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Wirr ist das Volk

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: hjr

UNBEKANNT (KOBINET) Aufgebrachte Durchschnittswutbürger, Stammtischbrüder, Fußballhooligans, Trunkenbolde und Neonazi ziehen seit Wochen durch deutsche Städte und wollen das sogenannte Abendland retten. Selbstbewusste Frauen und dann noch Fremde, Asylanten, Schwarze, Türken, Homosexuelle und Behinderte, und obendrein auch noch alle zusammen in einer inklusiven Gesellschaft, das ist entschieden zuviel für die Weltangst und Verdüsterungspsychosen von Biodeutschen und löst in den teutschen Bratkartoffelhelden die fixe Idee einer Bedrohung aus, die von politischen Brandstiftern in den Zustand eines hysterischen Deliriums gesteigert wird.

Trotzig und unbelehrbar rotten sich die Spießbürger zusammen, geben sich infantile Namen wie "Pegida" (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes), oder "Hogesa" (Hooligans gegen Salafisten), "Legida" in Leipzig, "Kagida" in Kassel, "Bragida" in Braunschweig, "Bagida" in Bayern, "Fragida" in Frankfurt am Main - das könnten auch die Markennamen für Soßenpulver sein. Mit dem Abendland als Kampfbegriff liefern sie ein klares Feindbild und eine einfache Heilslehre. "Abendland hat immer als Ausgrenzungsbegriff gedient", erklärte treffend der Historiker Wolfgang Benz im Deutschlandradio Kultur. "Fragile Mitte - Feindselige Zustände", so stellt eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fest, sowie "subtile Formen rechtsextremen und menschenfeindlichen Denkens". Stark verbreitet seien vorurteilsgeleitete Auffassungen gegenüber asylsuchenden Menschen und Muslimen.

Durch die Bank beklagen diese Leute eine "Überfremdung" Deutschlands. Biodeutsche also, die unter Kleinbürgern diffuse Ängste vor Fremden schüren und instrumentalisieren. Eine Hochburg dieser biodeutschen Retter des Abendlandes ist derzeit die sächsische Landeshauptstadt Dresden. "Wir sind das Volk" wird dabei unter Anführung von zweifelhaften abendländischen Gestalten während rudelbildenden Montagsdemonstrationen durch Dresden skandiert. Wie der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) aus Dresden berichtet, bekam in der Plattenbau-Siedlung Gorbitz eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien kürzlich einen anonymen Brief mit der Drohung: "Siegheil! Wir wollen Euch hier nicht haben. Macht Euch weg, sonst machen wir es!" Ein Sozialarbeiter riet den Kriegsflüchtlingen: "Sie sollten nicht allein auf die Straße gehen."

Erstaunlicherweise leben in Sachsen nur 2,2 Prozent Einwanderer und Flüchtlinge und lediglich 0,1 Prozent Muslime. Welcher neurotische Heimatschutz mag da den Wahn einer Überfremdungsphobie auslösen? Diese Art von Paranoia ist wohl eher einem schweren Realitätsverlust, der an Halluzination grenzt, zuzuschreiben. Angesichts wachsender sozialer Spannungen gebe es einen Trend, bestimmte Personengruppen zu Sündenböcken zu machen, stellte der  Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland besorgt fest. Vor dem Zweiten Weltkrieg seien dies etwa Juden oder Behinderte gewesen. "Ich habe das Gefühl, dass nun wieder ein solcher Prozess stattfindet.“ Nun würden muslimische Flüchtlinge für Probleme wie die Arbeitslosigkeit oder die Finanzkrise verantwortlich gemacht, betonte Jagland.

In den letzten 20 Jahren wurden die Rechte von Frauen, Migranten, Behinderten, Homosexuellen und anderen gesellschaftlich benachteiligten Menschen gestärkt. Selbstbewusste Frauen und dann noch Fremde, Asylanten, Schwarze, Türken, Homosexuelle und Behinderte, und obendrein auch noch alle zusammen in einer inklusiven Gesellschaft, das ist entschieden zuviel für die Weltangst und Verdüsterungspsychosen von Biodeutschen und löst in den teutschen Bratkartoffelhelden die fixe Idee einer Bedrohung aus, die von politischen Brandstiftern in den Zustand eines hysterischen Deliriums gesteigert wird.

Die Kinderarmut und das "Schrumpfen der altdeutschen Gesellschaft" sei die Folge der "Islamisierung" Deutschlands und der zunehmenden Zuwanderung aus dem Ausland, die zu einem "seit längerem zu beobachtenden gesellschaftlichen Zersetzungsprozesses" führen, propagiert  Dr. Thomas Hartung, der ehemals stellvertretender Landeschef der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen war. Der bekennende Pegida-Anhänger und glühende Agitator für die Rettung des Abendlandes: "Wir haben Angst im Alltag, das fängt in der Schule an, wo deutsche Kinder von Zuwandererkindern als 'Schweinefresser' gehänselt werden, deutsche Mädchen in Diskotheken fast nur von Südländern belästigt werden und Erwachsene aufpassen müssen, niemanden 'respektlos' anzuschauen, um keine körperlichen Übergriffe von 'gekränkten Einwanderern' zu erleiden." Bedrohlich seien die "Wirtschaftsflüchtlinge", die sich "leicht und problemlos einnisten können".

Dieser angstgetriebene Provinz-Politiker der AfD musste im Juni 2014 aus seinen Parteiämtern zurückgezogen werden, weil er mit der Diffamierung von Behinderten seine Partei in öffentliche Bedrängnis brachte. Der sächsische Landtags-Kandidat lästerte über Pablo Pineda, einen 40-jährigen Spanier mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss absolvierte, sich als Schauspieler einen Namen machte und seit 2009 Lehrer ist. Hartung als Dozent für Medienproduktion an der TU Dresden: "Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu. Wo soll das hinführen, wenn es als normal gezeigt wird?“ Und der Retter des Abendlandes haut weiter drauf: "Wollt ihr von jemanden 'belehrt' werden, der weniger weiß als ihr? (…) Ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen, und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte.

Pablo Pineda Ferrer wurde in Málaga mit Down-Syndrom (auch Trisomie 21 genannt) geboren. Nach der Schule studierte er 1995 Lehramt, schloss nach vier Jahren erfolgreich ab. Danach begann er ein Psychologie-Studium. Seit März 2009 unterrichtet er an einer Schule in Córdoba. In dem preisgekrönten Kinofilm "Me too – Wer will schon normal sein?" spielt Pablo Pineda seine Lebensgeschichte im Kampf um Normalität.

"Wir sind das Volk"? - Wer sind die dann anderen? Wessen Welt ist die Welt?

 

UNBEKANNT (KOBINET) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sclt236