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Werner Walter nutzt ganzheitlichen Ansatz für seine Referententätigkeit

Werner Walter
Werner Walter
Foto: ISL

Berlin / Kaiserslautern (kobinet) Werner Walter ist sowohl beruflich als auch persönlich eng verbunden mit dem Thema "Leben mit psychischen Beeinträchtigungen“. Diese Perspektive nutzt er, um seine Erfahrungen nicht nur als CASCO-Coach, sondern auch als EX-IN Genesungsbegleiter weiterzugeben und Brücken zu schlagen. Maria Trümper vom Projekt "CASCO – Vom Case zum Coach“ der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), das 2020 endete, führte mit ihm ein Interview über sein Wirken.

Das Projekt "CASCO – Vom Case zum Coach“ ist ein vierjähriges Projekt der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), das 2020 endete. In dieser Zeit wurden insgesamt 32 Menschen mit Behinderungen zu fachlich qualifizierten Referent*innen für eine menschenrechtsbasierte Behindertenpolitik ausgebildet. Unter http://www.referenten-mit-behinderung.de/ kann man sie für Veranstaltungen, Seminare und Workshops buchen.

Maria Trümper: Lieber Werner, wie geht es dir? Wie hat sich dein Alltag seit Corona verändert?

Werner Walter: Mein Alltag hat sich wenig verändert, da sich für mich die Begleitung von Menschen in krisenhaften Lebensphasen weiterhin gut organisieren lässt. Ich unterstütze die Personen im ambulanten Umfeld, in ihren Lebenswelten, soweit sie die Unterstützung weiter nutzen wollen. Meinem Hobby nachzugehen (regelmäßiges freies Tanzen in Gruppen), fehlt mir dagegen sehr. Online-Veranstaltungen als Zoomtanztreffen können das nur bedingt ersetzen. Gott sei Dank wohne ich unmittelbar am Pfälzer Wald, da ist "Waldbaden“ oft möglich, was meiner Gesundheit sehr gut tut.

Maria Trümper: Du bist CASCO-Referent seit 2019. Was hat dir gut an der Ausbildung zum CASCO-Referenten gefallen?

Werner Walter: Sehr bereichernd waren die unkomplizierten, offenen, freundlichen, respektvollen Kontakte und die Art der gegenseitigen Wertschätzung, Achtsamkeit und Unterstützung. Mir wurden wichtige Lehrinhalte wunderbar vermittelt. Da können sich Menschen bei politischen Veranstaltungen und Debatten viele Impulse holen und in die Welt tragen - zum Wohle einer gleichberechtigten, wertschätzenden Gesellschaft.

Maria Trümper: Warum wolltest du CASCO-Referent werden?

Werner Walter: Als Selbstbetroffener von schweren Krisenerfahrungen und an Enthinderung gehindert und wenig beachtet mag ich mein gewonnenes Empowerment zur Gestaltung einer besseren, sprich gerechteren, Welt, einsetzen. Diese Zeit der Fortbildung war allein schon deshalb eine große Bereicherung, da sie meine Vielfalt vervielfältigt hat.

Maria Trümper: Welche Themen sind deine Steckenpferde und warum?

Werner Walter: Wie in meinem Referentenprofil zu lesen ist, interessierte ich mich besonders für die Entwicklung und Umsetzung des "Persönlichen Budget“ als "Assistenzleistung“ und da besonders die Unterstützung zur sozialen Teilhabe. Soziale Teilhabe zu gestalten, auch als Erfahrungsanspruch in Fortbildungs- und Selbsterforschungsangeboten. Ich denke dabei an personenorientiertes Recovery in Gruppen.

Maria Trümper: Was ist dein Motto, um dich als Referent, der mit einer Beeinträchtigung lebt, zu stärken?

Werner Walter: Mein Motto ist: "Auch mit meiner Einschränkung ganz da sein“ mit ausnahmsloser Akzeptanz und Präsenz. Wenn jemand meine Expertise in Frage stellt, frage ich, was in ihm/ihr geschieht, wenn er/sie so etwas sagt, zugewandt, offen, neugierig und interessiert an dem, was als Rückmeldung kommt. Oft bleibt es dabei ganz ruhig und still.

