Staufen (kobinet)
Willi heißt jetzt anders.
Willi schreibt für kobinet.
Kobinet ist eine Internet-Seite.
Das ist eine Internet-Seite mit Nachrichten für Menschen mit Behinderung.
Hier können alle wichtige Infos über Rechte und Hilfen finden.
Willi schreibt dort seine Meinung.
Jetzt heißt Willi anders.
Willi heißt jetzt: Willis Blick.
Warum heißt Willi jetzt Willis Blick?
Ein Kollege von kobinet war wandern.
Der Kollege heißt Hubertus Thomasius.
Hubertus war in der Uckermark wandern.
Die Uckermark ist eine Gegend in Deutschland.
Hubertus hat einen Stein gefunden.
Auf dem Stein stand geschrieben: Willis Blick.
Das war ein Zeichen.
So soll Willis Kolumne heißen.
Eine Kolumne ist ein Text mit einer Meinung.
Eine Kolumne ist ein regelmäßiger Beitrag in einer Zeitung oder im Internet.
Dort schreibt eine Person ihre eigenen Gedanken zu verschiedenen Themen.
Willi erzählt von seiner Familie.
Willis Familie ist sehr wichtig für ihn.
Willi hatte eine Mutter.
Die Mutter hieß Else.
Else hatte einen Bruder.
Der Bruder hieß auch Willi.
Das war im Jahr 1941.
Es war Krieg.
1941 war der Zweite Weltkrieg.
Das war ein sehr schlimmer Krieg zwischen vielen Ländern.
Der Bruder von Else musste in den Krieg.
Der Bruder ist im Krieg gestorben.
Das war sehr traurig für Else.
Else war damals 19 Jahre alt.
10 Jahre später hat Else geheiratet.
Else hat einen Sohn bekommen.
Der Sohn ist unser Willi.
Else hat ihren Sohn Hans-Willi genannt.
Hans-Willi sollte den toten Bruder ersetzen.
So hat Else nicht mehr so viel Trauer.
Else hat Hans-Willi sehr geliebt.
Hans-Willi war ihr Lieblings-Kind.
Das war gut für Hans-Willi.
Darum ist Hans-Willi heute noch ein guter Mensch.
Hans-Willi ist heute blind.
Blind bedeutet, dass eine Person nichts sehen kann.
Aber er war nicht immer blind.
Als Kind konnte Hans-Willi noch sehen.
In der Küche hing ein Foto.
Auf dem Foto war Willis Onkel.
Der Onkel war in Uniform.
Eine Uniform ist besondere Kleidung für Soldaten.
Der Onkel sah sehr jung aus.
Der Onkel lächelte auf dem Foto.
Hans-Willi hat oft zu dem Foto geschaut.
Hans-Willi hatte das Gefühl:
Der Onkel zwinkert ihm zu.
Der Onkel sagt: Mach es gut.
Du bist jetzt da für meine Schwester Else.
Später hing auch ein Foto von Hans-Willi an der Wand.
Das Foto war das Lieblings-Foto von Else.
Else dachte oft: Hans-Willi sieht aus wie mein Bruder.
Hans-Willi hat auch eine Schwester.
Die Schwester heißt Susi.
Susi wurde an Willis Geburtstag geboren.
Das war Willis 12. Geburtstag.
Susi hat alte Briefe gefunden.
Die Briefe sind von Willis Onkel.
Der Onkel hat die Briefe im Krieg geschrieben.
In den Briefen stehen nicht so schöne Sachen.
Willi will die Briefe lesen.
Aber Willi hat auch Angst.
Willi denkt: Der Onkel ist ein Teil von mir.
Vielleicht war ich mit dem Onkel im Krieg.
Das ist ein beängstigender Gedanke.
Beängstigend bedeutet, dass etwas Angst macht.
So sind Familien-Geschichten.
Familien-Geschichten sind manchmal schwer.
Familien-Geschichten machen uns zu dem Menschen, der wir sind.
Willi schreibt diese Geschichte für Hubertus.
Hubertus schreibt auch über seine Familie.
Hubertus arbeitet auch in seinem Garten.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Sämtliche Meinungsbeiträge des notorischen Durchblickers Weis auf kobinet werden künftig unter Willis Blick erscheinen. Wie das? Ganz einfach: Die Welt ist voller Willis, man glaubt es kaum und doch ist es so. Denn wie sonst hätte kobinet Kollege Hubertus Thomasius auf einer Wanderung durch die Uckermark nahe Boitzeburg unversehens auf einen Stein stoßen können, einen Findling, mit der Aufschrift "Willis Blick". Womit auch schon, gewissermaßen ein Wink von oben, das von nun an übliche Logo der Weis'schen Meinungsbeiträge feststand.
