltern oder Großeltern mit dem Grauen des Zweiten Weltkriegs. Für sie ist das „Nie wieder“ noch eine sehr starke Denk- und Seinsform, die nun verblasst, weil das kommunikative Gedächtnis nicht so weit zurückreicht. Es sind neue Generationen in Verantwortungspositionen, die mit Computerspielen aufgewachsen sind und den Krieg als aseptisches Abendvergnügen in der Tagesschau sehen. Da liegt ja sozusagen ein gewisser Thrill darin, zu gucken, wo heute wieder Bomben gefallen sind. Das meine ich nicht zynisch, die menschliche Psyche ist leider so beschaffen. Zeitenwende bedeutet also auch ein völlig anderes Verhältnis zu Kriegen und ein anderes Verständnis davon.
Zeitenwende bedeutet auch, dass die Nato ein neues Ziel ausgibt. In Zukunft sollen fünf Prozent des BIP in die Aufrüstung fließen. Welche Folgen befürchten Sie? Wird das Geld an anderer Stelle fehlen?
Fünf Prozent des BIP sind enorm und entsprechen ungefähr der Hälfte des aktuellen Staatshaushalts. Natürlich wird es dann weniger Geld für Bildung, Soziales oder Klima geben. Aber ich bin kein Freund von solchen Rechnereien. Ich finde, die Frage „Wie viel geben wir fürs Töten aus?“ ist fundamental anders als die Frage „Wie viel geben wir für Konjunkturprogramme oder Ähnliches aus?“. Wenn eine Gesellschaft fast die Hälfte ihres Haushalts in Mordinstrumente steckt, dann haben wir ein grundlegendes Problem, das über haushaltspolitische Fragen hinausgeht.
Verteidigungsminister Pistorius fordert, dass Deutschland in fünf Jahren kriegsfähig gegenüber Russland sein müsse. Welche Auswirkungen hat eine solche Aussage auf die Gesellschaft?
Betrachtet man historische Daten zur Lebenszufriedenheit, stellt man weltweit eine Tendenz fest: Zufriedene Menschen sagten: „Wir haben nicht viel, wir arbeiten hart, aber unsere Kinder werden es einmal besser haben.“ Und dieses „Besser haben“ war nicht nur ökonomisch gemeint. Sie dachten, ihre Kinder würden in einer friedlicheren Welt leben, eine bessere Bildung und Gesundheitsversorgung erhalten und freier sein, sie würden ihr Leben selbst gestalten können. Dieses Versprechen hat Menschen dazu gebracht, ihr eigenes Leben als gut zu empfinden, weil sie in eine helle, lebenswerte Zukunft blickten.
Heute ist das Gegenteil der Fall. Europäer, wahrscheinlich auch Amerikaner, und übrigens viele Menschen im Mittelstand, sagen heute: „Wir haben viel, wir arbeiten hart, aber unseren Kindern wird es einmal schlechter gehen.“ Wenn wir unseren Jugendlichen sagen, dass sie in fünf oder zehn Jahren Krieg erleben werden und dass dann auch noch eine Klimakatastrophe über sie hereinbricht, bewegen wir uns auf einen gesellschaftlichen Abgrund zu.
Wie könnte ein Gegenentwurf zu dieser Aufrüstungs- und Angstpolitik aussehen?
Ich beharre darauf, dass wir unablässig daran arbeiten müssen, Alternativen zum Krieg zu entwickeln. Was die Ukraine und Russland betrifft, müssen wir zum Beispiel überlegen, wie eine neue europäische Sicherheitsarchitektur aussehen könnte. Die meisten deutschen Politiker sagen, das könne nur gegen Russland sein. Ich sehe das überhaupt nicht so. Das empört mich, denn wenn man sich die Geschichte anschaut, haben wir Deutschen die Russen in den letzten 200 Jahren mindestens dreimal überfallen. Jedes Mal mit dem Gefühl, wir müssten den „Barbaren“ da drüben mal Zivilisation beibringen. Deshalb finde ich die Idee empörend, die europäische Sicherheitsarchitektur langfristig nur gegen Russland auszurichten, genauso wie das Argument, der Russe sei sowieso gewalttätig. Das ist meiner Meinung nach eine Rückkehr des Rassismus, die ich unerträglich finde – gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Putin ist nicht „der Russe“, wir sollten Russland vielmehr eine Perspektive für die Zeit nach Putin eröffnen.
