Menu Close

Offener Brief macht Not Intensivpflegebetroffener deutlich

Symbol Ausrufezeichen

Berlin (kobinet) Die Mitarbeitenden des Projekts "Das Recht auf Außerklinische Intensivpflege – Begleitung der Umsetzung aus Betroffenenperspektive“ der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) haben in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Probleme mit den neuen Regelungen zur Außerklinischen Intensivpflege (AKI) hingewiesen und Tipps gegeben. Mit der Verabschiedung des Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz (GKV-IPReG) und dessen untergesetzliche Regelungen wie beispielsweise die AKI-Richtlinie und die Begutachtungsanleitung des Medizinischen Dienstes (MD) hat sich die Situation für die Betroffenen erheblich verschärft. Dies macht ein offener Brief einer Mutter mehr als deutlich, um dessen Veröffentlichung die Projektmitarbeiter*innen die kobinet-nachrichten gebeten haben.

Offener Brief einer Mutter an Bundesgesundheitsminister Lauterbach

Sehr geehrter Herr Minister,

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin Mutter und Betreuerin eines seit 27 Jahren im Wachkoma befindlichen Sohnes. Mein Sohn ist intensivpflegepflichtig: er hat einen Bauchdeckenkatheter, eine Magensonde, eine Trachealkanüle und ist auf Sauerstoffgabe angewiesen. Mein Mann und ich haben ihn davon 24 Jahre rund um die Uhr im häuslichen Bereich gepflegt und versorgt und somit dem Staat und der Krankenkasse enorme Kosten erspart.

Jetzt zum Problem:

Der Hausarzt bzw. die Arztpraxis will meinen Sohn nach 24 Jahren nicht mehr behandeln bzw. nichts mehr verordnen, weil hierzu ein Schreiben der Krankenkassen verschickt wurde, mit der Information, dass nur noch qualifizierte Fachärzte Intensivpflegepatienten versorgen dürfen. (Vielen Dank an Herrn Spahn). Zumal es ja sooo viele Fachärzte in Deutschland gibt.

Seit einem halben Jahr bin ich am Kämpfen, einen Arzt für meinen Sohn zu finden. Inzwischen habe ich 100 x bei unserer Krankenkasse, der IKK classic angerufen. Ein Sachbearbeiter riet mir, mich von meinem Sohn zu lösen und ihn sterben zu lassen – schließlich sei mein Sohn nicht der Einzige, dem es so ergeht. „Große klasse“.

Übrigens – mein Sohn zahlt selbst seine Krankenversicherungs- und Pflegeversicherungsbeiträge, aber wofür??? Auch die Hotline konnte mir keinen Arzt benennen: alle Fachärzte seien voll und nehmen keine Patienten mehr an.

Ich habe mit der Kassenärztlichen Vereinigung, mit Beatmet Leben, Stern TV, NDR Visite, dem Sozialverband, diversen Arztpraxen, der Rechtsanwaltskammer sowie der SPD bundesweit und regional Kontakt aufgenommen, um dieses Problem publik zu machen und zu beheben. Leider konnte mir keiner davon in irgendeiner Weise helfen.

So Herr Dr. Lauterbach, jetzt sind Sie am Zug: es kann doch nicht angehen, dass die Ärmsten der Armen und Schwächsten auf der Strecke bleiben und hier von staatlicher Seite nichts unternommen wird. Es ist 5 nach 12.

Hierzu sei noch zu sagen „reanimieren“ auf Teufel heraus und dann im Regen stehen lassen. Mein Sohn leidet unter cerebralen Krampfanfällen, der Katheter muss alle 4-5 Wochen gewechselt werden usw… Er benötigt dringend Physiotherapie und Ergotherapie sowie Medikamente. Was ist wichtiger, die digitale Patientenakte (ePA) oder Menschenleben??

Ich kämpfe nicht nur für meinen Sohn, sondern auch um die Menschen, die in gleicher Lage sind und hoffe von Ihrer Seite, dass es hier zügig eine Lösung gibt. Können Sie es verantworten, dass die Menschen wegen Nichtstun sterben?

Übrigens – mein Mann ist vor 4 Jahren verstorben, ich bin mittlerweile selbst schwer krank, sitze im Rollstuhl und habe diverse Krebs-OPs hinter mir und muss mich mit dieser heftigen Problematik seit einem halben Jahr rumschlagen. Es passiert ja leider nichts von Seiten der Politik.

Über eine Rückmeldung würde ich mich freuen.

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
1 Lesermeinung
Neueste
Älteste
Inline Feedbacks
Alle Lesermeinungen ansehen
Marion
22.12.2023 10:36

Ist es eigentlich Strategie oder warum liest man nichts davon, dass der Nachbesserungsbedarf schon lange seitens der Regierung erkannt wurde und diese bereits daran arbeitet?
Oder will man einfach nicht erkennen, dass wir seit mehr als 2 Jahren im Krisenmodus agieren und da Gesetzgebungsverfahren einfach etwas länger dauern?
Oder ist es das Stillen innerer Gelüste, wenn man irgendeinen Punkt findet, um negativ- Kritik ausüben zu können?