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„Die innere Leere“

die innere Leere
Stephan Laux mit seinem Kopf auf der Tastatur seines Laptops
Foto: Stephan Laux

Villmar - Weyer (Kobinet) Eine vorläufig finale Kolumne über Schreibhemmungen.

In vielen, sportlichen Ligen sind die entscheidenden Phasen der letzten Saison gerade vorbei. In der Fußball-Bundesliga wurde eine angebliche „Werkself“ deutscher Meister. Ob sich Fußball-Deutschland größtenteils mit Bayer Leverkusen freut oder doch nur erleichtert ist, dass es nicht wieder Bayern München geworden ist, bleibt dahingestellt. Viel dramatischer und spannender verliefen hingegen die Relegationsspiele, die über Auf- und Abstiege entschieden. Bei Interviews betroffener Spieler oder Trainer der unterlegenen Mannschaften herrschte vorwiegend der gleiche Gemütszustand: „Innere Leere!“

„Es ist absolute Leere, ich fühle gar nichts mehr.“ Und der sonst so beinharte Innenverteidiger Aleksandar Vukotic lag auf dem Rasen und weinte hemmungslos. So berichtet die Hessenschau vom verlorenen Relegationsspiel des SV Wehen Wiesbaden.

Noch liege ich selbst nicht ‚hemmungslos weinend‘ auf dem Rasen des heimischen Gartens. Meine eigene Vorgabe jedoch, mich auf kobinet mindestens einmal monatlich zu behindertenpolitischen Themen zu äußern, scheint gehemmt.

Der sonst beinharte Kolumnist Stephan Laux sitzt vor seinem PC und hat Ladehemmung! Woran liegt das?

Anscheinend müsste ich dringend mal meine Empörungsprioritäten neu ordnen. Die Meldungen überschlagen sich ja nicht erst seit heute. Ich finde einfach nicht heraus, worüber ich mich am meisten aufregen soll. Die weltpolitische Lage ist eindeutig eine Nummer zu groß für einen kleinen, behindertenpolitischen Kolumnisten. Obwohl, es ist ja Europawahl. In diesem Zusammenhang hat Frau Strack-Zimmermann, dem Kanzler autistische Züge diagnostiziert. Und angeblich fühlten sich einige Autisten deswegen diskriminiert. Ich könnte Frau Strack-Zimmermann ja „schwere Verhaltensauffälligkeiten“ unterstellen. Aber ich will’s mir nicht mit den „Verhaltensauffälligen“ verscherzen.

Ich könnte ja mal wieder was über Behindertentoiletten schreiben. Keine Ahnung, warum mir dieses Thema immer wieder begegnet. Vielleicht, weil ich jetzt eindeutig die 60 Jahre überschritten habe und einer Karriere als einer der bedeutendsten Prostatiker der westlichen Welt entgegensehe? Oder weil mir Ralph Milewski erzählt hat, dass man für manche Behindertentoiletten einen sogenannten EU-Schlüssel benötigt. Für den man einen Antrag stellen, bestimmte Voraussetzungen erfüllen und auch noch bezahlen muss. Ich war schon immer der Meinung, dass es unanständig ist, für anderer Leute Notdurft Geld zu verlangen. Aber damit wäre dieses Thema eigentlich auch schon abgehandelt.

Empört hat mich natürlich auch, dass die Geschäftsführerin einer Sondereinrichtung in Duisburg, sich selbst 300 000 € Jahresgehalt ausbezahlt hat. Selbst der Bundeskanzler soll weniger verdienen. Wenn er Autist, in einer WfbM wäre, sogar nur 1 Hundertstel davon. Aber das soll Olaf Scholz mit Frau Strack-Zimmermann klären.

Mich treibt auch die Frage um, ob kognitiv beeinträchtigte Menschen nun der sozialen Gruppe der gesellschaftlichen Minderheiten, oder der, der gesellschaftlichen Randgruppen zuzuteilen sind?

Die Definitionen sprechen ja eher von ethnischen, religiösen oder kulturellen Minderheiten und Randgruppen. Wobei man bei Sondereinrichtungen schon von Subkulturen sprechen könnte. Bzw. von Parallel-Gesellschaften. Wahrscheinlich gehört der Personenkreis am ehesten zur gesellschaftlichen Gruppe der Problembären, die ja laut Definition, vom Menschen unerwünschte Verhaltensweisen aufweisen. Das Thema überlasse ich besser meinem geschätzten Kolumnisten-Kollegen Hans-Willi Weiss. Der kennt sich in soziologischen Themen besser aus.

Eine Nachricht hat mich allerdings nahezu sprachlos gemacht. Ein Ziegelstein mit der Aufschrift: „Euthanasie ist die Lösung“ landete vor der Eingangstür eines Wohnheimes der Lebenshilfe in Mönchengladbach. Spontan hatte ich die Idee den Stein umseitig mit den Worten: „Das habt Ihr jetzt davon“ zurück ins Sozialministerium von Hubertus Heil zu werfen. Die Meldung hat vergleichsweise wenig mediale Aufmerksamkeit erzielt. Ich war davon ausgegangen, dass sie millionenfache Empörung hervorruft. Aber darum kümmert sich schon die taz :

Vielleicht ist die Idee, sich die „Innere Leere“ bahnbrechen zu lassen, gar nicht so verkehrt!

Den Verstand einfach mal leer laufen zu lassen. Um Platz für neues zu schaffen. Um in der nächsten Saison wieder richtig anzugreifen.

Sommerpause!

Stephan Laux Juni 2024

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