
Foto: Baumung/ Dr. Stefan Insam
MÜNCHEN (BBSB / kobinet)
MÜNCHEN (BBSB / kobinet) In einem Interview anlässlich des bundesweiten Sehbehindertentages am 6. Juni spricht der stellvertretender Landesvorsitzender des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes (BBSB), Dr. Stefan Insam, über seine Erfahrungen und appelliert an die Gesellschaft für mehr Verständnis und Rücksichtnahme. Im Vorfeld des diesjährigen Sehbehindertentags rückt damit die Diskussion über die Bedeutung barrierefreier Infrastruktur für Menschen mit Sehbehinderungen in den Fokus. Wir veröffentlichen hier dieses Interview in dem Dr. Insam nicht nur persönliche Erfahrungen mitteilt, sondern auch wertvolle Einsichten und Empfehlungen zur Schaffung einer inklusiven und barrierefreien Umgebung.
Könnten Sie uns etwas über Ihre eigenen Erfahrungen bei der Navigation in städtischen Umgebungen als jemand, der sehbehindert ist, erzählen? Welche Herausforderungen sind Ihnen dabei begegnet?
Was viele vielleicht nicht wissen: Für einen hochgradig sehbehinderten Menschen ist es ähnlich schwierig, sich in unbekannten Gegenden zurechtzufinden, wie für einen blinden Menschen. Schon als Jugendlicher habe ich mir angewöhnt, bereits vor dem Aufbruch die gewünschte Adresse und die dortige Umgebung sowie meinen Weg dorthin im Stadtplan zu studieren und mir einzuprägen. Mittlerweile nutze ich statt einem Stadtplan auf Papier meist Google Maps, da ich dort mittels automatischer Suchfunktion die Zieladresse schneller finde und mir mittels elektronischer Vergrößerung die Umgebung wesentlich besser ansehen kann. Durch jahrelanges Training präge ich mir heutzutage neue Gegenden recht gut ein, so dass ich einmal gegangene Wege oft Jahre später aus dem Gehirn abrufen kann. Glücklicherweise habe ich auch ein gutes räumliches Orientierungs- und Lichteinfall-Analysevermögen, so dass ich in unbekannter Gegend ein Gefühl für die richtige Richtung habe. Auf alle diese Punkte bin ich schon alleine deswegen angewiesen, da ich die Straßenschilder sowie Hausnummern und papiergebundene Stadtpläne nicht mehr lesen kann. Deswegen bin ich auch beim Auffinden neuer Adressen regelmäßig darauf angewiesen, vor Ort Passanten nach der genauen Hausnummer zu fragen.
Welche Bedeutung hat barrierefreie Infrastruktur für Sie persönlich hinsichtlich Ihrer Mobilität und Unabhängigkeit im Alltag?
Da ich persönlich im Alltag sehr gerne und auch viel zu Fuß unterwegs bin, sei es rein aus Bewegungsdrang oder um von A nach B zu kommen, ist mir barrierefreie Infrastruktur für meine Mobilität und Unabhängigkeit im Alltag äußerst wichtig. Zwar werden Kreuzungen und Haltestellen zunehmend barrierefrei ausgebaut (beispielsweise mit Zusatzeinrichtungen an Ampelmasten oder mit Leitstreifen), allerdings habe ich den Eindruck, dass in den letzten Jahren die Rücksichtnahme durch andere Verkehrsteilnehmer drastisch abgenommen hat. Da werden Fahrräder und E-Scooter beliebig auf den Gehsteigen abgestellt, Werbeschilder werden rausgestellt, die Außengastronomie nimmt weniger Rücksicht auf Fußgänger und Lieferwägen stehen „nur mal kurz“ auf dem Gehsteig, da ja bei Blockade einer Fahrspur auf der Straße sonst Strafen fällig werden.
Haben Sie positive Erfahrungen mit bestimmten barrierefreien Elementen in Ihrer Stadt München gemacht, die Ihnen geholfen haben, sich sicherer und selbstständiger zu fühlen? Wenn ja, welche waren das?