Über Bruce Willis und meine Wenigkeit, die beiden Idar-Obersteiner Willis, habe ich, wer erinnert sich nicht, bereits in der ersten Folge meiner „Liebeserklärung an Amerika“ alles Wichtige gesagt. Dass Bruce vier Jahre nach mir ein paar Straßen weiter zur Welt gekommen ist und wir dennoch unser Geschäft auf getrennten Töpfchen verrichtet haben, uns auch nie mit Schaufelchen und Eimerchen im Sandkasten eines Kindergartens begegnet sind. Weil Brucens Vater, ein GI, kurz darauf in die Staaten zurückversetzt wurde. Inzwischen ist Bruce Willis dement, seine glänzende Schauspielerkarriere beendet und die von mir empfohlenen Demenz-Prophylaxe, Kopfstände, kann ihm auch nicht mehr helfen.
Jetzt aber zu Else und Willi. Ein deutsches Geschwisterpaar, Willi, Elses älterer Bruder. 1941 überfällt die deutsche Wehrmacht Russland und Willi – wie man heute gern sagt – „durfte“ dabei sein. Es schien ihm auch wirklich Spaß zu machen, denn auf dem letzten Foto, das er Else in einem Feldpostbrief in die Heimat geschickt hat, sieht man ihn mit einem Wehrmachtskameraden Ruderboot fahren auf einem See bei Königsberg, Ostpreußen. Beide in Ausgehuniform, lachend. Bevor es an die Front und in den Tod ging. Es heißt also nicht umsonst, wer zuletzt lacht, lacht am längsten. In diesem Fall für die Dauer der Ewigkeit. – Else war 1941, als sie ihren geliebten Bruder verlor, gefallen an der Ostfront, neunzehn Jahr alt. Zehn Jahre hat es gedauert, bis sie Gelegenheit fand, selber für Ersatz zu sorgen. Im Jahr 1951, frisch verheiratet, gebar sie einen putzmunteren Jungen, der auf den Namen Willi getauft wurde. Und damit nicht allzu offensichtlich würde, wie es sich für sie in Wirklichkeit verhielt, dass ihr nämlich mit dem Söhnlein ein Stellvertreter für den zehn Jahre zuvor erlittenen Verlust geschenkt worden war, wurde dem Taufnamen Willi noch ein Hans vorangestellt.
Der kleine Hans-Willi, der so das Licht der Welt erblickte, erblindet ist er erst später, hat unter seiner Ersatz- oder Stellvertreterfunktion für Mutter Elses in Russland gefallenen Bruder Willi nie gelitten, sondern ausschließlich davon profitiert. Hat Else ihren Erstgeborenen darum doch nur desto mehr geliebt. Ein Muttersöhnchen im besten Sinne des Wortes, eine Liebe, von welcher der alte Hans-Willi noch heute zehrt und die es ihm unmöglich macht, der Welt so richtig bitterböse zu sein, wie er es bei andern beobachtet. – Soviel zur familiären Hintergrundgeschichte von „Willis Blick“. Eine wahre Geschichte, halt wie das Leben so spielt.
Und dass es manchmal ganz schön verrückt spielt, wird auch niemand bestreiten. In meinen Nullerjahren, also im Alter von unter zehn, saß ich oft auf unserer Wohnküchencouch und schaute von dort seitlich zu ihm auf, Willis Bild an der Wand, seinem gerahmten Porträtfoto. Proper sah er aus in der schmucken Wehrmachtsuniform mit steifem Kragen. Schmales Gesicht im Halbprofil, feine Züge, dunkle Augen, rosiger Teint, ein spöttisches Lächeln um die Mundwinkel. Kurzer Haarschnitt, aber nichts Soldatisches, sogar eher etwas Feminines. So jedenfalls steht er mir in der Erinnerung vor Augen, wie sein wohlwollender Blick auf dem kleinen Hans-Willi ruht, der da auf der Couch sitzt und mit Legosteinen spielt, Häuser und Panzer baut. Bilde ich es mir bloß ein oder zwinkert er mir wirklich mit einem Auge zu, als wolle er mir sagen, machs mal gut Kleiner, sei mir ein würdiger Ersatzmann und Stellvertreter und stell mir Else zufrieden, mein Schwesterlein. – Während der 1950er Nachkriegsjahre konnte es in deutschen Wohnküchen tatsächlich so vertraulich zugehen zwischen einem gefallenen Wehrmachtsangehörigen und dem Sprössling seiner hinterbliebenen Schwester, glaubt einem heutzutage kaum noch jemand.
