Menu Close

Raul Krauthausen ist ‚müde‘. Und verfasst einen ‚Appell‘. Und ich habe ein paar Fragen an ihn.

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
Hans-Willi Weis mit Telefonhörer und ein Stück Draht in der Hand
Kolumnist sucht einen Draht zu Krauthausen und anderen
Foto: Hans-Willi Weis

Saufen (kobinet) Lieber Raúl Krauthausen, mich beschäftigt Dein Appell vom 16. Dezember 2023 auf Deinem Blog (https://raul.de/allgemein/ich-bin-muede-ein-appell-gegen-grabenkaempfe-und-fuer-echte-begegnung/), auf den ich durch eine Notiz in den kobinet-nachrichten aufmerksam wurde. Ich mache mir nämlich über die gleichen Kalamitäten so meine Gedanken und auch darüber, wie man aus ihnen herauskommen könnte. Am Ende Deines Appells gegen „Grabenkämpfe“ plädierst Du für mehr „echte Begegnung“. – Mir drängen sich dazu ein paar Fragen an Dich auf, auf die Du mir vielleicht online (bei kobinet, der „verkehrsberuhigten“ Plattform, wo es fernab aller Social-Media-Grabenkämpfe angenehm zivilisiert zugeht) antworten magst.



Daumen runter für Social Media

Für das Social Media der kommerziellen Plattformgiganten und des politischen Demagogentums, versteht sich. Deine zusammenfassende Analyse und Dein Urteil – „nicht für Dialog, sondern für Eskalation gebaut“, auf „Emotionalisierung“ gepolt, diskurspolitisch eine „Dekontextualisierungsmaschine“ – scheint mir weitgehend Konsens unter seriösen Medienanalysten und in Kreisen eines reflektierten und verantwortungsvoll agierenden Aktivismus. Richtig und wichtig Dein daran anschließender Hinweis, dass „ob wir solchen Narrativen auf den Leim gehen auch mit unserem Ego zu tun hat“ (Narrative wie: Ständig online sein müssen, immer sofort reagieren müssen etc.). – Du weist auf Martin Fehrensen hin, der auch lange gedacht hat, permanentes „Dagegenhalten“, „keinen Schritt weichen“ sei „die richtige Taktik“ und dass er die Einsicht in diesen Irrtum anlässlich seines Abschieds von Twitter (heute X) kundtut. Du teilst uns nicht mit, was Deine eigenen Konsequenzen sind, ob auch Du Dich von dort verabschiedest hast und wie Du Dich gegebenenfalls plattform- oder onlinemäßig neu sortierst.

Interessieren täte mich das, weil Du für unsereins aus der Behinderten-Community die Funktion eines Vorbilds oder Role-Models hast. Obgleich ich es auch akzeptiere, wenn Du Dein persönliches Verhalten nicht weiter erläutern möchtest. Vom Philosophen Schopenhauer stammt die überspitzte und gleichwohl treffende Bemerkung: Der Wegweiser zeigt den Weg an, er geht ihn nicht.

Oder muss ihn jedenfalls nicht auch selber gehen, die richtige Richtung, in die er weist, wird dadurch ja nicht falsch. – Ich will ausdrücklich sagen, persönlich bin ich auf keiner der in Deinem Beitrag genannten Plattformen unterwegs, habe also keine eigene Vorstellung davon, wie Du und andere dort Lebenszeit und Nervensubstanz verschleißen. Deshalb sollte man es mir nachsehen, falls meine folgende Frage oder Überlegung aus irgendeinem Grund naiv erscheint: Ließe sich die in sinnlosen Grabenkämpfen auf den einschlägigen Social Media-Kanälen vergeudete Energie, einmal von dort abgezogen, nicht sinnvoll für echten Austausch und Debatten auf unseren communityinternen Plattformen (Neue Norm und kobinet) sinnvoll einsetzen? Hier stehen für substanzielle Gespräche geeignete Nachrichten und Kolumnen zuhauf einfach nur nebeneinander, ohne dass ansatzweise kommentiert und debattiert würde. Dabei wären hier die betrieblichen und atmosphärischen Bedingungen für zivilisierten Austausch und eine Rückkehr zum ursprünglichen interaktiv gedachten Medium doch optimal. Hättest Du nicht Lust, an dieser Stelle mit anderen zusammen die Initiative zu ergreifen? Die viel beschworene „Begegnung“ zu suchen, wo sie online maßvoll und vernünftig, für unsere Zwecke zielführend und fruchtbar möglich wäre.

