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Mit einem Rollstuhl aus der Zentralukraine nach Deutschland

Frau mit Rollstuhl, dahinter steht ein Mann. Im Hintergrund ist ein Springbrunnen zu sehen
Larysa Krutigolova mit ihrem Mann im Kurpark Bad Homburg
Foto: Privat

FRANKFURT am MAIN (kobinet) Nach den russischen Angriffen mussten sehr viele Ukrainer ihr Land verlassen. Viele von ihnen gingen dorthin wo sie Bekannte und Freunde haben, zum Beispiel nach Kasachstan. Fast acht Millionen Menschen haben nach Angaben des Flüchtlingshilfswerkes der UN (UNHCR) die Ukraine in Richtung Europa verlassen. Mehr als eine Millionen davon hat Deutschland aufgenommen. Darunter sind auch Menschen mit Behinderungen. "Kobinet" wollte wissen, wie es diesen Menschen geht, die hinter den Zahlen stehen, was sie denken - und hat einige von ihnen gefragt.

So haben wir mehr von Larysa Krutigolova erfahren, einer Frau, die von Geburt an behindert ist, im Rollstuhl sitzt und mit ihrer Familie in der Kleinstadt Pryluky, östlich der Hautstadt Kyiv gewohnt hat. Larysa hat uns vom Leben eines Menschen mit Behinderung in der Ukraine erzählt. Dazu muss man wissen, dass die meisten Infrastrukturen in der Ukraine immer noch äußerst unpassend für Behinderte sind, also sehr weit weg von barrierefrei. Das Leben in der Ukraine war für sie selbst erst einmal auch finanziell sehr eingeschränkt. Als Schwerbehinderte hat sie dort eine monatliche Zulage im Gegenwert von 150 Euro erhalten. Ihr Ehemann ist durch die Arbeit schwerbehindert geworden. Er hatte eine Zulage von rund 60 Euro. Dazu muss man wissen, wie Larysa berichtet, dass die Preise für Grundnahrungsmittel und Kleidung in etwa auf europäischem Niveau liegen und technische Konsumgüter fast doppelt so teuer sind. Hinzu kamen Ausgaben, für Wasser, Gas und Strom, der jedoch nach Verbrauch und nicht pauschal abgerechnet wurde. Schon vor dem Krieg mit Russland starben in der Ukraine viele an Hunger, Kälte und Krankheiten Ein solches Leben ist nur schwer vorstellbar und „… So paradox es in dieser Hinsicht klingen mag“, stellt Larysa fest „begannen viele Menschen in den ukrainischen Regionen, die nicht durch den Krieg zerstört wurden, dank der humanitären Hilfe aus anderen Ländern besser zu leben. Regierungsbeamte konnten es nicht stehlen“.

Mit Beginn des Krieges hat die humanitäre Hilfe aus dem Ausland dazu beigetragen, dass viele überlebten, weil sie nun rechtzeitig Lebensmittel und Medikamente erhalten haben. Als der Krieg begann, stieg die Zahl der Leidenden aber auch wieder an. Viele nutzten nun die Möglichkeit, ohne ausländischen Pass oder Geld auszureisen – eine Möglichkeit, die ihnen in Friedenszeiten verwehrt geblieben war. Andere zogen in Gebiete, die nicht von den Kämpfen betroffen waren. Mit Beginn des Krieges wurde dann auch das Geld der Zulagen für Schwerbehinderte nicht mehr ausgezahlt. Zugleich waren die Preise für Lebensmittel und Medikamente um ein Vielfaches gestiegen. „Wir sind im Krieg, der Staat hat es schwer,“ hieß es. So wurde es unmöglich, sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen oder ins Krankenhaus zu gehen („Alle Ressourcen werden den Verwundeten gegeben“). Das Leben für Behinderte war selbst in friedlichen Regionen unmöglich geworden.