Hauptsächlich helfen mir sehr gute Beleuchtung, große sowie farbige Hinweisschilder, sehr guter Kontrast und deutliche Ansagen. Genau diese Elemente, die sowohl bei der Renovierung des U-Bahnhofs Sendlinger Tor als auch in den neueren S-Bahn-Zügen bereits umgesetzt werden. Insbesondere deutliche Farben helfen mir bei der Orientierung, denn statt Liniennummern oder den Text von Zugzielanzeigern lesen zu müssen, sagen die jeweiligen Farben schon viel aus, wenn man sich auskennt.
Welche Verbesserungen würden Sie sich hinsichtlich der barrierefreien Gestaltung von Gehwegen, Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln wünschen, um Ihre Lebensqualität als sehbehinderter Mensch zu steigern?
Breitere Gehwege, die frei von Gegenständen bleiben, gute Ausleuchtung von Unterführungen und Untergrund-Bahnhöfen, deutliche und kontrastreiche Schilder mit größeren Schriften auf Augenhöhe sowie klare und deutliche Ansagen helfen gewaltig.
Können Sie uns von einer Situation berichten, in der Sie aufgrund mangelnder Barrierefreiheit in der Infrastruktur auf Probleme gestoßen sind? Wie haben Sie diese Situation gemeistert?
Ich war mit einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau unterwegs, wir haben in Wien Station gemacht und ich wollte mit einem blinden Bekannten in die Innenstadt. Eine vorherige kartografische Vorbereitung auf dem Kreuzfahrtschiff war mir mangels Laptop nicht möglich. Hier wusste ich nur, in welcher Himmelsrichtung die Innenstadt liegen müsste, allerdings war ein selbständiges Finden des Weges und vor allem das Überqueren mehrerer Hauptverkehrsstraßen ohne Kenntnis der nächstgelegenen Querungsstellen oder Unterführungen sehr mühsam. Geholfen hat mir, wie in solchen Situationen üblich, der offene Umgang mit meiner Sehbehinderung, also das häufige Fragen von Passanten: „Entschuldigung, ich bin hier fremd und sehe schlecht, können Sie mir bitte sagen, wie ich nach … komme?“ Introvertierte Personen hätten hier deutlich mehr Schwierigkeiten gehabt.
Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass die Öffentlichkeit, einschließlich Stadtplaner und Verkehrsteilnehmer, sich der Bedürfnisse und Herausforderungen sehbehinderter Menschen bewusst ist?
Ich erachte es als äußerst hilfreich, wenn sehr viele Personen die Einschränkungen sehbehinderter Menschen im alltäglichen Straßenverkehr kennenlernen würden, indem sie sich mit Simulationsbrillen darin zurechtfinden müssten. Vielleicht würde dann eine gewisse Aufmerksamkeit generiert. Das Hauptproblem jedoch ist: Sehbehinderten Menschen sieht man im Alltag häufig ihre Einschränkung nicht an. Da sie meist ohne weißen Stock unterwegs sind, nimmt niemand von ihnen Notiz und hilft oder warnt vor Problemstellen. Personen, die mit weißem Stock unterwegs sind, werden häufiger angesprochen und vor Gefahrenstellen gewarnt. Gerade hier wäre mehr Aufklärung wichtig.
Welche Botschaft möchten Sie an Entscheidungsträger und die breite Öffentlichkeit senden, um die Schaffung einer inklusiven und barrierefreien Umgebung für Menschen mit Sehbehinderungen voranzutreiben?
Unsere Gesellschaft wird immer älter und mit zunehmendem Alter werden bei allen Menschen die Augen schwächer. Neben der allseits bekannten Altersweitsichtigkeit treten vermehrt diabetische Retinopathie, altersbedingte Makuladegeneration (AMD), Katarakt (Grauer Star), Glaukom (Grüner Star) und Netzhautablösung auf. Die Wahrscheinlichkeit, Personen im Alter ab 60 Jahren anzutreffen, die keine Seheinschränkung haben, geht gegen Null. Daher ist es wichtig, dass sich unsere Gesellschaft hierauf einstellt und insbesondere im öffentlichen Raum existierende Barrieren abbaut. Es ist nicht mehr eine Frage, ob jemand eine Seheinschränkung erleidet, sondern vielmehr wann es ihn/sie treffen wird!