Noch einmal gut zehn Jahre später, Mitte der 1960er Jahre, hängt im Wohnzimmer nebenan ein weiteres Porträtfoto an der Wand. Eines von mir, selbstverständlich in Zivil, mit ordentlichem Hemdkragen und Jacket. Die Haare natürlich weniger kurz als Willis Wehrmachtsschnitt und das Gesicht etwas rundlicher, ebenso reine Haut und weibliche Züge, sehr ähnlich die dunklen Augen, nur dass ich ernster dreinblicke. Zeitlebens das Lieblingsfoto meiner Mutter von mir. Wie oft mag sie sich im Stillen gesagt haben, ganz der Willi, mein Bruder.
Meine Schwester Susi kam, wie das Leben so spielt, an meinem zwölften Geburtstag zur Welt, mit einem wiederum anderen familiären Auftrag versehen. Erst kürzlich ist sie in irgendwelchem Familienkrimskrams auf Feldpostbriefe von Willi gestoßen. Sie habe sie schon mal grob gesichtet, sagte sie mir am Telefon, da schreibe er beispielsweise, die Russen seien „Luschen“. Hat mich überrascht, dass die damals dieses Wort benutzt haben, das in meinem Wortschatz bis vor kurzem überhaupt nicht vorkam. Ich bat sie, die Briefe auf alle Fälle aufzuheben, interessiert mich schon, was da sonst noch drinsteht. Muss ich aber vorsichtig rangehen, als Willis lebender Stellvertreter ist er irgendwie auch ein Teil von mir und ich habe mich schon gefragt, ob dieser Teil von mir, also der von ihm, womöglich mit ihm in Russland gewesen ist. Ein beunruhigender, ja beängstigender Gedanke. Aber so ist das nunmal, wie Familiengeschichten so spielen, ist nicht mit zu spaßen.
Hubertus Thomasius zugeeignet, der an seiner eigenen Familiengschichte schreibt und im übrigen seinen Garten bestellt.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Sämtliche Meinungsbeiträge des notorischen Durchblickers Weis auf kobinet werden künftig unter Willis Blick erscheinen. Wie das? Ganz einfach: Die Welt ist voller Willis, man glaubt es kaum und doch ist es so. Denn wie sonst hätte kobinet Kollege Hubertus Thomasius auf einer Wanderung durch die Uckermark nahe Boitzeburg unversehens auf einen Stein stoßen können, einen Findling, mit der Aufschrift "Willis Blick". Womit auch schon, gewissermaßen ein Wink von oben, das von nun an übliche Logo der Weis'schen Meinungsbeiträge feststand.
Über Bruce Willis und meine Wenigkeit, die beiden Idar-Obersteiner Willis, habe ich, wer erinnert sich nicht, bereits in der ersten Folge meiner „Liebeserklärung an Amerika“ alles Wichtige gesagt. Dass Bruce vier Jahre nach mir ein paar Straßen weiter zur Welt gekommen ist und wir dennoch unser Geschäft auf getrennten Töpfchen verrichtet haben, uns auch nie mit Schaufelchen und Eimerchen im Sandkasten eines Kindergartens begegnet sind. Weil Brucens Vater, ein GI, kurz darauf in die Staaten zurückversetzt wurde. Inzwischen ist Bruce Willis dement, seine glänzende Schauspielerkarriere beendet und die von mir empfohlenen Demenz-Prophylaxe, Kopfstände, kann ihm auch nicht mehr helfen.
Jetzt aber zu Else und Willi. Ein deutsches Geschwisterpaar, Willi, Elses älterer Bruder. 1941 überfällt die deutsche Wehrmacht Russland und Willi – wie man heute gern sagt – „durfte“ dabei sein. Es schien ihm auch wirklich Spaß zu machen, denn auf dem letzten Foto, das er Else in einem Feldpostbrief in die Heimat geschickt hat, sieht man ihn mit einem Wehrmachtskameraden Ruderboot fahren auf einem See bei Königsberg, Ostpreußen. Beide in Ausgehuniform, lachend. Bevor es an die Front und in den Tod ging. Es heißt also nicht umsonst, wer zuletzt lacht, lacht am längsten. In diesem Fall für die Dauer der Ewigkeit. – Else war 1941, als sie ihren geliebten Bruder verlor, gefallen an der Ostfront, neunzehn Jahr alt. Zehn Jahre hat es gedauert, bis sie Gelegenheit fand, selber für Ersatz zu sorgen. Im Jahr 1951, frisch verheiratet, gebar sie einen putzmunteren Jungen, der auf den Namen Willi getauft wurde. Und damit nicht allzu offensichtlich würde, wie es sich für sie in Wirklichkeit verhielt, dass ihr nämlich mit dem Söhnlein ein Stellvertreter für den zehn Jahre zuvor erlittenen Verlust geschenkt worden war, wurde dem Taufnamen Willi noch ein Hans vorangestellt.
