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Ist ein Stundenlohn von 1,30 € fair?

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Foto: ht

München/Halle (kobinet) "Sie schrauben, sie fräsen, sie schneiden zu: Mehr als 300 000 Menschen arbeiten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Trotzdem soll es sich nicht um ein reguläres Arbeitsverhältnis handeln. Ist das fair?" Mit dieser Frage führt Natascha Holstein in ihren kurz vor Weihnachten erschienen Artikel in der Süddeutschen Zeitung ein. U.a. am Beispiel von André Thiel aus Halle, der seit Jahren für eine gerechte Bezahlung in den Werkstätten streitet, beleuchtet sie die Rahmenbedingungen in Werkstätten für behinderte Menschen.

Link zum Beitrag in der Süddeutschen Zeitung von Natascha Holstein

Link zum kobinet-Interview mit André Thiel vom 8.9.2019

Während die Diskussion um eine gerechte Entlohnung der Werkstattbeschäftigten in Deutschland noch kaum eine Rolle spielt, verweist das NETZWERK ARTIKEL 3 darauf, dass im neuen österreichischen Regierungsprogramm der türkis-grünen Regierung auch Bezug auf die Werkstattlöhne genommen. Dort steht: "Menschen mit Behinderung, die in Einrichtungen wie Tageswerkstätten arbeiten, müssen in Zukunft Lohn statt Taschengeld bekommen. Damit erfahren sie nicht nur eine würdevolle Wertschätzung ihrer geleisteten Arbeit, sondern sind dadurch auch sozialversicherungsrechtlich abgesichert." Martin Ladstätter vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Wien BIZEPS erklärte dazu im kobinet-Interview vom 5.1.2020: "Das ist eine sehr breit von der Behindertenbewegung getragene Forderung und ich bin froh, dass dieser Absatz enthalten ist. In meiner Rolle als Mitglied des österreichischen Menschenrechtsbeirats ist es mir wichtig, dass diese Baustelle endlich saniert wird. Schon 2014 haben wir im Menschenrechtsbeirat eine deutliche Stellungnahme dazu abgegeben: (https://volksanwaltschaft.gv.at/downloads/248li/Stellungnahme%20des%20MRB%20zu%20Beschäftigungswerkstätten%20-%20Reformbedarf%20FINAL%20für%20Website.pdf) Unsere Schlussfolgerung war: Dieses System 'ist eine Verletzung von Artikel 16 Abs. 2 UN-BRK im Sinne eines Missbrauchs bis hin zu – in extremer Ausformung – Ausbeutung sicher nicht von der Hand zu weisen.' Doch das Thema ist komplex und man folgte unserer Empfehlung, dies exakt zu planen. Daher heißt es dazu im Regierungsprogramm auch: 'Lohn statt Taschengeld: Gemeinsame Erarbeitung der Umsetzungsschritte mit den Stakeholdern'".

Link zum kobinet-Interview mit Martin Ladstätter vom 5.1.2020

München/Halle (kobinet) Kategorien Nachricht

4 Gedanken zu „Ist ein Stundenlohn von 1,30 € fair?

  1. Andre Thiel

    Wenn die Behindertenwerkstätten sich als
    moderneres Unternehmen sehen, wäre es kein Problem, die Beschäftigten
    mindestens nach den gesetzlichen Mindestlohn zu vergüten. Alles andere
    ich eine Augenwischerei und hat mit Teilhabe auf dem ersten Arbeitsmarkt
    nichts zu tun. Hauptsache die LH bekommt vom Staat Bayern 20. Mio. Euro.

  2. Raimund Barkam

    Menschen mit Behinderungen, die in
    Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) arbeiten, gelten in Deutschland lt. politisch/juristischer Definition nicht als Arbeitnehmer, sondern nur als Beschäftigte mit Arbeitnehmerähnlichem Tätigkeitsverhältnis.

    Aus eigenem Erleben heraus, wäre ich als Mensch mit 50% Behinderung (Rücken- und Kniebeschwerden) niemals auf die Idee gekommen, mich für Arbeitstätigkeiten in einer WfbM zu bewerben.

    Nach meiner Ausbildung zum Bürokaufmann in
    einem Berufsbildungswerk (1987-1990) dauerte es damals bereits 4 Jahre bis ich ab 02.11.1994
    bis Mitte August 1999 auf dem 1. Arbeitsmarkt bei einer Baumaschinenhandlung einen Arbeitsplatz als kaufmännischer Angestellter fand.

    Da "meine" Firma mich als Mensch mit 50% Behinderung einstellte, erhielt diese vom Arbeitsamt Monat für Monat insgesamt 2.100 DM an Einarbeitungs- und Fördergelder über einen Zeitraum von 2 Jahren.

    Ich kam einzig und allein wegen einer depressiven Erkrankung ab Anfang März 2001 in eine WfbM.

    Wie mir erging es noch anderen Kolleginnen und Kollegen in meiner WfbM. Auch diese waren zuerst auf dem 1. Arbeitsmarkt, bevor diese in die 'Sonderwelt' WfbM kamen.

    In den bundesweit ca. 740 WfbM und deren ca. 2600 Niederlassungen mit etwa 310.000 WfbM-Beschäftigten in Deutschland werden in den vielfältigsten Arbeitsbereichen Aufträge von Kunden (Behörden und Werkstätten) des ersten Arbeitsmarktes entsprechende Aufträge bearbeitet, die ansonsten in Werkstätten des ersten Arbeitsmarktes bearbeitet wurden.

    Als Betroffener kann ich hier eher meine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die auch meine somit verbundenen Wahrnehmungen sind, schildern.

    Eine Psychologin der Tagesklinik fuhr mich eines Tages, nach Abschluss meiner Behandlung gegen Depressionen ab Anfang März 2001 zu einer WfbM.

