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Inklusion im Job – eine Baustelle mit Zukunft: Thema bei Talkrunde des Senders h1-Fernsehen

Bild von der Aufzeichnung der Sendung Inklusion im Kopf
Bild von der Aufzeichnung der Sendung Inklusion im Kopf
Foto: h1 Fernsehen

Hannover (kobinet) Auch der Arbeitskreis Inklusion von JANUN Hannover hat den Europäischen Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen am 5. Mai dazu genutzt und zu einer besonderen Talkrunde beim lokalen Fernsehsender h1–Fernsehen aus Hannover eingeladen. Unter dem Titel "Nachgefragt - Inklusion im Job – Eine Baustelle mit Zukunft" haben hochkarätige Gäste über Herausforderungen, Fortschritte und Perspektiven der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt diskutiert. Mit dabei waren: Ursula Engelen-Kefer, ehemalige Vizepräsidentin des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Vorsitzende des Landesverbands Berlin-Brandenburg sowie Mitglied des Verbandsrats, Ottmar Miles-Paul, Autor, Gründer von kobinet-nachrichten und bundesweit aktiver Behindertenrechtsaktivist, Jürgen Bauch, ehemalige Hauptvertrauensperson im Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, Redaktion SBV-InfoBrief, Mitglied im Landesarbeitskreis Teilhabe- und Behindertenpolitik bei ver.di. und Louis Kleemeyer, Event-Inklusionsmanager, Gründer sowie Geschäftsführer von Unique United. Moderiert wurde die Sendung von Christian Draheim.

„Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist einer der zentralen Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe – und trotzdem stoßen Menschen mit Behinderungen dort noch immer sehr oft auf strukturelle Hürden. Mit unserer Talkrunde wollen wir nicht nur Missstände aufzeigen, sondern auch positive Beispiele und Lösungsansätze diskutieren“, erklärt Christian Draheim, Moderator der Sendung „Nachgefragt“. Eine gravierende Hürde ist, dass der Übergang von der Schule auf den ersten Arbeitsmarkt noch immer nicht gut funktioniert. Viel zu oft gelangen insbesondere junge Menschen mit Lern- oder kognitiven Beeinträchtigungen von der Schule automatisch in eine sogenannte Werkstatt für behinderte Menschen. Ursprünglich als Übergang gedacht, schaffen es weniger als ein Prozent der Betroffenen aus der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt.

Ein Beispiel, dass Mut macht, ist Louis Kleemeyer. Auch er sollte nach seiner Schulzeit aufgrund seiner Lernbeeinträchtigung in eine Werkstatt für behinderte Menschen. Dank des Engagements seiner Eltern und seines starken Willens hat Louis Kleemeyer den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt geschafft. Heute arbeitet er als Event-Inklusionsmanager und hat zudem das Unternehmen Unique United gegründet. „mein Tipp an die Werkstätten ist wirklich, dass sie wieder dahin zurückfinden, wofür sie eigentlich da sind. Sie sind dazu da, dass sie Menschen mit Behinderungen vorbereiten und sie sind nicht dafür da, dass sie immer und dauerhaft Menschen mit Behinderungen dortbehalten. Sie müssen die Personen so vorbereiten, dass sie selber auch mal eine E-Mail schreiben können, dass sie selber mal Überweisungen machen können, Krankenversicherung, Verträge durchschauen, E-Mails verstehen, usw. Das macht im Moment alles hauptsächlich der Betreuer. So können sie sich natürlich selber nichts zutrauen. Sie haben dann Ängste, Ängste die Kontrolle zu verlieren“, erklärt Kleemeyer.

Und auch Ursula Engelen-Kefer kritisiert das System der Werkstätten. „Wir müssen das Schaufeln der Menschen mit Behinderungen in die Sonderwelten abschaffen. Die müssen nicht in irgendwelche Sonderschutzräume, sondern sie sollen mit dem richtigen Leben konfrontiert werden. Das fängt damit an, dass sie gar nicht erst in so eine Berufsausbildung gelangen, sondern sie müssen in eine ganz normale Berufsausbildung kommen. Da müssen sich die Bundesagentur und die Arbeitsagenturen viel mehr engagieren, damit Menschen mit Behinderungen eine Ausbildung in den Tätigkeitsbereichen ermöglicht wird, wo sie besonders stark sind, statt ihre Schwäche zu betonen und sie dann in eine Werkstatt zu stecken.“ Dass das System der Werkstätten dringend überdacht werden muss, bestätigt auch Ottmar Miles-Paul. Mit seinem Buch „Zündeln an den Strukturen“ möchte er erreichen, dass noch mal ganz neu darüber nachgedacht wird, wie es gelingen kann, Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen.

