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UN-Konvention muss endlich im Bildungsbereich ankommen

Joscha Röder mit ihrer Mutter Sonja Röder im Paul Löbe Haus
Joscha Röder mit ihrer Mutter Sonja Röder im Paul Löbe Haus
Foto: privat

Berlin (kobinet) Heute vor einer Woche fand die Konferenz der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen unter dem Motto "Die inklusive Gesellschaft gestalten – 10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention" im Paul Löbe Haus des Bundestages in Berlin statt. Mit dabei waren die Inklusionsbotschafterinnen Joscha Röder und Sonja Röder aus Bonn. Dabei hat die 15jährige Joscha Röder im Workshop zur inklusiven Gestaltung der Bildungssysteme einen Vortrag gehalten, dessen Inhalt sie nun den kobinet-nachrichten zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. "Joscha Röder, 15, weiblich, Autistin und trotzdem ein Mensch", so beginnt sie ihre Ausführungen.

Im folgenden dokumentieren wir den Beitrag von Joscha Röder:

"Joscha Röder, 15, weiblich, Autistin und trotzdem ein Mensch

Weshalb ich hier bin: Ich bin Inklusionsbotschafterin der ISL e.V. - ich kann fünf Sprachen. Obwohl ich zwei Jahre vorgezogen Englisch und Spanisch in der Zehnten bestanden hatte, durfte ich nicht mit den Klassenkameraden in die Oberstufe, sondern bin über die Ferien sozusagen zwei Jahre am Stück sitzen geblieben - und wiederhole jetzt alles. Meine Noten dürfen nur teils im Zeugnis stehen. So will es ein Paragraph in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung von 1998.

Zehn Jahre UN-Konvention zur Inklusion führten in der Praxis oft zu Exklusion, Nixklusion, Illusion. Vor fünf Jahren kam Theresia Degener zu dem Fazit: In Sachen Umsetzung der UN-Konvention sei Deutschland ein Entwicklungsland, noch hinter Ghana. Martin Spiewak von der ZEIT kommt aktuell zum zehnjährigen Jubiläum zu dem Ergebnis: Deutschland ist Weltmeister in Ausgrenzung. Da kann ich ihm nur zustimmen! Klima und soziales Klima hängen eng zusammen: Politiker müssen endlich ihre Hausaufgaben machen. Fridays for Future – und Future for People with Disabilities. Die UN-Konvention fasst es kurz und prägnant: TEILHABE, wo immer es irgend geht. JEDER, ob behindert oder nicht-behindert, hat das RECHT, nach seinen Fähigkeiten und in seinem Tempo zu leben, zu lernen und zu arbeiten. Jeder, das heißt auch Schüler ohne Beeinträchtigungen! Ihr seid es uns schuldig geblieben, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Hier meine zehn Gebote, die ich im Schulministerium an die Wand nageln möchte:

WINklusion geht so:

- Die UN-Konvention zur Inklusion muss endlich in Schulgesetze und Ausbildungs- und Prüfungsordnungen eingearbeitet werden!

- Lehrer und Schüler haben das Recht auf kleine Klassen - und auf Lehrertandems aus Pädagogen und Sonderpädagogen.

- Lehrermangel ist Folge von mathematischer Niedrigbegabung des Schulministeriums. Folglich müssen außerschulisch qualifizierte Lehrer-Assistenten hinzugezogen werden.

- Wir brauchen Individuelle Lernmaterialien. Logischerweise müssen dazu Lehrpläne für Behinderte, Nichtbehinderte und / oder Hochbegabte flexibel erarbeitet und genutzt werden. Das heißt: Konzentration auf Stärken, statt auf Schwächen.

- Was spricht gegen die simple Öffnung von Förderschulen für Nichtbehinderte? Dort sind bauliche Voraussetzungen und Materialien vorhanden.

- Notwendig ist eine unbürokratische Gewährung von Persönlichen Budgets, Hilfsmitteln, Schülerspezialverkehr und Schulbegleitern - statt Antrags- und Ablehnungs-und Widerspruchsdschungel.

- Was spricht gegen eine Art Teilabitur? Gegen die sogenannte Allgemeine Hochschulreife spricht, dass kaum ein Mensch allgemein ist, sondern besonders.

- Ein gezielter Verzicht auf die standardisierten Messungen an NORM und NORMalem ist die Voraussetzung für die Entwicklung von Hochbegabungen – und nebenbei ein Mittel gegen Mobbing und für Teamarbeit.

- Inklusion zum Mindesthohn? - Ein Mindestlohn auch für Mitarbeiter in Behindertenwerkstätten statt Taschengeld und Grundsicherung ist ein rechtlich verbindliches Muss.

Nein, Inklusion kostet kein Vermögen! Wie viel verdienen Angestellte und Beamte und Politiker, uns zu selektieren und zu verwalten und uns letztendlich auszuschließen? – Mathematiker voran: Wer kann das Gegenrechnen? Inklusion ist ein Menschenrecht! – In NRW wird das schleichend wieder abgeschafft. Yvonne Gebauer hat die Schließung von Förderschulen wieder gestoppt, selbst dann, wenn diese nicht mehr die Mindestanzahl von Anmeldungen haben. Statt, wie es logisch wäre, diese für Nichtbehinderte zu öffnen. Yvonne Gebauer hat Schulen, vor allem Gymnasien, von der Pflicht zur Aufnahme behinderter Menschen befreit. Der Kreis Bonn brüstet sich mit einer Inklusionsrate von über 80 Prozent in Oberstufen. In der Statistik geht unter, dass derzeit überhaupt nur 15 behinderte Schüler in Regelschulen ein Abi in Angriff nehmen können. Das sind gemessen an der Gesamtschülerzahl stolze 0,03 Prozent.

Die Begründung für diesen Rückwärtsgang in der Umsetzung der UN-Konvention liest sich so: Klappt ja eh nicht! – Dann sollten wir doch analog das Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit zu den Akten legen, weil es so viele Länder gibt, in denen es missachtet wird. Was zum politischen Teufel noch mal spräche dagegen? Dass ich mich in der Schule auf meine sprachlichen Begabungen konzentrieren könnte statt förderungsmistverstandene vier Stunden Mathe die Woche zu haben? Zur allgemeinen Hochschulreife in Deutschland gehört es nun mal, dass auch Menschen, die nur zweidimensional sehen, das Volumen einer Vase berechnen können, um einen Lebensberechtigungsschein im Reich der NORMalen zu bekommen...

Hier mein Fazit: Inklusion gehört ins Grundgesetz! Das habe ich dem Bundespräsidenten Steinmeier schon beim democracy slam im Bundesrat ins Ohr geflüstert. Lesen Sie das Kleinstgedruckte oder Kleingedruckste(!) in Paragraph 3, Absatz 3: 'Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.' Sieben Wörter für zehn Prozent der Bevölkerung mit Behinderungen reichen nicht aus! Was fehlt, hier mein Versuch:

MENSCHEN MIT BEHINDERUNG HABEN DAS RECHT AUF GLEICHBERECHTIGTE TEILHABE UND INDIVIDUELLE FÖRDERUNG, IN ALLEN LEBENSBEREICHEN."