Werbung:
Hilfsabfrage.de Flucht Behinderung
Cartoon Phil Hubbe Ausschnitt Rolli liest kobinet
Text Live-Blog Flucht und Behinderung
Springe zum Inhalt

BIENE-Award und Überwachungsstelle BFIT-Bund

Symbol Fragezeichen
Symbol Fragezeichen
Foto: ht

Berlin (kobinet) Die älteren Leser kennen den Wettbewerb um barrierefreie Webseiten, den Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen von 2003 bis 2010 jährlich durchführten. Die BIENE war eine sehr begehrte Trophäe für Website-Entwickler und Web-Agenturen.
BIENE steht für "Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten".

Heute steht über der Webseite "Der BIENE-Wettbewerb war ein Projekt der Stiftung Digitale Chancen in Kooperation mit Aktion Mensch von 2003 - 2010.Diese Webseite wird nicht weiter aktualisiert."

Einen kleinen Vergleich möchte ich versuchen.

Die erste BITV (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung) erschien im Jahre 2002. Die Ämter und Behörden haben nun schon 20 Jahre eine Verordnung, die barrierefreie Webseiten verlangt und seit 2021 ist das auch gesetzlich vorgeschrieben.

Vor fast 20 Jahren (2003 bis 2010) fand der von und mit Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen jährlich veranstaltete BIENE-Award (https://biene-award.de/) statt. In dieser Zeit wurden hunderte von Websites bzw. tausende von Webseiten technisch und menschlich geprüft und bewertet. Der BIENE-Award war eine begehrte Trophäe. Sowohl die Mitarbeiter von Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen, sowie die Mitglieder des Technischen Beirates haben einen enormen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungsschatz sammeln können. Einige aus diesen Organisationen und einige aus dem Technischen Beirat sind im Ausschuss der Überwachungsstelle des Bundes BFIT-Bund vertreten.

Ohne die wissenschaftlich aktive Betreuung durch das Team um Prof. Kubicek der Universität Bremen wäre das nicht möglich gewesen, so viele Webseiten in wenigen Monaten jährlich zu prüfen. Es wurden Verfahren und Prozesstechniken entwickelt, erprobt und eingesetzt. Ein KO-System mit klaren und fest definierten KO-Kriterien ermittelte die besten Websites für eine Nominierungsliste. Eine Jury befand dann über die Gewinner. Je besser die Qualität einer Website war, umso tiefer und präziser wurde geprüft.
Die Verfahren, Prozesse und Kriterien wurden immer dem Technischen Beirat vorgelegt, mit ihm besprochen und im Diskurs abgestimmt. Das war kreativ und zielführend. Ich habe da gern mitgearbeitet.

Kürzlich gab mir auf meinem Wunsch hin der Leiter der Überwachungsstelle BFIT-Bund ein Interview. Eine Gelegenheit darzustellen, wie die Überwachungsstelle die Aufgabe der Beurteilung von Webseiten meistert, dabei mit der Wissenschaft und den Selbstvertretern produktiv und zielführend zusammenarbeitet und eine ganzheitliche Betrachtung von Behinderung erkennen lässt.

Was sagt mir das Interview? Neben zahlreichen Allgemeinplätzen, Selbstverständlichkeiten und Hinweisen auf Verordnungen und Gesetze, die jedem Bekannt sind, der sich damit beschäftigt, klang mir der Rest nach Rechtfertigungsversuch. Warum muss sich die Überwachungsstelle rechtfertigen? Hat sie selbst Zweifel? Wofür?

Die Fragen seien dann schon erlaubt: Stimmt etwas nicht mit der fruchtbringenden Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Selbstvertretern? Konnten sich die Potentiale der Wissenschaft und der Selbstvertreter nicht entfalten? Warum nicht?