Der kleine Hans-Willi, der so das Licht der Welt erblickte, erblindet ist er erst später, hat unter seiner Ersatz- oder Stellvertreterfunktion für Mutter Elses in Russland gefallenen Bruder Willi nie gelitten, sondern ausschließlich davon profitiert. Hat Else ihren Erstgeborenen darum doch nur desto mehr geliebt. Ein Muttersöhnchen im besten Sinne des Wortes, eine Liebe, von welcher der alte Hans-Willi noch heute zehrt und die es ihm unmöglich macht, der Welt so richtig bitterböse zu sein, wie er es bei andern beobachtet. – Soviel zur familiären Hintergrundgeschichte von „Willis Blick“. Eine wahre Geschichte, halt wie das Leben so spielt.
Und dass es manchmal ganz schön verrückt spielt, wird auch niemand bestreiten. In meinen Nullerjahren, also im Alter von unter zehn, saß ich oft auf unserer Wohnküchencouch und schaute von dort seitlich zu ihm auf, Willis Bild an der Wand, seinem gerahmten Porträtfoto. Proper sah er aus in der schmucken Wehrmachtsuniform mit steifem Kragen. Schmales Gesicht im Halbprofil, feine Züge, dunkle Augen, rosiger Teint, ein spöttisches Lächeln um die Mundwinkel. Kurzer Haarschnitt, aber nichts Soldatisches, sogar eher etwas Feminines. So jedenfalls steht er mir in der Erinnerung vor Augen, wie sein wohlwollender Blick auf dem kleinen Hans-Willi ruht, der da auf der Couch sitzt und mit Legosteinen spielt, Häuser und Panzer baut. Bilde ich es mir bloß ein oder zwinkert er mir wirklich mit einem Auge zu, als wolle er mir sagen, machs mal gut Kleiner, sei mir ein würdiger Ersatzmann und Stellvertreter und stell mir Else zufrieden, mein Schwesterlein. – Während der 1950er Nachkriegsjahre konnte es in deutschen Wohnküchen tatsächlich so vertraulich zugehen zwischen einem gefallenen Wehrmachtsangehörigen und dem Sprössling seiner hinterbliebenen Schwester, glaubt einem heutzutage kaum noch jemand.
Noch einmal gut zehn Jahre später, Mitte der 1960er Jahre, hängt im Wohnzimmer nebenan ein weiteres Porträtfoto an der Wand. Eines von mir, selbstverständlich in Zivil, mit ordentlichem Hemdkragen und Jacket. Die Haare natürlich weniger kurz als Willis Wehrmachtsschnitt und das Gesicht etwas rundlicher, ebenso reine Haut und weibliche Züge, sehr ähnlich die dunklen Augen, nur dass ich ernster dreinblicke. Zeitlebens das Lieblingsfoto meiner Mutter von mir. Wie oft mag sie sich im Stillen gesagt haben, ganz der Willi, mein Bruder.
Meine Schwester Susi kam, wie das Leben so spielt, an meinem zwölften Geburtstag zur Welt, mit einem wiederum anderen familiären Auftrag versehen. Erst kürzlich ist sie in irgendwelchem Familienkrimskrams auf Feldpostbriefe von Willi gestoßen. Sie habe sie schon mal grob gesichtet, sagte sie mir am Telefon, da schreibe er beispielsweise, die Russen seien „Luschen“. Hat mich überrascht, dass die damals dieses Wort benutzt haben, das in meinem Wortschatz bis vor kurzem überhaupt nicht vorkam. Ich bat sie, die Briefe auf alle Fälle aufzuheben, interessiert mich schon, was da sonst noch drinsteht. Muss ich aber vorsichtig rangehen, als Willis lebender Stellvertreter ist er irgendwie auch ein Teil von mir und ich habe mich schon gefragt, ob dieser Teil von mir, also der von ihm, womöglich mit ihm in Russland gewesen ist. Ein beunruhigender, ja beängstigender Gedanke. Aber so ist das nunmal, wie Familiengeschichten so spielen, ist nicht mit zu spaßen.
Hubertus Thomasius zugeeignet, der an seiner eigenen Familiengschichte schreibt und im übrigen seinen Garten bestellt.





Danke für diese biografischen Erinnerungen. Sie erinnern mich an den Auszug eines Briefes von einem Willi, der eigentlich Phillip hieß, an seine Frau, von der Ostfront „….Wir dürfen diesen Krieg nicht verlieren. Das, was hier geschieht, werden sie uns nie verzeihen…“