Maria Trümper: Für welches behindertenpolitische Thema brennst du und warum?

Werner Walter: Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Verbindung mit Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes und den dazugehörigen Gesetzen, besonders SGB II, III, V, IX, XI, XII. Aufklärung darüber geben, wie wichtig, unterstützend und ergänzend Erfahrungswissen werden kann, wenn Berufserfahrene nicht mehr weiterwissen.

Maria Trümper: Welche Themen findest du, sollten in der Zukunft unbedingt debattiert werden und warum? Was muss auf den Tisch?

Werner Walter: Ich habe mich dem biopsychosozialen Erklärungsmodell für die Entstehung von psychischen Beeinträchtigungen und deren salutogenen Entwicklung mit großem Interesse zugewandt. Bei der Frage, welche Themen sollten endlich auf den Tisch kommen, bleibt mir als Antwort zu sagen: Diese Themen sind schon zu lange auf dem Tisch. Es wird Zeit, dass sie vom Tisch kommen und diese endlosen Debatten beendet werden und damit dem Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes die Bedeutung zukommt, für den er geschaffen wurde. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Es braucht Menschen, die die vorhandenen Angebote bewerben für Menschen, die Gleichstellungsangebote nutzen wollen. Es braucht Menschen, die auf den "Marktplatz Leben“ wollen und dazu jede mögliche Unterstützung auch einfordern. Und zuletzt bzw. zuerst braucht es Menschen, die Menschen mit unterschiedlichen Bedarfen offen zugewandt sind und denen respektvoll begegnen. Dies ist wohl die größte Herausforderung bei diesem Paradigmenwechsel.

Maria Trümper: Wo siehst du den größten Aktionsbedarf im Bereich Behinderung?

Werner Walter: Es braucht eine zeitnahe Fristenregelung. Mitwirkungspflichten werden auch bei den Entscheider*innen wichtig, um dem Fürsorgeauftrag gerecht zu werden. Die derzeitige Verschleppungsstrategie zu den Gesamtplankonferenzen gehört in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Obwohl ich von Sanktionen wenig halte, braucht es Konsequenzen bei Versäumnissen. Zeitnah.

Maria Trümper: Wie forderst du deine Rechte ein?

Werner Walter: Ich kann mittlerweile für meine Rechte gut selbst einstehen und sie einfordern, falls ich Widrigkeiten bemerke. Im Kontakt mit Behörden, besonders mit bestimmten Krankenkassen und Sozialämtern bin ich auch als Leistungserbringer mit Soziotherapie und Assistenz in der Eingliederungshilfe immer wieder sehr herausgefordert, auch die Interessen der Leistungsnutzer zu wahren, zu widersprechen, falls notwendig auch den Klageweg zu beschreiten. Wobei einvernehmliche, zugewandte, personenzentrierte Klärung im Antragsverfahren leichter wäre.

Maria Trümper: Was ist dein Credo für die Zukunft und was ist dir wichtig?

Werner Walter: Ich bin immer wieder aufgefordert, ganz aufmerksam, ganz präsent, ganz zugewandt zu sein, zu dem, was gerade geschieht. Meine Selbsterforschungsreise geht weiter. Jeder Kontakt, jedes Beziehungserleben sind für mich Geschenke. Im Kontakt mit Menschen gibt es für mich eine Kompetenz, die weit über das oft gewichtige Fach- und Methodenwissen hinaus Bedeutung hat. Es ist die Haltung, wie ich selbst dem Menschsein und dem Leben zugewandt bin. Mein gefühltes Berufen-Sein, Menschen ein Stück Lebensweg zu begleiten, bringt mir viel Freude; mit dem "Wissen“, was zu tun ist, wann nichts zu tun ist und wann es wie zu beenden ist.

Maria Trümper: Lieber Werner, herzlichen Dank für das Interview und dass du uns auch etwas von deiner offenen Haltung zum Leben berichtet hast.

Link zu weiteren Info über das Wirken von Werner Walter

Berlin / Kaiserslautern (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/seiksu3