Und es kommen mir noch einige weitere Fragen in den Sinn, wenn ich länger darüber nachdenke. Warum gibt es, neben der emsigen und fleißigen Assistentin der BFIT-Bund, keine Frauen in der Überwachungsstelle? Warum dominiert die Behinderung Blind bei den Mitarbeitern? Ist es nicht so, da hat das Statistische Bundesamt ausreichend Zahlen, dass wegen Bildungsferne, schlechte Schulbildung, Migration, Analphabetismus, geistiger Behinderung usw. mehr als 14 % der Bevölkrung Leichte Sprache brauchen, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können? Das sind ja viel mehr als körperbehinderte, blinde, und anders eingeschränkte Menschen mit Behindertenausweis zusammen. Warum vertritt die Überwachungsstelle nicht auch das Sachgebiet der Behinderung, was sich Leichte Sprache nennt und überwacht die Webseiten der öffentlichen Hand demgemäß?

Und die Krone ist für mich: die Überwachungsstelle hat wegen Zeitdruck keine Möglichkeit gefunden, eine Zusammenfassung des ersten EU-Berichtes in Leichter Sprache beizugeben. Wenn man ganzheitlich bei Behinderung denkt, dann plant man schon in der Konzeptphase die Leichte Sprache Zusammenfassung ein. Kann Zeitdruck die Ausrede für Konzeptlosigkeit und ... sein? Siehe auch diese Petition.(ganz nach unten scrollen).

Mir scheinen die zwei Mitarbeiter recht kompetent für ihre Aufgaben, was man lesen kann. Ihnen gilt mein Respekt.
Aber ein Arbeitsklima, dass durch tägliches am Burnout entlang schlittern,geprägt ist, macht krank, bremst die Eigeninitiative und die Entfaltung der Persönlichkeiten und Kompetenzen. Gesundheit ist so wichtig.

Ich wünsche mir einige Veränderungen in der Überwachungsstelle. Für mein Steuergeld und für die zielführende Wirkung auf die Barrierefreiheit der Webseiten öffentlicher Stellen muss eine befreiende Entfaltung der Kompetenzen, eine enge konstruktive Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und eine enge Einbeziehung der Selbstvertreter in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise von Behinderung ermöglicht werden.

Aber das ist ja nur die unbedeutende eigene Meinung eines ehrenamtlich tätigen kobinet-Mitgliedes?

Berlin (kobinet) Kategorien Meinung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sklr127


Lesermeinungen


Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
4 Lesermeinungen
Neueste
Älteste
Inline Feedbacks
Alle Lesermeinungen ansehen
Marion
27.03.2022 11:34

Ich finde das schon "Heulen auf hohem Niveau". Betrachten wir es mal sachlich. Falsch dargestellt, dass Frauen nicht dabei währen, denn die Teilnehmendenliste des Ausschusses für barrierefreie Informationstechnik beinhaltet namentlich auch Frauen.
Stellt sich die Frage, wer da eigentlich verantwortlich ist und da sehe ich eher das zuständige Ministerium.
Dann eine Kritik an alle Menschen: Warum nehmen Menschen mit Behinderungen eigentlich so wenig das Demonstrationsrecht wahr? Warum gibt es bei der Bundesregierung so wenige Petitionen von Menschen mit Behinderungen?
Manchmal muss man für eine Sache nicht nur un Textform kritisieren, sondern erst das eigentliche Handeln führt oft zum Erfolg und das vermisse ich bei vielen Menschen. Da wundert es mich nicht, dass sich so wenig ändert.

Wolfgang Wiese
25.03.2022 12:41

Ich kann eigentlich jedes Wort von dem obigen unterschreiben.
Und ich hab selbst ja auch den BFIT Bund häufig schon kritisiert.
Andererseits möchte ich auch eine Lanze für diese brechen: Die paar Leute die dort sitzen und auch die 1 bis 2 oder auch mal drei Leute die in den Aufsichtsstellen der Länder sitzen (wenn es diese denn überhaupt gibt und die nicht auch outgesourct wurden an irgendeinen Krankenkassenableger oder einer Unterabteilung einer Finanzbehörde) tun das was sie können.
Die Verantwortung für die "Impotenz" der Aufsichtsstellen und Schlichtungsstellen für Barrierefreiheit liegt ziemlich klar in der Politik, die diese Stellen, die auch erst durch die EU-Richtlinie kamen, nur widerwillig einrichtete.

