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Fabian Kittel informiert fachkundig über Barrierefreiheit

Porträt von Fabian Kittel
Fabian Kittel
Foto: ISL

Berlin/Fürth (kobinet) Fabian Kittel hat Rechtswissenschaft studiert und schaut genau hin, wenn es um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention geht. Als Experte für Barrierefreiheit im Öffentlichen Raum und die Themenbereiche Bauen und Wohnen engagiert er sich mit großem Einsatz im Behindertenrat der Stadt Fürth. Maria Trümper vom Projekt "CASCO – Vom Case zum Coach“ der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) führte mit Fabian Kittel ein Interview über sein Wirken als Referent und sein Engagement.

Das Projekt "CASCO – Vom Case zum Coach“ ist ein vierjähriges Projekt der ISL, das 2020 endete. In dieser Zeit wurden insgesamt 32 Menschen mit Behinderungen zu fachlich qualifizierten Referent*innen für eine menschenrechtsbasierte Behindertenpolitik ausgebildet. Unter http://www.referenten-mit-behinderung.de/ kann man sie für Veranstaltungen, Seminare und Workshops buchen.

Maria Trümper: Hallo Fabian, schön, dass du die Zeit für ein Interview finden konntest. Wie geht es dir? Was hat sich bei dir durch Corona verändert?

Fabian Kittel: Corona schränkt mich ein. Seit Beginn der Corona-Pandemie halte ich Abstand, habe ich weniger persönliche direkte Kontakte zu anderen Menschen und lerne weniger Menschen neu kennen. Das fehlt mir sehr. Unsere Kommunikation hat sich verändert. Aber: Ich habe Neues dazugelernt – Videokonferenzen z. B. gehe ich jetzt locker an. Vor der Pandemie hatte ich noch großen Respekt vor der Anwendung dieser Programme.

Maria Trümper: Du hast von 2018 bis 2019 an der CASCO-Weiterbildung teilgenommen – was hat dir gut an der Ausbildung zum CASCO-Referenten gefallen und wie bist du dazu gekommen?

Fabian Kittel: Es war eine Ausbildung von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen mit hohem fachlichem Anspruch an alle Beteiligten. Wir wurden gefordert und gefördert. Ein großes Lob und herzlichen Dank an alle Beteiligten! Ich war schon bislang zeitweilig als Referent tätig und wollte mich qualifiziert weiterbilden, andere Referenten mit Behinderung kennenlernen, einen besseren Zugang zu Auftraggebern und nicht zuletzt Feedback zu meiner Arbeit bekommen. Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) ist hier eine überall bekannte und vor allem anerkannte Organisation. Als die ISL das Projekt CASCO vorstellte, war ich sofort interessiert. Den Start des ersten Kurses habe ich verpasst, beim zweiten Kurs war ich dann dabei.

Maria Trümper: Welche Themen sind deine Steckenpferde und warum?

Fabian Kittel: Allgemein brenne ich für Inklusion von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen. Wenn wir nicht jeden Tag aufstehen und uns sichtbar machen, werden wir weiter übersehen. Ich habe mehrere Themen, die mich brennend interessieren: Eines ist barrierefreies Bauen und barrierefreies Leben im öffentlichen und privaten Bereich - nach jahrelanger Beschäftigung mit Architektur und Städtebau. Ein Zweites die lokale Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und die Behindertenarbeit im lokalen Bereich – auf Basis der Erfahrungen in lokalen Initiativen und im lokalen Behindertenbeirat. Die Unterstützung von Existenzgründern mit Behinderung kam im Rahmen meiner Existenzgründungsseminare ganz selbstverständlich dazu und mein Engagement, die Rechte von Menschen mit Behinderungen bewusst zu machen und bei der Durchsetzung dieser Rechte zu helfen, hat sicher eine Basis in meinem Studium der Rechtswissenschaften.

Maria Trümper: Dein Einsatz als Referent mit Behinderungen ist nicht immer ganz einfach, weil oft die Peer-Perspektive (noch) nicht als Expertise anerkannt oder zumindest in Frage gestellt wird. Was ist dein schlagendes Argument, warum überall dort, wo über Behinderung gesprochen wird, auch behinderte Menschen mitreden müssen nach dem Motto: "Nichts über uns ohne uns!“?

Fabian Kittel: Am 26. März 2009 hat die Bundesrepublik Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Damit bekennt sich Deutschland zur umfassenden Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Inklusion bedeutet, dass alle Menschen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben. Sämtliche gesellschaftlichen Bereiche müssen auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zugeschnitten sein und dafür geöffnet werden. Daher lautet der Grundsatz der UN-Konvention: "Nicht über uns ohne uns“. Denn wer kann besser die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen kennen als wir, die Menschen mit Behinderungen? Wir sind die Experten in eigener Sache.

Maria Trümper: Derzeit werden viele, längst überfällige Debatten in Gesellschaft und Politik geführt. Welche findest du persönlich wichtig?

