Werbung:
Werbung
Banner Fotos für die Pressefreiheit 2020
Werbung
Banner mit Inklusion Jetzt und der Schrift Dabei am 5. Mai - Live-Blog zum Protesttag
Werbung
Stellenanzeige des DIMR
Springe zum Inhalt

Für Gleichbehandlung bei Vergütung

Laura Mench am Schreibtisch
Laura Mench am Schreibtisch
Foto: Laura Mench

Berlin (kobinet) Laura Mench kennt sich als freiberufliche Bloggerin, Texterin und Sprecherin für die Themen Gesundheit, Pflege und Inklusion mit Vertragsverhandlungen über Honorare aus. Im Nachgang zur Kritik von Jennifer Sonntag an der oftmals zweitklassigen Honorierung behinderter Menschen führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul mit Laura Mench folgendes Interview.

kobinet-nachrichten: Jennifer Sonntag hatte vor kurzem kritisiert, dass behinderte Menschen hinsichtlich der Honorierung ihrer Mitwirkung an Veranstaltungen oft als Expert*innen zweiter Klasse behandelt werden. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Laura Mench: Als Freelancer machen nicht nur Menschen mit Behinderung diese Erfahrung. Generell ist der Preisdruck durch die Auftraggeber hoch. Eine Dienstleistung ist den Auftraggebern nicht mehr viel wert. Ist dann auch noch offensichtlich, egal ob aufgrund der Webseite oder anderer Bekanntheit, dass der Mensch eine Behinderung hat und vielleicht engagiert er sich in diesem Thema oder hat sich dort spezialisiert, gehen Auftraggeber meist davon aus, dass das Minimalste vom Minimalsten ausreichend ist. Häufig wird, wie schon Jennifer Sonntag kritisiert hat, davon ausgegangen, dass der Mensch mit Behinderung sowieso ausschließlich ehrenamtlich arbeitet und kein Honorar nimmt. Ob das jetzt daran liegt, dass man davon ausgeht, dass jeder Mensch mit Behinderung von Sozialleistungen lebt oder sich von seinen Eltern finanzieren lässt, kann ich leider nicht sagen. Es ist aber eine Mentalität, die ich persönlich traurig und abscheulich finde. Es drückt ja auch aus, dass der eine oder andere der Meinung ist, dass die Arbeit von Menschen mit Behinderung weniger wert ist als die von Menschen ohne Behinderung.

Gerade die Arbeit von Menschen mit Behinderung, die meist auch eigene Erfahrungen in ihre Texte, Vorträge oder sonstige Dienstleistungen einbinden, ist honorierenswert, meist sogar gehaltvoller, als Dienstleistungen von Menschen, die vielleicht ein Gebiet studiert haben, aber keine persönlichen Erfahrungen darin sammeln konnten.

kobinet-nachrichten: Wie gehen Sie mit solchen Erfahrungen um?

Laura Mench: Wenn ich Anfragen bekomme von Auftraggebern, egal aus welcher Branche, weiß ich bevor ich antworte, um was für ein Unternehmen es sich handelt, wenn nicht, finde ich das heraus. Dann weiß ich auch, wie ungefähr die finanzielle Situation des Unternehmens aussehen könnte. Durch Webseiten und Onlineshops bekommt man doch einen gewissen Einblick zu den Unternehmen und merkt, wie die wirtschaftliche Orientierung und die Lage am Markt ist. Bei einem wirtschaftlich orientierten Unternehmen erwarte ich ein faires Honorar. Ich lege meiner Antwort E-Mail ein Angebot bei. Wer dann glaubt, ich würde Aussagen akzeptieren wie "wir sind nur ein kleines Unternehmen", "wir haben kein Geld" oder "das ist viel zu teuer, du bist ja erst am Anfang deiner Karriere“, der kennt mich nicht gut genug und hat sich nicht gut über mich informiert.

Um jetzt kein falsches Bild zu erzeugen, Preisverhandlungen sind immer in Ordnung und auch erwünscht. Das zeigt ja, dass der Betrieb an meiner Dienstleistung interessiert ist. Ich komme auch mal ein bisschen entgegen, beleidigen lasse ich mich aber dabei nicht. Ich arbeite keinesfalls gratis, außer das Projekt ist von einem gemeinnützigen Verein und liegt mir am Herzen oder es bringt mir sonstige, wichtige Referenzen. Ehrenämter bei Unternehmen, die mich offensichtlicher Weise bezahlen können, lehne ich strikt ab.

kobinet-nachrichten: Welche Erklärung haben Sie dafür, dass nach den vielen Jahren des "Nichts über uns ohne uns“ und der Verankerung der Partizipation in der UN-Behindertenrechtskonvention es in Deutschland immer noch so schwer ist, dass das Potenzial behinderter Menschen anerkannt und entsprechend vergütet wird?

Laura Mench: Das kann viele Ursachen haben. Zum einen werden Menschen mit Behinderung von potentiellen Auftraggebern grundsätzlich unterschätzt und zum anderen ist es zwar vielleicht normaler geworden, im alltäglichen Leben Kontakt zu Menschen mit Behinderung zu haben, als Freelancer sind wir trotzdem eher neu. Zumindest für Auftraggeber.

Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch der ein oder andere freiberufliche Mensch mit Behinderung Sozialleistungen bezieht und seine Einnahmen unter Umständen damit verrechnet werden. Somit ist es nicht ganz falsch, dass Auftraggeber vorsichtig sind beim Festlegen der Honorare, vor Auftragserteilung. Hier sollte ein Auftraggeber sich auf den Freelancer einlassen, denn der weiß, wie viel er für eine Dienstleistung veranschlagen darf, ohne dass es für ihn Nachteile bringt.

Trotzdem ist es nicht korrekt, ehrenamtliche Arbeit von behinderten Menschen zu erwarten. Es gibt auch Menschen mit Behinderung, die keine Sozialleistungen beziehen und von ihren Einkünften ihren täglichen Lebensunterhalt bestreiten.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären dies?

Laura Mench: ich würde mir von Auftraggebern wünschen, dass Freelancer mit Behinderung eine vollständige Gleichbehandlung im Vergleich mit Freelancern ohne Behinderung genießen können. Hierzu zählt nicht nur das Honorar, sondern auch die Gleichbehandlung bei der Entscheidung zur Auftragsvergabe. Es ist ja doch auch ein bisschen mit einem Vorstellungsgespräch in einem Unternehmen vergleichbar. Man wirbt mit seinen Qualifikationen, Erfahrungen und Fähigkeiten, um eine Arbeit an Land zu ziehen.

Mein 2. Wunsch richtet sich an den Markt, auf dem sich jeder Freelancer befindet. Hier geht es teilweise ziemlich unfair zu. Schon ein Profilbild, auf welchem der Rollstuhl sichtbar ist, reicht, um negative oder gar beleidigende Kommentare zu ernten. Es läuft einfach viel digital und das ist für mich die optimale Welt. Das Problem ist jedoch, dass bei vielen Menschen der digitale Raum durch die gewisse Anonymität, die entsteht, quasi als rechtsfreier Raum gesehen wird. Da ist es schnell passiert, dass mal Kommentare rausgehauen werden, die im echten Leben, so face to face, nie gesagt werden würden.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Berlin (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/silsw56