Was konkret meinen Sie damit?
Was wir brauchen, ist eine Vision. Es wird ja immer gesagt: Die Aufrüstung hat doch schon mal super funktioniert im Kalten Krieg. Das mag stimmen, aber erstens waren wir 1962 und 1983 zweimal kurz vor einem Atomkrieg. Und es hat nur deshalb funktioniert, weil man nach der Kubakrise eingesehen hat, dass wechselseitig vertrauensbildende Maßnahmen nötig waren.
Heute brauchen wir wieder eine Vision für solche Dinge, zum Beispiel Abrüstungsverträge und die Stärkung der Uno. Wir brauchen Visionen für die großen Konflikte, die wir im Moment im Nahen Osten und in der Ukraine haben. Ich finde, es ist nicht schwer, sich Möglichkeiten auszudenken, wie es dort weitergehen kann. Selbst Carlo Masala sagt, dass wir irgendwann verhandeln müssen. Also überlegen wir doch, wie ein solches Verhandlungsergebnis aussehen könnte. Derzeit entwickelt jedoch leider niemand eine Vision, sondern alle reden nur noch davon, wie wir aufrüsten wollen. Ich halte das für pervers.
Würden Sie sagen, dass es in Deutschland an der Zeit für eine neue Friedensbewegung ist?
Ja, gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte ist das heute unbedingt notwendig.
Welche Rolle und Verantwortung sehen Sie für sich selbst sowie für die Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt in dieser aktuellen Lage?
Um ehrlich zu sein, habe ich keine große Lust auf Interviews wie dieses, da ich bereits ahne, welche Konsequenzen sie haben werden. Es gibt wieder einen gewaltigen Shitstorm. Ich werde dann als Putin-Freund, Naivling, Ewiggestriger usw. bezeichnet. Wer hat schon Lust, sich dem freiwillig auszusetzen? Deshalb frage ich mich immer: Soll ich das eigentlich machen? Und ich komme zu dem Ergebnis: Ja, ich glaube, es gibt eine Pflicht dazu. In gewisser Weise würde ich sagen, ich werde dafür bezahlt.
Wie meinen Sie das?
Mein grundsätzliches Selbstverständnis ist das folgende: Menschen sind selbstinterpretierende Wesen. Das bedeutet, dass das, was wir sind, wer wir sind, wo wir hinwollen und in welcher Gesellschaft wir leben, immer auch davon abhängt, wie wir uns verstehen. Unsere Wirklichkeit wird maßgeblich von unserem Selbstverständnis geprägt. Wer wir sind, hängt davon ab, wie wir uns und die Welt deuten. In unserem Zeitalter sind Medien und Wissenschaften, insbesondere die Sozialwissenschaften, ein zentraler Ort der Selbstverständigung. Als Soziologe versuche ich, Selbstdeutungen zu entwickeln. Ich behaupte daher gerade nicht, unbestreitbares Wissen zu produzieren. In diesem Interview trete ich nicht als derjenige auf, der alles weiß, sondern als jemand, der versucht, den ihm bestmöglichen Vorschlag zu machen, wie wir uns in dieser Situation im frühen 21. Jahrhundert, in der ein Dritter Weltkrieg droht, selbst verstehen können. Sich selbst zu verstehen heißt: Wie sind wir hierhin geraten? Was ist unsere Lage, und wie können wir wieder daraus herauskommen? Und da sehe ich eine Aufgabe für die Geistes- und Sozialwissenschaften: Wir müssen Vorschläge für diese Selbstinterpretation machen, aber nicht mit dem Anspruch, es besser zu wissen, sondern um in den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern zu treten.





Bravo Hans-Willi und danke für die Dokumente.