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Heim statt Daheim und Hausverbot statt Inklusion

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Foto: Irina Tischer

Unterfranken (kobinet) Alexandra S. versteht die Welt nicht mehr. Sie lebt in Unterfranken und hat in ihrer über 25jährigen Tätigkeit als Erzieherin in der Behindertenarbeit viele Erfahrungen gesammelt. Doch nun steht sie vor einer scheinbar unlösbaren Herausforderung und muss mitanschauen, wie einem behinderten Menschen die Selbstbestimmung und Teilhabe geraubt wird. Über 22 Monate lang hatte sie einen behinderten Mann in ihren Haushalt aufgenommen und unterstützt, seine Schwester als gesetzliche Betreuerin hat nun nicht nur dafür gesorgt, dass er im Heim leben muss, sondern hat ihr jeglichen Kontakt zu ihm unterbunden. Die Einrichtung hat ihr mittlerweile Hausverbot erteilt.

Für Alexandra S. (Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt) fing diese Geschichte im Oktober 2017 an, als sie den behinderten Mann kennenlernte - "eine Begegnung, die alles und unser Leben veränderte“, wie sie berichtet. "Es war ein sehr trauriger Grund, die Eltern des schwerbehinderten 52jährigen Mannes starben aufgrund eines Brandes im Hause der Familie. "Er kann schlecht laufen und nicht sprechen. Er verständigt sich mit Lauten, seiner Mimik und Gestik. Er galt damals als sehr aggressiv (trotz beruhigender Medikamente). Seine Schwester suchte für ihn eine Unterbringung, niemand wollte ihn haben, es gab auch keinen Platz in einem Wohnheim. Ich nahm ihn bei mir auf und unser Leben veränderte sich. Er nahm am Leben teil (war mit den Offenen Hilfen der Lebenshilfe unterwegs). Seine Aggressionen wurden von Tag zu Tag weniger und waren in unserem Leben nicht mehr vorhanden. Das Medikament Risperidon konnte somit ausgeschlichen werden. Er war endlich angekommen und wir wurden Freunde fürs Leben“, so beschreibt Alexandra S. die folgende Zeit.

Der behinderte Mann hatte sich laut ihren Schilderungen verändert und hatte Freude mit ihr und anderen Menschen mit und ohne Handicap etwas zu unternehmen. Sei es im Schwimmbad, im Urlaub, beim Essen gehen, bei Konzerten, im Kino oder beim Theaterbesuch – Inklusion wurde also in vielen Bereichen gelebt. "All dies war in seinem Leben früher nicht möglich aufgrund seiner aggressiven und herausfordernden Verhaltensweisen, weil er es nicht wollte“, betont Alexandra S..

Seit August 2019 ist jedoch alles wieder anders. Nun lebt der schwerbehinderte Mann in einem Heim. "Wir dürfen uns nicht mehr sehen, ich habe Kontaktverbot. Seine Schwester hat die gesetzliche Betreuung.“ Weil er sich verbal nicht äußern kann, kommt er gegen seine gesetzliche Betreuerin nicht an. Alexandra S. geht diese Situation sehr zu Herzen. "Ich verstehe nicht, warum man in einer Zeit der Inklusion, UN-Behindertenrechtskonventionen sowie dem Bundesteilhabegesetz keinen Weg findet und einen Menschen mit Handicap, der Freude am Leben hat, in einem Heim unterbringt, obwohl er die Möglichkeit hätte, in einer Familie privat untergebracht und versorgt zu werden“, betont Alexandra S.. Hier hätte er wie in den 22 Monaten zuvor die Möglichkeit einer vollen Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben.

Nachdem das Besuchsverbot vonseiten der gesetzlichen Betreuerin zurück genommen werden musste, hat die Einrichtung ein Hausverbot für Alexandra S. erteilt. Trotz vielfältiger Erfahrungen ist Alexandra S. nun mit ihrem Latein am Ende und weiß nicht mehr, was sie tun kann. Dabei geht es ihr um die Selbstbestimmung und Teilhabe des behinderten Mannes, der zu einem Freund wurde, denn während der 22monatigen Zeit, in der er bei ihr aufgenommen wurde, erhielt sie so gut wie keine finanzielle Unterstützung, während nun die Kosten für die Behinderteneinrichtung anfallen. "Ist das Inklusion im Jahr 2020?“, fragt sie resigniert nachdem sie bei verschiedenen Stellen versucht hatte, auf den Missstand hinzuweisen, aber wie an einer undurchdringlichen Wand abprallte.

Unterfranken (kobinet) Kategorien Nachricht

2 Gedanken zu „Heim statt Daheim und Hausverbot statt Inklusion

  1. Annika

    Also verstehen kann ich das nicht und empfehle auch, dagegen vorzugehen. Am Besten unter Hinzuziehung eines Anwaltes. Entscheidend in der Sache muss das Wohl des Menschen mit Behinderung sein und nicht die Ansichten oder Befindlichkeiten der Schwester oder Heimbetreuer. In diesem Zuammenhang möchte ich auch bwf-betreutes wohnen in Familien hinweisen. Die Familien und der Mensch mit Behinderung werden dabei von einem Träger unterstützt, was in so einem konfliktreichen Fall evt. sinnvoll wäre: http://www.bwf-info.de

  2. Annika

    Ich wollte noch zu diesem Thema auf das gerade im Kösel-Verlag erschienene Buch von Kerstin Held (MAMA HELD Jedes Kind hat ein Recht auf Familie) hinweisen.
    Darin wird a.u. mithilfe einer Petition einem Jugendlichen mit Behinderung ermöglicht ,in einer Familie statt in einem Heim zu Leben.
    Also gäbe es hier vielleicht auch die Möglichkeit, eine Petition zu starten...

Kommentare sind geschlossen.