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Diskriminierung durch Nichtansage von Haltestellen

Mandy Müller
Mandy Müller
Foto: Ottmar Miles-Paul

Kassel (kobinet) Als die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat am 16. August ihren Jahresbericht 2021 in den Räumen der Bundespressekonferenz vorstellte, wurde von einem Journalisten die Frage gestellt, ob die knapp 6.000 dokumentierten Diskriminierungsfälle im Vergleich zu über 80 Millionen Einwohner*innen Deutschlands wirklich so aussagekräftig ist. Dass die Diskriminierung behinderter Menschen in Deutschland aber weit verbreitet ist, das musste Mandy Müller aus Kassel am gleichen Tag erleben. Der blinden Frau, die einen Führhund nutzt und den Busfahrer bat, ihr die Haltestelle zu nennen, an der sie aussteigen musste, wurde vom Fahrer übel mitgespielt, wie sie in einem beispielhaften Bericht auf Facebook berichtet.

Die Politikstudentin Mandy Müller, die derzeit ein Praktikum beim Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) absolviert, schrieb auf Facebook folgendes über ihre Erfahrungen:

„‚Mobilität für alle!‘ Mit diesem Slogan wirbt die KVG Kassel hier auf Facebook. Nach folgender Geschichte kommt mir das schon fast zynisch vor: Heute vor genau einer Woche stieg ich um 16:44 Uhr in die Linie 10 Richtung Rasenallee. Da die Durchsagen in den Bussen, vor allem in den blauen, grundsätzlich zu leise geschaltet sind und mir die Beschwerdestelle der KVG diesbezüglich vorschlug, den Busfahrer beim Einsteigen grundsätzlich über meine geplante Austiegshaltestelle zu informieren, damit er sie mir ansagen könne, bat ich also den Busfahrer freundlich darum, mir bei der Haltestelle ‚Seebergstraße‘ Bescheid zu geben. Nachdem er es zunächst ignorierte, hakte ich nochmal nach. Er verneinte und wies auf die Durchsagen hin. Ich erklärte freundlich, dass diese leider zu leise geschaltet und somit für mich nicht verwendbar sind und bat nochmals, mir Bescheid zu geben. Während dieses Gesprächs fuhr er übrigens schon mit sehr rasantem Tempo los. Er erklärte mir, dass das nicht sein Problem sei und dass er hier nicht rumschreien könnte, da würden schließlich die anderen Fahrgäste Angst bekommen. Ich war auf Grund dieser Argumentaton doch etwas fassungslos und argumentierte dagegen. Er blieb bei seiner Position. Fahrgäste bekamen das Streitgespräch mit, hatten allerdings den Inhalt falsch gedeutet und dachten, es ginge um einen Sitzplatz. Kurzerhand wurde ich auf den Platz hinter dem Fahrer buxiert. Mein Führhund legte sich brav an den Rand. Sofort wurde ich vom Fahrer angeschnauzt, dass ich hier nicht bleiben könne, die Leute hätten Angst vor dem Hund, ich solle gehen. Ich fragte ihn, wie ich hier bei rasanter Fahrt durch die Menschenmenge hindurch zu einem anderen Platz gelangen sollte. Daraufhin betonte er, er habe lange genug gewartet, dass ich mir einen Platz suche, aber ich musste ja unbedingt diskutieren. In der Zwischenzeit stellte ich übrigens fest, dass die Durchsagen gänzlich ausgeschaltet waren. Ich versuchte ihm, meine Lage zu erklären, doch er ließ mich nicht. Er schrie mich fast an, dass ich doch nur eingestiegen wäre, um Probleme zu machen, dass er das nicht verstehe, dass ich gehen soll und so weiter und sofort. Ich gab schließlich auf. Ich sagte ihm, dass ich Beschwerde einreichen werde, und kämpfte mich zu einem Platz weiter hinten, was wirklich gar nicht so einfach war. Hier fand ich erstmal niemanden, der bis zu meiner Haltestelle fuhr und mir Bescheid geben könnte. Kurz vor Knapp dann aber doch. Ich muss sagen, dass mich das ganze wirklich persönlich getroffen hat. Klar war ich sauer, aber auch traurig. Wieso sind Menschen so? Ich habe diesem Typen nichts getan und wollte einfach nur meine Haltestelle wissen. Ich hatte keinerlei böse Absichten. Ich habe mich in dieser Situation ziemlich hilflos gefühlt. Der Bus war eng, voll, und ich war nicht willkommen und wusste nicht, wo ich raus muss. ES WAR KEIN SCHÖNES GEFÜHL!“

Link zum Facebookeintrag von Mandy Müller

Auch Markus Ertl aus Lenggries kennt das Problem mit fehlenden Ansagen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Mandy Müller hat am 8. August 2022 mit ihm folgendes Interview geführt:

Link zum Interview mit Markus Ertl

Link zum kobinet-Interview vom 17. Juni 2022 mit Mandy Müller über ihr Praktikum und die Probleme mit fehlenden oder schlechten Haltestellendurchsagen

Link zum Jahresbericht 2021 der Antidiskriminierungsstelle des Bundes