Fabian Kittel: Neben vielen anderen natürlich Inklusion in allen Lebensbereichen. Ob Teilhabegesetzgebung oder Triage – Menschen mit Behinderungen werden weiter nicht gehört werden, wenn sie sich nicht lautstark einmischen. Die aktuellen Themen sind auch meist miteinander vernetzt. Beispiel Klimawandel und Frieden – Krieg und Militär gehören zu den größten Verbrauchern von Energie und anderen Ressourcen und setzen erhebliche Umweltschadstoffe frei. Wir Menschen mit Behinderungen können und sollten nicht nur über uns selbst und unsere Position in der Welt reden, wir können und sollten uns auch in anderen Zusammenhängen wie Klimabewegung, Friedensbewegung, Sozialforen, Parteien o. ä. engagieren und uns sichtbar machen.

Maria Trümper: Wo siehst du den größten Aktionsbedarf im Bereich Behinderung?

Fabian Kittel: Auch nach Corona muss Inklusion von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen diskutiert werden. Es geht beispielsweise um:

· genügend verfügbare und bezahlbare Wohnungen, die auch nach unseren Bedürfnissen gestaltet sind,

· öffentlichen Raum ohne Hindernisse, die wir nicht erkennen oder schwer oder gar nicht überwinden können,

· barrierefreien Zugang zu bedarfsgerecht fahrenden öffentlichen Verkehrsmitteln für Alle,

· diskriminierungsfreien Zugang zu Geschäften und Gaststätten,

· ausreichend bezahlte und interessante Arbeitsmöglichkeiten auch für Menschen mit Behinderungen,

· gleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung für Alle.

Wir müssen uns immer wieder und weiter einmischen, um unsere Interessen zu vertreten. Das wird uns niemand abnehmen, das müssen wir schon selbst tun.

Maria Trümper: Welche Rolle spielen Menschenrechte in deinem privaten Leben und im Arbeitsalltag? Wo erfährst du durch deine Beeinträchtigung Diskriminierung und wirst an der Wahrnehmung deiner Menschenrechte behindert?

Fabian Kittel: Auf einer Metaebene spielen Menschenrechte in meinem Alltag sicher eine Rolle, auch wenn mir der Begriff "Menschenrecht“ bei alltäglicher Diskriminierung sicherlich nicht in den Sinn kommt. Wenn wieder mal eine öffentliche Baumaßnahme abgeschlossen wurde, bei der der Behindertenbeirat nicht beteiligt wurde und auch ich wieder von der Nutzung ausgeschlossen bin, da ich die eingebauten Stufen nicht überwinden kann. Wenn mich mal wieder der eilige Busfahrer an der Haltestelle vergisst, weil mein langsamer Einstieg in den Bus nicht mit den Anforderungen des Fahrplans in Übereinstimmung zu bringen ist. Wenn die Wartung eines dringend benötigten Aufzugs über Tage und Wochen verschleppt wird und Menschen mit Behinderungen dadurch in ihren Wohnungen bleiben müssen. Wenn eine Rampe mal wieder viel zu steil ist und der dringende Einkauf damit nicht erledigt werden kann. Wenn ich zum x-ten Mal die Diskussion um das Recht zur Mitnahme eines Assistenzhundes führen muss. Diskriminierung ist eine meiner Alltagserfahrungen. Und: Diskriminierung erfolgt bei den meisten Menschen ohne Behinderungen, die mich diskriminieren, ganz unbewusst. Das Bewusstsein für eigenes diskriminierendes Handeln muss bei Dritten meist erst geweckt werden.

Maria Trümper: Wie ist deine Planung für 2021, was steht Neues an?

Fabian Kittel: Im Moment gibt es keine Präsenzveranstaltungen, nur meist relativ kurzfristig anberaumte Videokonferenzen oder im Netz gestreamte Veranstaltungen, an denen ich mich beteilige. Ein Thema ist z. B. Verkehrsentwicklungsplanung für Alle. Es gibt für mich aber auch neue Aufgaben durch die Pandemie. Ich unterstütze zur Zeit die Anfertigung von Hygienekonzepten und von Vorkehrungen für pandemiegeeignete Take-Away-Geschäftsmodelle. Hier kann ich ganz nebenbei, wo es sinnvoll erscheint, z. B. auch mal den Rückbau von Schwellen, den Einbau von Rampen oder von breiteren Türen anregen.

Maria Trümper: Lieber Fabian, herzlichen Dank für das interessante Interview mit dir. Da wir ja eine CASCO-Interviewreihe sind: Welche*n CASCO-Referent oder Referentin möchtest du für das nächste Interview nominieren und warum?

Fabian Kittel: Ich freue mich auf ein Interview mit Annika Stiglic. Sie ist als Ex-In Genesungsbegleiterin in der EUTB Neuss tätig. Die Einbeziehung therapieerfahrener Patienten und Patientinnen in die Behandlung und Betreuung Anderer ist extrem wichtig. Ich finde es wesentlich, dass Menschen, die psychische Krisen durchlebt haben, diese persönlichen Erfahrungen nutzen (können), um andere Menschen in ähnlichen Situationen besser zu verstehen und zu unterstützen.

FLink zu weiteren Infos über Fabian Kittel

Links zu weiteren Interviews mit CASCO-Referent*innen

Interview mit Natalie Geese - kobinet-nachrichten vom 3.3.2021 - Natalie Gesse vermittelt gerne Wissen zum Thema Behinderung

Interview mit Peter Marx - kobinet-nachrichten vom 24.2.2021: Peter Marx referiert über seine Erfahrungen als Werkstattrat

Berlin/Fürth (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sadkp29