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Stockholm (kobinet) Nachdem vor gut 15 Monaten Judith Heumann als eine der Urgesteine der Selbstbestimmt Leben Bewegung behinderter Menschen gestorben ist, trauert nun die interantionale Behindertenbewegung um einen weiteren Taktgeber der Independent Living Bewegung. Dr. Adolf Ratzka ist am 21. Juli 2024 in Stockholm nach einem tragischen Unfall verstorben. Auch in Deutschland, wo Adolf Ratzka aufgewachsen ist und gute Verbindungen zur hiesigen Selbstbestimmt Leben Bewegung hatte, ist die Trauer ob dieses Verlustes groß, denn Adolf Ratzka war für viele ein Vorbild, was in Sachen Selbstbestimmung mit einer Behinderung möglich ist. Er hat aber auch ganz entscheidend an der Entwicklung der Grundsätze der Selbstbestimmt Leben Bewegung auf europäischer und deutscher Ebene mitgewirkt.
Jamie Bolling vom Independent Living Institute in Schweden, wo Adolf Ratzka den Großteil seines Lebens seine Heimat gefunden hatte, zeigte sich geschockt, vor allem auch angesichts der tragischen Umstände des Todes von Adolf Ratzka. „Adolf Ratzka hat seit über einem Jahr mit gesundheitlichen Problemen gekämpft. Nun hat er uns aufgrund eines Unfalls verlassen“, heißt es in einem Nachruf des Instituts. Am Sonntag, den 21. Juli 2024 habe Adolf Ratzka bei einem Spaziergang die Kontrolle über seinen Rollstuhl verloren und sei im Wald einen fast 4 Meter hohen Abhang hinabgestürzt. Im Rettungswagen sei er dann aufgrund von Herzproblemen verstorben. Dinah Radtke, die Jahrzehnte lang in der internationalen Behindertenbewegung aktiv ist und oft mit Adolf Ratzka zusammenarbeitete, zeigte sich nach dieser Nachricht sehr traurig. „Wir haben in den letzten Monaten so viele behinderte Menschen aus unserer Bewegung verloren. Und nun ist auch Adolf nicht mehr unter uns. Das ist schwer zu verkraften“, betonte sie.
„Adolf war für mich ein stetiger Mentor und Wegbegleiter seit meinem 4. Lebensjahr. Uns verband so vieles: Polio, technische Hilfsmittel, Beatmung und natürlich die zugehörige Politik“, teilte Uwe Frevert vom Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) mit. Auch beim Europäischen Netzwerk zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen (ENIL) wird um den Tod von Adolf Ratzka getrauert: „Der Tod von Adolf Ratzka erfüllt uns mit großer Traurigkeit. Er war einer der ersten, die das Konzept vom selbstbestimmten Leben in Europa bekannt machten und damit begannen, behinderten Menschen persönliche Assistenz anzubieten. Adolf Ratzka war einer der Gründer der Bewegung für selbstbestimmtes Leben und des European Network on Independent Living. Sein Tod ist ein herber Verlust. Wir werden alles dafür tun, sein Erbe lebendig zu erhalten und für ein Ende der Segregation behinderter Menschen einzutreten.“
Am 20. November 2023 blickte die Behindertenbewegung noch nach Stockholm, wo Dr. Adolf Ratzka seinen 80. Geburtstag feiern konnte. „Ohne Adolf Ratzka wäre die weltweite Selbstbestimmt Leben Bewegung um viele Gedanken und wahrscheinlich auch um viele Initiativen ärmer, die heute das Leben vieler behinderter Menschen erleichtern bzw. ihnen mehr Selbstbestimmung ermöglichen“, heißt es in einem Bericht der kobinet-nachrichten vom 20. November 2023.
Der aus Bayern stammende und seit langem in Schweden lebende Adolf Ratzka wurde am 20. November 1943 geboren. „Ich komme ursprünglich aus Bayern, bekam im Alter von 17 Jahren Polio, verbrachte 5 Jahre in Krankenhäusern aus Mangel an rollstuhlgerechten Wohnungen und praktischen Hilfen im Alltag. Mit 22 Jahren bekam ich die Möglichkeit, direkt vom Krankenhaus in München in ein Studentenwohnheim in Los Angeles zu ziehen, um dort zu studieren – mit elektrischem Rollstuhl und Beatmungsgerät, ohne Familie oder Bekannte im neuen Land. Durch eine Sonderlösung bezahlte mir der bayrische Staat über das deutsche Konsulat alle meine Kosten einschließlich meiner Hilfsmittel. Vor allem aber hatte ich Geld für ausreichende persönliche Assistenz. Damit bezahlte ich Mitstudenten als Assistenten, die ich selbst anstellte und anlernte“, schreibt Adolf Ratzka im Autorenprofil beim österreichischen Online-Dienst BIZEPS INFO.
Weiter heißt es dort: „1973 kam ich nach Schweden, um Material für meine Doktorarbeit zu sammeln. In den folgenden Jahren arbeitete ich in Stockholm als Forscher mit Fragen des barrierenfreien Wohnungsbaus und dem Abbau von Einrichtungen. In den 80er-Jahren importierte ich die internationale Independent Living-Bewegung – Selbstbestimmt Leben – nach Schweden und gründete die Stockholmer Genossenschaft für Independent Living, STIL, die erste europäische persönliche Assistenzgenossenschaft, deren Arbeit als Modell für die schwedische Assistenzreform von 1994 diente. 1994 baute ich das Institut für Independent Living, in dem wir versuchen, Sozialpolitik in Richtung Selbstbestimmung zu beeinflussen mit auf.“
Adolf Ratzka war zudem Anfang der 90er Jahre entscheidend an der Gründung und dem Aufbau des europäischen Netzwerks zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen (ENIL) beteiligt. Er zog zwar nicht wieder nach Deutschland zurück, u.a. weil er hier nicht die Hilfen bekäme, wie sie ihm in Schweden für ein selbstbestimmtes Leben zur Verfügung stehen, wie er immer wieder betonte. Aber er kam regelmäßig nach Deutschland, um Vorträge zur Behindertenpolitik zu halten. Dies waren immer wieder tolle Gelegenheiten, sich mit Adolf über seine Ideen auszutauschen.
Link zum kobinet-Bericht vom 20. November 2023 zum 80. Geburtstag von Adolf Ratzka




