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An’s Haus gefesselt

Zeichnung: An's Haus gefesselt
Zeichnung: An's Haus gefesselt
Foto: André Schade

Kassel (kobinet) "Früher war alles Besser! Früher waren wir nur an den Rollstuhl gefesselt." So die Aussage einer Person, die einen Rollstuhl nutzt, auf der Zeichnung von Andrè Schade, die den kobinet-nachrichten vom Projekt Kommune Inklusiv in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm zur Verfügung gestellt wurde. Die Antwort der anderen rollstuhlnutzenden Pereson: "Aber es ist doch besser! Jetzt haben wir endlich Inklusion." Diese Zeichnung hat kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul zu einem Kommentar über Selbsterfahrung sowie Ähnlichkeiten und Unterschiede verschiedener Perspektiven in Corona-Zeiten veranlasst.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Viel Energie haben behinderte Menschen und ihre Organisationen in der Vergangenheit aufgewendet, um nichtbehinderten Menschen nahe zu bringen, welche Barrieren und Diskriminierungen behinderten Menschen das Leben schwer machen. Was wurde da nicht alles organisiert: Erlebnisparcours wurden aufgebaut, Touren durch die Stadt im Rollstuhl für Politiker*innen organisiert, Informationsmaterialien erstellt und verteilt oder Dunkelcafés durchgeführt. Dies sind nur einige Beispiele für Aktivitäten, die mit der Hoffnung verbunden waren, Vorurteile abzubauen, Verhaltungsänderungen zu erreichen und die Verantwortlichen dazu zu bewegen, Diskriminierungen abzubauen und zu verhindern. "Wenn die anderen erleben, wie das ist, werden die auch etwas tun", so war und ist die Hoffnung. In realistischem Lichte betrachtet, waren außer einigen Ausnahmen die Erfolge dieser Aktionen eher bescheiden. Ein Rundgang durch die Städte, in denen es nach wie vor enorm viele Barrieren gibt, ernüchtert dabei genauso, wie ein Blick auf barrierebehaftete Internetangebote und fehlende Informationen in Gebärdensprache oder in Leichter Sprache. Sicher, die Welt ist heute anders, als vor 30 Jahren, aber die Entwicklung ist und bleibt in diesem Bereich dennoch eine Schnecke.

Doch nun hat uns das Corona-Virus völlig unerwartet eine große Selbsterfahrungsbühne geboten, die vielen noch gar nicht bewusst ist. Zum ersten Mal erleben derzeit weltweit sehr viele Menschen massive und ungeahnte Einschränkungen in ihrem täglichen Leben. Einschränkungen, die vielen behinderten Menschen nicht unbekannt sind. Selbst über Ostern sollen wir zu Hause bleiben. In viele Läden kommen wir nicht rein. In öffentliche Verkehrsmittel wollen wir wegen des Infektionsrisikos nicht rein und die Fahrpläne wurden ausgedünnt. Veranstaltungen sind massenweise abgesagt. Und in weiten Teilen der Welt ist es sogar verboten, zu verreisen. Wir erleben plötzlich auch, wie es ist, wenn andere die Straßenseite wechseln, wenn sie Abstand nehmen, wenn wir ihnen auf unseren Gängen zum Einkaufen oder im Supermarkt begegnen. Und viele erleben, was es bedeutet, nicht zur Arbeit zu können und wie es sein könnte, keinen Job mehr zu haben und mit weniger Geld leben zu müssen. Dies sind nur einige Erfahrungen, die ganz viele Menschen derzeit machen müssen.

