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Erstes Inklusions-Mahl mit Gregor Gysi

Bild vom Inklusions-Mahl am 18.9.2019
Bild vom Inklusions-Mahl am 18.9.2019
Foto: ISL Susanne Göbel

Fintel (kobinet) Beim Sommercamp 2018 war es noch eine Idee, gestern fand es statt - das erste Inklusions-Mahl. Eingeladen hatte dazu die Inklusionsbotschafterin Hanna-Maria Schlage zusammen mit ihrer Familie. Gekommen an die reich gedeckte Tafel im niedersächsischen Fintel sind Gäste aus nah und fern, so auch Gregor Gysi. Und besser hätte der Termin nicht vor der heutigen Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses, ob die umstrittenen Bluttests auf die Trisomien 13, 18 und 21 gesetzliche Kassenleistung werden, gewählt sein können. Denn beim Inklusions-Mahl wurde mehr als deutlich, wie diskriminierend es ist, Menschen wie Hanna-Maria Schlage verhindern zu wollen und das als Kassenleistung zu finanzieren.

Für Hanna-Maria Schlage ist es wichtig, wie die Menschen vor Ort mit ihr umgehen und wo sie willkommen ist und sich wohlfühlen kann. Deshalb nutzte sie beispielsweise den Welt-Down-Syndrom-Tag dazu, ihren Imbiss mit einer Urkunde für gelebte Inklusion auszuzeichnen, bei dem sie sich sehr wohl fühlt. Aus diesen Aktivitäten heraus entstand die Idee, verschiedene Menschen zu sich nach Hause zu einem Inklusions-Mahl einzuladen, um bei leckerem Essen und Getränken in lockerer Atmosphäre ins Gespräch zu kommen und ein Stück mehr Inklusion zu leben. Mit dieser Idee kam Hanna-Maria Schlage zusammen mit ihrer Mutter Bärbel Hoppe auf das letzte Sommercamp zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen nach Duderstadt und tauschte sich darüber mit einigen Aktiven aus. Die einhellige Rückmeldung war, dass diese gute Idee ein Versuch wert ist. Und so machte sich Hanna-Maria Schlage und ihre Mutter daran, erste Einladungen auszusprechen und stießen dabei auf großes Interesse. Dass dafür gleich der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion der LINKEN, Gregor Gysi, zusagen würde, damit hatte allerdings niemand gerechnet.

Und so trafen sich gestern 12 Menschen im Wohnzimmer an einer reich gedeckten Tafel bei Hanna-Maria Schlage und ihrer Familie zum ersten Inklusions-Mahl der Inklusionsbotschafterin im niedersächsischen Fintel bei Tostedt. So ländlich dieser Ort klingt, so ländlich ist auch das Leben von Hanna-Maria Schlage und ihrer Familie geprägt. Beim Ankommen wurde man zuerst vom fast blinden Hund begrüßt, der einen in Ruhe beschnuppern musste, damit man ohne Gebell eingelassen wird. Ihn hat die Familie vor dem Einschläfern bewahrt. Vier Katzen, vier Pferde, Hühner, Gänse und Insekten, die auf dem Lande zum Glück noch herumfliegen, gehören genauso zum Haushalt. Vor kurzem hinzugekommen ist zudem ein Gastschüler aus Taiwan, der sich nun in eine für ihn völlig neue Kultur und Sprache hineintastet.

"Ich bin Hanna-Maria Schlage und lebe glücklich mit dem Down-Syndrom. Seit 2014 bin ich Inklusionsbotschafterin. Meine Aufgabe ist es, im Geiste der UN-Behindertenrechtskonvention Geist und Konzept der Inklusion bekannt zu machen und mich dafür einzusetzen. Ich habe immer schon sehr viele Kontakte zu Menschen ohne Down Syndrom gehabt und dadurch erfahren, dass auch Menschen ohne das dritte Chromosom Menschen sind, die - wie wir Menschen mit Down Syndrom - gemocht und respektiert werden wollen und ein Teil der Gesellschaft sein möchten. Bei dem Inklusions-Mahl bringe ich Menschen mit und ohne Handicap an einen Tisch. Ich freue mich, Sie an meiner Tafel begrüßen zu dürfen", hatte Hanna-Maria Schlage in ihrer Einladung geschrieben.

Hanna-Maria Schlage beim 1. Inklusions-Mahl
Hanna-Maria Schlage beim 1. Inklusions-Mahl

Dabei hatte sich Hanna-Maria Schlage kein ganz leicht zuzubereitendes Essen ausgesucht. Es gab Muscheln, da sie diese selbst sehr gerne isst. Und für diejenigen, die sich mit Muscheln schwer tun, gab es von der Inklusionsbotschafterin zubereitete Fleischbällchen. Ergänzt wurde dies durch viele andere Leckereien und Tiramisu zum Nachtisch, so dass die Tafel, der Hanna-Maria am Kopf des Tisches vorsaß, reichlich und lecker gefüllt war. Nachdem die erste Aufregung bei der Ankunft der Gäste gewichen war, fand ein reger Austausch in gemütlicher Atmosphäre statt. Dabei ging es sowohl um die Lebenssituation von Hanna-Maria Schlage, die immer noch keine Eingliederungshilfeleistungen von den örtlichen Ämtern bekommt, als auch um größere politische Fragen und natürlich um das Leben allgemein mit all seinen Höhen und Tiefen. Gregor Gysi interessierte sich dabei u.a. dafür, wie die Inklusionsbotschafterin lebt und warum es bei den Hilfen für sie nicht vorangeht. Er beantwortete Fragen, wie die LINKE beispielsweise mit dem Thema Inklusion umgeht und musste dabei auch bekennen, dass die Bundestagsfraktion der LINKEN nach Ilja Seifert keinen behinderten Menschen selbst mehr hat, der das Thema im Parlament besetzt und symbolisiert. Ein Kontakt zum derzeitigen behindertenpolitischen Sprecher der Fraktion Jörg Pellmann will er herstellen. Auch mit der anwesenden Journalistin gab es einen regen Austausch über Möglichkeiten der Inklusion. Und dann gab es da noch eine filmreiche Liebesgeschichte mit Happy-End. Das erste Inklusions-Mahl war also genauso bunt, wie das Leben nun einmal ist.

So war schnell klar, dass das bestimmt nicht das letzte Inklusions-Mahl war, das Hanna-Maria Schlage und ihre Familie veranstalten werden. Es wurden schon Ideen für weitere mögliche Gäste gesammelt und es gibt auch schon einige Interessierte, die gerne teilnehmen möchten. Zudem gab es von der Koordinatorin des Inklusionsbotschafter*innen-Projektes der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), Susanne Göbel, eine Gegeneinladung für Hanna-Maria Schlage und ihrer Familie nach Kassel, wenn diese in der Nähe sind. Hier dürften dann Käsespätzle von der schwäbischen Hobbyköchin angesagt sein. "Es war eine Ehre für mich, dass ich an diesem sehr schönen und anregenden Inklusions-Mahl teilnehmen durfte und kann nur sagen: Was für ein Unterschied, wenn man behinderte Menschen zu Hause besuchen kann, statt diese nur in Einrichtungen zu treffen, wie das leider allzuoft der Fall ist."

Link zum Vorbericht über das Inklusions-Mahl in kreiszeitung.de