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Marcella Berger hat endlich eine Rehaklinik gefunden

Marcella Berger
Marcella Berger
Foto: privat

Mainz (kobinet) Im Oktober 2023 hat Marcella Berger im Interview mit den kobinet-nachrichten die von ihr gemachten Diskriminierungserfahrungen bei der Suche nach einer Rehaklinik geschildert, die Sie aufgrund Ihrer Blindheit abgelehnt haben. Was sich diesbezüglich zwischenzeitlich getan hat und was Marcella Berger wichtig ist, darüber führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul mit der Autorin ein aktuelles Interview.

kobinet-nachrichten: Im Oktober 2023 haben Sie im Interview mit den kobinet-nachrichten die von Ihnen gemachten Diskriminierungserfahrungen bei der Suche nach einer Rehaklinik geschildert, die Sie aufgrund Ihrer Blindheit abgelehnt haben. Was hat sich diesbezüglich zwischenzeitlich getan?

Marcella Berger: Ich habe es geschafft – eine psychosomatische Fachklinik in Bad Kreuznach hat mich genommen. Aber es war wirklich schwer. Und es war eine sehr frustrierende Erfahrung. Selbst Kliniken, die Zimmer für blinde Patienten vorhalten wie die psychosomatische Fachklinik in Bad Wildungen, können es sich derzeit erlauben, wegen der großen Nachfrage, Patienten wie mich abzulehnen. Die Begründung lautet immer: der pflegerische Aufwand ist zu groß. Dabei brauche ich ja nur eventuell Hilfe beim Essen fassen, sprich: um mir die Speisen am Buffet auf den Teller zu legen. Nun gut, es hat geklappt, und ich will jetzt nicht mehr klagen. Und dass das Sankt Franz Stift in Bad Kreuznach mir ohne viel Federlesen eine Zusage gemacht hat, zeigt, dass es auch anders geht.

kobinet-nachrichten: Das heißt, Sie können nun bald Ihre Reha antreten – wann geht’s los?

Marcella Berger: Meine Reha beginnt am 27. Februar und ich bin ganz glücklich, den Frühling an der Nahe erleben zu dürfen. Und ich bin froh, die belastenden Erfahrungen des letzten Jahres, in dem ich den Verlust meines Partners und den Tod meiner besten Freundin verkraften musste, endlich bearbeiten zu können. Es ist einfach gut zu wissen, dass man nicht jede Last alleine tragen muss.

kobinet-nachrichten: Zwischenzeitlich haben Sie auch die Weiterbildung zum Empowerment zur Selbstvertretung behinderter Menschen des Bildungs- und Forschungsinstituts zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) abgeschlossen. Hat es geklappt mit dem Empowerment bzw. was haben Sie aus dieser Weiterbildung mit genommen?

Marcella Berger: Ich glaube, ohne das Empowerment, das ich durch diese Weiterbildung erfahren habe, hätte ich mich gar nicht getraut, so selbstbewusst für meine Rechte einzutreten. Ich glaube, ich bin souveräner und stärker geworden, es war ein Bewusstwerdungs-Prozess, an dessen Ende mir eines klar geworden ist: Menschen mit Handikap müssen noch viel Aufklärungsarbeit leisten, um die Gesellschaft von Diskriminierungen zu befreien. Und dafür müssen wir sichtbar werden und sichtbar bleiben und die Dinge zur Sprache bringen.

kobinet-nachrichten: Sie engagieren sich ja auch bei PRO RETINA und haben in diesem Zusammenhang auch auf den neuen Podcast hingewiesen. Worum geht es dabei?

Marcella Berger: Ja, ich engagiere mich schon seit längerem beim Verein PRO RETINA., In der Menschen mit Netzhautdegenerationen im Austausch sein können und Einblicke und Ausblicke hinsichtlich Forschung und Therapie erhalten. Das ist eine ganz wichtige Sache, um diese schweren Krankheiten zu bewältigen: der Kontakt zu anderen, die vom gleichen Schicksal betroffen sind, und die Zuversicht, das es wissenschaftliche Weiterentwicklungen geben wird. In diesem Zusammenhang ist natürlich eine ganz wichtige Säule die Forschungsförderung. Bei der PRO RETINA steht sie unter dem Motto: Forschung fördern – Augenlicht retten. Mit dem Podcast „Blind verstehen – der PRO RETINA-Podcast“ können wir Betroffene auf unkomplizierte Weise genau diese Einblicke und Ausblicke bekommen.

kobinet-nachrichten: In diesem Zusammenhang sind Sie auch auf eine Broschüre gestoßen, die Ihnen wichtig ist. Worum geht es dabei und wo gibt es diese?