Für Online-Aktivist*innen, die sich aus dem Social-Media-Grabenkrieg verabschiedet haben, würde es sich in unseren selbstorganisierten Sozialen Medien nicht länger anfühlen (ich zitiere aus Deinem „Appell“), als könnte man nur verlieren. Darum würde ein von mir verfasster Appell lauten:

Auf geht es Leute, führen wir und initiieren wir endlich die von Raul Krauthausen auf Twitter, X und Co. schmerzlich vermissten „Debatten auf Augenhöhe“! Unsere kleinen, nicht vom ökonomischen Profitmoloch getriebenen Plattformen erlauben es. Lassen wir dieses kommunikative Potential für unsere an Universalismus, Menschenwürde und Respekt orientierten Zwecke keinen Tag länger brach liegen.

Totale Ungleichheit der digitalen Aufmerksamkeitseinkommen

„Die Algorithmen der großen Plattformen beeinflussen, wer sichtbar wird und wer nicht“, schreibst Du. Aber Deine Beschreibung des „zutiefst neoliberalen Narrativs“, demzufolge wir Konsument-*innen alle Probleme dieser Welt lösen könnten, blieben wir nur lange genug online und so weiter, ist in einer wesentlichen Hinsicht unvollständig: Kein Wort zu der totalen Einkommensungleichheit an digitaler Aufmerksamkeit, der Tatsache, dass es einige wenige Großverdiener gibt, ein ziemlich dünnes Mittelfeld und dann das riesige Prekariat der Aufmerksamkeitsverlierer und Habenichtse an digitalem Anerkennungseinkommen. Die (mit dem Slogan der Occupy-Bewegung gesprochen) „ninety-nine percent“, in deren Masse sich ein berechtigter Groll ansammelt, der sich stellenweise zu jenem giftigen Ressentiment verdickt, das die Rechtspopulisten nurmehr aufgreifen müssen, um es für ihre Absichten zu instrumentalisieren. Und diese extrem digitale Ungleichheitspyramide des neoliberalen Plattformkapitalismus reproduziert sich sozusagen im Kleinen in entsprechenden Pyramiden innerhalb der Minderheitenmilieus und ihres Aktivismus. – Doch wem sage ich das, Deinem eigenen Bekunden nach bist Du selber ein Gefangener im „Hamsterrad“ der Klickzahlen-Kapitalakkumlationszwänge (ich beziehe mich auf Dein diesbezügliches Selbstbekenntnis im Aufzugsgespräch mit Aljosha Muttardi). Und so wundere ich mich über den auf einmal so unpersönlichen Ton, dieses abstrakt allgemeine, um nicht zu sagen „dekontextualisierte“ Moralisieren an etlichen Stellen Deiner aktuellen Ausführungen.

Kurz, ich frage mich, ob es sich digitale Gutverdiener an Aufmerksamkeits- und Anerkennungs-einkommen, die sich auf der Gewinnerseite dieses Profitsystems aufhalten, nicht ein bisschen einfach machen, wenn sie lediglich an sich selbstverständliche und daher rasch floskelhaft wirkende

Statements wiederholen. Wir benötigten „mehr Begegnung und mehr Koalitionen“. Oder dass „die Philosophin und Rechtswissenschaftlerin Martha Nussbaum beispielsweise für das Konzept des Universalismus“ plädiert, wonach „alle menschlichen Wesen gleichen Wert haben, die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten“. Oder dass „Nussbaums Vision nicht nur eine Beseitigung von Ungerechtigkeiten ist, sondern auch ein vertrauens- und respektvolles Miteinander“. – Anschließend, lieber Raul, sprichst Du zwar wieder von Dir: „Nach vielen Jahren Aktivismus glaube ich, dass es heute wichtiger denn je ist, wieder mehr zueinander zu finden.“ Ich vermisse allerdings eine Antwort auf die zuvor von Dir aufgeworfene Frage: „Wie könnte ein Aktivismus aussehen, der echte Begegnung statt reflexhafter Abwehr und Abspaltung ermöglicht?“

