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In Deutschland angekommen

Frau in rosa Dress im Elektrorollstuhl danebem steht ein Mann mit Streifen-Shirt und umgehängter Tasche
Larysa Vorona mit Ehemann Yuryj
Foto: privat

KIEL (kobinet) Nach den russischen Angriffen mussten sehr viele Ukrainer ihr Land verlassen. Viele von ihnen gingen dorthin wo sie Bekannte und Freunde haben, zum Beispiel nach Kasachstan. Fast acht Millionen Menschen haben nach Angaben des Flüchtlingshilfswerkes der UN (UNHCR) die Ukraine in Richtung Europa verlassen. Mehr als eine Millionen davon hat Deutschland aufgenommen. Darunter sind auch Menschen mit Behinderungen. "Kobinet" wollte wissen, wie es diesen Menschen geht, die hinter den Zahlen stehen, was sie denken - und hat einige von ihnen gefragt.

Dabei lernten wir verschiedene Menschen kennen und haben ihre Geschichten erfahren. Eine von diesen Menschen aus der Ukraine ist die 48jährige Larysa Vorona. Gemeinsam mit ihrem Mann Yuryji und ihrem Sohn Pavlo ist sie vor den russischen Bombardements nach Deutschland geflohen. Wegen einer Zerebralparese ist Larysa nur mit Rollstuhl mobil und in vielen Dingen auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen.

In der Ukraine hatte die Familie in Kropywnyzkyi, einer Industriestadt mit etwa 230.000 Einwohnern im Oblast Kirowohrad gewohnt. Mit Beginn der russischen Luftangriffe war die Familie direkt bedroht. Larysa konnte den Keller oder einen Luftschutzbunker nur erreichen wenn ihr Mann sie trug. Bei bis zu fünf Mal Luftalarmen am Tag musste sich die Familie immer häufiger im Badezimmer verstecken, der Raum der Wohnung, der den meisten Schutz versprach – und hoffen, dass das Wohnhaus nicht direkt von einer Rakete getroffen wurde.

Nach neun Tagen in ständiger Angst um das Leben der Familie entschlossen sie sich zur Flucht. Mit einem Bus waren sie zu Bekannten nach Kraków (Krakau) in Polen gefahren und konnten hier erst wieder einmal Luft holen und in Ruhe schlafen. Aber die Wohnung ihrer Bekannten in Krakau lag in der zweiten Etage und war für Larysa ungeeignet. Bei der weiteren Suche nach anderen Möglichkeiten, entstand die Idee nach Deutschland zu gehen. Larysa hatte einen Elektrorollstuhl und weitere Hilfsmittel, die aus Deutschland waren. Das versprach mehr Möglichkeiten für Behinderte in Deutschland. Larysas Überlegungen wurde in der Familie und mit Freunden besprochen und bald war der Entschluss gefasst: Wir gehen nach Deutschland! Über Facebook hatte die Familie Voronyj dann Kontakt zur Familie Ubben in Heikendorf (Kreis Plön / Schleswig-Holstein) bekommen. Nach einigen Telefongesprächen konnte die Familie aus der Ukraine ihre Flucht nach Schleswig-Holstein fortsetzen und kamen im März dort an. Im Rückblick auf die Aufnahme ihrer Familie in Deutschland und der hier erfahrenen Hilfe erklärte Larysa Vorona gegenüber einer Lokalzeitung: „Wir haben noch nie so nette Leute getroffen“ und bestätigte diese Erfahrung auch gegenüber kobinet.

In Deutschland fand Pavlo sehr schnell Freunde und fühlte sich wohl. Zuerst besuchte er weiterhin die ukrainische Schule per Internet. Doch bald wechselte er in die Grund- und Gemeinschaftschule in welcher Deutsch als Zweitsprache unterrichtet wird. Larysa und Yuryj Voronyj wollen unbedingt Deutsch lernen, besuchen den Deutschkurs und lernen auch nach dem Unterricht weiter Deutsch.

Bei Jürgen und Kirsten Ubben konnten die Familie aus der Ukraine jedoch nur über den Sommer bleiben. Das Haus ist zwar ebenerdig gebaut, im Sanitärbereich gibt es aber Stufen. So bemühten sich die Familien um eine barrierefreie Wohnung, schrieben täglich bis zu 40 Anfragen und erhielten – keine Antwort oder Absagen. Die „Kieler Nachrichten“ und die Regionalzeitung „Der Reporter“ berichteten ebenso wie das „Zweite Deutsche Fernsehen“ über diese Familie. Letztlich stellte sich der Erfolg allen Bemühens ein – im September war eine passende Wohnung gefunden. Larysa konnte mit der Familie umziehen und den Jahreswechsel in ihrer neuen und für sie barrierefreien Wohnung feiern.

Als wir Larysa nach ihren Wünschen für das neue Jahr fragen, da nennt sie als Erstes: „Frieden und Stabilität in der ganzen Welt“. Außerdem will sie gemeinsam mit ihrem Mann weiter Deutsch lernen und einen Job in Deutschland finden. Dabei stehen die Aussichten dafür ganz gut. Larysa und Yuryj haben viel Erfahrung bei der Arbeit mit dem Internet. Yuryj ist Programmierer und spricht Englisch. Larysa hat in der Ukraine eine Wohltätigkeitsorganisation geleitet, eine Arbeit für welche sie bereits den Verdienstorden des Präsidenten der Ukraine erhalten hatte. Seit einigen Jahren arbeitet sie als Strukturdirektorin bei Fabelic, einem der größten Parfüm und Kosmetik Internetportale der Welt.

Larysa, Yuryj und Pavlo sind jetzt in Deutschland angekommen. Für ihren weiteren Weg hängt nun vieles davon ab, dass sie schnell Fortschritte beim Erlernen der deutschen Sprache erreichen und bald Festanstellungen finden – die Aussichten für schnelle Fortschritte sind aber gut, vor allem auch, weil sie sich ernsthaft und mit ihrer ganzen Kraft darum bemühen.