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Erinnerung an Matthias Vernaldi

Foto zeigt Matthias Vernaldi mit Beatmungerät
Vernaldis Profilbild bei Facebook
Foto: Matthias Vernaldi

Berlin (kobinet) Der Chronist der kobinet-nachrichten, Dr. Martin Theben, kommt heute einer gleichermaßen traurigen, wie ehrenvollen Pflicht nach: Er erinnert an den ersten Todestag von Matthias Vernaldi, der heute vor einem Jahr am 9. März 2020 verstorben ist.

Das Internationale UNO-Jahr 1981 wurde in der DDR als Jahr der Geschädigten begangen. Da lebte Matthias Vernaldi schon seit drei Jahren in einer Landkommune im thüringschen Hartroda. Er und Gleichgesinnte hatten sich der Obhut des Marienstiftes, eines kirchlichen Heims in dem er wenig Nächstenliebe aber viel Entwürdigung erfahren hatte, entzogen. Diese, auch sein späteres Wirken prägenden, Erlebnisse verarbeitete er im Roman Dezemberfahrt. Das Zusammenleben in der Kommune funktioniere, zuweilen mehr schlecht als recht, aber: Es funktionierte. Weder die Stasi (Operativer Vorgang PARASIT) noch innere Spannungen vermochten dieses realexistierende anarchische "Projekt" mit persönlicher Assistenznote zu sprengen. Es überdauerte die Wende und Matthias machte sich jetzt sogar als Kommunalpolitiker einen Namen. Er studierte Theologie, durfte aber nicht ordiniert werden. Wegen seines Muskelschwundes könne er keine Segenshandlungen vollziehen; so die Begründung seiner Amtskirche. Gottesdienste feierte er trotzdem.

Vier Jahre nach der Wiedervereinigung kam Matthias Vernaldi nach Berlin und fortan rockte er diese Stadt. Er stritt für die Rechte von Assistierten und Assistierenden, Hurenden und Huren, Mühseligende und Beladende jeglicher Art. Freiheit war für ihn immer auch die Freiheit der Anderen. Für diese Anleihe würde er mich vielleicht schelten. Matthias Vernaldi hatte wenig übrig für die Ideologie der realen und die Verklärung der vergangenen DDR. Dieser Staat gab ihm nichts, und verlangte ihm doch alles ab. Er genoß die neuen Freiheiten, legte aber immer unnachgiebig und dennoch mit hintersinnigem Charme den Finger in die Wunden des keineswegs überlegenen kapitalistischen Systems. Zuletzt auch mit spitzer Feder im MONDKALB, der Zeitschrift für das organisierte Gebrechen.

Und nun, ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie, die er nicht mehr erleben musste; dieser tückische Virus wäre höchstwahrscheinlich eine weitere, lebensbedohende Herausforderung zuviel für den über sechszigjährigen gewesen: Nun aber hat eine geliebte Seele seit einem Jahr Ruh und wir vermissen ihn ewiglich. Matthias Vernaldi starb am 9. März 2020 - in seinem Heim!

Berlin (kobinet) Kategorien Nachricht

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