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Umgebracht werden. Wessen Leben ist als nächstes bedroht?

Hans-Willi Weis in nachdenklicher Pose, weiß gekleidet mit weißer Baskenmütze
Hans-Willi Weis
Foto: Hans-Willi Weis

Staufen (kobinet) Nur hoffen können, nicht umgebracht zu werden. Aber nie sicher sein können, dass es nicht doch geschieht. Was gestern undenkbar schien, ist heute möglich: als Angehörige einer minoritären, religiösen, sozialen oder physischen Merkmalsgruppe diskriminert, verfolgt und umgebracht zu werden. Nicht irgendwo auf der Welt, überall, an jedem Ort. In Deutschland wie schon einmal in jener Zeit, die vor 90 Jahren begann. Als es unter den Minderheiten Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Behinderte traf. Könnte es wieder nach dieser Reihenfolge gehen? Dass jetzt erst einmal das jüdische Leben bedroht ist, hierzulande. Wo bereits seit längerem auch das Leben von Muslimen nicht mehr sicher ist. – Sollte all dies Schreckliche schon begonnen haben und wir hatten es bislang nur noch nicht gemerkt?

Keine menschliche Grausamkeit für alle Zeit verbannt

Dass das Morden also längst im Gange ist. Ein schrecklicher Gedanke, der als Frage jedoch gedacht werden muss, unter dem Eindruck des Entsetzlichen, das in der Welt geschieht. Und dessen vielleicht noch entsetzlichere Fortsetzung anders gleich gar nicht aufgehalten werden kann. Wenn wir die Gedanken im Nebel lassen und den Kopf in den Sand stecken. Auch wir Behinderte, die wir uns zur Zeit noch in relativer Sicherheit wiegen dürfen. Einer trügerischen womöglich.

Diesen fürchterlichen Gedanken lieber früher denken, als zu spät, sage ich mir. Selbst auf die Gefahr hin, der Angst- oder Panikmache bezichtigt zu werden. – Eigentlich hatte ich für diese trübe Novemberkolumne einen historischen Rückblick, aus wie ich glaubte sicherer Entfernung, auf 40 Jahre Gedenkstätte Hadamar vorgehabt. Doch die Gewissheit, das an diesem Ort im Gedächtnis Bewahrte gehöre ein für allemal der Geschichte an, ist bei mir mit einem Male weg. Und deshalb kann ich nicht in der Weise, wie noch vor Monaten überlegt, darüber schreiben. Wie etwas im Giftschrank der Geschichte sicher Verwahrtes. Denn ich fürchte inzwischen, diese Büchse der Pandora steht plötzlich wieder sperrangelweit offen.

Aber was heißt plötzlich? In den vergangenen Jahren haben sich für mich politisch und gesellschaftlich so viele vermeintliche Sicherheiten in Rauch aufgelöst, dass ich es hätte vorausahnen müssen. Orte des Schreckens wie das hessische Hadamar während der ersten Hälfte der 1940er Jahre haben, weltweit betrachtet, auch zuvor keineswegs der Geschichte angehört, sie waren und sind reale Gegenwart. Nichts aus dem Repertoire menschlicher Grausamkeit, so scheint es mir mittlerweile, gehört selbst in den monströsesten Ausmaßen endgültig der Vergangenheit an.

Was im hessischen Hadamar geschah

Was im südhessischen Hanau im Februar 2020 geschehen ist, wissen hierzulande Befragte vielleicht eher als was im mittelhessischen Hadamar 1941 folgende geschah. Dieser Ortsname, eingetragen in der nationalsozialistischen Topographie des Terrors, steht für das NS-Mordprogramm an Behinderten und chronisch Kranken. Ideologisch verbrämt unter dem euphemistischen, beschönigenden Begriff „Euthanasie“. Als „schönen Tod“ versuchte die Nazi-Propaganda die bürokratisch geplante und quasi industriell durchgeführte Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ zu rechtfertigen – ein weiterer Ausdruck aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ (so der Buchtitel von Dolf Sternberger) bzw. aus dem Jargon des „ewigen Faschismus“ (ein von Umberto Eco geprägter Terminus). „Lebensunwertes Leben“ und „Euthanasie“ waren die beiden Chiffren für das von den Nationalsozialisten in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplante und in Angriff genommene spezielle Tötungsprogramm mit der verwaltungstechnischen Kennziffer „T4“. Behinderte und chronisch Kranke konnten nicht länger hoffen, nicht ermordet zu werden. In der sogenannten „Anstalt Hadamar“ wurde zwischen 1941 und 1945 ein Teil des Mordprogramms umgesetzt.