    Wenn man auch nur einmal über einen längeren Zeitraum Schikanen (Bossing/Mobbing) am Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt, der angeblich "sozialen" Marktwirtschaft erlebt hat, dann scheut man erneute Verduche auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

    In der WfbM fühle ich mich anerkannt und respektiert und das Betriebsklima ist im Vergleich auf dem ersten Arbeitsmarkt erträglicher.

    Es gibt dort, normalerweise in der Regel keinen so hohen Zeit- und Leistungsdruck wie auf dem ersten Arbeitsmarkt.

    Die bundesweit 740 WfbM mit 2600 Niederlassungen und über 310.000 Werkstattbeschäftigten in Deutschland sind mit eingebunden in die Produktionskette der Behörden und Werkstätten des ersten Arbeitsmarktes.

    Somit sind Alle über 310.000 WfbM-Beschäftigten mit am Bruttosozialprodukt (Summe aller innerhalb eines Jahres erzeugten Produkte und angebotenen Dienstleistungen) in Deutschland beteiligt.

    Die Zufriedenheit der Kunden des ersten Arbeitsmarktes zieht dann für alle WfbM Machfolgeaufträge mit sich.

    Zum Schluss habe ich noch einige Fragen;

    Inwieweit unterscheiden sich Arbeitsbereiche und erbrachte Arbeiten von Behörden und Werkstätten des ersten Arbeitsmarktes von Arbeitsbereiche und erbrachte Arbeiten von Werkstätten für behinderte Menschen?

    Wenn Inklusion politisch/juristisch und gesellschaftlich als "Teilhabe Behinderter am Leben Nichtbehinderter" definiert wird, warum gibt es dann keine fairen Werkstattlöhne, die es z.B. Alleinstehenden und Alleinverdienenden Menschen mit Behinderungen, die in den WfbM arbeiten, es leichter machen würden, unabhängig in eigenen Mietwohnungen statt in WG's und Wohnheimen wohnen zu können?

    Wieviel ist die Arbeit von Menschen mit Behinderungen der deutschen Gesellschaft Wert?

    1. Michael Günter

      Hmm,
      die letzte Frage war doch eher rhetorischer Natur, oder?
      Ich denke, dass sie die Zahlen der Ausgleichsabgabe kennen...Leider,
      leider endet dies immer wieder in einem Diskurs über die absolute
      Höhe der Ausgleichsabgabe - und damit wird das Pferd genauso von
      hinten aufgezäumt, wie wenn man davon redet, ob nun 5% Anteil
      Schwerbehinderter gerecht sind oder doch eher 7% oder 9%.
      Mein
      Vorschlag wäre es, die Ausgleichsabgabe an den Lohnzahlungen der
      Unternehmen auszurichten. Jeder Bäcker, der mehr als 2 Filialen
      unterhält, beschäftigt schon locker 20 Personen und davon verdienen
      75% kaum mehr als den Mindestlohn! Der Mindestlohn liegt bei knapp
      20t€/Jahr, die restlichen 4 Beschäftigten erhalten im Schnitt
      50t€/Jahr - in der Summe wären wir bei etwa 520t€/Jahr an
      Lohnkosten...wenn der Bäcker einen Schwerbehinderten einstellt, dann
      "spart" er 1500€ - oder 0,3% der Lohnsumme.

      In einer Anwaltskanzlei arbeiten vielleicht 8 Personen, 4 Anwälte
      und 4 Gehilfen - die 4 Gehilfen erhalten im Schnitt 40t€, die 4
      Anwälte zusammen 400t€ - als 560t€/Jahr, also 40t€/Jahr mehr.
      ABER: Um überhaupt unter die Abgleichsabgabe zu fallen, müssten
      dort 10 Anwälte und 10 Gehilfen arbeiten, was einer Lohnsumme von
      1.400t€ entspräche, also locker dem 2fachen dessen, was der Bäcker
      auszahlt - oder 0,18% der Lohnsumme.

      Klingt abstrakt und nach Sozialneid? Ich bitte doch sehr: 2
      Radiologen verdienen durchschnittlich 600t€/Jahr - das ist der
      Durchschnitt. Pro Radiologen rechnen wir mal munter 2 Fachangestellte
      a 40t€/Jahr = selbst bei 7 Radiologen und 14 Fachangestellten und
      einem daraus folgendem Lohnsaldo von 2,66 Millionen € würde diese
      Radiologiepraxis exakt dieselben 1500€ am Jahr als Abgabe zahlen -
      also etwa 0,06%.

      Ende Teil 1

    2. Michael Günter

      Fortsetzung:
      D.h. der Bäcker zahlt gemessen an der
      Gesamtlohnsumme etwa 5mal soviel wie unsere fiktive
      Radiologiepraxis!
      Dem ist nur abzuhelfen, wenn wirklich mal alle
      Lohnzahlungen -und auch Einkommen, die nicht lohnbasiert sind! - in
      die Berechnung einbezogen werden.
      Würde die Ausgleichsabgabe nicht mehr prozendual qua
      Beschäftigter je Betrieb, sondern auf der Basis der Lohnkosten
      erhoben, dann wäre wesentlich mehr Gerechtigkeit erzeugt. Wenn man
      die Abgabe auch auf Einkommen aus Kapitalerträgen erweitern würde -
      es spricht ja nicht dagegen die Erträge der Erbschaftssteuer intern
      so zu verrechnen, dass sie nicht zur Erhöhung derselben beitragen! -
      so könnte sozialgerecht die Aufwendungen vervielfachen, ohne dass
      damit ein Wertkampft zwischen WfbM und allg. Arbeitsmarkt entsteht
      (den ich mir zwar wünschen würde, aber der derzeit völlig an der
      Realität vorbeigeht).

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