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Engagement für inklusive digitale Teilhabe

Matthias Schug
Matthias Schug
Foto: AWO

Berlin (kobinet) "DigiTeilhabe –Inklusives Engagement und digitale Nachbarschaft“, so lautet der Titel eines Modellprojektes, das der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) durchführt. Wie es zu diesem Projekt kam und was geplant ist, darüber führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul mit Matthias Schug, dem Leiter des Projektes beim Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt, folgendes Interview.

Logos der Projektpartner
Logos der Projektpartner

kobinet-nachrichten: „DigiTeilhabe –Inklusives Engagement und digitale Nachbarschaft“, so lautet der Titel eines Modellprojektes, das Sie für den Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) koordinieren. Wie kam es zu diesem Projekt und von wem wird dies gefördert?

Matthias Schug: Als wir vor ca. drei Jahren mit den Planungen für dieses Projekt begannen, waren die Pandemie und ihre Auswirkungen noch nicht abzusehen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt war offensichtlich, dass die Digitalisierung unser Leben in nahezu allen Bereichen verändert hatte. Einerseits bieten digitale Technologien ganz neue Chancen, das private Leben, den beruflichen Alltag, die Freizeit, das ehrenamtliche Engagement usw. zu gestalten. Andererseits werden diese Möglichkeiten bisher nicht umfassend und v.a. nicht für alle Gruppen von Menschen ausgeschöpft. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung gelten als „digital Außenstehende“. Sie nehmen zum Beispiel nicht an digitaler Kommunikation per Messenger teil oder können keine kommunalen und kommerziellen Dienstleistungen über das Netz in Anspruch nehmen. Menschen mit Behinderung oder Menschen mit Armutserfahrung sind davon besonders betroffen. Mit unserem Modellprojekt wollen wir Wege erproben, gerade diesen Menschen den Zugang zur digitalen Welt zu erleichtern. Dabei werden wir von der Aktion Mensch Stiftung gefördert.

kobinet-nachrichten: Digitale Teilhabe hat spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie eine ganz neue Dimension bekommen. Welche Schwerpunkte hat sich dabei die AWO mit diesem Projekt gesetzt und wie sind die ersten Erfahrungen damit?

Matthias Schug: Ziel des Projektes ist es, digitale Teilhabe speziell für Menschen mit Behinderung und Menschen mit Armutserfahrung zu verbessern. Wir möchten Zugänge öffnen, in dem wir Wissen und Kompetenzen vermitteln. Ganz individuell muss dabei geschaut werden, wo Potentiale digitaler Technologien und Medien zur Verbesserung der Lebensqualität genutzt werden können. Denn jeder zweite Mensch in Deutschland würde gerne mehr an der digitalen Welt teilhaben, kennt sich aber zu wenig aus. Wir möchten Mut zur Mitgestaltung vermitteln, denn die Digitalisierung wird nur inklusiver und sozialer, wenn die Perspektive aller Menschen Gehör findet.

Was heißt das konkret? Sechs Einrichtungen der AWO stellen Angebote bereit, zum Beispiel offene Café- und DigiTeilhabe-Treffs oder Workshops. Hier finden Menschen in geselliger Runde oder im vertraulichen Vier-Augen-Gespräch Antworten auf ihre Fragen zum Smartphone oder Tablet. Wir versuchen dabei möglichst niedrigschwellig und interessengeleitet vorzugehen, um Vertrauen aufzubauen. Diese Einrichtungen werden vom AWO Bundesverband unterstützt.

kobinet-nachrichten: Auf welche Barrieren bzw. Herausforderungen stoßen Sie im Rahmen der Projektarbeit?

Matthias Schug: Barrieren ist ein gutes Stichwort. Viele Webseiten sind eben nicht barrierefrei und damit für Menschen mit Behinderung schlechter erreichbar. Vor allem fehlt es an einfacher Sprache. Eine weitere Herausforderung ist, Angebote zu entwickeln, die zu der Diversität unserer Zielgruppe passen. Menschen mit Behinderung sind ja keinesfalls eine einheitliche Gruppe. Sie sind in ihrer Technik- und Mediennutzung genauso vielfältig wie die Gesamtgesellschaft. Daher arbeiten die eben genannten sechs Einrichtungen – Stadteil- und Quartierszentren, inklusive Freizeiteinrichtungen und eine Werkstatt – jeweils zielgruppenspezifisch. Das ist zeit- und personalintensiv. Menschen kommen mit sehr individuellen Problemen oder Fragen in unsere Angebote. Neben Lösungen suchen sie Wertschätzung und sichere Räume zum Ausprobieren. Hier fehlt es vielen Fachkräften der sozialen Arbeit selbst an breiten Kenntnissen über moderne Technologien. In Zukunft wollen wir Aktive im Ehren- und Hauptamt durch gezielte Qualifizierungen besser auf diese Herausforderungen vorbereiten und zusätzliche Ehrenamtliche gewinnen.

kobinet-nachrichten: Welches sind die nächsten Schritte, die bei Ihnen anstehen?

Matthias Schug: An den Standorten werden neben Beratungsangeboten auch immer mehr niederschwellige Workshopangebote erprobt werden. An manchen Standorten planen wir Menschen mit Behinderung zu Peer-Multiplikator*innen fortzubilden. Wie gesagt stehen auf Bundesebene DigiTeilhabe-Qualifizierungen für das Haupt- und Ehrenamt der AWO auf dem Plan. Für nächstes Jahr konzipieren wir gerade einen Hackathon, bei dem wir Menschen mit Behinderung und Menschen mit Armutserfahrung, Fachkräfte der sozialen Arbeit und IT-Studierende zusammenbringen wollen. Wir evaluieren unsere Maßnahmen, um erfolgreiche Konzepte weitergeben zu können.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche in Sachen digitaler Teilhabe bzw. für das Projekt frei hätten, welche wären dies?

Matthias Schug: Ich wünsche mir, dass Digitale Teilhabe und inklusive Digitalisierung kein Nischenthema mehr sein wird. Menschen mit Behinderung und Menschen mit Armutserfahrung werden bei Digitalisierungsprozessen in der Regel nicht mitgedacht und nicht beteiligt. Wenn wir einen Beitrag leisten, dass die Partizipation und Barrierefreiheit zur Entwicklung und Umsetzung jedes Digitalprojektes dazu gehört, haben wir viel erreicht.

Damit sich konkret etwas ändert, braucht es natürlich auch Geld. Für Menschen mit Behinderung muss Digitale Teilhabe als Assistenzleistung anerkannt werden. Nötig wären ebenfalls flächendeckende Förderprogramme für Digitale Teilhabe.

kobinet-nachrichten: Wo bekommt man Informationen über das Projekt?

Matthias Schug: Wir entwickeln gerade eine Projekt-Webseite. In Kürze wird man über https://awo-digiteilhabe.org/ mehr über uns erfahren können.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.