Diese und andere Erfahrungen gehören für viele behinderte Menschen jedoch oft zum ganz normalen Alltag - ohne die Hoffnung, dass diese Ausnahmeregelungen schnell wieder zurückgenommen werden. Das verhindert die Politik seit Jahren nämlich erfolgreich, weil die Regierungskoalition des Deutschen Bundestages sich beispielsweise nach wie vor weigert, Barrierefreiheit und angemessene Vorkehrungen für private Anbieter von Dienstleistungen und Produkten gesetzlich zu regeln und einzufordern. So ist es für viele behinderte Menschen zum Teil lebenslang nicht selbstverständlich, einfach mal in einen Laden zu gehen, denn viele haben Stufen davor. Für blinde Menschen ist es nicht normal, einfach mal im Internet zu shoppen oder sich dort zu informieren, denn viele Seiten sind nicht barrierefrei. Für gehörlose Menschen sind viele Veranstaltungen verwehrt, weil es dort keine Gebärdensprachdolmetschung gibt. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen erleben es immer wieder, dass man ihnen aus dem Weg geht und wegen ihnen zum Teil sogar die Straßenseite wechselt. Menschen mit Lernschwierigkeiten geht es oft so, dass sie nicht die Informationen so bekommen, wie sie sie brauchen. Und dass Arbeit nicht nur einen Sinn für's Leben oder Tagesstruktur, sondern auch eine adäquate finanzielle Absicherung bedeutet, das wissen viele behinderte Menschen, die vom allgemeinen Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind oder für durchschnittlich 200 Euro in Werkstätten für behinderte Menschen "beschäftigt" werden.

Die derzeitige Situation wäre also ein ausgezeichnetes Selbsterfahrungsfeld, während dem man sich in die Situation anderer Menschen hineinversetzen und Konsequenzen für das zukünftige Handeln ziehen könnte. Denn, wie der New Yorker Governeur gestern sagte, es werde wahrscheinlich nie mehr so sein, wie vor Corona. Die Frage sei, wie wir die Zeit nach der Pandemie gestalten. Und hier gäbe es viele Möglichkeiten. Doch dieses Einfühlen in die Situation anderer war hierzulande bisher nicht wirklich unsere Stärke. Und auch jetzt scheint das nicht so zu sein. Schnell wurde in Corona-Zeiten zwischen "den Anderen" differenziert - der Begriff der "Risikogruppe" war schnell gefunden. Mit Begriffen waren wir ja schon immer gut: "An den Rollstuhl gefesselt", "mit Blindheit geschlagen", "Schicksalsgefährten" und nun halt auch "Risikogruppe". Die, die sterben sind meist älter - ach wie beruhigend, nur ein über 80jähriger gestorben. Wenn es dann mal jemand jüngeres ist, dann gehörte der wohl einer Risikogruppe an - ach zum Glück gehört man da nicht dazu. Also kein Grund zur Panik. Und die Gefahren, denen Menschen derzeit ausgesetzt sind, die in Alten-, Pflege- oder Behindertenheimen verharren müssen bzw. dort arbeiten müssen, obwohl dort schon andere infiziert sind bzw. sogar sterben, ohne dass Vertrauenspersonen rein dürfen, beschäftigen auch nur die, die sich um ihre Angehöringen dort drinnen sorgen. Sogar unter uns behinderten Menschen ist der Blick über unsere direkte Betroffenheit oft recht eingeschränkt und die Solidarisierung meist nicht der oberste Punkt unserer Agenda.

Aber nun nahen ja die Ostertage, das Wetter ist schön da draußen, man kann sich wunderbar vorstellen, was man so alles unternehmen könnte. Vielleicht kann sich die eine oder der andere - ob behindert oder nichtbehindert - dann ja auch mal vorstellen, wie es für diejenigen ist, die nach der engagiert herbeidiskutierten Lockerung der gegenwärtigen Einschränkungen nach wie vor massiv in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Und zwar u.a. auch deshalb, weil wir diese Gesellschaft so gestalten, wie wir sie nun einmal gestalten. Der gezielte Abbau von Barrieren, eine konsequente Antidiskriminierungspolitik und die nötige Assistenz, um Daheim statt im Heim leben zu können, wären ja einige gut erprobte und zum Teil erfolgreich gelebte Ideen, die flächendeckend umgesetzt werden könnten und müssten. Mögen die Ostertage und die Besinnlichkeit also kommen.

Kassel (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/shjoqsv

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