Marcella Berger: Wir wissen ja alle, dass guter Wille nicht ausreicht und ohne finanzielle Förderung – insbesondere gilt das für seltene Erkrankungen wie erbliche Netzhautdegenerationen – kann keine Therapie entwickelt werden. Blint zu werden, ist ein schweres Schicksal, und alle erdenklichen Maßnahmen zu ergreifen, um dieses Schicksal zu verhindern, ist das große Ziel der PRO RETINA Stiftung. Spenden sind eine großartige Sache, aber es gibt noch weitere und sehr weitreichende Möglichkeiten der Unterstützung: das Testament. Es ist nicht einfach, sich mit dem Lebensende zu beschäftigen. Trost und Kraft dazu kann uns der Gedanke geben, dauerhaft etwas Gutes zu tun und bleibende Erinnerungen zu bilden. Eine Nachlassregelung zum Beispiel per Testament gibt Angehörigen oder auch gemeinnützigen Organisationen oder hilfsbedürftigen Menschen Hilfe und Unterstützung auch abweichend von der gesetzlichen Erbfolge.

Mit diesem Thema beschäftigt sich die neue Broschüre der PRO RETINA Stiftung zur Verhütung von Blindheit. Die Broschüre ist neu erschienen und kann in Kürze auf der Homepage der Stiftung heruntergeladen bzw. in gedruckter Form angefordert werden. Unter dem Titel „Der letzte Wille. Das Testament und andere Verfügungen von Todes wegen“ gibt es neben wertvollen Tipps und Informationen auch hilfreiche Checklisten. Die Broschüre kann kostenlos angefordert werden unter [email protected].

Blindheit verhüten, ein Traum der mit Hilfe von Erbschaften und Nachlässen verwirklicht werden könnte. Niemand möchte erblinden oder mit einer fortschreitenden Augenerkrankung leben müssen, die einen unaufhaltsamen Sehverlust zur Folge hat. Ob altersbedingte Makuladegeneration (AMD) oder eine seltene Netzhautdystrophie – noch immer fehlen Therapieoptionen. Augenlicht retten mit der gemeinnützigen Stiftung zur Verhütung von Blindheit und einen guten letzten Willen. Weitere Infos gibt’s unter: https://www.pro-retina-stiftung.de/spenden-unterstuetzen/mit-einem-testament-spenden/

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Link zum PRO RETINA Podcast Blind verstehen

Link zum kobinet-Interview mit Marcella Berger vom 23. Oktober 2023 mit dem Titel: Diskriminierung – keine Reha wegen Blindheit

Lesermeinungen

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Ronny Wittek
04.02.2024 15:46

Das kann ich leider bestätigen. Meine Tochter, erst 6 soll eine Reha bekommen. Die Reha und die Rentenversicherung wollen mir als Vater verweigern, meine Tochter dort hin zu begleiten. Begründung von beiden. Wenn sie nicht genug sehen, dann muss jemand anderes kommen. Was soll denn sowas. Was ist mit Eltern, die nicht nur stark sehbehindert sind?
Ich finde es inzwischen eine absolute Sauerei, dass nur auf Effizienz geachtet wird. Menschen mit Einschränkungen rutschen immer mehr an den Rand der Gesellschaft.

Heidi Eiselein
04.02.2024 08:15

Ja. Unbegründete telefonische Ablehnung von Rehabilitationsmaßnahmen oder aktuell einer Anschlussheilbehandlung kenne ich nur zu gut. Leider.
Zusätzlich erlebe ich auch noch immer keine Unterstützung. Weder von Seite des Kostenträgers noch eine Unterstützung der Sozialbehörde, die eventuelle Mehrkosten aufgrund von unbehandelter oder gar nicht erhaltener Präventionsmaßnahmen.
Oft stehe ich als „Kunde“ bei all diesen Ansprechpartner alleine als Bittsteller da.