Auf eine Schreckensbilanz von 15 000 Ermordeten hat es die Tötungsanstalt Hadamar gebracht. Über 10 000 im ersten Jahr 1941. Fabrikmäßig getötet durch Kohlenmonoxid-Vergiftung, Vergasungskammer und Krematorium bieten sich neben anderen grausigen Details dem Blick der Gedenkstättenbesucher dar. Mehr als 4000 Menschen starben in den darauffolgenden Jahren an Medikamentenüberdosierung und systematischer Mangelernährung. Die Täter und Täterinnen, vom Arzt bis zur Schreibkraft, rekrutierten sich aus dem Stammpersonal der vormaligen „Landesheilanstalt“, ein anderes Wort für psychiatrische Klinik. So gut wie niemand aus dem Kreis der tötungswilligen Vollstrecker wurde hinterher zur Rechenschaft gezogen. – Als vor nunmehr 40 Jahren die „Internationale Gedenkstätte Hadamar“ ins Leben gerufen wurde, waren seit den finsteren Tagen, da dort die Tötungsmaschinerie auf Hochtouren lief, schon einmal vier Jahrzehnte ins Land gegangen. So lange hat es offenbar gebraucht, bis die bundesrepublikanische Öffentlichkeit das Geschehen und seinen Ort für offiziell denkwürdig befunden hat.

Verlass auf Anwohnerschaft oder Nachbarn?

Dass die Nazis zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs ihrer Schreckensherrschaft bzw. am Ende des von ihnen organisierten Staatsterrors nicht alle Behinderten und chronisch Kranken umgebracht hatten, mag unter anderem auch daran gelegen haben, dass sich in Teilen der Bevölkerung Widerstand und Protest gegen ihre administrative Form der „Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ und der „ Gesundung des deutschen Volkskörpers“ regte. Insbesondere wenn von den „Maßnahmen“ Betroffene unter ärztlicher Amtshilfe durch die Polizei oder Gestapo „abgeholt“ oder „abtransportiert“ werden sollten. Dann kam es vor, dass die betroffenen Familien sich wehrten und die gesuchten Personen versteckt haben. Nicht selten unterstützt von einer wachen Dorfgemeinschaft oder von aufgebrachten Nachbarn. Solche Berichte finden sich immer wieder. Wie häufig oder lediglich sporadisch dieser Art der Widersetzlichkeit das Schlimmste zu verhindern vermochte, dürfte schwer zu sagen sein. Doch für die vom Mordprogramm Bedrohten konnte darin ein gewisser Schutz liegen. Ich muss in diesem Zusammenhang immer wieder an den mutigen und ebenfalls erfolgreichen Widerstand der Frauen in der Berliner Rosenstraße denken. Frauen aus sog. Mischehen protestierten 1943 eine Woche lang öffentlich gegen die Inhaftierung ihrer jüdischen Ehemänner, die daraufhin freigelassen wurden.

Jene im Kontext der erinnerungspolitischen Aufarbeitung der NS-Diktatur des Öfteren kolportierte Dorfgemeinschaft oder Nachbarschaft, die sich nicht jede NS-Behördenwillkür gefallen lassen wollte, rettete vermutlich auch meiner Tante Anni das Leben. Ein Arzt, der sich für sie einsetzte, als ihre „Einlieferung“ in eine „Anstalt“ auf der Kippe stand, muss gleichfalls dazu beigetragen haben. Andernfalls hätte es die Tante Anni in meiner Kindheit und Jugend nicht gegeben. Sie hatte eine geistige Beeinträchtigung und lebte im Haus meiner Großeltern und war wie diese, ohne eine stärkere Auffälligkeit zu zeigen, ins Dorfleben der kleinen Hunsrückgemeinde integriert. Nach dem Tod der Großeltern in den 1960er Jahren übernahm mein Vater ihre Vormundschaft. Vom Schatten des Todes mindestens der Internierung, der in der „Hitler-Zeit“ über ihr schwebte, erfuhren meine Schwester und ich erst nach dem Tod unseres Vaters aus den Vormundschaftsunterlagen. Auch, dass ihre Behinderung die Folge eines Fahrradunfalls als Jugendliche war, ein Sturz, bei dem sie unglücklich auf dem Kopf gelandet war. Wodurch ihr Leben nach den Maßstäben des „Tausendjährigen Reichs“ ein „lebensunwertes“ geworden war.