Keine Antwort jedenfalls, was die Online-Ebene anlangt, von der weder Du noch wir anderen uns ja gänzlich verabschieden werden. Und daher kommt mir Dein Schlussplädoyer für Offline- Begegnungen sowohl etwas ausweichend als auch leicht idealisierend vor: „Der Onlinekontakt zu Menschen, die wir nicht kennen und die anderer Meinung sind als wir, führt oft zu messbar mehr Polarisierung. Offline haben wir manchmal bessere Chancen, gesehen und gehört zu werden. Weil wir in einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht von unserem Gegenüber nicht nur als Vertreter*in einer Gruppe wahrgenommen werden können, sondern als individuelle und komplexe Person, mit der Mensch nicht alle, aber mehr Werte teilt, als auf Anhieb vermutet.“ Und darum plädierst Du für Offline-Begegnungen „ob im Nachbarschaftshaus oder auf dem Spielplatz, ob bei Diskussionen mit Stadträt*innen oder Schulverwaltungen, Lesungen oder bei (selbstorganisierter) Beratung“. – Ich bin mir nicht sicher, in wie weit ich es mir nun meinerseits etwas einfach mache, indem ich einwende, dass es mittlerweile offline auch immer ruppiger zugeht. Und Du Deine Offline-Erfahrung als Promi bei Lesungen oder sonstigen Analogkontakten nicht mit den Erfahrungen nicht prominenter Menschen aus der Behinderten-Community oder dem Behindertenaktivismus gleichsetzen kannst. Auf alle Fälle sind wir damit – das sonst so verschwommene und mir stets ideologieverdächtige „wir“ kann ich an dieser Stelle ohne Bedenken verwenden, weil es konkret „uns“ Zugehörige zur Behinderten-Community benennt – doch wieder beim Online-Austausch auf unseren internen Plattformkanälen als der an diesem Punkt nächtsliegenden Option für eine sinnvolle und ergiebige Fortsetzung meiner diesmal an Dich adressierten Fragen und Überlegungen.

Meine Beobachterposition im vorliegenden Kontext

Wo verorte ich mich, der Kolumnist, in den von mir beobachteten Zusammenhängen? Nach meinen kritischen Fragen zu Raul Krauthausens Top-Down- Appell eines Prominenten aus der breiter wahrgenommenen Netzöffentlichkeit noch ein Wort zu meiner Bottom-Up-Positionierung als „digital underdog“ innerhalb der skizzierten Konstellation. Als Kolumnenschreiber bei den kobinet-nachrichten sehe ich mich in der Rolle des teilnehmenden Beobachters der Vorgänge im „sozialen Segment“ behinderter Menschen sowie des in ihrem Milieu stattfindenden behinderten-politischen Aktivismus. Eine Position (die des kolumnistischen Szenebeobachters), in der ich mich erst seit gut einem Jahr befinde und dennoch bereits einiges an Erfahrung und Beobachtungsmaterial gesammelt habe, um in den nächsten Kolumnen einmal schwerpunktmäßig Betrachtungen über die sozialpsychologische Situation von Behinderten und chronisch Kranken in unserer Gesellschaft anzustellen. Und schließlich auch die psychopolitische Verfasstheit des Behindertenaktivismus etwas näher zu beleuchten. Erste Befunde sind verstreut schon in vorherigen Kolumnen enthalten. Etwa in https://kobinet-nachrichten.org/2023/10/01/nicht-einander-klein-machen-einander-unterstuetzen/

Vielleicht kommt bis dahin oder im Anschluss daran auf der kobinet-Plattform ja die dem Medium ursprünglich nachgerühmte „Interaktivität“ in Gang, so dass von einem wirklichen Austausch oder Gespräch gesprochen werden könnte. Statt von der Aneinanderreihung einzelner Monologe. Wäre dies nicht wunderbar? – Und wenn nicht, was dann? Werde ich dann weiter vor mich hin monologisieren? Immerhin gibt es zum literarischen Monologisieren – und literarische Texte bedeuten für den Autor zunächst stets eine Art Monolog – aufregendere oder faszinierendere Sujets. Ohne die kobinet-Kolumnen hätte ich mehr Zeit zum Schreiben über meine Kindheits- und Jugendjahre. Wenn auch nicht gleich ein „Grüner Heinrich“ dabei herauskommen sollte. Im Alter trägt die Erinnerung Früchte, hat der damals hundertjährige Hans-Georg Gadamer gesagt. Als ich Kind war, sind bei uns die Panzerhaubitzen immer nur durch die Gegend gefahren, haben die Luft verpestet und ihre Granaten lediglich auf dem Truppenübungsplatz verschossen. Es war eben doch eine bessere Zeit damals.

Als Anhang der Link zu meiner Septemberkolumne „Rätsel Rammelschweine oder narzisstische Vergesellschaftung. https://kobinet-nachrichten.org/2023/09/01/raetsel-rammelschwein-oder-narzisstische-vergesellschaftung/

Sie bietet sich hier zum Recyclen an, weil in ihr entlang der „Narzissmus-Hypothese“ die obigen Themen gleichfalls verhandelt werden und u.a. auf den ehrlichen und darum grundsympathischen Prominentenplausch zwischen Raul Krauthausen und Aljosha Muttardi Bezug genommen wird.