Und sagen wir doch wie es ist: Wenn es die EU Richtlinie 2016 nicht gegeben hätte, dann wären wir heute noch immer auf den Stand von damals: Es gäbe gar keine Aufsicht, gar keine effektive Verpflichtung und immer noch noch eine nationale Insellösung in Form des freiwilligen BITV-Tests (statt dem Verweis auf die WCAG).

Du lobst am Anfang zu recht den BIENE Award und was für tolle Arbeit damit geleistet wurde. Und ich bin ja auch bis heute stolz auf den BIENE-Award, den ich 2005 für unser Rechenzentrum erlangte.

Doch eines muss man auch sagen:
Wenn der Award richtig gut gegangen wäre, wenn er politisch richtig angedockt worden wäre, dann hätte er nach Wechsel des damaligen Behindertenbeauftragten weiter gelebt. Vielleicht mit anderen Trägern, anderen Leuten, anderen Gremien, aber es hätte ihn weiter gegeben.
Ich konstatiere nicht weniger als: Sorry, ihr habt da zwar mit dem Award eine tolle Sache gemacht. Aber sie war nicht nachhaltig. Sie war nicht lebensfähig ohne die Keyplayer im Hintergrund.

Und damit schließt sich der Kreis und ein Zusammenhang wird klar:
Die Bundes- und Landesbeauftragten für Barrierefreiheit hätten in diesen Jahrzehnten mehrmals die Chancen und Potentiale gehabt, die Barrierefreiheit nachhaltig und effektiv durchzusetzen. Sie zum Standard zu erheben. Sie haben es nicht getan. Der, bzw. die Bundesbeauftragten haben das vorhandene Potential (eben auch die BIENE) einfach fallen oder liegen gelassen.

Wenn also Kritik notwendig ist, dann an die Bundesbeauftragten und die Landesbeauftragten und die politischen Parteien in Verantwortung.

Aber nicht an die Leute in den Stellen, die sich alle Arme und Beine ausreißen um das Beste aus der Situation zu machen.

Sabrina Mevis
24.03.2022 14:14

Liegt das nicht einfach daran, dass die Stelle ebenso wie die Bundesfachstelle einfach zu klein dimensiert ist. So ziemlich jedes Team im BMAs hat mehr Mitarbeiter. Zudem ist die Tätigkeit im ÖD für Menschen mit Behinderung nicht wirklich interessant. Vielleicht kennen Sie diesen Beitrag hier https://www.netz-barrierefrei.de/wordpress/jobs-zur-barrierefreiheit-die-realitaetsfremden-erwartungen-im-oeffentlichen-dienst/. Es sind also nicht unbedingt die fähigsten Leute, die in den ÖD gehen.

Marion
Antwort auf  Sabrina Mevis
27.03.2022 11:37

Dieser Aussage muss ich wiedersprechen, Ich war selbst mit Behinderung in einer leitenden Position im ÖD und wurde genauso bezahlt, wie jeder andere Mensch in leitender Person.

Gleiches kann ich für die Sachbearbeiter*Innen sagen, die genauso bezahlt wurden wie Menschen ohne Behinderungen. Zudem wurde stark darauf geachtet, dass die Quote auf jedem Fall erreicht wird, wenn nicht sogar überschritten.

Daher empfinde ich die Aussage: "Es sind also nicht unbedingt die fähigsten Leute, die in den ÖD gehen." schon sehr beleidigend, denn die Menschen die im ÖD arbeiten sind teils besser ausgebildet, als üblich.