Eine Anwohnerschaft oder Nachbarn waren also in gewissen Situationen durchaus imstande NS-Bütteln Paroli zu bieten und dafür zu sorgen, dass sie unverrichteter Dinge abziehen mussten. Was sie allerdings in der Zeit davor nicht verhindert hatten, war die staatliche Etablierung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Was sich im nationalsozialistischen Alltag im Verhalten einer Dorfgemeinschaft oder der Nachbarn punktuell an Widerständigkeit zeigt, sind Reste von sozialem Gewissen und moralischem Ethos, das, was ihnen die Indoktrinierung und die NS-Barbarei an Zivilisiertheit bis dahin nicht hatte austreiben können. Doch wie viel Verlass ist, insbesondere bei massiver staatlicher Repression, auf diese Restbestände an (mit heutigen Worten gesprochen) Zivilcourage und zivilgesellschaftlicher Widerstandsbereitschaf? Auch mit Blick darauf gefragt, was sich zur Zeit vor unseren Augen abspielt. – Ein zentrales Motiv unserer gesamten politischen Erinnerungskultur und von antitotalitären Gedenkstätten wie Hadamar ist das „Wehret den Anfängen!“ Haben wir es gegenwärtig noch mit „Anfängen“ zu tun? Wie viele von den kleinen Zivilisationsbrüchen müssen sich, national und international, ereignet haben, so dass wir nicht umhin können, uns zu fragen, ob wir nicht bereits mitten drin sind in einem Prozess, der auf einen großen globalen Zivilisationsbruch zuläuft und wir uns dies bislang bloß nicht haben eingestehen wollen?

Ist dies zu rabenschwarz gedacht und gefragt? Ich weiß nicht, mein Pessimismus rührt zudem von persönlichen Erfahrungsparametern her. Da ich bereits von Tante Anni gesprochen habe, warum nicht noch ein Wort zu mir und meiner derzeit vergleichsweise geringeren Gefährdung. Ein braun in der Wolle gefärbter Nachbar versuchte jahrelang mich und meine Blindenbegleiterin nicht zu ermorden, sondern „nur“ sozial und psychisch zu vernichten. Manchmal unter den Augen der lokalen Öffentlichkeit, die keine Anstalten machte, sich schützend vor uns zu stellen. Kein „den Anfängen wehren“ seitens der Anwohnerschaft. Ein Nachbar verbündet sich mit dem Täter und ruft nach einer „Endlösung“, wenn es uns in der Gasse nicht gefalle, müssten wir wegziehen. Vermutlich hat er nicht gemerkt, was er da gesagt hat. Das Wort von der „Endlösung“ wird ihm so herausgerutscht sein. Wie dem Aiwanger als Schüler die Nazi-Späße. – Das Wort Trauma fühlt sich abgegriffen an, aber seit dieser Erfahrung mit der kompletten Fehlanzeige an zivilgesellschaftlichem Beistand, ist endgültig etwas in mir zerbrochen. Der Glaube an die Verlässlichkeit basaler zivilisatorischer Standards in diesem Land.

P.S. Näheres zu der mich und meine Begleiterin traumatisierenden Erfahrungen an unserem Wohnort im deutschen Südwesten, im „biederen Ländle“, ist in meiner ersten Kolumne auf dem Kobinet-Nachrichtenportal unter dem Titel „Es geschieht am helllichten Tag“ zu lesen. Ein erschreckendes Beispiel dafür, was geschieht oder geschehen kann, wenn man den Anfängen nicht wehrt, sondern sie gewähren lässt.