Natürlich wurde auch über die Ausgleichsabgabe diskutiert. Schließlich beschäftigen immer noch rund 25 Prozent der beschäftigungspflichtigen Unternehmen null Prozent Menschen mit Behinderungen. „Wir brauchen Regelungen, die auch weh tun. Aber diese Regelungen müssen auch kontrolliert werden. Was helfen uns die schönsten Regelungen auf dem Papier, wenn ich sie laufend umgehen kann. Da muss man erst einmal alle Ausnahmen und alle Löcher, die entfernt werden können, wegschaffen“, fordert Engelen-Kefer.

Glaubt man den Medienberichten, ist der Fachkräftemangel groß. Dennoch steigt die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderungen weiter an. Aktuell sind 185.168 schwerbehinderte Menschen arbeitslos. Im Vergleich zum Januar 2024 ein Anstieg von rund 13.000 Menschen. „Es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass fast alles möglich ist, wenn man nur will. Leider fehlt aber auf der Seite der Unternehmen noch immer zu oft der Wille – sei es aus Angst, Unsicherheit oder Unwissenheit. Hier müssen wir ansetzen“, betont Christian Draheim. Und auch Jürgen Bauch fordert ein grundlegendes Umdenken in der Personalbeschaffung von Unternehmen und dem öffentlichen Dienst. „Wir müssen schauen, auch im öffentlichen Dienst, dass wir das Job Carving viel mehr in den Vordergrund stellen. Nämlich, dass wir gucken, was hat der Mensch für Fähigkeiten, was hat der für Qualitäten? Nicht dieses fokussieren auf das, was er nicht kann, sondern darauf schauen, was dieser Mensch kann und dann prüfen, was es für eine Tätigkeit gibt, die auf diesen Menschen im Betrieb oder in der Dienstelle passt. Das finde ich einen wichtigen Aspekt und der muss viel, viel mehr in den Vordergrund.“ Job Carving bezeichnet eine personalisierte Anpassung von Arbeitsplätzen, bei der eine bestehende Arbeitsstelle so umgestaltet wird, dass sie besser zu den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen einer bestimmten Person passt – oft mit dem Ziel, Menschen mit Behinderung oder anderen Einschränkungen eine Beschäftigung zu ermöglichen.

„Inklusion kann nur gelingen, wenn wir endlich dazu übergehen, lösungsorientiert zu handeln und wenn wir jeden Menschen als Individuum betrachten. Und Lösungen gibt es viele. Beispielsweise müsste das Budget für Arbeit viel mehr genutzt werden“, fordert Christian Draheim. Das Budget für Arbeit ist ein arbeitsmarktpolitisches Förderinstrument, das Menschen mit Behinderungen den Einstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt erleichtern soll. Menschen mit Behinderung, die eigentlich Anspruch auf einen Werkstattplatz hätten, sollen stattdessen unterstützt und gefördert werden, um auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten zu können – mit tarifgerechter Bezahlung und sozialversicherungspflichtigem Arbeitsverhältnis. Der Arbeitgeber erhält einen Zuschuss von bis zu 75 % des Bruttolohns. „Für das Budget für Arbeit haben viele hart gekämpft. Es ist noch lange nicht perfekt, aber es bietet Menschen eine Unterstützung. Vorher war es immer so ein bisschen Flop oder Top. Entweder man schafft es auf den allgemeinen Arbeitsmarkt oder nicht. Das Budget für Arbeit gibt halt auch eine Unterstützung. Das sollten wir auf jeden Fall stärken und ausbauen. Im neuen Koalitionsvertrag gibt es Anknüpfungspunkte und das muss jetzt endlich auch schnell mit Leben gefüllt werden“, fordert Ottmar Miles-Paul.

Die Sendung wird am 5. Mai um 20:15 Uhr bei h1-Fernsehen im TV und Livestream ausgestrahlt und ist anschließend auch online auf YouTube verfügbar.

Der Arbeitskreis Inklusion wurde im Sommer 2019 gegründet und engagiert sich seither für mehr Bewusstsein, Information und Teilhabe rund um das Thema Inklusion. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen eine Stimme zu geben, Barrieren abzubauen und die Gesellschaft für mehr Gleichberechtigung zu sensibilisieren.

Mehr Infos zum Arbeitskreis Inklusion gibt es auf dem Instagram-Kanal inklusion.im.kopf.