Larysa Krutigolova berichtet weiter, dass am 13. Juni drei russische Raketen auch die kleine Stadt Prylky trafen. Die Explosionen ereigneten sich fünf Kilometer vom Wohnhaus der Familie entfernt. Detonation und Druckwelle erschreckte sie jedoch sehr. „Und am 13. Juni wurde mir klar, dass der Krieg das Leben meiner Familie jeden Moment nicht nur stören, sondern auch zerstören könnte“, sagt Larysa Krutigolova. So begann sie im Internet nach Ausreisemöglichkeiten zu suchen, Möglichkeiten nicht nur für Flüchtlinge allgemein, sondern auch für Menschen im Rollstuhl. Und sie hat diese Gelegenheit in der Person von Masha Sklyaruk gefunden. Das ist eine Frau mit Rollstuhl und zwei Kindern, die bereits Ende Februar nach Deutschland geflohen war und sich dort mit Hilfe von Mitarbeitern der Bundesregierung in Frankfurt am Main niederlassen konnte. Masha arbeitete in der Ukraine weiter in der Organisation für behinderte Menschen, der Active Rehabilitation Group (ARG). Und sie wollte möglichst vielen behinderten Menschen im Rollstuhl helfen, die Ukraine zu verlassen. Deshalb organisierte sie mit Hilfe des Büros für die Rechte der Behinderten der Bundesregierung das Programm „Schutzhaus für Menschen mit Behinderungen“ – und verbreitete Informationen darüber im Internet. Diesen Kontakt hatte auch Larysa Krutigolova gefunden und begann, ihre Ausreise nach Deutschland vorzubereiten. Larysa und ihr Mann entschieden sich schließlich, nach Deutschland zu fahren und auch die Katze mitzunehmen. Ihr fast 18jähriger Sohn blieb in der Ukraine. Am 2. Juli wurden sie von einem Reanimationswagen einer jüdischen Wohltätigkeitsorganisation abgeholt und übernachteten in der grenznahen ukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg). Am nächsten Tag überquerten sie die polnische Grenze und haben in der Nähe der polnischen Stadt Chełm übernachtet. Freiwillige aus Belgien und der Schweiz kümmerten sich um sie. Dort entschied sich, wohin die behinderten Personen geschickt werden sollte – in eine Familienunterkunft in Deutschland (wenn die behinderte Person von einem Familienmitglied begleitet wurde), eine Pension in Holland (wenn die behinderte Person allein war) oder zur Behandlung in eine Schweizer Klinik (wenn seit der Verletzung etwas Zeit vergangen ist und eine Chance auf Genesung bestand). So landete Larysa und ihr Mann schließlich im Refugee Reception Center in der kleinen deutschen Stadt Kronberg im Taunus, in der Nähe von Frankfurt am Main – ohne Katze – die war ihnen in Polen weggelaufen.

Am frühen Morgen des 10. Juli reisten sie mit vier weitere behinderte Menschen im Rollstuhl zusammen mit ihren Begleitpersonen von Polen aus in zwei Reanimationsfahrzeugen nach Deutschland und kamen am Abend des gleichen Tages in Kronberg an. Hier wurden sie mit Essen versorgt, konnten duschen und sich entspannen.

Rückblicken stellt Larysa Krutigolova fest, dass sie überall viel und wertvolle Hilfe, beginnend bei Transport, Verpflegung und dem Ausfüllen der Unterlagen für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die Krankenkasse und die Sparkasse erhalten haben. Zugleich hat Larysa auch Nuancen gesehen. So war das Büro der Caritas, das die Flüchtlinge betreute, nur über ein Treppe zu erreichen, das Auto war nicht barrierefrei und die Rollstuhlnutzer mussten von mitreisenden gesunden männlichen Flüchtlingen getragen werden. Verärgert waren die Flüchtlinge aus der Ukraine wohl auch wegen der Sprache. „Von allen Caritas-Mitarbeitern ist nur einer russischsprachig und es gibt keine ukrainischsprachigen. Wenn man bedenkt, dass Russland uns angegriffen hat, ist das beleidigend“, sagt Larysa und vergleicht: „Und für arabische Flüchtlinge rekrutierten sie arabischsprachige Mitarbeiter, obwohl es weniger Araber als Ukrainer und keine Behinderten unter ihnen gibt“.

„Nun, am Anfang war es natürlich in allem schwierig“. gesteht Larysa Krutigolova ein, wundert sich jedoch schon darüber, dass sie die Lebensmittelchecks erst zwei Tage nach Ankunft erhielten und Zahlungen vom Arbeitsamt erst Ende August bekamen. Zugleich gibt es nach Larysa`s Worten eben auch Barrieren, die sich aus der Lage der Unterkunft ergeben: Schlechte Mobilfunkverbindung und mitten im Wald auf einem Berg gelegen, den man mit einem normalen Rollstuhl weder verlassen noch erklimmen kann. Dabei befindet sich die Bushaltestelle am Fuße des Berges. „Dadurch fühlen wir uns vom Leben in der Stadt und teilweise von der gesamten deutschen Gesellschaft abgeschnitten“, sagt Larysa, denn, so ergänzt sie: „Ohne ein spezielles Auto können wir keinen Hausarzt oder Zahnarzt, kein Geschäft, kein Kino oder keinen Zoo besuchen – und wir haben einen wunderbaren!“.

Zum Abschluss hatten wir mit Larysa Krutigolova über ihre Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft von Menschen mit Behinderungen aus der Ukraine gesprochen. Dabei ging es zuerst um die Gesetzgebung in Deutschland und die Erwartung, dass eigentlich mehr Gleichstellung und Teilhabe erwartet worden war. Ja, und einen Wunsch hat Larysa abschließend auch noch – „Ich möchte mir wünschen, dass in unserem Wohnheim endlich ein rollstuhlgerechter Raum eingerichtet wird, in dem wir mit einer Lehrerin Deutsch lernen können. Und dann ist das Problem der Einbettung in die deutsche Gesellschaft gelöst“.